"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 2 / 03

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2003

Petra Kohse:
Dokumentation oder Theaterfilm? Theater im Fernsehen, eine lange und widerspruchsvolle Geschichte
Seiten 11 - 13

Am Anfang wollte das Fernsehen wie Theater sein. Als der nordwestdeutsche Rundfunk am 25. Dezember 1952 den täglichen Sendebetrieb aufnahm und der Intendant einleitende Worte gesprochen hatte, hob sich für die Hamburger Zuschauer der Vorhang für ein szenisches Spiel um die Entstehung des Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht", gefolgt von einem "Max und Moritz"-Tanzspiel. Auch in den folgenden Sendemonaten und -jahren simulierten die Studios der westdeutschen Landesrundfunkanstalten mit Stücken von Hauptmann, Ibsen, Schiller oder Thornton Wilder sowie mit Volksstücken und Schwänken immer wieder, Theaterbühnen für den Hausgebrauch zu sein. Die räumliche Einheit mit dem Publikum fehlte natürlich. Auch war der kameravermittelte Blick auf das Gebotene gelenkt und beschnitten. Die Gleichzeitigkeit von Gespieltem und Gesehenem aber war gegeben. Denn in den 50er Jahren war Fernsehen, außer wenn Filme abgespielt wurden, immer live. Erst 1959 wurde die Technik der Magnetaufzeichnung eingeführt, die zeitverzögertes oder wiederholtes Senden ohne Abfilmen ermöglichte.
Außer dem Theater im Studio gehörten auch Übertragungen aus Theatern fest zum Fernsehprogramm der frühen Jahre. "Der Etappenhase" von Karl Bunje mit Willy Millowitsch aus dessen Kölner "Heimatbühne" war am 27. Oktober 1953 die erste. Und weil die Inszenierung beim Fernsehpublikum so gut ankam, musste das WDR-Team vier Wochen später noch einmal in der Aachener Straße der Domstadt anrücken. Wobei die Fernsehgemeinde damals erst kleinstadtgroß war und das "Fernsehen" aus einem einzigen Kanal bestand, der zweimal zwei Stunden am Tag Programm ausstrahlte, das nur in schwarz-weiß empfangen werden konnte. Diese Verhältnisse änderten sich rasch. 1957 waren bereits eine Million Fernsehgeräte angemeldet, 1963, als das Zweite Deutsche Fernsehen hinzukam, sechs Millionen, und 1967, als es schon von nachmittags bis nachts Programm gab, wurde das Farbfernsehen eingeführt.
Getragen von der technischen Entwicklung und getrieben von der immer größeren Reichweite, entstanden im Laufe der 60er Jahre fernseheigene Spielformate, und das Theater, übermächtiges Referenzmedium der ersten Stunden, verlor an Bedeutung. Im ZDF beispielsweise, das als Gegengewicht zu den dezentral operierenden Ländersendern der ARD gegründet wurde, fiel der Anteil von Bühnenliteratur in der Fernsehproduktion von 70 Prozent im Jahr 1963 auf 20 Prozent im Jahr 1968. Gleichzeitig machte sich gerade das ZDF mit einer eigenen Sendereihe für die Aufzeichnung von Theateraufführungen aus der ganzen Bundesrepublik stark. "...und heute ins Theater" hieß die Sendung, die später in "Die Aktuelle Inszenierung" umbenannt wurde, jährlich bis zu 15 Sendeplätze hatte und bis 1995 im Programm blieb. In vergleichbarer Weise war das Genre in den ARD-Sendern nie institutionalisiert, wenngleich es im Laufe der Jahre immer wieder einzelne Aufzeichnungsserien gegeben hat und die prinzipielle Präsenz des Theaters im Fernsehen selbstverständlich blieb.
Damit war es mit dem Aufkommen des Privatfernsehens ab Mitte der 80er Jahre vorbei. Unter dem Quotendruck, dem sich die öffentlich-rechtlichen Sender ausgesetzt fühlten, wurde das Thema Theater aus dem Zentrum eines Kulturauftrages in den Bereich der Liebhaberei verschoben. Nur die größten der ARD-Anstalten (BR, NDR, WDR) leisten sich heute überhaupt noch Aufzeichnungen hochkultureller Schauspielinszenierungen und dann auch nicht mehr als zwei im Jahr, in den anderen Sendern des Ersten Programmes findet diesbezüglich gar nichts Regelmäßiges mehr statt und das ZDF hat den gesamten Bereich seit Ende 1999 in einen digitalen und nur mit Decoder empfangbaren Kanal ausgelagert. Immerhin. Dort werden im monatlich wechselnden Repertoirebetrieb zehn Stunden täglich historische und neu produzierte Beiträge ausgestrahlt, wobei letztere - zwölf in diesem Jahr, darunter acht Inszenierungsaufzeichnungen - immer Koproduktionen sind, die je einmal auch auf terrestrischen Frequenzen gezeigt werden. Auf 3sat zumeist, aber auch auf Arte und zuweilen, wie im Falle von Robert Wilsons "Leonce und Lena" am Berliner Ensemble sogar im Hauptprogramm des ZDF selbst (Ausstrahlung dort am 23.11., im Theaterkanal im Dezember).

