"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


Gründe für eine Mitgliedschaft in der Dramaturgischen Gesellschaft

mehr


Mitgliedschaft

Sie wollen Mitglied der Dramaturgischen Gesellschaft werden? Hier geht es direkt zum Antragsformular.


 
 
"dramaturgie" | Heft 2 / 03

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2003

Inge Zeppenfeld und Stephanie Lubbe stellen vor:
Andri Beyeler: "Je ne m'en souviens plus (mais ce n'est pas vrai)"
Seiten 29 - 30

Auszug, die Übersetzung ins Hochdeutsche stammt von Juliane Schwerdtner (1. Arbeitsfassung):

Sie

 

aber ich präss

aber ich presse

mini Schtirne

meine Stirn

as Glas

ans Glas

as chalte

ans kalte

und schile

und schiele

am Schpiegelbild

am Spiegelbild

vorbii

vorbei

dur d Schiibe

durch die Scheibe

und use

und raus

i d Nacht

in die Nacht

gsehn i

sehe ich

s Schild

das Schild

am Bahnhof

am Bahnhof

vo eim

von einem

vo däne Örter

dieser Orte

wo nie

wo nie

öppis haltet

was hält

vo eim

von einem

vo däne Örter

dieser Orte

wo eim

wo einem

au susch

auch sonst

nüt

nichts

gschänkt würd

geschenkt wird

gsehn i

sehe ich

d Liechter

die Lichter

und tänk

und überlege

we s wär

wie es wäre

wenn i wüsst

wenn ich wüsste

wär doh

wer hier

wo schloft

wo schläft

 

 

Er

 

etz hock i

jetzt sitze ich

zwor doh

zwar hier

und doh

und hier

hock i

sitze ich

a dinere Siite

an deiner Seite

aber du tuesch

aber du spielst

nüm degliiche

nicht mehr mit

lieber luegsch

lieber siehst du

us em Fänschter

aus dem Fenster

luegsch

siehst

als gäbti s

als gäbe es

duss im Tunkle

draußen im Dunkeln

i de Nacht

in der Nacht

wenn scho kä Gschpängschter

wenn schon keine Gespenster

so doch zmindscht

so doch zumindest

en Gängschter

einen Gangster

mit Schroter im Nacke

mit Bullen im Nacken

z beobachte

zu begaffen

Momentaufnahme einer Bahnfahrt. Die Suche nach einem Sitzplatz ohne Gestank aus dem WC, ohne klebrige Bierlachen auf dem Abteilboden, ohne schmutzige Polster, dann Fahrkartenkontrolle, grölende Fußballfans, das ständige Halten an kleinen miefigen Orten und hin und wieder der sehnsüchtig-verlorene Blick aus dem Fenster des fahrenden Zuges.

Zwei Menschen in einem Zugabteil. Eine Frau und ein Mann fahren gemeinsam durch die Nacht, irgendwo in der Schweiz. Ein Paar, das sich nach dieser Reise möglicherweise bald trennen wird. Sie sprechen kaum miteinander, hängen den eigenen Gedanken nach, die, wenn sich der Körper des anderen in der Enge des Abteils zufällig oder absichtlich annähert oder in der Erinnerung Szenen aus früheren Zeiten auftauchen, nur noch Verletzung registrieren.

Er

 

vo de Hand

von der Hand

fahrt si mr

fährt sie mir

mit de Hand

mit der Hand

fahrt si

fährt sie

an Eleboge

an den Ellenbogen

fahrt si mr

fährt sie mir

ue und abe

rauf und runter

mit de Finger

mit den Fingern

de Fingerkuppe

den Fingerkuppen

ue und abe

rauf und runter

und wiiter

und weiter

wiiter obe

weiter oben

d Fingerkuppe

die Fingerkuppen

obe am Eleboge

oben am Ellenbogen

d Finger

die Finger

am Oberarm

am Oberarm

samt de Hand dra

samt der Hand daran

und wiiter

und weiter

wott si wohl

will sie wohl

wiiter obsi

weiter rauf

uf d Schultere

zur Schulter

an Hals

an den Hals

wott si allwäg

will sie wohl

aber bliibt hange

aber bleibt hängen

uf halbem Wäg

auf halbem Weg

bliibt si am

bleibt sie am

obere Oberarm

oberen Oberarm

hange

hängen

mit de Hand

mit der Hand

haltet si a

hält sie an

– wa häsch doh

– was hast du da

– han i wa

– hab ich was

– doh

– da

– da

– das

– jo

– ja

– wa scho

– was schon

en Chräbel halt

eine Schramme halt

en Chratzer

einen Kratzer

von ere Chatz

von einer Katze

vo me Hund

einem Hund

wa weiss ich

was weiß ich

weiss nüm

weiß es nicht mehr

ER weiß sehr wohl, woher der 'Kratzer’ kommt, es ist mehr als ein Kratzer, aber er verschweigt es ihr, schon lange, – so wie auch sie vieles verschweigt.

