Diedrich Diederichsen:
Warum Castorf loben?
Seiten 33 und 25
[...] Theater
träumt immer davon, mehr zu sein als Theater.
Der Stoff dieses womöglich für jedes gute
Theater konstitutiven Traumes ist entweder der politische
Ausbruch aus der Kunst in die Welt – und gerade
die Volksbühne beugt sich immer wieder auch über
die theoretische Problematik dieses Ausbruchs. Der
andere wäre die mediale Modernisierung, der Anschluss
an technisch avancierte Künste, eine neue Definition
des Handwerks, aber auch der großen uralten
Apriori jeder Bühnenkunst – letzteres gelang
vorzüglich in der Inszenierung des „Idioten“.
Anders als die Bildende Kunst hat das Theater ja nie
einen Duchamp gehabt, der das Maximum einer möglichen
Öffnung der Kunst zur Welt gefasst hat, indem
er prinzipiell jeden Gegenstand zum möglichen
künstlerischen Objekt erklärt hat, wenn
auch unter der selten in ihrer ganzen Konsequenz mitgedachten
Bedingung, dass dieses Objekt in einen Innenraum der
Bildenden Kunst getragen würde. Mit dem Maximum
der Öffnung des Kunstbegriffs war also der Preis
einer Verabsolutierung des symbolischen Raumes der
Kunst verbunden. Man durfte alles als Kunst deklarieren,
aber man musste es als Kunst deklarieren. Kunst durfte
nicht einfach etwas tun, was keine Kunst sein wollte.
Damit war das Problem gelöst: Jeder Anschluss
an die Welt ist möglich, wenn der symbolische
Rahmen der Kunst, der White Cube, stabil bleibt. Im
Theater ist Vergleichbares nicht möglich, zumindest
ist es historisch nie verkündet worden. Daher
können die Verhandlungen nicht so ohne weiteres
abgeschlossen werden: eine Weg ganz heraus aus der
Kunst scheint dem Theater ebenso wenig möglich
wie die Stilllegung dieser Frage als längst erledigtes
historisches Problem. Stattdessen wird diese zentrale
und ebenso drängende wie unabschließbare
Diskussion leider nur zu oft von der jeweiligen Gestalt
des ewigen Legitimationszwangs des Theaters, der elenden
Rede von „aktuellen“ Stoffen oder dem
„aktuellen“, „zeitgemäßen“
Aspekten anderer Stoffe überformt.
Aber gerade der
Versuch, dieses Mehr zu erzwingen, führt oft
dazu, dass nicht nur die angestrebte neue Qualität
des Weltbezugs verfehlt, sondern auch der ästhetische
Grundbestand verloren geht, sich in Peinlichkeiten
verliert: nämlich das Potenzial des Theaters,
ästhetische Fragen mit dem avancierten Rest der
Welt zu diskutieren. Seit ich die Volksbühne
unter Frank Castorf besuche und beobachte, war sie
immer mehr, viel mehr als Theater und gleichzeitig
das beste Theater, in jenem guten alten Sinne von
avanciert, wie ihn eine kritische Kultur bestimmt
hat, die mit der Kritik der Kultur noch eine Kultur
der Kritik verbunden wissen wollte. Es ist schwer
und manchmal sinnlos bis zum Paranoiden, in den vielfältigen
Aktivitäten der Volksbühne die Präsenz,
die Intentionen und gar Vorlieben ihres Intendanten
erkennen zu wollen. Dieser ist von seinem Naturell
her dialektisch cool: er erscheint als derjenige,
der geschehen lässt, zulässt, nicht als
der, der erzwingt. Und hat im entscheidenden Moment
bei aller strategischen Verweigerung von Eindeutigkeiten
doch stets eine Antwort parat, die das Verhältnis
all der Dinge, die in der Volksbühne so geschehen,
zusammenhält. Diese wird freilich nicht ausgesprochen,
sie findet sich eher in der strukturellen Ähnlichkeit
der Theaterästhetik, des Stils von Frank Castorf
mit eben der sozialen Plastik, welche die Volksbühne
im Laufe der Zeit geworden ist.
