Diedrich Diederichsen:
Theater ist kein Medium - aber was bewirkt
es, wenn der Mann mit der Videokamera auf der Bühne
arbeitet?
Seiten
Unter den zahllosen
Jahresendlisten und –abrechnungen, die im Dezember
des Jahres 2003 veröffentlicht wurden, konnte
man auch diesen Notruf einer Berliner Kollegin abfangen:
Unter der Rubrik „Wünsche für 2004“
hatte sie nämlich notiert, nur einmal im kommenden
Jahr möge die Volksbühne auf eine Videoprojektion
verzichten. Warum diese Gereiztheit? Kaum vorstellbar
wäre etwa der Ausruf, die Volksbühne möge
doch wenigstens einmal im Jahre 2004 auf sprechende
Schauspieler verzichten, oder auf Musik. Die Videoprojektion
scheint nach wie vor ein Fremdkörper im Theater
zu sein und das scheint sich auch von selbst zu verstehen.
Diskutierenswert ist aus der Perspektive des Theaters
und seiner KritikerInnen offensichtlich nur die Frage,
ob und in welcher Menge dieser im Prinzip verzichtbare
Fremdkörper auf einer Bühne erscheinen darf,
nicht ob er prinzipiell als Fremdkörper zu gelten
hat. Die Gereiztheit über eine oder besser wiederholte
Videoproduktionen verweist darauf, dass sie nicht
zu den Theater-Konstanten, den selbstverständlichen
Mitteln der Darstellung gerechnet werden, sondern
als so etwas wie ein Regieeinfall und daher zu den
Variablen gezählt werden müsse. Und Variable
nerven dann, wenn sie konstant wiederkehren. Das dürfen
sie erst dann, wenn sie als Konstanten akzeptiert
sind.
Nun hat die Selbstreflexion
der Darstellungsmittel in allen Künsten dazu
geführt, dass kaum noch ein solches Mittel als
Selbstverständlichkeit gelten kann und sich daher
jedes und auch auf jeder Ebene der Diskussion stellen
muss und legitimationsbedürftig ist. Die Perspektive
und Methode der Selbstreflexion hat infolgedessen
einerseits die Menge und die Einsatzmöglichkeiten
von Mitteln erhöht, weil sie eine diskursive
Perspektive ist und ohne die Apodiktik des Künstlertums
auskommt - und diskutierbar, also per Diskurs legitmierbar
ist eben zunächst mal alles: auch Journalismus
als Strategie der Bildenden Kunst oder Fernsehen als
Theater. Andererseits lässt aber die universelle
Selbstreflexion alle Mittel als markiert erscheinen
und damit als potenziell vordergrundsfähig, als
potenzielle Hauptsache – und jede ehemalige
Hauptsache darf Nebensache werden. Die Mittel lassen
sich nicht mehr in Genre-spezifische Kernbestände
und Einfall-bedingte Singularitäten scheiden.
Der auffällige und ausgestellter Einsatz von
medialen Apparaturen wird da leicht zum bevorzugten
Kandidaten einer solchen kritischen legitimationsprüfenden
Aufmerksamkeit – und im Ergebnis dann Ursache
von konsensfähiger Genervtheit.
Der Grund liegt nahe:
alle, insbesondere alle Kritiker sind an Diskussionen
über neue Medien gewöhnt und können
oft auf eine besonders reiche Erfahrung an Diskussionen
über den Zusammenhang von neuen Medien und Theater
zurückgreifen, der mindestens bis an die Anfänge
der Avantgarden des 20. Jahrhunderts zurückreicht.
Ebenso alt sind alle möglichen Versuche, den
Gebrauch der unterschiedlichsten neuen Medien in die
Theaterpraxis zu integrieren, wirklich verschiedenartig
sind dabei indes die Register, in denen diese Versuche
bemerkt, benannt und diskutiert werden.
