Oliver Bukowski:
Wo schlägt "Kriegerfleisch" seinen Pflock in die
Landschaft der Gegenwartsdramatik?
Laudatio auf die Kleist-Förderpreisträgerin Rebekka
Kricheldorf
Seiten 23 - 28
Zum achten Mal wird heute der Kleist-Förderpreis verliehen; ein nun schon renommierter Preis der Dramaturgischen Gesellschaft und des Kleist-Forums der Stadt Frankfurt an der Oder.
Max Frisch schrieb einmal „Erfolg
verändert keinen Menschen, Erfolg entlarvt ihn“. Mittlerweile
haben sich die Preisträger vergangener Jahre ganz
gut „entlarvt“. Guido Koster, Marius von Mayenburg,
Katharina Gericke, Dirk Dobrow, das Autorenteam Sauter/
Studlar, Katharina Schlender, Ulrike Syha – ein kleines
„Who is who“ bester, neuer deutscher Gegenwartsdramatik.
Uraufführungen von Frankfurt Oder, Krefeld, Chemnitz,
dem Hamburger Thalia-Theater, den Münchner Kammerspielen,
der Schaubühne bis hin zur Wiener Burg.
Das Publikum folgte diesen Autoren in die Theater,
und bei so ziemlich allen blieb es nicht bei diesem
Förderpreis. Wer sich überzeugen will, klicke nur
einfach ihre Namen im Internet: Die Damen und Herren
Preisträger sind längst nicht mehr der schwierige
Such-Begriff. Nicht einer darunter, der sich nach
dem Klingeling der Laudatio in den Früh-Ruhestand
schickte. Dabei, Mit siebentausendfünfhundert Euro
Preisgeld lässt sich schon einiges anstellen. Doch!
Man kann damit an den fernen Strand
fliegen lassen und unter Palmen warmbaden, sich einen
„prima Gebrauchtwagen“ eintreten, oder, Rebekka, du
könntest in der Tat bis fast zu Deinem einhundertsten
Geburtstag THEATER HEUTE abonnieren. Beispielsweise.
Man darf aber auch durchaus das Preisgeld nutzen,
um zu arbeiten. So haben es Deine Vorgänger gehalten
und – da bin ich sicher – so wirst Du es tun. Stell
Dir vor: Drei vier Monate, vielleicht ein halbes Jahr,
gehörst Du nun zu der so außergewöhnlichen Spezies
junger DramatikerInnen, die den ganzen Tag am Schreibtisch
verzweifeln oder frohlocken dürfen und trotzdem keine
Drohbriefe ihrer Sparkasse in der Post finden. Ist
es denn zu fassen! Für das Theater schreiben und trotzdem
kein Mietrückstand?
Aber genau so war es gedacht, mit
diesem Preis. Denn – ich werde da nicht müde, genau
das zu betonen – dieser Preis, ist ein FÖRDER-Preis.
Er unterstützt nicht die gefälligen, allzu markt-kompatiblen
Stückeschreiber. Seine Jury legt es mit Talenten wie
Dir darauf an, noch geschlossene oder nur halb offene
Türen einzurennen. Es ist nicht so, dass wir handwerkliches
Können gering schätzen, aber die hoch aufgelegte,
noch wackelnde Latte war uns allemal lieber, als der
elegante Sprung über Hüfthöhen. Wie heißt es bei Dir
auf Seite 73?
„Große Werke
Erfordern permanent
Überschreitung der gezogenen Grenzen“
Ein Zitat, der Ausspruch einer Figur
als Selbst-Rechtfertigung und Beipacktext für Dein
Stück? Die Autorin Kricheldorf hier schon als ihre
eigene Interpretation und Wertschätzung? Nennt sie,
gerade Ende zwanzig, etwa ihr Stück schon ein „großes
Werk“? Nein, Rebekka, Du musst nicht unruhig werden.
Die Jury arbeitete zwar auf dem Brachland der ehemaligen
DDR, aber genau deshalb werden wir die Dramatikerin
Rebekka Kricheldorf nicht dafür haftbar machen, was
HELS, die Figur ihres Theaterstückes, so äußert. Du
bist genau so wenig HELS, wie Walser ein antisemitischer
Kritiker-Mörder ist.
