Jan Linders:
Die Kamera als Schauspieler - ein Paradigmenwechsel?
Seiten 8 - 9
Auf unsern Theaterbühnen hat
sich in den letzten Jahren ein bemerkenswerter Wandel
vollzogen: Waren technische Medien wie Monitore, Kameras
und Computer einst eher dekorative Zeichen für
die Modernität der Aufführung oder die Zeitgenossenschaft
des Bühnenbilds, sind sie mittlerweile zum selbstverständlichen
Bestandteil vieler Produktionen geworden. Spektakulär
sind Videoprojektionen, Live-Cams, Internetverbindungen
nicht mehr durch ihre bloße Anwesenheit, sondern
durch ihren innovativen Gebrauch, so wie diese Technik
auch in den Händen der Zuschauer immer billiger
und alltäglicher geworden ist.
Daß dieser Wandel als Paradigmenwechsel
gesehen werden muß, darüber will diese
Gesprächsrunde streiten. Geplant ist zunächst
eine typologische Bestandsaufnahme mit kurzen Beispielen:
Wie werden technische Medien, vor allem Video und
Internet, heute in Sprechtheater, Oper und Tanz verwendet?
Als Erweiterung und Ersatz des Bühnenbilds, als
Schauspieler-Ersatz, zur Erweiterung der Zuschauerperspektive,
zur Konstruktion von Parallelhandlungen, zur Einführung
von filmischen Techniken (Nahaufnahme, Schnitt, Rückblende,
Zeitlupe), als surrealer Trick etc.. Zu unterscheiden
ist dabei die Einspielung vorproduzierten Materials
(historisch oder neu) von der visuellen Rückkopplung
durch Live-Kameras.
Anschließend diskutieren drei
avancierte Videotheaterkünstler mit Arbeitsproben
ihre Strategien des Medieneinsatzes:
Philip Bußmann war wesentlicher
Akteur der letzten beiden großen Forsythe-Choreographien.
Für „Kammer / Kammer“ setzte er durch
seine Kameras das Spiel mit den die direkte Zuschauersicht
verdeckenden Stellwänden in Gang. Bei „Decreation“
fragmentierten seine Bilder die Tänzerkörper
virtuell. Bei „InsideOut“; der neuesten
Arbeit von Sascha Waltz, sorgte er mit seinen Projektionen
und Bildübertragungen für eine weitere Ebene
von Perspektiven durch die vielfach verschachtelten
Spielräume.
Der Amerikaner Chris Kondek arbeitete
u.a. mit Robert Wilson, Laurie Anderson, René
Pollesch, Meg Stuart und zuletzt Wanda Golonka. Bekannt
geworden ist er als jahrelanges Mitglied der Wooster
Group, bei deren maßstabsetzenden Produktionen
der Einsatz von Video als Schauspieler-Ersatz und
als Choreographie-Vorgabe immer schon selbstverständlich
war. Zur Zeit inszeniert Kondek den experimentellen
Abend „dead cat bounce“, der die theatralische
Spannungskurve durch die der Aktienbörse ersetzt.
Jan Speckenbach lebt als digitaler
Filmemacher in Berlin. Er ist der Kameramann und Bildregisseur
für Frank Castorf und Bert Neumann. Erst durch
seine raffinierte Installation von Überwachungskameras
und seine virtuose Bildmischung gewannen die großen
Romaninszenierungen an der Berliner Volksbühne
ihre innovative Kraft.
Mögliche Erkenntnisse der Diskussion
sind die, daß die geöffnete „vierte
Wand“ kein Problem mehr ist, weil Kameras stellvertretend
für den Zuschauer jeden Winkel der Bühne
erfassen können; daß statische, gemalte
Prospekte durch bewegte, projizierte Hintergründe
ersetzt werden, daß das Mienenspiel der Darsteller
von nun an filmisch nuanciert wie theatralisch akzentuiert
sein kann, weil Kameras jede Distanz herstellen bzw.
überwinden können, in Summe: daß Medientechnik
auf den Theaterbühnen ebenso selbstverständlich
wird wie im Barock die Verwandlungstechnik mit Zügen
oder Ende des 19. Jahrhunderts die elektrische Beleuchtung
– und daß diese Erweiterung der Mittel
einen Wandel der Ästhetik nach sich zieht.