Dabei meint das Wort
Medium in diesen Diskussionen ausgesprochen verschiedene
Dinge: oft technische Einflüsse auf das Bühnengeschehen,
die nicht immer die Kategorie Medium verdienen, sondern
eher die der Apparatur, von der elektrischen Verstärkung
bis zur Projektion; sodann konkurrente Formen von
Öffentlichkeit wie Fernsehen, Kino, Computerkultur,
wo ebenfalls selten das Mediale gemeint ist sondern
meistens bestimmte Erzähl- und Inszenierungsformen,
nicht die dazu nötigen Medien; und schließlich
ästhetische Formate, die mithilfe von medialen
Architekturen als trojanischen Pferden ins Theater
geschleust werden und dort aber als neue, lediglich
medial unterstützte, aber in erster Linien ästhetisch
auffällige oder neue Elemente des Theaters für
Unruhe sorgen - wie etwa dem Fernsehen abgeschaute
höhere Geschwindigkeiten oder auch deren Gegenteile,
die von der installativen Bildenden Kunst beeinflussten
Langsamkeiten. Getanzte Zeitlupen, gelaberte Loops
und gescratchte Dialoge. Schließlich gibt es
den Einsatz von Medien in einem tatsächlich medialen
Sinne, als Extensionen oder Modifikationen der Grundelemente
des kulturellen Formats Theater: Projektion ersetzt
die vierte Wand oder Kameras vervielfachen die Bühnenräume
etc.
Für und gegen alle diese Entwicklungen in ihren
unterschiedlichen konkreten Ausprägungen mag
es gute immanente Argumente geben, die sich aus spezifischer
Ge- oder Mißlungenheit ableiten, generell scheinen
mir aber die allfälligen Streits darunter zu
leiden, dass es jenseits der Verwechslung von jeweils
Technik, Öffentlichkeit und Ästhetik mit
einem verallgemeinerten Medienbegriff, zwei unausgetragene
Unklarheiten gibt: zum einen, ob sich das Theater
selber als ein Medium verstehen will, das sich gegen
andere verteidigen oder von ihnen ergänzen lassen
will und zum anderen welchen Status Medien –
alte wie neue – eben genau dann im Theater haben,
wenn es sich, wofür ich argumentieren möchte,
gerade nicht als ein Medium versteht oder verstehen
sollte.
Es ist offensichtlich
und bedarf wohl keiner ausführlicheren Begründung,
dass Theater aus den verschiedensten künstlerischen
Gattungen und Formaten zusammengesetzt ist, und doch
ist schon diese Formulierung irreführend, weil
sie ein Ganzes aus Teilen suggeriert. Ein solches
Ganzes – wie am berühmt-berüchtigsten
in der Idee des Gesamtkunstwerkes – setzt nämlich
auch ein Integrationsprinzip voraus, das über
aller Zusammengesetztheit stehen müsste und so
auch die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Medien
aufheben würde. Ein solches Prinzip mag in traditionellen
Theaterformen auf der Ebene des Textes, des Dramas
oder in noch traditionelleren in rituellen Funktionen
bestanden haben, aber die Idee, dass es eine solche
Einheit auch auf der Ebene der Ausdrucksmittel geben
könne, ist relativ spät, ist Ausdruck spezifischer
Ideologien im Umkreis des Gesamtkunstwerk-Gedankens
und tatsächlich auch des Aufkommens neuer Medien
im Umkreis des Theaters. Gäbe es nicht diese
Einheitsvisionen auf formaler und z.T. auch eben medialer
Ebene, die ja oft auch gerade dann auftauchten und
lanciert wurden, wenn der klassische Locus der Einheit
– Text und Drama eben – gerade auseinander
zu fallen begann, dann hätte das Theater neue
Medien aller Art ganz entspannt in seinen extrem großen
und weiten Rahmen integrieren können, in dem
doch auch sonst so vieles Platz hat. Die Idee, dass
es angemessene und fremde mediale Praktiken auf der
Bühne gibt, ist also eng verbunden mit dem Aufkommen
von Medien oder vor allem bestimmter Ideen von Medialität
und Medienwirkungen, die zu formalen Einheitsideen
ermutigten.
