Petra Kohse:
Dokumentation oder Theaterfilm? Theater im Fernsehen,
eine lange und widerspruchsvolle Geschichte
Seiten 11 - 13
Am Anfang wollte das Fernsehen wie
Theater sein. Als der nordwestdeutsche Rundfunk am
25. Dezember 1952 den täglichen Sendebetrieb
aufnahm und der Intendant einleitende Worte gesprochen
hatte, hob sich für die Hamburger Zuschauer der
Vorhang für ein szenisches Spiel um die Entstehung
des Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht",
gefolgt von einem "Max und Moritz"-Tanzspiel.
Auch in den folgenden Sendemonaten und -jahren simulierten
die Studios der westdeutschen Landesrundfunkanstalten
mit Stücken von Hauptmann, Ibsen, Schiller oder
Thornton Wilder sowie mit Volksstücken und Schwänken
immer wieder, Theaterbühnen für den Hausgebrauch
zu sein. Die räumliche Einheit mit dem Publikum
fehlte natürlich. Auch war der kameravermittelte
Blick auf das Gebotene gelenkt und beschnitten. Die
Gleichzeitigkeit von Gespieltem und Gesehenem aber
war gegeben. Denn in den 50er Jahren war Fernsehen,
außer wenn Filme abgespielt wurden, immer live.
Erst 1959 wurde die Technik der Magnetaufzeichnung
eingeführt, die zeitverzögertes oder wiederholtes
Senden ohne Abfilmen ermöglichte.
Außer dem Theater im Studio gehörten auch
Übertragungen aus Theatern fest zum Fernsehprogramm
der frühen Jahre. "Der Etappenhase"
von Karl Bunje mit Willy Millowitsch aus dessen Kölner
"Heimatbühne" war am 27. Oktober 1953
die erste. Und weil die Inszenierung beim Fernsehpublikum
so gut ankam, musste das WDR-Team vier Wochen später
noch einmal in der Aachener Straße der Domstadt
anrücken. Wobei die Fernsehgemeinde damals erst
kleinstadtgroß war und das "Fernsehen"
aus einem einzigen Kanal bestand, der zweimal zwei
Stunden am Tag Programm ausstrahlte, das nur in schwarz-weiß
empfangen werden konnte. Diese Verhältnisse änderten
sich rasch. 1957 waren bereits eine Million Fernsehgeräte
angemeldet, 1963, als das Zweite Deutsche Fernsehen
hinzukam, sechs Millionen, und 1967, als es schon
von nachmittags bis nachts Programm gab, wurde das
Farbfernsehen eingeführt.
Getragen von der technischen Entwicklung und getrieben
von der immer größeren Reichweite, entstanden
im Laufe der 60er Jahre fernseheigene Spielformate,
und das Theater, übermächtiges Referenzmedium
der ersten Stunden, verlor an Bedeutung. Im ZDF beispielsweise,
das als Gegengewicht zu den dezentral operierenden
Ländersendern der ARD gegründet wurde, fiel
der Anteil von Bühnenliteratur in der Fernsehproduktion
von 70 Prozent im Jahr 1963 auf 20 Prozent im Jahr
1968. Gleichzeitig machte sich gerade das ZDF mit
einer eigenen Sendereihe für die Aufzeichnung
von Theateraufführungen aus der ganzen Bundesrepublik
stark. "...und heute ins Theater" hieß
die Sendung, die später in "Die Aktuelle
Inszenierung" umbenannt wurde, jährlich
bis zu 15 Sendeplätze hatte und bis 1995 im Programm
blieb. In vergleichbarer Weise war das Genre in den
ARD-Sendern nie institutionalisiert, wenngleich es
im Laufe der Jahre immer wieder einzelne Aufzeichnungsserien
gegeben hat und die prinzipielle Präsenz des
Theaters im Fernsehen selbstverständlich blieb.