Obwohl... Könntest Du uns nicht
in diesem einen Falle die Ausnahme schenken? „Permanente
Überschreitung der gezogenen Grenzen“ – welch ein
Programm! Andererseits wäre der bloße Formwille, die
Grenzüberschreitung um der Grenzüberschreitung willen,
ja auch nur der Jagdschein hin zur Clowns-Rolle des
ewigen Provokateurs. Auch die Querschläger schlagen
irgendwann ja einmal ein – ihre Durchschlagskraft
hält sich dann aber oft sehr in Grenzen. Aber, liebe
Rebekka, ich kenne Dich aus vier Jahren Studium an
der Universität der Künste, Studiengang Szenisches
Schreiben (deshalb darf ich in dieser Laudatio so
unverschämt duzen). Die Warnungen vor der eitlen Formspielerei
oder dem didaktischen Oberlehreransatz, das weiß ich,
sind bei Dir unangebracht. Du bist viel zu neugierig
auf die Entwicklung des Stoffes und seiner Form, als
dass Du Dich mit so engen Vorgaben an den Schreibtisch
setzen würdest. Du schreibst, entwickeltst beim Schreiben
und tuscht keine Malbücher aus. Nicht einmal die selbst
vorskizzierten.
Gern erinnere ich mich an Deinen
Erstling. „Prinzessin Nicoletta“.
Das Stück war Deine Abschlussarbeit
an der Uni. Wir wissen: der Name Universität der „KÜNSTE“
ist eigentlich immer auch ein wenig Hochstapelei.
Richtiger müsste es heißen Universität des Handwerks
der Künste, die Kunst hat jeder allein zu schaffen.
„Prinzessin Nicoletta“ war nun nicht nur eine herausragende
Arbeit für die Schlussprüfung, es war auch ein Husarenstück.
Du brachtest es in ihm tatsächlich fertig, all die
braven, klassischen Mittel der Spannungsdramaturgie
und Figurenführung, der Exposition, des Plots, des
Sujets usw. mit verblüffender Meisterschaft zu verwenden
und – jetzt kommts – dabei so weit zu überhöhen, dass
es post-dramatisch wurde. Tatsächlich: mit den Mitteln
der klassischen Dramatik ansatzlos in die landläufig
so umraunte Absage an alle Spannungsbögen und Figurenidentifikation.
Ganz ohne Befindlichkeitsgewisper vor matten Alu-Fassaden,
ganz ohne stilisiertes Aneinander-vorbei-Reden-und-Spielen
– nein, es war einerseits prächtiges Schauspielfutter,
so irrwitzig, opulent und fabuliergewaltig wie eine
fahrende Gauklerbühne, und andererseits war es ein
feiner kluger Text über die Selbstbehauptung einer
Frau. Es war Kindermärchen, nein, es war ein Märchentext
für Erwachsenen, oder für Teenager? Was, bitte, war
es eigentlich? Wer sollte das spielen? Und für wen?
– Du erinnerst Dich an die Gesichter der Prüfungskommission?
Nun, mit dem Kiepenheuer-Bühnenverlag fand sich zu
Deinem und unserem Erstaunen tatsächlich sehr schnell
ein Interessent, der sich nicht wie gewöhnlich um
Schubladen scherte, einer, der Lust hatte, sich an
Deinem Text die Finger zu verbrennen. „Nicoletta“
geht’s mittlerweile gut vor ihrem Publikum, sie wurde
in Gießen uraufgeführt, das namhafte Neumarkt Theater
Zürich wird es nachspielen, der Heidelberger Stückemarkt
hat es ausgepreist.
Nun sitzt Du hier. Die „darf-man-denn-das“-Frage hat
sich auch bei Deinem zweiten, noch entschiedeneren
Stück „Kriegerfleisch“ also ganz angenehm beantwortet:
Es hat sich gegen immerhin einhundertneununddreißig
Einsendungen durchgesetzt. Siebzehn davon kamen von
Verlagen. Und, weil Dich Statistik so brennend interessiert,
vierundfünfzig weibliche Kollegen und zweiundachtzig
Dichter-Herren wären jetzt gern an Deiner Stelle,
zwei Autoren waren in der Papierform geschlechtlich
nicht identifizierbar.