Anders als in der
Bildenden Kunst hat es im Theater nie eine besondere
Nähe zwischen seinen Medien und seinen Darstellungsmitteln
gegeben. Das Sprechtheater hat in der Regel die Medien
genutzt, die auch die Alltagskommunikation nutzt und
sich nur bei seinen Hintergründen und Supplements
bei den Künsten bedient, die auf einer größeren
Nähe zwischen Medium und Ausdrucksmittel verfügen
– wie etwa die Malerei und in einem gewissen
Sinne auch die Musik. In der Nachfolge Wagners, des
Symbolismus und später Futurismus, von Huysmanns
und gewissen Synästhetisisten oder Synästhetikern
wurden Modelle und Utopien entwickelt, mithilfe von
architektonischen oder medialen Apparaten und Maschinen
auch die Ausdrucksmittel der Künste zu vereinheitlichen,
von einem Zentrum aus steuerbar und programmierbar,
ja vergleichbar und ineinander übersetzbar zu
machen. Und natürlich war das Theater mit seinem
Sammelsurium an Künsten und Kunstfertigkeiten
ein geeigneter Ort oder zumindest ein geeignetes Modell
solcher mediatisierter totaler Kunst.
Es kam jedoch anders
und im Aufstieg des Films ist genau eine solche medial
vereinheitlichte Kunst aus den vielen Künsten
realisiert worden: Regisseure, Bühnenarbeiter,
Darsteller, Beleuchter, Fotografen, Bühnenmaler
und –bildner, sie alle arbeiteten beim Film
nur noch an einem belichteten Streifen Celluloid,
der also wegen und durch seine medialen Eigenschaften
die vielen Künste in ein Objekt einschmolz –
und überließen das Theater seiner natürlichen,
disparaten Heterogenität.
Meanwhile im Lager
der Bildenden Kunst: Auch dort hatte naturgemäß
der Aufstieg neuer Bildmedien stark eingeschlagen.
Wenn wir das 20. Jahrhundert grob resümieren,
kann man sagen, dass dieser Aufstieg dazu geführt
hat, das Verhältnis von Ausdrucksmittel und Medien
in der Bildenden Kunst nach und nach völlig neu
zu definieren. In der Nachfolge von Duchamp und vor
allem seiner neo-avantgardistischen Rezeption in der
Nachkriegszeit und in der Konzept-Kunst der 60er ist
die Bildende Kunst dazu übergegangen, Kunststatus
und Kunst/Nichtkunst-Unterscheidungen eher in externen
Spielregeln, symbolischen Rahmungen wie dem White
Cube der modernistischen Galerie und in den sozialen
und wirtschaftlichen Bindekräften eines Kunst-Milieus
zu situieren als in der traditionellen und auch traditionell
modernistischen Orientierung an den eng miteinander
verbundenen Darstellungsmitteln und Medien in Malerei
und Skulptur – von all diesen Definitionen und
Lokalisierungen gibt es normativ-optimistische und
rein deskriptive, die zum Pessimistischen tendieren.
Ihnen gemeinsam ist, dass sie alle sehr den ähneln,
die das moderne Theater auch in seinen Selbstbeschreibungen
äußert: den Status oder auch die Grenzen
des Formates machen Spielregeln und symbolische Übereinkünfte
aus, an die systematische Stelle des White Cube und
seiner symbolischen Funktion könnte etwa beim
Theater die vierte Wand treten. Obwohl natürlich
diese beiden Übereinkünfte viele Jahrzehnte
der Übertretungen und weitere der Dekonstruktion
hinter sich haben, ist nicht nur ihre symbolische
Virulenz wenig geschwächt, entscheidender ist,
dass mit ihnen der weder medienbezogene noch auf künstlerische
Mittel verweisende Versuch, Theater und Bildende Kunst
über symbolische und soziale Vereinbarungen als
kulturelle Formate – und nicht als Medien -
zu beschreiben, sich als relativ erfolgreich erwiesen
hat. Natürlich gibt es wichtige Unterschiede:
der Druck, den die Anwesenheit eines Publikums erzeugt,
ersetzt oder mildert das symbolische Disziplinierungsbedürfnis
und die Notwendigkeit, Grenzen symbolisch in die Rezeption
einzufräsen, die in der Bildenden Kunst der White
Cube leisten muss. Weswegen auch dessen Dekonstruktion
attraktiver ist.