Damit war es mit dem Aufkommen des Privatfernsehens
ab Mitte der 80er Jahre vorbei. Unter dem Quotendruck,
dem sich die öffentlich-rechtlichen Sender ausgesetzt
fühlten, wurde das Thema Theater aus dem Zentrum
eines Kulturauftrages in den Bereich der Liebhaberei
verschoben. Nur die größten der ARD-Anstalten
(BR, NDR, WDR) leisten sich heute überhaupt noch
Aufzeichnungen hochkultureller Schauspielinszenierungen
und dann auch nicht mehr als zwei im Jahr, in den
anderen Sendern des Ersten Programmes findet diesbezüglich
gar nichts Regelmäßiges mehr statt und
das ZDF hat den gesamten Bereich seit Ende 1999 in
einen digitalen und nur mit Decoder empfangbaren Kanal
ausgelagert. Immerhin. Dort werden im monatlich wechselnden
Repertoirebetrieb zehn Stunden täglich historische
und neu produzierte Beiträge ausgestrahlt, wobei
letztere - zwölf in diesem Jahr, darunter acht
Inszenierungsaufzeichnungen - immer Koproduktionen
sind, die je einmal auch auf terrestrischen Frequenzen
gezeigt werden. Auf 3sat zumeist, aber auch auf Arte
und zuweilen, wie im Falle von Robert Wilsons "Leonce
und Lena" am Berliner Ensemble sogar im Hauptprogramm
des ZDF selbst (Ausstrahlung dort am 23.11., im Theaterkanal
im Dezember).
Möglich geworden ist die fortgesetzte
Aktivität in Sachen Theater im Fernsehen nur
durch persönliches Engagement. Der ehemalige
3sat-Koordinator Walter Konrad und sein damaliger
Pressechef Wolfgang Bergmann versuchten nach der Absetzung
der "Aktuellen Inszenierung", das im Hauptprogramme
Verlorene auf 3sat teilweise wieder herzustellen.
In diesem Zusammenhang handelten sie mit den Theaterleitern
eine Halbierung der bislang üblichen Honorare
für Theateraufzeichnungen aus, dockten an das
Berliner Theatertreffen an und reduzierten den technischen
Aufwand der Theateraufzeichnungen. Denn aus dem auf
Schnitt und Gegenschnitt hin arrangierten Rollenspiel
im Studio und der Liveübertragung mit womöglich
nur einer Kamera, hatte sich im Laufe der Jahrzehnte
eine hoch differenzierte Kultur der Fernsehübertragung
von Theater herausgebildet, die jetzt nicht mehr bezahlbar
war.
Ganz wesentlich resultierte diese Verfeinerung daraus,
das im Laufe der 60er und 70er Jahre immer häufiger
Theaterregisseure selbst mit der Fernsehumsetzung
ihrer Inszenierung beauftragt wurden. Im Bemühen,
die ästhetischen Absichten ihrer Bühnenarbeit
adäquat abzubilden oder umzusetzen, arbeiteten
sie manchmal vier Tage, teilweise aber auch drei Wochen
lang an einer Aufzeichnung. Peter Stein etwa ließ
1973 die Bühne seiner Schaubühneninszenierung
der "Optimistischen Tragödie" im Studio
nachbauen, filmte chronologisch und kämpfte,
wie Volker Canaris als zuständiger WDR-Redakteur
damals in einem "Theater heute"-Beitrag
schrieb, um möglichst starre Einstellungen, grafische
Beleuchtung und geometrische Schnittfolgen, um den
zitierenden Charakter der Bühnenaufführung
zu transportieren. Peter Zadeks Fernsehadaption der
Bochumer Inszenierung von "Kleiner Mann, was
nun?" aus dem gleichen Jahr hingegen ergab sich,
so ebenfalls Canaris, offensiv den Fernsehmöglichkeiten,
filmte dekorationsweise und mixte im Theater aufgezeichnete
Sequenzen mit studioproduzierten Szenen, die in der
Bühnenfassung überhaupt nicht vorkamen.
Ein kunstreich dokumentierendes und ein mit dokumentarischem
Material eigenkünstlerisch umgehendes Verfahren
standen sich hier gegenüber und markierten beispielhaft
das Feld, auf dem sich die Aufzeichnungspraxis der
folgenden Jahrzehnte bewegte. Wobei die dokumentarische
Praxis keineswegs so aufwändig sein musste, sondern
oft aus dem Zusammenschnitt mehrerer Vor-Ort-Aufzeichnungen
bestand.
Auch beim Theaterkanal, in den die
3sat-Arbeit von Konrad und Bergmann mündete und
dessen Aufzeichnungspraxis aufgrund seiner derzeit
konkurrenzlosen Stellung am meisten interessiert,
wird am häufigsten eine so genannte "dokumentarische
Methode" praktiziert. Das Team kommt mit Verbundkameras
ins Theater und nimmt auf der Grundlage eines vorher
erarbeiteten Regiebuch meist mehrere Aufführungen
auf - keineswegs nur aus der Perspektive der Zuschauer,
sondern durchaus mit Blicken von hinten, Nahaufnahmen
und Schuss-Gegenschuss-Sequenzen. Den Schnitt bestimmen
nicht mehr die nach optimaler Übertragungstreue
suchenden Theaterleute, sondern Fernsehregisseure
wie Andreas Morell, die ihren eigenen Stilwillen und
ihre eigene Sicht auf die Inszenierungen mitbringen.