Zunächst wurden alle Stücke von der freien Dramaturgin
Petra Thöring und dem Stuttgarter Dramaturgen Florian
Vogel gelesen. Etwa ein Dutzend hielten die Beiden
für so interessant, dass sie nun der um Manfred Weber,
Horst Busch, Karen Witthuhn und mich erweiterten Jury
vorgestellt werden konnten. Wir lasen, diskutierten
ausgiebig und engten den Kreis der Preisverdächtigen
auf drei Autorinnen ein. In der letzten, entscheidenden
Runde warst Du wieder mit Dir bekannten Gesichtern
und Namen allein: Meike Hauck und Ulrike Freising,
Dein Nachfolge-Jahrgang an der UdK. Man ist Dir also
auf den Fersen.
Liebe Rebekka, wir entschieden uns
für Dein Stück „Kriegerfleisch“, weil wir es für dengewagtesten,
originellsten und sprachlich begabtesten Text hielten
und nicht deshalb, weil wir ein Manuskript in den
Händen hielten, an dem nun rein gar nichts mehr zu
tun wäre. Hier und da könnte man noch straffen, Haltungen
verstärken, es um allzu exotische und informationsdramaturgisch
aufwendige Vorgänge entlasten – aber immer, und gerade
in diesen kleinen Mängeln, spürten wir, mit welcher
Kraft und Leidenschaft Du mit dem Stoff ringst. Wir
lasen und ahnten, wie schwer es ist, einen Deckel
auf einen derart überbrodelnden Topf zu drücken. Das
wird beide Fäuste, Deine ganze, ungeteilte Kraft und
Konzentration benötigen. Dafür Preis plus Geld – Ermunterung
plus Chance und Aufforderung, sich nicht von dieser
Arbeit ablenken zu lassen. Schon jetzt, und ganz ohne
solche Steigbügelhalterei, liegt eine zweite Fassung
des Textes vor. Warum wohl? - Du siehst den Arbeitsstand
also nicht anders, nur, vielleicht jetzt, Deine Arbeits-Situation.
Viel mehr können Förderpreise nicht.
An diesem, das weißt Du, hängt etwas weit Bedeutenderes
als Urkunde und Scheck: Die Ur-Aufführung, der letzte
Test vor Publikum. Was sind da die Schnittchen des
Preis-Buffets?
Doch wohl nur Hähnchenbrust mit
Gürkchen, nicht ‚Kriegerfleisch’. Genieße sie trotzdem,
die Schnittchen, ein letzter Knochenjob wartet auf
Dich – der Feinschliff. Gemeinsam mit Deinem Regisseur
und Dramaturgen, mit dem Bühnenbildner und den Darstellern
wirst Du in den nächsten Wochen sicher noch einmal
an den Text gehen. Umstellen. Streichen, andernorts
ausbauen.. Ändern. Alternativen testen, bis Du zufrieden
bist und wir uns mit Dir gemeinsam auf den Tag der
Ur-Aufführung freuen dürfen. Dass Dir das auch im
Team gelingt, dessen bin ich sicher – vier Jahre lang
hat das Seminar an der UdK von Deinen analytischen
und argumentativen Fähigkeiten profitiert – warum
sollte es mit der Bühnenmannschaft jetzt anders werden?
Was ist das nun aber für ein
Stück, wo schlägt „Kriegerfleisch“ seinen Pflock in
die Landschaft unserer Gegenwartsdramatik?
Mit Trendbestimmungen kann man sich
nur irren – und das ist angenehm. Was langweilt wohl
mehr als das Vorhersehbare?
Ich gestatte mir trotzdem einen Versuch. Und, bitte,
dies ist nicht die zusammengefasste Meinung der Jury,
ich mache mich hier jetzt ganz allein zum Laufenden
Keiler. In den letzten zwei Jahren hatte ich beruflich
so rund zwanzigtausend Seiten neuester Dramatik zu
lesen. Da treten sich einem dann doch ein paar Trampelpfade
– oder „Trends“ – fest. Verleger kennen das Phänomen:
der Zeitgeist spiegelt sich in den Manuskripten mitunter
recht uniform. Plötzlich setzt es ein Schub Volkstheatertexte,
dann scheint alles über alte Menschen zu schreiben,
schon erheben überall Serienkiller und Amok-Läufer
ihr gar grässlich Haupt. Ganz gleich, ob und wie sich
das sozialphilosophisch begründen lässt – Theater,
gutes Theater, hat nach Arthur Miller das „what´s
in the air“ wieder zu geben, das, was in der Luft
liegt.