Nach dem Ende des Kalten Krieges, das für viele
ein Ende der Geschichte im guten (Demokratie als unbestreitbares
normatives globales Prinzip) wie im schlechten (Barbarei
als tatsächliches globales Prinzip) Sinne bildete,
schien es nicht mehr angezeigt, größere
künstlerische Projekte unter eine politische
Programmatik zu stellen. Aber wie hätte die Kunst
die eine Deutung (Demokratie) verwirklichen und gestalten,
gegen die Wirklichkeit der zweiten Deutung (Barbarei)
aber Einspruch erheben können, ohne eine solche
Programmatik. Viele versuchten, aus der neuen Lage
neue Programme abzuleiten (Multikultur, Anti-Rassismus,
Zivilgesellschaft etc.), die in weniger drastischen
und weniger konfrontativen, also pragmatischen Ansätzen
künstlerische und kulturelle an politische Ansätze
anschließen wollten. Daneben gab es die Restbestände
der alten Subkulturen, die zwar nicht wussten, wo
es langging oder sich halbherzig re-politisierten,
aber die wenigstens über ein Gedächtnis
verfügten: darin gab es so etwas wie eine trocken
gewordene, nunmehr ganz lakonische Erinnerung an frühere
und fundamentale Gestalten und Schichten des Nichteinverstandenseins.
Diese wurden hin und wieder abgerufen, ohne dass man
wusste, wohin mit ihnen. Um sie herum produzierte
eine neue Subkultur etwas Anderes, das man je nachdem
für reine Energie, reinen Rausch oder reine Effekte
von digitaler Technologie verstand. Man nannte es
Techno. Die Volksbühne stand, als Frank Castorf
ihr Intendant wurde, buchstäblich im Zentrum
dieser Entwicklungen, und sie hatte schon, etwa unter
Besson, eine gewisse Tradition darin gehabt, sich
auf ihr unmittelbares Milieu, ihre soziokulturelle
Umgebung einzulassen.
Frank Castorf
öffnete die Volksbühne nun für alle
diese Dynamiken unter Anwendung eines ganz besonderen
organisatorischen Kunststückes. Er verpflichtete
weder sie, die Bewegungen, die künstlerischen
und politischen Aktivisten, die Musiker auf irgendeine
externe Programmatik, noch sich selbst. Dennoch war
die Konstellation schon nach kurzer Zeit unverwechselbar.
Sie war das Gegenteil einer beliebigen Öffnung:
denn die Volksbühne hatte sich nicht aus dem
Fenster gelehnt, sich nicht angebiedert, niemanden
eingeladen. Sie war einfach nur da im Zentrum und
wurde eher entlang einer stilisierten, mal lakonischen,
mal sehr lauten, aber oft auch mit sich selbst beschäftigten
Präsenz auch für alle anderen attraktiv.
Ihr Glanz kam aus dem Inneren, aus einer spezifischen
sozialen Organisation einer spezifischen Ästhetik.
Ein Staatstheater machte also genau das, was Szenen
und Subkultur gerade verloren hatten. Castorf hatte
so um sich und die Volksbühne herum, ganz ohne
explizite Benennung von Themen, Zielen und Ästhetik,
Leute und Energien aus allen avancierten Szenen verbunden,
die sich unter anderen Voraussetzungen nie begegnet
wären, ja die - um es in der zuständigen
Sprache zu sagen – sich mit dem Arsch nicht
angesehen hätten. Dabei ist es natürlich
eine zentrale Leistung, dass die Volksbühne der
erste - und vielleicht sogar heute noch der einzige
Ort in Berlin ist - wo sich Intellektuelle und Künstler
aus dem ehemaligen Ost- und dem ehemaligen Westteil
der Stadt treffen, ohne dass eine flaue Wiedervereinigungsrhetorik
oder eine der zahllosen Berlin-Rekonstruktionsideen
mit dieser Entwicklung zu tun gehabt hätten.
