Inge Zeppenfeld und Stephanie Lubbe stellen vor:
Andri Beyeler: "Je ne m'en souviens plus (mais
ce n'est pas vrai)"
Seiten 29 - 30
Auszug, die Übersetzung
ins Hochdeutsche stammt von Juliane Schwerdtner (1.
Arbeitsfassung):
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Sie |
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aber ich präss |
aber ich presse |
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mini Schtirne |
meine Stirn |
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as Glas |
ans Glas |
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as chalte |
ans kalte |
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und schile |
und schiele |
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am Schpiegelbild |
am Spiegelbild |
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vorbii |
vorbei |
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dur d Schiibe |
durch die Scheibe |
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und use |
und raus |
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i d Nacht |
in die Nacht |
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gsehn i |
sehe ich |
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s Schild |
das Schild |
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am Bahnhof |
am Bahnhof |
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vo eim |
von einem |
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vo däne Örter |
dieser Orte |
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wo nie |
wo nie |
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öppis haltet |
was hält |
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vo eim |
von einem |
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vo däne Örter |
dieser Orte |
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wo eim |
wo einem |
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au susch |
auch sonst |
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nüt |
nichts |
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gschänkt würd |
geschenkt wird |
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gsehn i |
sehe ich |
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d Liechter |
die Lichter |
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und tänk |
und überlege |
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we s wär |
wie es wäre |
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wenn i wüsst |
wenn ich wüsste |
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wär doh |
wer hier |
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wo schloft |
wo schläft |
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Er |
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etz hock i |
jetzt sitze ich |
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zwor doh |
zwar hier |
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und doh |
und hier |
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hock i |
sitze ich |
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a dinere Siite |
an deiner Seite |
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aber du tuesch |
aber du spielst |
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nüm degliiche |
nicht mehr mit |
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lieber luegsch |
lieber siehst du |
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us em Fänschter |
aus dem Fenster |
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luegsch |
siehst |
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als gäbti s |
als gäbe es |
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duss im Tunkle |
draußen im Dunkeln |
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i de Nacht |
in der Nacht |
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wenn scho kä Gschpängschter |
wenn schon keine Gespenster |
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so doch zmindscht |
so doch zumindest |
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en Gängschter |
einen Gangster |
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mit Schroter im Nacke |
mit Bullen im Nacken |
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z beobachte |
zu begaffen |
Momentaufnahme einer Bahnfahrt.
Die Suche nach einem Sitzplatz ohne Gestank aus dem
WC, ohne klebrige Bierlachen auf dem Abteilboden,
ohne schmutzige Polster, dann Fahrkartenkontrolle,
grölende Fußballfans, das ständige
Halten an kleinen miefigen Orten und hin und wieder
der sehnsüchtig-verlorene Blick aus dem Fenster
des fahrenden Zuges.
Zwei Menschen in einem Zugabteil.
Eine Frau und ein Mann fahren gemeinsam durch die
Nacht, irgendwo in der Schweiz. Ein Paar, das sich
nach dieser Reise möglicherweise bald trennen
wird. Sie sprechen kaum miteinander, hängen den
eigenen Gedanken nach, die, wenn sich der Körper
des anderen in der Enge des Abteils zufällig
oder absichtlich annähert oder in der Erinnerung
Szenen aus früheren Zeiten auftauchen, nur noch
Verletzung registrieren.
Er |
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vo de Hand |
von der Hand |
fahrt si mr |
fährt sie mir |
mit de Hand |
mit der Hand |
fahrt si |
fährt sie |
an Eleboge |
an den Ellenbogen |
fahrt si mr |
fährt sie mir |
ue und abe |
rauf und runter |
mit de Finger |
mit den Fingern |
de Fingerkuppe |
den Fingerkuppen |
ue und abe |
rauf und runter |
und wiiter |
und weiter |
wiiter obe |
weiter oben |
d Fingerkuppe |
die Fingerkuppen |
obe am Eleboge |
oben am Ellenbogen |
d Finger |
die Finger |
am Oberarm |
am Oberarm |
samt de Hand dra |
samt der Hand daran |
und wiiter |
und weiter |
wott si wohl |
will sie wohl |
wiiter obsi |
weiter rauf |
uf d Schultere |
zur Schulter |
an Hals |
an den Hals |
wott si allwäg |
will sie wohl |
aber bliibt hange |
aber bleibt hängen |
uf halbem Wäg |
auf halbem Weg |
bliibt si am |
bleibt sie am |
obere Oberarm |
oberen Oberarm |
hange |
hängen |
mit de Hand |
mit der Hand |
haltet si a |
hält sie an |
– wa häsch doh |
– was hast du da |
– han i wa |
– hab ich was |
– doh |
– da |
– da |
– das |
– jo |
– ja |
– wa scho |
– was schon |
en Chräbel halt |
eine Schramme halt |
en Chratzer |
einen Kratzer |
von ere Chatz |
von einer Katze |
vo me Hund |
einem Hund |
wa weiss ich |
was weiß ich |
weiss nüm |
weiß es nicht mehr |
ER weiß sehr wohl,
woher der 'Kratzer’ kommt, es ist mehr als ein
Kratzer, aber er verschweigt es ihr, schon lange,
– so wie auch sie vieles verschweigt.