Da lag also offenbar Blut in der Luft, wo es vorher
noch vom Altersheim herüber wehte; da krachte lange
Zeit der Inzest ganz hyper-realistisch in die Familienhöllen,
bevor dann ein Tief oder Hoch von der Britischen Insel
eine Kältewelle an Sex, Gewalt und Isolation über
die deutschen Bühnen brachte. Beides, so sehe ich,
die „Inzest-Stücke“ und die Stücke des „bloody British
beef“, wurden und werden in den letzten zwei Jahren
seltener. Weit und breit jedoch nichts Neues.
Orientierungslosigkeit? Eine Art Suchbewegung?
Noch vor cirka einem Jahr hätte
ich bei allem Mutwillen keine kleinsten gemeinsamen
Nenner aus den Textstapeln destillieren können. Es
gab so ziemlich alles. Von der sehr privaten Nabelschau
über die Medienschelte gen Soap und Talkshow bis hin
zu dem wohleigenartigsten Produkt dieser Monate: der
„fiktiven Dokumentation“. Tatsächlich, so in sich
widersprüchlich diese provisorische Begriffsmarke
an sich schon ist, so wirr oder verwirren dwaren auch
jene Texte. Allen Ernstes ging man beispielsweise
daran, konkrete Wahlergebnisse und -Kämpfe der Politik
des Jahres 2020 oder 2050 zu debattieren. Aber nicht
nur nach vorn, in die Zukunft, wurden Fakten gesponnen
– man schonte auch diehalbwegs gesicherte Vergangenheit
nicht. Historisch verbriefte Ereignisse wurden im
A blaufwie in der Personage beliebig neu bewertet
und anders besetzt. War das nun noch „spielerische
Aneignung“ von geschichtlichen Realitäten, phantasievoller
Umgang mit Visionen oder ganz einfach albern? Ich
weiß es nicht. Ähnlich ratlos saß ich in dieser Zeit
nur noch vor den vielen quasi-religiösen oder –mythologischen
Farcen. Eine ganze Reihe von Autoren suchten über
Gott und Teufel, Zeus, Jupiter und vielerlei Engelchen,
Feen oder Trollen die Bewegung für ihren Theaterabend.
Das alles wenn nicht gar im strengen Versmaß, so doch
gern in einem antiquierten und bemüht „hohen“ Bühnenton.
Fiel einem nichts mehr ein und flehte
um höheren Beistand für seine Ideen, oder war das
schon Reflex auf die Schwierigkeiten, hier unten Konflikt,
Sinn und Ziel zu finden? Wie auch immer, die Juroren
der Auswahlgremien rangen damals sehr um Verständnis
und Fassung, die Verleger hielten sich zurück. Aber
das Warten lohnte sich. Parallel oder in der Nachfolge
Jelinekscher Sprachflächenkunst und unter dem Einfluss
von Hans-Thies Lehmanns Verkündung der „Postdramatischen
Epoche“, experimentierten nun die Stückeschreiber
ganz jenseits aller konventionellen Spannungsdramaturgie
und Figurenführung. Mit Dea Loher, Tim Staffel, Roland
Schimmelpfennig und vor allem René Pollesch erhielten
Texte ihre Bühnenwirkung, die man zuvor nur als Notiz,
Erlebnisbericht, Zettelkasten oder bestenfalls als
Prosa an die Autoren zurückgereicht hatte. Pollesch
gelang es dabei sogar, eine unter Theatermachern besonders
verschrieene Sprache für die Bühne lebendig werden
zu lassen – das sog. Traktat-Deutsch, wie der selige
Friedrich Luft es nannte. Die Begriffswelt der Sozialtheorie
schien nicht länger tabu. Pollesch verknüpfte diese
Art moderner, urbaner Weltsicht und Sinnsuche mit
dem sehr privaten, biographischem Erlebnis. Die Metasprache
traf hart und unvermittelt auf die intime Beichte.