Im Gegenteil: Ein klares Ost steht über dem Theater,
und jedem Westler ist klar, dass er diesen Umstand
zu respektieren hat; ja die Bedingung überhaupt
jeder Zusammenarbeit, jeder Begegnung ist es, ohne
große Gestelztheit, den Osten und seine Geschichte
anzuerkennen. Das war ein großer Teil des erwähnten
Gedächtnisses dieses Ortes. Gleichzeitig war
das Attraktive für beide Seiten natürlich
gerade, dass eben dieser ganze peinliche, staatskulturelle
Sums einer Integration hier sozusagen schon erledigt
war – nicht als heroische Leistung, sondern
in der präventiven Hoffnung, dass man auch vorher
schon mit seinen respektiven Staaten nicht so viel
zu tun gehabt hätte und deswegen einem weder
wegen deren plötzlichen Verschwinden noch wegen
der Entstehung eines neuen Deutschland allzu viel
Euphorie oder Enttäuschung erreichen konnte.
Heute, zehn Jahre
später, hat die Funktion der Volksbühne
als Konzerthalle, Kongresszentrum für diverse
alternative und nichtalternative Wissenschaften, künstlerische
Sozialforschung, Bühne unzähliger Talkshows,
Debatten, Club-Nächte, Techno-Messen, Deleuze/Guattari-Versammlungen,
Ort antirassistischer Astronomie und antipsychiatrischer
Assoziationen, um nur eine kleine Auswahl zu nennen,
auch die Aktivitäten um sich herum transformiert.
Ein solcher, in Europa, ja der Welt einzigartiger
kultureller Space konnte nicht ohne Wirkung bleiben.
Die anderen Theater versuchten dies eine Weile, aber
ohne großen Erfolg und vor allem ohne die Glaubwürdigkeit
in den einzelnen Szenen nachzuahmen, geglückt
ist es selten. Darüber hinaus aber hat diese
Transformation auch das Innere der Volksbühne
ergriffen, das was man im Slang neoliberaler Unternehmenskultur
ihr Kerngeschäft nennen könnte.
Als ich 1993 das erste Mal einen
Abend in der Volksbühne erlebte, es war Marthalers
„Murx“, war ich verblüfft über
das damals schon vollkommen andere Publikum: es war
die Konstellation aus jungen Aggressiven, studentenhaft
Interessierten, Exzentrikern und Hipstern, an die
man sich an diesem Ort nun gewöhnen konnte. Das
soziologische Wunder dieses Volksbühnenpublikums
ist tatsächlich, dass es kein Zentrum hat, keine
bürgerliche Mitte, um die sich die Randgruppen
herumgruppieren, sondern dass es nichts anderes ist
als jenes „Patchwork der Minderheiten“,
von dem Jean Francois Lyotard einst gesprochen hat
– ein Patchwork, in dem niemand Randgruppe,
niemand hegemonial ist, aber das dennoch nicht auseinander
fällt. Diese kulturelle wie soziologische Ausnahmesituation
ist konstant geblieben. Sie hat das hier alltägliche
Miteinander von Theaterhochkultur und digitalem Dancefloor,
von Deterritorialisierungs-philosophie und Repolitisierungskultur
zusammengehalten, ohne sich von reterritorialisierenden
Überschriften wie „Pluralismus“ die
Schau stehlen zu lassen. Natürlich ist das alles
sehr plural, aber wenn diese Pluralität eine
beliebige wäre, wäre der Laden längst
den Beteiligten um die Ohren geflogen.