Möglich geworden ist die fortgesetzte Aktivität in Sachen Theater im Fernsehen nur durch persönliches Engagement. Der ehemalige 3sat-Koordinator Walter Konrad und sein damaliger Pressechef Wolfgang Bergmann versuchten nach der Absetzung der "Aktuellen Inszenierung", das im Hauptprogramme Verlorene auf 3sat teilweise wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang handelten sie mit den Theaterleitern eine Halbierung der bislang üblichen Honorare für Theateraufzeichnungen aus, dockten an das Berliner Theatertreffen an und reduzierten den technischen Aufwand der Theateraufzeichnungen. Denn aus dem auf Schnitt und Gegenschnitt hin arrangierten Rollenspiel im Studio und der Liveübertragung mit womöglich nur einer Kamera, hatte sich im Laufe der Jahrzehnte eine hoch differenzierte Kultur der Fernsehübertragung von Theater herausgebildet, die jetzt nicht mehr bezahlbar war.
Ganz wesentlich resultierte diese Verfeinerung daraus, das im Laufe der 60er und 70er Jahre immer häufiger Theaterregisseure selbst mit der Fernsehumsetzung ihrer Inszenierung beauftragt wurden. Im Bemühen, die ästhetischen Absichten ihrer Bühnenarbeit adäquat abzubilden oder umzusetzen, arbeiteten sie manchmal vier Tage, teilweise aber auch drei Wochen lang an einer Aufzeichnung. Peter Stein etwa ließ 1973 die Bühne seiner Schaubühneninszenierung der "Optimistischen Tragödie" im Studio nachbauen, filmte chronologisch und kämpfte, wie Volker Canaris als zuständiger WDR-Redakteur damals in einem "Theater heute"-Beitrag schrieb, um möglichst starre Einstellungen, grafische Beleuchtung und geometrische Schnittfolgen, um den zitierenden Charakter der Bühnenaufführung zu transportieren. Peter Zadeks Fernsehadaption der Bochumer Inszenierung von "Kleiner Mann, was nun?" aus dem gleichen Jahr hingegen ergab sich, so ebenfalls Canaris, offensiv den Fernsehmöglichkeiten, filmte dekorationsweise und mixte im Theater aufgezeichnete Sequenzen mit studioproduzierten Szenen, die in der Bühnenfassung überhaupt nicht vorkamen. Ein kunstreich dokumentierendes und ein mit dokumentarischem Material eigenkünstlerisch umgehendes Verfahren standen sich hier gegenüber und markierten beispielhaft das Feld, auf dem sich die Aufzeichnungspraxis der folgenden Jahrzehnte bewegte. Wobei die dokumentarische Praxis keineswegs so aufwändig sein musste, sondern oft aus dem Zusammenschnitt mehrerer Vor-Ort-Aufzeichnungen bestand.