Die Verzweiflung an den Tischen der Szene-Cafes hatte
ihren Bühnenton gefunden, wenn man so will.
Dann ging es schnell. Mit Autoren wie Ulrike Syha,
Roland Schimmelpfennig und auch Fritz Kater kam von
nun an alles auf der Bühne zur Sprache. Die Interpretation
der Szene und Figurensituation, der gefühlte Subtext,
selbst die komplette Regieanweisung blieb nicht länger
kompliziert zu entdecken, sondern wurde offen und
aggressiv von den Darstellern mit gesprochen. Regie
und Schauspiel wurden in die Freiheit gezwungen, mehr
als nur die brave Interpretation hinzu zu geben.
War es nun ein für allemal vorbei mit Figur, Story,
Spannung?
Nein, nur die Klaviatur der Bühnenmittel war bedeutend
breiter geworden. Mit dem entspannenden Vorzeichen,
einmal „Trash“ zu produzieren, holten sich Autoren
wie Andreas Sauter und Bernhard Studlar („All about
Mary Long“) und – ja – eben auch Rebekka Kricheldorf
(„Prinzessin Nicoletta“ und jetzt „Kriegerfleisch“)
Plot und Sujet zurück. Nicht im klassischen, bieder-ernsten
Sinne – man bediente sich sehr leicht und mit einer
großen Lust an der Karikatur bei den „Super-Plots“.
Ob nun die Sujets der Blockbuster „James Bond“, „Titanic“
oder denen der Trivialsoap, ganz gleich ob Märchenplot
der Grimm-Gebrüder oder, wie hier, Bram Stokers „Dracula“
– alles diente, den nun so vielschichtigen Bühnenstatements,
dem Fragment, der Episode auch eine Art Zusammenhang
zurück zu schenken. Man wurde deshalb nicht konservativ
oder gar reaktionär in der Wahl der Mittel, man nahm
in anderer Ebene und Funktion nur wieder auf, was
man probehalber einmal verworfen hatte. Und unterhaltsamer
wurde es allemal.
Die Protagonisten der Stücke dieses
Kleist-Preis-Jahres sind im überwiegenden Anteil so
Anfang, Mitte Dreißig. Das Durchschnittsalter der
Autoren bewegt sich um die Achtundzwanzig.
Hier redet und schreibt also
eine Generation, die in einer Medienwelt aufwuchs.
In ihrer biographischen Sozialisation
und Individuation gab es immer den Fernseher, bald
schon den Computer, die interaktiven Medien.
Wer sich kopfschüttelnd fragt, warum nun bitteschön
alles, wirklich alles, auf der Bühne ausgesprochen
und ins Wort gehoben werden muss, der sollte sich
einmal in ein Chat klicken – wer dort nicht redet
(tippt) ist nicht existent. Warum also sollte diese
Art und Weise der Kommunikation nicht auch auf der
Bühne nachhallen? Warum sollten diese Autoren und
ihre Protagonisten nicht über Kompendien und Geschichtsbücher
hinausgehen, wenn es gilt, ihre Identität für die
Bühne zu finden?
In ihrer Wahrnehmung und Erfahrungskompetenz
mischen sich die Ideologien ihrer Eltern, mediale
Großereignisse um den 11. September, die Mac-Jobs,
das wertlos gewordene Studium, der ganz normale Liebeskummer
und die Premiere von „Goodbye Lenin“ oder „Matrix
reloaded“. Wer, bitte, wer will für sie entscheiden,
was davon den tiefsten, „prägendsten“ Eindruck zu
hinterlassen hat?
Die AOL-Startseite zeigt einen bunten Themenpark von
Börseninformation, Kontaktanzeige, Horoskop, dem Freitod
Möllemanns, Lebenshilfe, Bikini-Mode usw. In den neuen
Stücken kommt all dies nahezu gleichzeitig und - das
ist das Bemerkenswerte – nahezu gleichwertig zur Sprache.