Wiederum beiden
gemeinsam ist aber, dass man den symbolischen Vereinbarungen
ein soziales Korrelat, je ein Milieu zuordnet, einen
kulturellen Resonanzraum, der die beiden Formate oder
Disziplin dann wieder – gerade durch ihre strukturelle
Ähnlichkeit - stark unterscheidet und dafür
sorgt, dass womöglich identische mediale Praktiken
– z.B. in der Performance Art, in der Bewegt-Bild-Installation
– sich auf ganz unterschiedliche milieu-interne
symbolische Vereinbarungen beziehen und folglich etwas
völlig anderes bedeuten und auch in völlig
unterschiedlichen Maße originell bzw. gut sein
können. Dieser Bezug der symbolischen Spielregeln
auf die Milieus und die ökonomischen Hintergründe
ist auch insofern keineswegs beliebig, als diese auf
sehr spezifische Weise die Hardware der symbolischen
Regel bilden und ihre Genese beeinflusst haben: weiß
gestrichener Galerieraum und die symbolische Architektur
des Theaters haben gewiss eine prä- wie proto-symbolische
Vorgeschichte, eine sozusagen historisch-materialistische
zu erschließende Dimension jenseits ihrer bloßen
Funktion bei der Organisation und Distinktion symbolisch
kultureller Welten. An ihnen lassen sich auch die
gesellschaftlichen Gründe ihrer Genese noch erkennen,
der idealisch weiße, die Kontextualität
zugunsten von Autonomie eindämmende, Sicherheit
und Asyl vor allzu großer Nähe zu den Bedeutungen
da draußen versprechende Raum ebenso wie Bühne,
Zuschauerräume und die ganze symbolische Architektur
des Theaters als exemplarische Öffentlichkeit
und symbolische Wiederholung der Ordnung der Welt.
Der White Cube arbeitet mit der Dialektik von Hereinlassen
und Aussperren von Welt, das Theater mit Wiederholung,
Entziehung und Überbietung derselben.
Der nun schier unüberwindliche
Graben zwischen den Milieus, eher ihrer sozialen Genese
und Realität geschuldet als wesentlichen inhaltlichen
Differenzen, allenfalls der Differenz von überwiegend
staatlich zu überwiegend privatwirtschaftlich
finanziert, dieser Graben der Kenntnisse, Erfahrungen
und Biographien täuscht also über einen
gewissen Bestand an Gemeinsamkeiten hinweg. Man muss
aber unterscheiden, dass die Bildende Kunst sich,
indem sie sich der Medien-Darstellungsmittel-Engführung
entledigte einer traditionell starken und wesentlichen
Selbstbeschreibung entledigte, die nicht nur bis heute
im Volksmund überlebt, sondern auch viel mit
ihrer ökonomischen und kulturellen Herkunft aus
dem Handwerk zu tun hat. Darum wird die Geschichte
dieser Entledigung auch – übrigens kontrafaktisch
- immer wieder gerne als eine von brachialen Paradigmenwechseln
erzählt, in der Schlüsselwerke (Urinoir,
Flaschentrockner, Brillo Box, Art as Idea as Art etc.)
