"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 2 / 03

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2003

Anne-Sylvie König:
Warum und wie man Kinofilme auf das Theater bringt
Seiten 15 - 17

Vorweg zehn böse Behauptungen

  1. … weil das Theater über den Verlust, wie vor hundert Jahren kein Leitmedium mehr zu sein, noch nicht hinweg kommt und neidisch auf seinen Nachfolger, auf das Kino, ist.
  2. … weil das Theater sich auf einen Zuschauererfolg des Kinos setzen will. Ein Filmtitel gibt dem Theater erst wieder seine Berechtigung beim Publikum zurück.
  3. … weil das Theater auch so viele Zuschauer wie der Film haben möchte.
  4. … weil das Theater entschieden weg möchte vom „Museum“. Es leistet mit dem Film auf der Bühne Abbitte an das hier und heute. Filme und Filmsstoffe im Theater - als Zugeständnis an den Zeitgeist – heißt, wir sind schnell und zeitbewusst.
  5. … weil das Theater inzwischen weiß, dass Sprache nicht alles sein kann, und auffällig-prägnante Bilder inklusive Musik und Atmosphäre eingängiger sind als Worte, die immer weniger verstehen.
  6. … weil es vielleicht nicht ganz political correct ist, auf das Konkurrenzmedium zu greifen und es sich gar einverleiben, es aber bedeutet, eine faire Chance zu haben.
  7. … weil man nach einem guten Film oft angeregter ist als nach vielen Worten und Szenen aus Theaterstücken.
  8. … weil andere Kunstformen sich schon lange gemischt haben, und das Theater es sich nicht leisten kann, ohne Außenorientierung zu bleiben.
  9. … weil etwas passieren muss, da die Angst vor dem Schließen des Geldhahnes weiter wächst.
  10. … weil man Kracauer und Adorno zwar immer wieder Recht geben muss, doch nun wirklich nicht mehr an den Vermassungs-, Nivellerierungs- und Technisierungprozessen vorbeikommt.


Einen Kinofilm auf die Bühne zu bringen, bedeutet erhöhte Aufmerksamkeit und Interesse zu gewinnen. Gleich den Erstaufführungen neuer Theatertexte begibt sich das Theater hier auf ein Experimentierfeld, zeigt sich neu und innovativ, offen und transparent für andere Kunstformen. Film ist eine unter vielen Kunstgattungen, die dem Theater Stichworte liefert, es bereichert, modernisiert, ästhetisch und inhaltlich aufpoliert.

Durch die neue „Welle“ von Filmen auf den deutschen Bühnen, die ausgelöst wurde von der Theater-Inszenierung des Dogma-Films „Das Fest“ in der Regie durch Michael Thalheimer 2001 im Dresdner Staatstheater, werden wieder Fragen an die Möglichkeiten des Theaters gestellt, an dessen Aktualität, Brisanz und Verbreitung. In den Blickpunkt sind Filmstoffe geraten, die in aktuellen Texten offenbar vermisst werden. Favorisiert werden aber gerade „Klassiker“ von Regisseuren wie Jean-Luc Godard („Ein oder zwei Dinge, die ich von ihr weiß“ Armin Petras in Frankfurt), Andreij Tarkowskij („Opfer“, Sebastian Hartmann in Hamburg) und jetzt Luis Bunuel an der Schaubühne mit seinem Film „Der Würgeengel“.
Das Regie Projekt „Außer Atem“ an den sophiensaele vereint hingegen ganz unterschiedliche Filmstoffe, von dem Klassiker „Rebecca“ und „Fantomas“ bis zu „robbykallepaul“.

Die Frage bleibt trotzdem, warum ein Film, dass heißt, ein Produkt, das schon existiert und rezipiert worden ist und an dem das Theaterprodukt gemessen und überprüft werden kann, auf die Bühne gebracht wird?

ERSTES. Viele Geschichten im Film sind reicher, tiefgründiger und dramaturgisch besser strukturiert als die von neuen Theatertexten.

ZWEITENS. Der Film erreicht heute eher eine gesellschaftspolitische Kritik als das Theater. Er drückt politischen Sprengstoff und gesellschaftlichen Wandel klarer und schneller aus.