Das makrosozioligische Großereignis verzahnt sich
unmittelbar mit dem privaten Erlebnis. In Kriegerfleisch
gibt nicht nur die NACHRICHTENSPRECHERIN immer wieder
Theorien, Statistiken und Geschichtsdaten in die Handlung,
auch jede Figur setzt sich umstandslos in weltgeschichtliche
Kontexte. Wie sagt HELS auf S. 19: „Das kommt vom
kosmischen Band/ Sagen die Eltern/ Das den Tag meiner
Geburt/ Mit dem Tag der ersten Herzverpflanzung/ Zusammenfallen
ließ/ Ja/ Ich und die Herzverpflanzung/ Bekommen am
gleichen Tag/ Die gleiche Anzahl Kerzen“. Bei Deinem
Kollegen Martin Heckmanns, Publikumspreis in Mülheim,
sieht man die Technik ganz ähnlich: Ich kann nicht
jeden Tag an die Gefahren der Globalisierung denken,
ich muss auch noch kochen... - Das hat nicht nur Komik,
es ist für mich auch eine sehr moderne Art, wieder
politisches Theater zu machen. Es ist weit weniger
der modisch-hippe Reflex auf die Wirkung interaktiver
Medien, als vielmehr eine Methode, wie sie der „deutsche
Joyce“, wie sie Alfred Döblin in seinem „Berlin Alexanderplatz“
probierte. Es ist der Versuch, die Komplexität und
Unübersichtlichkeit der Moderne auch sprachlich einzufangen.
Dieses dauerprasselnden Durcheinander von Information,
historischen Kontexten, Werbung, Gesetzestexten, Verlautbarungen,
Trends, Moden – wieso sollten die Figuren in Sprache
und Haltung davon unberührt bleiben?
Die Autoren und Autorinnen, die
sich um diesen Preis bewerben, dürfen nicht älter
als fünfunddreißig sein. Sie waren folglich noch Teenager
da beschrieb schon der Soziologe Ulrich Beck die Späte
Moderne als eine „Risikogesellschaft“, die dem Einzelnen
Millionen von Handlungsalternativen und Entscheidungsmöglichkeiten
bietet. Untergehen würde nur der mit Sicherheit, der
sich nicht entscheidet. In wesentlich schärferer Form
ist genau das das Problem geblieben. Das ist das Thema
dieser Texte, das ist die Not und Tragik hinter den
atemlosen Sprachkaskaden:
Was darf ich hoffen?! Was kann
ich tun, was darf ich überhaupt noch tun?! Was soll
ich fühlen, denken, was und wem glauben?!
Konventionelle Karriereplanungen
scheitern immer häufiger – man kann in Salem Jahrgangsbester
gewesen sein, hat danach vielleicht am MIT assistiert
und findet zu Hause trotzdem keinen Job. Selbst A-Kader
und Headhunter sitzen in den Wartezimmern der Arbeitsämter.
Was nun? Hier ein Workshop, dort ein Fortbildungsseminar?
Projekt auf Projekt auf Projektchen? Dazwischen Fahrradbote
oder Taxifahrer? Ein Leben in der Bastelmentalität
(Jens Gross) zwischen Kleinst-Vorhaben, ersten Therapie-Erfahrungen,
ABM und Kneipenkellnerei?
Die Frage nach dem Wohin und Wozu
stellt sich Tag für Tag mit gröberem existenziellen
Nachdruck. Eine sehr kluge, sechzigjährige Dame sagte
mir einmal: „Nein, wenn ich eure Plackerei so sehe,
nein – ich möchte heute nicht mehr jung sein“ – Kann
man unserer Gegenwart ein trostloseres Zeugnis ausstellen?
Man kann, wie „Kriegerfleisch“ zeigt.
Denn dieses elende Kämpfen und Orientieren
Neuorientieren wieder Kämpfen verlängert Rebekka Kricheldorf
ins Unendliche! Wäre es nicht zynisch-gnädiger, die
sog. Schwachen in der Wolfslogik eines vulgären Darwinismus
weggebissen zu sehen? Nein, meint die Autorin, „Der
Vampir als Metapher für Verheißungen und Gefahren
von Lebensverlängerung bzw. ewiger Jugend drängt sich
förmlich auf. Klassischerweise gewinnt man nach einem
Biss übermenschliche Kraft, Verwandlungsfähigkeit,
ewiges Leben und – bis auf die wenigen Ausnahmen –
schiere Unverwundbarkeit. Allerdings büßt man seine
Menschlichkeit ein, was in diesem Stück so viel heißt
wie Verlust jeden Antriebs und Zieles.“ Soeben erfreute
man sich noch am leichten und spielerischen Umgang
der Autorin mit diesem großen Sujet der Weltliteratur
und dann das! „For ever young“ als härtester Fluch!