Andri Beyeler begibt sich in seinem neuesten Stück „je ne m’en souviens plus (mais ce n’est pas vrai)“ – „Ich erinnere mich nicht mehr daran (aber das ist nicht wahr)“ – auf eine Reise ins Innere seiner beiden Figuren, in ihre mäandernde Phantasie, ihre Erinnerungen und ihre jeweils ganz verschiedene Wahrnehmung des anderen und ihrer Umwelt. In poetischer Sprache entstehen in den Köpfen der Figuren kleine merkwürdige, mit scharfzüngigem Witz erzählte Geschichten über die Mitreisenden in den anderen Abteilen, über den Minibarmann und den Schaffner. Und es entstehen Schnittstellen, an denen sich die Liebe des Paares in ihrer Verwandlung in das zeigt, das die Trennung nach sich ziehen wird. Die Grenzen zwischen dem tatsächlich Vorgefallenen und dem bloß Vorgestellten verschwimmen dabei an bestimmten Punkten, es entsteht ein surreales Zwischenreich der Gedanken.

Daß Andri Beyeler, der seine Stücke auf Schweizerdeutsch schreibt und dann ins Hochdeutsche übersetzen läßt, eine große Begabung für die genaue psychologische Zeichnung seiner Figuren hat, konnte man schon in seinem bekanntesten Stück “the killer in me is the killer in you my love” über fünf junge Menschen und einen Sommer im Schwimmbad sehen. Dieses Stück, geschrieben in einer ganz eigenen Mischung aus Monologen und kurzen Dialogen, wurde in einer Werkstattinszenierung im Rahmen der Autorentage 2002 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführt (Regie: Jorinde Dröse). Das Stück wurde ins Repertoire übernommen und inzwischen auch in anderen Städten nachgespielt. In „je ne m’en souviens plus (mais ce n’est pas vrai)“ radikalisiert Beyeler die Form des Monologs, indem er die Geschichte nur noch über innere Monologe erzählt, anstatt seine Figuren über die Sprache in einen direkten Kontakt treten zu lassen. Beyelers Texte fordern das Theater heraus, eine unkonventionelle Form des Erzählens zu erfinden. Welche Möglichkeiten bieten da die parallelen Gedankenströme der Figuren, wie gestaltet sich der Vorgang, daß Beziehung nicht in dem „dazwischen“ erzählt wird, sondern in dem „jeder für sich“? Welchen Stellenwert hat die Darstellung von Körperlichkeit, die Wahrnehmung des anderen durch die äußere Fassade des Körpers, der analytische Blick auf den Körper, der direkte ‚sprachlose’ Kontakt zum anderen über körperliche Berührung, die gedankliche Ablehnung der Annäherung? Daß der Autor gerade hier eine Möglichkeit sieht, zeigt die Tatsache, daß sich Andri Beyeler gemeinsam mit seiner Schwester, der Choreographin Tina Beyeler, bei der ersten Umsetzung des Textes für eine interdisziplinäre Bühnensprache entschieden hat. In der Roten Fabrik in Zürich wurde der Text im Oktober 2003 mit den Mitteln des Tanzes und der Sprache uraufgeführt. Die Frage wird sein, ob ein solcher Theatertext ohne klassische Dialoge eine solche Form der Aufführung geradezu herausfordert oder ob sich auch konventionellere Perspektiven der Inszenierung bieten.

+++

Der Workshop wird vorgestellt von Inge Zeppenfeld, Dramaturgin, Städtische Bühnen Osnabrück und Stephanie Lubbe, Dramaturgin, Schauspiel Staatstheater Stuttgart.



zurück nach oben  drucken
   

Aktuelles | Jahrestagung | Zeitschrift "dramaturgie" | Über uns | Mitglied werden | Kontakt | Impressum