Andri Beyeler begibt sich in seinem
neuesten Stück „je ne m’en souviens
plus (mais ce n’est pas vrai)“ –
„Ich erinnere mich nicht mehr daran (aber das
ist nicht wahr)“ – auf eine Reise ins
Innere seiner beiden Figuren, in ihre mäandernde
Phantasie, ihre Erinnerungen und ihre jeweils ganz
verschiedene Wahrnehmung des anderen und ihrer Umwelt.
In poetischer Sprache entstehen in den Köpfen
der Figuren kleine merkwürdige, mit scharfzüngigem
Witz erzählte Geschichten über die Mitreisenden
in den anderen Abteilen, über den Minibarmann
und den Schaffner. Und es entstehen Schnittstellen,
an denen sich die Liebe des Paares in ihrer Verwandlung
in das zeigt, das die Trennung nach sich ziehen wird.
Die Grenzen zwischen dem tatsächlich Vorgefallenen
und dem bloß Vorgestellten verschwimmen dabei
an bestimmten Punkten, es entsteht ein surreales Zwischenreich
der Gedanken.
Daß Andri Beyeler, der seine
Stücke auf Schweizerdeutsch schreibt und dann
ins Hochdeutsche übersetzen läßt,
eine große Begabung für die genaue psychologische
Zeichnung seiner Figuren hat, konnte man schon in
seinem bekanntesten Stück “the killer in
me is the killer in you my love” über fünf
junge Menschen und einen Sommer im Schwimmbad sehen.
Dieses Stück, geschrieben in einer ganz eigenen
Mischung aus Monologen und kurzen Dialogen, wurde
in einer Werkstattinszenierung im Rahmen der Autorentage
2002 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführt (Regie:
Jorinde Dröse). Das Stück wurde ins Repertoire
übernommen und inzwischen auch in anderen Städten
nachgespielt. In „je ne m’en souviens
plus (mais ce n’est pas vrai)“ radikalisiert
Beyeler die Form des Monologs, indem er die Geschichte
nur noch über innere Monologe erzählt, anstatt
seine Figuren über die Sprache in einen direkten
Kontakt treten zu lassen. Beyelers Texte fordern das
Theater heraus, eine unkonventionelle Form des Erzählens
zu erfinden. Welche Möglichkeiten bieten da die
parallelen Gedankenströme der Figuren, wie gestaltet
sich der Vorgang, daß Beziehung nicht in dem
„dazwischen“ erzählt wird, sondern
in dem „jeder für sich“? Welchen
Stellenwert hat die Darstellung von Körperlichkeit,
die Wahrnehmung des anderen durch die äußere
Fassade des Körpers, der analytische Blick auf
den Körper, der direkte ‚sprachlose’
Kontakt zum anderen über körperliche Berührung,
die gedankliche Ablehnung der Annäherung? Daß
der Autor gerade hier eine Möglichkeit sieht,
zeigt die Tatsache, daß sich Andri Beyeler gemeinsam
mit seiner Schwester, der Choreographin Tina Beyeler,
bei der ersten Umsetzung des Textes für eine
interdisziplinäre Bühnensprache entschieden
hat. In der Roten Fabrik in Zürich wurde der
Text im Oktober 2003 mit den Mitteln des Tanzes und
der Sprache uraufgeführt. Die Frage wird sein,
ob ein solcher Theatertext ohne klassische Dialoge
eine solche Form der Aufführung geradezu herausfordert
oder ob sich auch konventionellere Perspektiven der
Inszenierung bieten.
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Der Workshop wird vorgestellt
von Inge Zeppenfeld, Dramaturgin, Städtische
Bühnen Osnabrück und Stephanie Lubbe, Dramaturgin,
Schauspiel Staatstheater Stuttgart.