Ein unendlich gelangweiltes Verdämmern in Antriebs-
und Ziellosigkeit als Endresultat aller Unsterblichkeitssehnsucht.
Nicht einmal die Blutgier ließ sie ihren Vampiren.
„Die eigentliche Uminterpretation: Der große Vampirjäger
Van Helsing (in „Kriegerfleisch“ heißt er Hels) ist
seinem Opfer permanent auf den Versen, um es zu vernichten
– hier aber verfolgt Hels letztendlich die Vampire,
um gebissen und unsterblich zu werden. Auch habe ich
die Blutgier der Vampire herausgenommen, da sie ein
Antrieb bedeutet, den sie, wie sie hier als Gegenkonzept
des Darwinismus gezeigt werden, unmöglich haben können.
Alles was blüht und gedeiht, zu einem Ziel drängt
und sich fortpflanzt, ist ihnen ein Greuel – leider
müssen sie sich irgendwie ernähren und alle paar Jahrhunderte
sich doch mal überwinden, in einen Menschen zu beißen,
da sie sonst völlig vereinsamen.“ Der arme Hels! Auf
ewig Un-tot zu sein, heißt eben noch lange nicht,
ewig zu leben, und ein „Kricheldorf-Stück“ ist noch
lange nicht gleich dem, was es auf den ersten Blick
scheint. Immerhin beschwichtigt uns die Autorin mit
einer Art bitter-süßem Ende. Hels muss dran Glauben,
aber zumindest Hark wird durch Liebe erlöst. In Isidor
kehrt zwar mit der Todesangst eine Spur Menschlichkeit
zurück, aber er hat sein paradoxes Schicksal auszuhalten:
Er erlebt seinen Tod und – sitzt noch immer da. Vorhang.
Ich gebe zu: Hört man diese schroffe
Zusammenfassung, könnte man fürchten, dass man nun
einen ganzen langen Theaterabend den quietsch-bunten
Einfällen einer Autorin folgen müsse. Einfall auf
Einfall, Konstrukt auf Konstrukt. Die Langeweile der
Beliebigkeit. Aber dem ist nicht so.
Rebekka Kricheldorfs „Kriegerfleisch“ ist nicht hitzig-witziger
Trash; dieses Stück nutzt seine ungewöhnliches Sujet,
um, wie sie sagt, „Moderne Mythen mit immer wiederkehrenden
Motiven als kulturelles Erlebniskonzentrat“ frei zu
legen. So sehr also die Autorin auch ihre Stoffe im
Arbeitsprozess formt – sie hat durchaus einen thematischen
Ansatz. „Ich mag Figuren, die Rudimente eines Archetypus
in sich tragen, ohne ihn zu reproduzieren. Im Fall
von Kriegerfleisch tauchen ja Figuren auf, die uns
heute hauptsächlich aus schlechten Filmen bekannt
sind (Wahnsinniger, Wissenschaftler, Vampire). Aber
bevor sie im Trashfilm ihren Abstieg erlebten, hatten
sie schon eine lange seriöse Existenz in Volksglaube
und Literatur hinter sich. Ich glaube, dass es Gründe
dafür gibt, warum bestimmte Figurentypen sich so lange
am Leben halten – als zeitlose Repräsentanten von
allgemein menschlichen Urängsten und Sehnsüchten“.
Da ist es wieder, das Theater in Bestform: Archetypik
ohne platt-philosophische Bedeutungshuberei, Aktualität,
ohne sich unter dem Diktat der Wirklichkeit zu verbiegen
Humor und Originalität unter Verzicht auf running
gag und Kalauer – da ist Schauspielfutter, das ist
„Kriegerfleisch“.
Vielen Dank für dieses Stück, Rebekka Kricheldorf!