und Schlüsselkünstler (Duchamp, Warhol,
Weiner etc.) heroische Rollen spielen. Hingegen scheint
die Selbstverständigung des Theaters als ein
Bündel loser und erweiterbarer wie reduzierbarer
Praktiken unter dem Regime einiger symbolischer Regeln
eher nach und nach gewachsen zu sein und ist –
soweit ich sehen kann - nicht an Kriegserklärungen
und goldene Worte gebunden. Entsprechend wenig gehört
sie zur Verfügungsmasse der im Alltagsbewusstsein
der Theatermacher abrufbaren theoretischen Statements,
entsprechend unklar und ungeklärt bleibt das
Verhältnis zu neuen Medien. Es hat nie zur großen
Krise geführt, also führt es immer wieder
zu kleinen Krisen.
Dafür gibt
es eine andere sehr bewusste und präsente Problematik
im Selbstverständnis des Theaters und das ist
die Nähe der neuen Medien zur Privatwirtschaft,
zu kapitalistischer Konkurrenz, zu ökonomischen
Prinzipien, die das ökonomische Format –
nämlich staatsabhängig und mittelständisch
- wenigstens des deutschen Stadt- und Staatstheaters
gefährden könnten: neue Medien sind nämlich
immer entweder sehr, sehr billig oder sehr, sehr teuer
– und das Stadttheater liegt diesbezüglich
sehr, sehr dazwischen – genau in der Mitte zwischen
Hollywood-Budgets und alternativen Stadteilaktivismus
mit Net.Art. Doch glaube ich auch nicht, dass diese
Verspannung durch ein Konkurrenzgefühl zu jeder
medialen Produktion, von einer von ihrer bloßen
– tendenziell mittelständisch kalibrierten
– Größenordnung des Theaters her,
das zwischen mediengestützter Ich-AG und Spektakelindustrie
sich als die falsche und überlebte Unternehmenssorte
erweisen könnte, nicht wirklich entscheidend
zur Verantwortung gezogen werden kann, für das
immer wieder aufflammende Krisengespräch über
zuviel (oder auch zuwenig) neue Medien im Theater.
Denn, wenn es darum
geht, was an deren Einsatz falsch wäre, wird
man sofort eine ganze Reihe von medialen Einflusstypen
als konsensfähig und für unbedenklich erklärt
streichen. Als Thema und Gegenstand sind sie kein
Problem, als zitierte Ausdrucksmittel, die von einer
medialen Realität in die des Theaters überführt
werden auch nicht. Als apparative Aufrüstung
stören sie nur die, die auch gegen traditionelle
Apparate für armes Theater plädiert hatten.
Ich glaube nicht einmal, dass großformatige,
das Bühnengeschehen nicht erweiternde, sondern
oft unterberechende Videoprojektionen wie sie in diesem
Hause (der Volksbühne) häufiger vorkommen,
normalerweise ein Problem wären, wenn sie stärker
mit der visuellen Kulinarik des elektronischen Bildes
arbeiten würden – sie würden dann
allenfalls aus Geschmacksgründen abgelehnt oder
als Extension des Theaterraums begrüßt
werden, als neue Form des Bühnenbildes, nicht
als Attacke auf den Bestand. Dafür ist meiner
Ansicht nach eine andere Entwicklung verantwortlich
und sie gilt es präziser beim Namen zu nennen.
Ich halten sie auch für eine tatsächlich
interessante solche.
Es geht nämlich
nicht um Medien. Es geht um ein Medium, es geht um
Video. Es geht auch nicht um jeden Einsatz von Video:
bühnenbildnerische sind meistens unproblematisch,
es geht um Video in zwei Verwendungen. Zum einen wären
dies Videoprojektionen, die nicht als Verschönerungen
oder Extensionen oder Metareflexionen des Bühnenraumes
gelesen werden können, sondern sich als das Eindringen
der schmutzig-häßlichen Welt des Fernseh-Narrativ
lesen lassen müssen: und zwar auf einer produktionsästhetischen
Ebene, nicht als wohlfeiles Zitat. Zum anderen ist
es die Videokamera in unmittelbarer Verschaltung mit
einem beweglichen Akteur, nicht im Sinne einer Thematisierung
seiner Körperlichkeit – wie es sie im experimentellen
Theater wie in der Performance-Kunst seit Ewigkeiten
und längst kritisch durchgewunken gibt –
sondern im Sinne seiner Thematisierung als dramatischer
Rollenträger mit Kamera, als Mann mit der Videokamera:
im Sinne einer Karikatur des Mannes mit der Filmkamera
und der an ihn in den 20er Jahren von unter anderem
seinem Erfinder, Dziga Vertov, gesetzten Hoffnungen.