Man könnte
nun sagen, dass die ästhetischen Programme, die
dem entsprechen, was an der Volksbühne im Ganzen
läuft, eher die sind, die von offensichtlich
mit Sub- und Gegenkulturen verbundenen Regisseuren
wie Christof Schlingensief und René Pollesch
stammen. Castorf betreibe hingegen als Regisseur besagtes
Kerngeschäft. Dem würde ich widersprechen:
Pollesch und Schlingensief, die natürlich eine
entscheidende Rolle spielen, wären dennoch eher
als Teil der Vielfalt zu beschreiben, nicht als Künstler,
die deren Prinzip vertreten. Auch Castorfs Theater
lässt sich natürlich nicht restfrei in ein
solches übersetzen, aber es ist dennoch in einem
hohen Maße ästhetischen Prinzipien verpflichtet,
die man aber nicht die ganze Zeit sieht, die nicht
ständig benannt und vertreten sind, sondern sich
einer Fähigkeit verdanken, die Dinge geschehen
lässt. Nur so lassen sich nämlich manche
durchaus sehr bestimmt gewünschte Ziele erreichen.
Was ist denn das gewünschte Objekt einer Inszenierung?
Nicht irgendein Sinn oder ein Stil, sondern spezifische,
komplexe Überlagerungen und Konstellationen.
Zu fragil, um sie anordnen zu können und doch
oft viel zu hart, um sie den Gefühlen und Intuitionen
der Schauspieler überlassen zu können. Man
kann ihr Zustandekommen mit dem Ausbaldowern eines
komplizierten Tresorbruches unter erschwerten Bedingungen
vergleichen; dem Planen von mehreren simultanen Echtzeitabläufen,
die auf eine bestimmte Gleichzeitigkeit vertrauen,
ohne dass die – getrennt gedachten - Beteiligten
über eine gemeinsame Kontrolluhr verfügen.
Regie ist Rififi ohne Zeitvergleich. Dafür muss
man nicht nur allerlei erwartbare psychische Widerstände
und Lockerungen seitens der Darsteller antizipieren,
sondern auch die Entwicklungen des verwendeten kulturellen
Materials – Zeichen, Songs, Kleider, Sport,
Körper, Sex – unter der Einwirkung von
Dauer, bei Castorf: sehr großer oder sehr geringer.
Dies hat auf mich
immer den Eindruck einer mal mehr mal weniger offen
ausgespielten oder eher geheimen, aber immer spürbaren
Rhythmik gehabt, an der alles hängt. Rhythmus
als unsichtbares Band, Rhythmus nicht als hervorspringender
Taktgeber, sondern als unsichtbarer Groove, in den
man sich aber erkennbar fallen lassen kann. Vor allem
aber: je verlässlicher dem Ensemble mit seinen
vielen spezialisierten und extremen Begabungen dieser
Groove vorkommt, je mehr es auf ihn vertraut –
und sei es als Projektion oder Pfeifen im Wald –
desto mehr zusätzliche simultane Ebenen kann
ihnen ihr Regisseur ihm zumuten und mutet ihnen zu:
Stoffe zerfallen in eine immer größere
Zahl von Parametern ihrer Darstellung, die sich dann
verselbstständigen. Eine Art der Bewegung, ein
Kostüm, eine Kulissendetail – aus den mittlerweile
legendären Bert Neumannschen Bühnenbildern
-, eine Lautstärke, ein Musikdetail – sie
alle hätten zusammen vielleicht einen von einem
Schauspieler gesprochenen Satz, bei einer bestimmten
Bühnenmusik in einem bestimmten Bühnenbild
ergeben. Aber sie führen nun ein Eigenleben wie
die Gliedmaßen eines polymorph perversen Säuglings.
Castorf spart nicht mit Details und Bestimmungen,
aber diese lösen sich von dem, was sie normalerweise
bestimmen sollen, was sie gestalten, modifizieren
sollen. Es gibt nicht mehr Adjektive, die sich zu
Substantiven gesellen, um sie zu schmücken und
sich sekundär an die primären Hauptsachen
zu heften. In Castorfs Theater emanzipieren sich diese
Nebensachen und stehen als Hauptsachen neben lauter
anderen Hauptsachen.
