Durch die neue „Welle“
von Filmen auf den deutschen Bühnen, die ausgelöst
wurde von der Theater-Inszenierung des Dogma-Films
„Das Fest“ in der Regie durch Michael
Thalheimer 2001 im Dresdner Staatstheater, werden
wieder Fragen an die Möglichkeiten des Theaters
gestellt, an dessen Aktualität, Brisanz und Verbreitung.
In den Blickpunkt sind Filmstoffe geraten, die in
aktuellen Texten offenbar vermisst werden. Favorisiert
werden aber gerade „Klassiker“ von Regisseuren
wie Jean-Luc Godard („Ein oder zwei Dinge, die
ich von ihr weiß“ Armin Petras in Frankfurt),
Andreij Tarkowskij („Opfer“, Sebastian
Hartmann in Hamburg) und jetzt Luis Bunuel an der
Schaubühne mit seinem Film „Der Würgeengel“.
Das Regie Projekt „Außer Atem“ an
den sophiensaele vereint hingegen ganz unterschiedliche
Filmstoffe, von dem Klassiker „Rebecca“
und „Fantomas“ bis zu „robbykallepaul“.
Die Frage bleibt trotzdem, warum
ein Film, dass heißt, ein Produkt, das schon
existiert und rezipiert worden ist und an dem das
Theaterprodukt gemessen und überprüft werden
kann, auf die Bühne gebracht wird?
ERSTES. Viele Geschichten
im Film sind reicher, tiefgründiger und dramaturgisch
besser strukturiert als die von neuen Theatertexten.
ZWEITENS. Der Film
erreicht heute eher eine gesellschaftspolitische Kritik
als das Theater. Er drückt politischen Sprengstoff
und gesellschaftlichen Wandel klarer und schneller
aus.
DRITTENS. Die Reibung
mit den ästhetischen und technischen Mitteln
des Films ist reizvoll, ihre Übertragungen auf
die Bühne erweitert und ergänzt die Theaterästhetik.
VIERTENS. Das Spiel
mit bekannten Geschichten im Spiegelbild der Bühnenrealtität
ist anregend.
FÜNFTENS. Das
Potential des Films als „Medium der Massengesellschaft“
kann genutzt werden. Weiteres Mittel zur Ent-Elitarisierung,
Ent-Bürgerlichung von Theater.
SECHSTENS. Bruch
mit der Dominanz der Sprache, des Textes, der Literarisierung
von Theater zugungsten einer visuellen, atmosphärischen
Gesamtkomposition.
SIEBTENS. Spiegelung
der Unmittelbarkeit des Theaters mit der Mittelbarkeit
des Films/Kinos im direkten Vergleich.
Die Entscheidung, einen Film auf
die Bühne zu bringen, zieht immer eine künstlerische,
inhaltliche und ästhetische Auseinandersetzung
mit den Strukturelementen und Wirkungsmechanismen
des Theaters nach sich.
Geht man davon aus, dass das Theater
eine höhere Künstlichkeit und Stilisierung
vornimmt als der Film, so gerät die Wirklichkeit
und Authentizität, die im Theater durch Übernahme
eines Filmstoffes erreicht werden kann, in den Blickpunkt.
Und geht man weiter davon aus, dass die Diskontinuität
des Raumes im Film eine Dichte und einen Perspektivenwechsel
bei der Darstellung einer Geschichte und ihrer Figuren
erlaubt, so muss die Kontinuität des Raumes im
Theater und deren Grenzen und Chancen bedacht werden.
Fällt die Wahl darauf, einen
Film und einen Filmstoff auf die Bühne zu bringen,
so entscheidet man sich für eine andere Art der
Autorschaft als die des Dramatikers: Der Autor ist
der Filmregisseur (und sein Drehbuchautor). Er wird
gelesen, befragt, verändert, ist Vorlage und
Ausgangspunkt für die Theaterinszenierung.
Welcher „Autor“ ausgewählt wird,
hängt von dem Interesse der Dramaturgien und
Regieteams in den Theatern ab.
Eine Entscheidung für „Der Würgeengel“
von Luis Bunuel, von Thomas Ostermeier inszeniert,
kann bedeuten, sich für das Experimentelle und
Surrealistische des Films zu interessieren, es kann
aber auch, wie im Fall der Schaubühne, die Antwort
auf die Suche nach einem Stoff sein, der den Zerfall
des Bürgertums beschreibt, wie die Dramaturgin
der Produktion Beate Heine berichtet. Als Vorlage
diente hier weniger Luis Bunuel als die Bühnenfassung
des niederländischen Autors Karst Woustra, der
den Stoff für das Amsterdamer Bürgertum
adaptierte, und die für die Schaubühne Grundlage
einer eigenen Bühnenadaption, einer „Berliner
Fassung“, ist.
Ein anderes Motiv, Filme als Grundlage von Inszenierungen
zu nehmen, hatten das Produktionsteam Christian Holtzhauer
und Amelie Deuflhard von den sophiensaelen: Sie wollten
NachwuchsregisseurInnen an ihrem Haus eine Plattform
geben. Christian Holtzhauer: "Unsere Entscheidung
für Filme als Vorlage rührte aus einer Unzufriedenheit
mit der zeitgenössischen Dramatik, und zwar sowohl
in Bezug auf die in ihr verhandelten Stoffe als auch
die Erzählstrukturen, derer sie sich bedient.
Wir glauben, dass man im Film sehr viele spannende
Stoffe finden kann, die es sich lohnt, auf die Bühne
zu bringen".
Schließlich wird durch die Adaption von Vinterbergs
„Das Fest“ für die Bühne ein
Stoff erschlossen, der eine Zuspitzung von Ibsen,
Tschechow und des bürgerlichen Dramas bedeutet,
die es in dieser Form offenbar als aktuellen Theatertext
nicht gab.
Und zum Schluss die 11. böse Behauptung: In den
Töpfen anderer lässt sich noch immer eine
gute Suppe kochen.