DRITTENS. Die Reibung mit den ästhetischen und technischen Mitteln des Films ist reizvoll, ihre Übertragungen auf die Bühne erweitert und ergänzt die Theaterästhetik.

VIERTENS. Das Spiel mit bekannten Geschichten im Spiegelbild der Bühnenrealtität ist anregend.

FÜNFTENS. Das Potential des Films als „Medium der Massengesellschaft“ kann genutzt werden. Weiteres Mittel zur Ent-Elitarisierung, Ent-Bürgerlichung von Theater.

SECHSTENS. Bruch mit der Dominanz der Sprache, des Textes, der Literarisierung von Theater zugungsten einer visuellen, atmosphärischen Gesamtkomposition.

SIEBTENS. Spiegelung der Unmittelbarkeit des Theaters mit der Mittelbarkeit des Films/Kinos im direkten Vergleich.

Die Entscheidung, einen Film auf die Bühne zu bringen, zieht immer eine künstlerische, inhaltliche und ästhetische Auseinandersetzung mit den Strukturelementen und Wirkungsmechanismen des Theaters nach sich.

Geht man davon aus, dass das Theater eine höhere Künstlichkeit und Stilisierung vornimmt als der Film, so gerät die Wirklichkeit und Authentizität, die im Theater durch Übernahme eines Filmstoffes erreicht werden kann, in den Blickpunkt. Und geht man weiter davon aus, dass die Diskontinuität des Raumes im Film eine Dichte und einen Perspektivenwechsel bei der Darstellung einer Geschichte und ihrer Figuren erlaubt, so muss die Kontinuität des Raumes im Theater und deren Grenzen und Chancen bedacht werden.

Fällt die Wahl darauf, einen Film und einen Filmstoff auf die Bühne zu bringen,
so entscheidet man sich für eine andere Art der Autorschaft als die des Dramatikers: Der Autor ist der Filmregisseur (und sein Drehbuchautor). Er wird gelesen, befragt, verändert, ist Vorlage und Ausgangspunkt für die Theaterinszenierung.
Welcher „Autor“ ausgewählt wird, hängt von dem Interesse der Dramaturgien und Regieteams in den Theatern ab.
Eine Entscheidung für „Der Würgeengel“ von Luis Bunuel, von Thomas Ostermeier inszeniert, kann bedeuten, sich für das Experimentelle und Surrealistische des Films zu interessieren, es kann aber auch, wie im Fall der Schaubühne, die Antwort auf die Suche nach einem Stoff sein, der den Zerfall des Bürgertums beschreibt, wie die Dramaturgin der Produktion Beate Heine berichtet. Als Vorlage diente hier weniger Luis Bunuel als die Bühnenfassung des niederländischen Autors Karst Woustra, der den Stoff für das Amsterdamer Bürgertum adaptierte, und die für die Schaubühne Grundlage einer eigenen Bühnenadaption, einer „Berliner Fassung“, ist.
Ein anderes Motiv, Filme als Grundlage von Inszenierungen zu nehmen, hatten das Produktionsteam Christian Holtzhauer und Amelie Deuflhard von den sophiensaelen: Sie wollten NachwuchsregisseurInnen an ihrem Haus eine Plattform geben. Christian Holtzhauer: "Unsere Entscheidung für Filme als Vorlage rührte aus einer Unzufriedenheit mit der zeitgenössischen Dramatik, und zwar sowohl in Bezug auf die in ihr verhandelten Stoffe als auch die Erzählstrukturen, derer sie sich bedient. Wir glauben, dass man im Film sehr viele spannende Stoffe finden kann, die es sich lohnt, auf die Bühne zu bringen".
Schließlich wird durch die Adaption von Vinterbergs „Das Fest“ für die Bühne ein Stoff erschlossen, der eine Zuspitzung von Ibsen, Tschechow und des bürgerlichen Dramas bedeutet, die es in dieser Form offenbar als aktuellen Theatertext nicht gab.
Und zum Schluss die 11. böse Behauptung: In den Töpfen anderer lässt sich noch immer eine gute Suppe kochen.



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