Ich habe gesagt,
lauter Hauptsachen stünden unverbunden nebeneinander
auf der Bühne, in die Parameter der Darstellung
auseinandergefallen sei der Stoff, vom Wind des Turbokapitalismus
atomisiert alle Zusammenhänge. Wenn das so ist,
warum dann diese Begeisterungsfähigkeit? Warum
dann diese Bereitschaft jeder einzelnen Atomisierungsverästelung
zu folgen, bis sie sich verliert in den Unschärfen
der vom Videoblick nicht mehr einsehbaren Ecken eines
Bert-Neumann-Pavillons?
Nun, zum einen
weil nicht nur diese zerstobenen Dinge auf der Bühne
sind, sondern auch die Energie selbst, die sie auseinandergebracht
hat. So separiert von ihren Wirkungen, als reine Energie
sozusagen, kann die Kraft des Kapitalismus sehr schön
sein. Der Umstand dass, wie es in dem berühmten
Satz von Marx heißt, „alles Ständische
und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht (wird)“,
kann zum ästhetischen Prinzip gewendet, diese
zerstörerische Dynamik umlenken in den Genuss,
ihr gerade in dem Moment entronnen zu sein, wo wir
sie dank des ästhetischen Abstandes in Ruhe ansehen
können. Doch bleibt es nicht bei solch tröstlichen
Momenten: Eine diese Dynamik rekonstruierende oder
mobilisierende Kunst beteiligt sich auch an deren
Wiederaneignung als die menschliche Kraft, aus der
sie hervorging.
Zum anderen aber
gelingt es, uns bei der Stange zu halten, weil Castorf
diese reine Energie vor der Folie sehr alter, an universellen
Menschenbildern nagender Stoffe aus der Feder lauter
Existenzialisten wie nämlich seit einigen Jahren
Sartre, Dostojewski, Camus und Tennessee Williams
abfackelt. Durch diese Stoffe sind in seiner Dramatik
immer sehr traditionelle Subjekte existenzieller Erfahrungen
präsent und liefern seiner Ästhetik, in
der diese längst restlos pulverisiert sind, einen
massiv kontrastierenden Hintergrund von Ernsthaftigkeit,
wenn nicht Tragik. Die Avanciertheit des ästhetischen
Vokabulars, in dem der Stand von theaterexternen Entwicklungen
in Medienkunst, Videoinstallation und Performance-Art
reflektiert ist, erreicht die Rekonstruktion der Dynamik
zeitgenössischer Verdampfungen. Aber dann, wenn
sie damit sozusagen fertig ist, tritt eine ganz andere
Dimension aus der Inszenierung hervor und behandelt,
als wäre gar nichts geschehen, kein 20. Jahrhundert,
vor allem keine Postmoderne, Fragen des Menschseins.
Aber beide Dimensionen – die existenzialistische
und die dekonstruktive - sind nur durch die ungehinderte,
ungebremste Präsenz ihres jeweiligen Gegenteils
denkbar. Die Substantive und die Parameter, isoliert
und unverbunden, ein bisschen gehalten von einem schauspielerischen
Balance-Groove, erscheinen kurz, man traut seinen
Augen nicht, als funkelnde Steine fest eingefügt
in einem existenzialistischen Weltbild, das sich erst
auf dem zweiten Blick wieder zu einem Wackelbild verflüchtigt.
„Ewig
nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen
gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück
aus, ewig nur das eintönige Geräusch des
Rades, das er umtreibt im Ohre, entwickelt er nie
die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit
in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß
zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“
Das, Sie werden es gemerkt haben, war von dem Namensgeber
des Preises, der heute verliehen wird. Das Rad, von
dem Schiller spricht, hat Frank Castorf nicht auf
die Bühne gebracht, aber er hat dessen Prinzip
aufgegriffen und die Bühne oft und schwindelerregend
schnell gedreht. Er hat das eintönige Geräusch
nicht verstummen lassen, noch übertönen
wollen, sondern vervielfacht, die Bruchstücke
aufgetürmt, die Fesseln noch fester gezogen,
bis in dieser ästhetischen Organisation ihres
Gegenteils sich das Modell jener Harmonie wenigstens
momentweise zur Diskussion stellen ließ.