Auch beim Theaterkanal, in den die 3sat-Arbeit von Konrad und Bergmann mündete und dessen Aufzeichnungspraxis aufgrund seiner derzeit konkurrenzlosen Stellung am meisten interessiert, wird am häufigsten eine so genannte "dokumentarische Methode" praktiziert. Das Team kommt mit Verbundkameras ins Theater und nimmt auf der Grundlage eines vorher erarbeiteten Regiebuch meist mehrere Aufführungen auf - keineswegs nur aus der Perspektive der Zuschauer, sondern durchaus mit Blicken von hinten, Nahaufnahmen und Schuss-Gegenschuss-Sequenzen. Den Schnitt bestimmen nicht mehr die nach optimaler Übertragungstreue suchenden Theaterleute, sondern Fernsehregisseure wie Andreas Morell, die ihren eigenen Stilwillen und ihre eigene Sicht auf die Inszenierungen mitbringen.
Davon unterschieden wird die "takeweise Aufzeichnung", was bedeutet, dass die im Theater aufgezeichneten Szenen mit filmischen Sequenzen kombiniert werden. Im wesentlichen ist das die Zadekvariante von 1973, wobei es wiederum nicht die Theatermacher alleine sind, die das Gemachte neu arrangieren, sondern Fernsehleute, denen sie allenfalls beratend zur Seite stehen.

Wiederentdeckt wurde von den ehemaligen 3sat- und jetzigen Theaterkanal-Machern die Liveübertragung. Etwas aufwändiger als 1953 bei Willy Millowitsch, aber im Vergleich zu den anderen Verfahren immer noch sehr kostengünstig, werden dabei mehrere Kameras positioniert und nach einem zuvor erarbeiteten Schnittplan aktiviert. Dass 3sat und der Theaterkanal damit vor allem Aufführungen des Berliner Theatertreffens ins Fernsehen bringen, hat nicht nur mit Bezug auf die fremdgelenkte Auswahl Kritik hervorgerufen, sondern auch aufgrund der Gastspielsituation, die für die wenigsten Inszenierungen optimal ist. Gleichwohl ist diese Praxis hinsichtlich der Produktionskosten und der Aufmerksamkeitsgarantie für Aktuelles im Theaterspielplan des Fernsehens derzeit schwer zu ersetzen.
Neu beim Theater im Fernsehen und eine echte Erfindung des Theaterkanals ist etwas, das man als Bühnenfilm bezeichnen könnte. Nicht der Theaterfilm mit Außenaufnahmen, wie es ihn von Peter Steins "Sommergästen" (1975) bis zu Frank Castorfs "Dämonenfilm" (1999) immer wieder auf das Schönste gegeben hat. Sondern der auf der Bühne und gewissermaßen nur anhand von Theater gedrehte Film. Theater, das von der sich frei im und um das Geschehen herumbewegenden Kamera optisch de- und im eigenen Rhythmus neumontiert wurde. Prinzipiell handelt es sich um die konsequente Häufung zuschauerfremder Perspektiven. Im Ergebnis aber lässt der Bühnenfilm kaum noch Rückschlüsse auf die Inszenierung selbst zu. "Haben Sie alle Ihre Szenen im Film wiedergefunden?" fragte Wolfgang Bergmann Thomas Ostermeier, als in der Schaubühne im Mai diesen Jahres die Theaterkanal-Verfilmung von dessen "Nora"-Inszenierung durch Hannes Rossacher vorgestellt wurde, und auf die Schnelle konnte der Regisseur das nicht beantworten.
Theaterkanalchef Bergmann war es zufrieden. Der Wiener Mode- und Musikvideoproduzent Rossacher, den er seit kurzem als Bühnenfilmer beschäftigt, ist auf das Entschlossenste damit befasst, die Ästhetik des Theaters im Fernsehen selbst zu prägen. In Michael Thalheimers "Emilia Galotti" am Deutschen Theater Berlin unterlief er durch schnell geschnittene Großaufnahmen dessen Ästhetik der Dauer, der Statuarik und des Geworfenseins. Shakespeares "Othello" unter der Regie von Luk Perceval an den Münchener Kammerspielen wurde von Rossacher ganz vom im Zentrum platzierten Jazzmusiker Jens Thomas aus gedacht. Und Ostermeiers "Nora" schließlich ist ein einziges Schwingen und Kreiseln, Verschwimmen und Heranzoomen, durch-die-Möbel- und hinters-Aquarium-Klettern.
Theater im Fernsehen also wird heute im wesentlichen von Fernsehleuten gemacht. Und ebenso vital wie der Theaterkanal-Versuch, das Thema gegen den senderpolitischen Trend überhaupt zu erhalten, ist die Bemühung, es möglichst wenig nach dem aussehen zu lassen, was es eigentlich ist. Man kann das als die Geschichte einer Emanzipation verstehen. In theaterhistorischer Hinsicht ist es natürlich ein Verlust.


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