Beide Anwendungen
sind tatsächlich Spezialitäten dieses Hauses
und nicht nur von Inszenierungen ihres Intendanten.
Was aber macht ihre Spezifik aus, in welcher Weise
durchbrechen sie den längst etablierten Konsens,
dem Theater eine prinzipielle Intermedialität
im Rahmen seiner symbolischen Spielregeln zuzugestehen?
Wenn man etwa in Hans Thies Lehmanns einflussreicher
Schrift über das postdramatische Theater über
das Verhältnis jüngeren Theaters zu technischen
und elektronischen Medien liest, fällt auf, dass
er für ein Theater, das mit elektronischen Medien
arbeitet, synonym immer wieder den Begriff High-Tech-Theater
einsetzt. Das zeigt, dass elektronische Medien, auch
dann wenn das weder ökonomisch noch technisch
zutreffend war, immer als teuer und avanciert verstanden
wurden, womit im Subtext die implizite Kritik auch
verbunden sein konnte, dass durch die Verwendung von
High-Tech die ästhetische Avanciertheit zu kurz
kommt, denn sie wird ja an die Technologie delegiert,
nur die ist dann avanciert.
Weniger bekannt
ist aber, dass technische Medien heutzutage auch Low
Tech sein können, ja, da der nichtmediale Rest
des Theater technisch nicht markiert ist, sogar die
einzige Möglichkeit darstellen zu einem alltäglichen
und verbreiteten Mediengebrauch, jenseits der bloßen
Zitation, sich zu verhalten, der nicht mehr als ästhetische
Bereicherung oder Konkurrenz sich lesen lässt,
sondern vielmehr als Kommentar zu medialen und ästhetischen
Verhaltensweisen der Zeitgenossen fungiert. Dieser
billige, aber mobile, trashige, aber treffende Alltagsumgang
mit der Kamera ist die andere Seite der Spektakelindustrie,
aber auch ohne sie nicht zu verstehen. Dieser Umgang
hat wenig noch zu tun mit den aufklärerischen,
an dokumentarische Formate gebundenen Hoffnungen,
die einst mit ihm verbunden waren, sondern steht eher
für den unumwunden, hochbeschleunigten verwertenden
Zugriff auf Bilder von Lebendigkeit in alltäglichen,
kleinen Ausbeutungsverhältnissen. Gleichzeitig
sind mobile Videobilder auch eng verbunden mit schnellen
und kurzfristigen Ermächtigungseffekten, Kompensationen
der eigenen Bedeutungslosigkeit.
Es ist also auf dem
ersten Blick kein formaler Aspekt dieses Mediums,
der ausgestellten, beweglichen Videohandkamera, der
zählt, sondern seine enge Verbundenheit mit einer
neuen Alltagsästhetik und Alltagsperformativität
der Low Culture. In den großen Videoprojektionen
ist dies auch entscheidend, wenn auch leicht verschoben.
Was an der großen Projektion während „Der
Meister und Margarita“ etwa skandalisierte,
war nicht nur die Länge und Ununterbrochenheit,
die ihr zugebilligt wurde, auch nicht, dass in ihr
geschehen durfte, was sonst so selten geschehen darf,
dass eine Erzählung unumwunden voranschreiten
konnte und der Bühne das Drama wegzunehmen drohte:
als hochauflösende Videoinstallation oder als
35mm-Film wäre das kein Problem gewesen. Der
Skandal bestand darin, dass es sich um eine Fernsehübertragung
aus Golgatha handelte, keine Bill-Viola-Feierlichkeiten,
sondern eine in jeder Kamerabewegung erkennbare RTL-II-Ästhetik.