Davon unterschieden wird die "takeweise Aufzeichnung",
was bedeutet, dass die im Theater aufgezeichneten
Szenen mit filmischen Sequenzen kombiniert werden.
Im wesentlichen ist das die Zadekvariante von 1973,
wobei es wiederum nicht die Theatermacher alleine
sind, die das Gemachte neu arrangieren, sondern Fernsehleute,
denen sie allenfalls beratend zur Seite stehen.
Wiederentdeckt wurde von den ehemaligen
3sat- und jetzigen Theaterkanal-Machern die Liveübertragung.
Etwas aufwändiger als 1953 bei Willy Millowitsch,
aber im Vergleich zu den anderen Verfahren immer noch
sehr kostengünstig, werden dabei mehrere Kameras
positioniert und nach einem zuvor erarbeiteten Schnittplan
aktiviert. Dass 3sat und der Theaterkanal damit vor
allem Aufführungen des Berliner Theatertreffens
ins Fernsehen bringen, hat nicht nur mit Bezug auf
die fremdgelenkte Auswahl Kritik hervorgerufen, sondern
auch aufgrund der Gastspielsituation, die für
die wenigsten Inszenierungen optimal ist. Gleichwohl
ist diese Praxis hinsichtlich der Produktionskosten
und der Aufmerksamkeitsgarantie für Aktuelles
im Theaterspielplan des Fernsehens derzeit schwer
zu ersetzen.
Neu beim Theater im Fernsehen und eine echte Erfindung
des Theaterkanals ist etwas, das man als Bühnenfilm
bezeichnen könnte. Nicht der Theaterfilm mit
Außenaufnahmen, wie es ihn von Peter Steins
"Sommergästen" (1975) bis zu Frank
Castorfs "Dämonenfilm" (1999) immer
wieder auf das Schönste gegeben hat. Sondern
der auf der Bühne und gewissermaßen nur
anhand von Theater gedrehte Film. Theater, das von
der sich frei im und um das Geschehen herumbewegenden
Kamera optisch de- und im eigenen Rhythmus neumontiert
wurde. Prinzipiell handelt es sich um die konsequente
Häufung zuschauerfremder Perspektiven. Im Ergebnis
aber lässt der Bühnenfilm kaum noch Rückschlüsse
auf die Inszenierung selbst zu. "Haben Sie alle
Ihre Szenen im Film wiedergefunden?" fragte Wolfgang
Bergmann Thomas Ostermeier, als in der Schaubühne
im Mai diesen Jahres die Theaterkanal-Verfilmung von
dessen "Nora"-Inszenierung durch Hannes
Rossacher vorgestellt wurde, und auf die Schnelle
konnte der Regisseur das nicht beantworten.
Theaterkanalchef Bergmann war es zufrieden. Der Wiener
Mode- und Musikvideoproduzent Rossacher, den er seit
kurzem als Bühnenfilmer beschäftigt, ist
auf das Entschlossenste damit befasst, die Ästhetik
des Theaters im Fernsehen selbst zu prägen. In
Michael Thalheimers "Emilia Galotti" am
Deutschen Theater Berlin unterlief er durch schnell
geschnittene Großaufnahmen dessen Ästhetik
der Dauer, der Statuarik und des Geworfenseins. Shakespeares
"Othello" unter der Regie von Luk Perceval
an den Münchener Kammerspielen wurde von Rossacher
ganz vom im Zentrum platzierten Jazzmusiker Jens Thomas
aus gedacht. Und Ostermeiers "Nora" schließlich
ist ein einziges Schwingen und Kreiseln, Verschwimmen
und Heranzoomen, durch-die-Möbel- und hinters-Aquarium-Klettern.
Theater im Fernsehen also wird heute im wesentlichen
von Fernsehleuten gemacht. Und ebenso vital wie der
Theaterkanal-Versuch, das Thema gegen den senderpolitischen
Trend überhaupt zu erhalten, ist die Bemühung,
es möglichst wenig nach dem aussehen zu lassen,
was es eigentlich ist. Man kann das als die Geschichte
einer Emanzipation verstehen. In theaterhistorischer
Hinsicht ist es natürlich ein Verlust.