"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 2 / 03

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2003

Jan Linders:
Die Kamera als Schauspieler - ein Paradigmenwechsel?
Seiten 8 - 9

Auf unsern Theaterbühnen hat sich in den letzten Jahren ein bemerkenswerter Wandel vollzogen: Waren technische Medien wie Monitore, Kameras und Computer einst eher dekorative Zeichen für die Modernität der Aufführung oder die Zeitgenossenschaft des Bühnenbilds, sind sie mittlerweile zum selbstverständlichen Bestandteil vieler Produktionen geworden. Spektakulär sind Videoprojektionen, Live-Cams, Internetverbindungen nicht mehr durch ihre bloße Anwesenheit, sondern durch ihren innovativen Gebrauch, so wie diese Technik auch in den Händen der Zuschauer immer billiger und alltäglicher geworden ist.

Daß dieser Wandel als Paradigmenwechsel gesehen werden muß, darüber will diese Gesprächsrunde streiten. Geplant ist zunächst eine typologische Bestandsaufnahme mit kurzen Beispielen: Wie werden technische Medien, vor allem Video und Internet, heute in Sprechtheater, Oper und Tanz verwendet? Als Erweiterung und Ersatz des Bühnenbilds, als Schauspieler-Ersatz, zur Erweiterung der Zuschauerperspektive, zur Konstruktion von Parallelhandlungen, zur Einführung von filmischen Techniken (Nahaufnahme, Schnitt, Rückblende, Zeitlupe), als surrealer Trick etc.. Zu unterscheiden ist dabei die Einspielung vorproduzierten Materials (historisch oder neu) von der visuellen Rückkopplung durch Live-Kameras.

Anschließend diskutieren drei avancierte Videotheaterkünstler mit Arbeitsproben ihre Strategien des Medieneinsatzes:

Philip Bußmann war wesentlicher Akteur der letzten beiden großen Forsythe-Choreographien. Für „Kammer / Kammer“ setzte er durch seine Kameras das Spiel mit den die direkte Zuschauersicht verdeckenden Stellwänden in Gang. Bei „Decreation“ fragmentierten seine Bilder die Tänzerkörper virtuell. Bei „InsideOut“; der neuesten Arbeit von Sascha Waltz, sorgte er mit seinen Projektionen und Bildübertragungen für eine weitere Ebene von Perspektiven durch die vielfach verschachtelten Spielräume.

Der Amerikaner Chris Kondek arbeitete u.a. mit Robert Wilson, Laurie Anderson, René Pollesch, Meg Stuart und zuletzt Wanda Golonka. Bekannt geworden ist er als jahrelanges Mitglied der Wooster Group, bei deren maßstabsetzenden Produktionen der Einsatz von Video als Schauspieler-Ersatz und als Choreographie-Vorgabe immer schon selbstverständlich war. Zur Zeit inszeniert Kondek den experimentellen Abend „dead cat bounce“, der die theatralische Spannungskurve durch die der Aktienbörse ersetzt.

Jan Speckenbach lebt als digitaler Filmemacher in Berlin. Er ist der Kameramann und Bildregisseur für Frank Castorf und Bert Neumann. Erst durch seine raffinierte Installation von Überwachungskameras und seine virtuose Bildmischung gewannen die großen Romaninszenierungen an der Berliner Volksbühne ihre innovative Kraft.

Mögliche Erkenntnisse der Diskussion sind die, daß die geöffnete „vierte Wand“ kein Problem mehr ist, weil Kameras stellvertretend für den Zuschauer jeden Winkel der Bühne erfassen können; daß statische, gemalte Prospekte durch bewegte, projizierte Hintergründe ersetzt werden, daß das Mienenspiel der Darsteller von nun an filmisch nuanciert wie theatralisch akzentuiert sein kann, weil Kameras jede Distanz herstellen bzw. überwinden können, in Summe: daß Medientechnik auf den Theaterbühnen ebenso selbstverständlich wird wie im Barock die Verwandlungstechnik mit Zügen oder Ende des 19. Jahrhunderts die elektrische Beleuchtung – und daß diese Erweiterung der Mittel einen Wandel der Ästhetik nach sich zieht.



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