Diese mit der Videokamera
und –Projektion entstandenen Indices gesellschaftlicher
Wirklichkeit entwickeln dennoch auch einen formalen,
theaterästhetischen Vorschlag zum Status von
elektronischen Medien: diese muss man sich nämlich
im Theater als Ausdrucksmittel vorstellen, so wie
andere auch. Da sie nicht mit dem Theater zusammenfallen,
sondern nur, wie so viele andere Ausdrucksmittel auch,
sich zu einer Aufführung hinzuaddieren dürfen,
müssen sie so behandelt werden wie die anderen.
Denn das Theater ist kein Medium, es nimmt nur Medien
als Ausdrucksmittel auf, nicht als Medium. Eine Aufführung
wird ja nicht zum Videofilm, sie bleibt eine Aufführung.
Aus diesem Grunde ist nicht die ästhetisch-ontologische
Seite an elektronischen Medien im Theater interessant
wie bei der Bildenden Kunst, die sich komplett re-definieren
musste, nachdem ihr mediale Konkurrenz erstanden war.
Es ist nicht interessant, wie und ob elektronische
Medien, die formalen Rahmenbedingungen des Theaters
grundsätzlich erschüttern. Es geht eher
darum, inwieweit ihnen als Mitteln dieselbe kenntnisreiche
Sorgfalt entgegen gebracht wird, wie anderen, konventionellen
Ausdrucksmitteln: d.h. sie sind nicht sauber, geschichtslos,
mechanisch, formal. An ihnen kleben Verwendungsgeschichten,
metonymische Inhalte, mediengeschichtliche Katastrophen
und Epiphanien, aber vor allem Alltagsrealität.
Dies sind die Maschinen, mit denen die Subjekte ihre
Freizeitarbeit verrichten. Sie sprechen ihren Dialekt.
Man muss mit ihnen umgehen wie mit Sprechweisen –
deren Geschichte, Manieriertheiten, Abgedroschenheiten
etc., unter Umgehung der üblichen Fallen wie
reiner Naturalismus, reine Distanzierung etc. Doch
schon der bloße Anblick einer Kamera, nicht
erst des Bildes, das sie erzeugt, kann brüllend
komisch sein.
Dann erst, wenn man sich klar macht, dass z.B. Video
nicht nur dann low tech ist, wenn man billige und
in Arbeitslosenfamilien und Privatfernsehproduzentenklitschen
verbreitete Formate verwendet, sondern dass es ein
gesellschaftlich verworfenes Medium ist, das im Zweifelsfall
immer dann verantwortlich gemacht wird, wenn Jugendliche
verrohen, ihre Eltern verblöden und alle bis
an den Rand übersexed sind – obwohl all
die vermeintlich von Horror-Videos verführten
Schlitzkiller und Amokläufer meistens Fernseh-
und Kinokopien gesehen haben – dann erst, wenn
die Verwendung des Mediums durch seine gesellschaftlichen
Images, seine Rezeptions- und seine Technikgeschichte
hindurchgegangen ist, dann, ja dann kann man auch
den Bühnenraum ganz komisch öffnen, 360-Grad-Zuschauerräume
entwickeln und die formalen, architektonischen, physischen,
ja dramaturgischen Möglichkeiten dieser Augen-Prothesen
nutzen – und schließlich sogar die symbolischen
Sicherheiten ein bisschen erschüttern, die beim
Theater immer jede mediale Bestimmung überlagern
und dominieren. Der Mann mit der Videokamera erhält
dann in der doppelten Verneinung seines alten utopischen
Vorfahren ein bisschen von seinem Realismus-Versprechen
zurück.