"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2004

Carl Hegemann:
Was bewirkt die Kamera auf der Bühne bei den Schauspielern?

Seiten

Lars Mit diesem Videomedium beschäftigen wir uns an der Volksbühne offensichtlich, um etwas zu haben, woran wir uns abarbeiten können und was nicht nur irgendeine Art von Perfektion ins Theater bringt, die Menschen nicht entspricht oder noch nicht entspricht. Wir haben lediglich damit mal in Gedanken experimentiert, als wir dieses `laßt uns Menschen machen´ anfingen, diese Elementarteilchengeschichten, wo Gentechnologie und digitale Technologie plötzlich eine Einheit bilden. Da haben wir festgestellt, wir wollen damit nichts zu tun haben. Jedenfalls Castorf können die ganze Gentechnologie, alle medialen und digitalen Perfektionsapparaturen gestohlen bleiben. Dem geht es darum, das Medium, das er zu Hause stehen hat, den Fernsehapparat, mit seiner eigenen künstlerischen und ästhetischen Praxis zu konfrontieren, so daß er es auf irgendeine Weise bearbeiten kann und in der Hand hat. Das ist erst mal der Ausgangspunkt.

Jetzt passiert auf der Bühne allerdings etwas Bemerkenswertes, was sich wirklich völlig davon unterscheidet, daß man ein Transistorradio auf die Bühne stellt oder irgendwelche anderen Gegenstände, die man aus der Welt auf die Bühne stellt. Das interessante ist ja zunächst mal, daß sowohl der Fernsehapparat als auch die Kinoleinwand per Definition für sich stehen. Wenn ich fernsehen gucke, dann gilt das Wohnzimmer nicht, dann gilt nur dieses Display. Alles andere wird ausgeblendet. Auch bei der Leinwand, in dem Moment, wo das Licht ausgeht, ist das Kino weg, und ich versetze mich in das Kino-Bild. Wenn ich die Leinwand oder den Fernseher aber auf die Bühne stelle, gibt es einen Statuswandel der Leinwand oder des Fernsehapparates, weil sie zum Requisit werden. Sie sind plötzlich in einem Kontext. Die Leinwand steht in einem Kontext, dadurch wird das Bühnenbild zur Installation. Das scheint mir ein wichtiger Vorgang zu sein, der von den Kritikern kaum wahrgenommen wird, daß der Status dieser Leinwand im Theater ein völlig anderer wird, nämlich sie wird mit einer Umwelt konfrontiert. Und dieses Phänomen wird natürlich noch potenziert, wenn auf dieser Leinwand und auf diesen Fernsehern zu sehen ist, was um sie herum stattfindet. Dann kann man sich über die Effekte unterhalten, die das auslöst.

Der wichtigste Effekt für Castorf ist zur Zeit – bei seiner letzten Produktion ‘Forever Young‘ – kurioserweise das Dokumentarische. Nicht Fernsehen als Manipulationsmedium, das interessiert ihn gar nicht. Ihn interessiert die Möglichkeit, daß der Mann mit der Videokamera die Füße von Kathrin Angerer filmt und dass die dann sagt ‘Ich will nicht, daß du meine Füße filmst, weil die sind häßlich‘. Und Wuttke sagt dann ‘Ach, hast du bei deinen tollen Filmen immer ein Fußdouble gehabt?!‘ Und man sieht dann die Füße wirklich und kann sich selbst über die Kamera ein Bild machen, wie häßlich diese Füße sind.

Castorf geht in seinem Zynismus, den ich aber wirklich für einen sehr reflektierten Zynismus halte, soweit zu sagen, mit Hilfe der Kamera kann ich die Schauspieler so zeigen, wie sie sich selbst nicht sehen wollen. Das ist unser möglicherweise infames Bedürfnis, die Möglichkeiten von Theater mit Hilfe des Mannes mit der Kamera auf eine Weise zu erweitern, daß die Schauspieler nicht nur so gezeigt werden können, wie sie sich sehen wollen, sondern auch, wie sie sich selbst nicht sehen wollen. Dadurch kommt natürlich eine Ehrlichkeit oder ein dokumentarischer Charakter von Menschenschicksalen in die Produktion rein, die das herkömmliche Theater überwindet. Deshalb ist die Benutzung dieses Mediums Video im Theater etwas völlig anderes als eine Illustration oder Dokumentation durch Bilder, vielmehr kann man gleichzeitig das Illusionäre sehen, das das Theater herstellt und wie es durch den Blick des Mannes mit der Kamera unmittelbar gebrochen wird. Wenn man diese beiden Positionen vergleicht und sich die Möglichkeiten anguckt, die da rauskommen, kommt man zu dem Schluß, das ist neu in der Geschichte. Man kann nämlich mit Hilfe dieser Kombination der Ausdrucksmittel Theater und Videomedium etwas schaffen, was es weder in dem einen noch in dem anderen gibt. Es geht um das erstaunliche Phänomen in der Verwendung eines in den letzten fünfzig Jahren erfundenen Requisits im Theater. Damit verändern sich Grundverabredungen des Theater, von denen man dachte, die bleiben 2500 Jahre die gleichen. Und alles Avantgardistische und alles Experimentelle im Theater dient nur dazu, diese Grundverabredungen letztlich zu bestätigen.

Eine Grundverabredung des Theater ist, das es Schauspiel ist, daß die Schauspieler auf eine Bühne erhoben sind, so daß die Leute sie sehen können. Und daß sie möglichst alles, was sie spielen, so machen, daß das Publikum sie am besten sehen kann. Die Aufgabe des Regisseurs besteht im Grunde genommen in nichts anderem als dafür zu sorgen, daß die Schauspieler sich nicht gegenseitig die Sicht nehmen. Und jetzt kommt Bühnenbildner Neumann - das fing an mit ‘Endstation Sehnsucht‘ - und baut ein vollkommen geschlossenes Badezimmer und sagt, dann hört man die Schauspieler eben nur, die drin sind. Dazu sagt Castorf, daß er das nicht machen kann. Neumann meint, die Tür ist auf, man kann doch durch die Tür gucken. Castorf sagt, nein, das widerspricht allen Grundverabredungen des Theaters. Bert Neumann wollte als Experiment mal probieren, die vierte Wand nicht zu beseitigen, sondern sie komplett zu schließen und zu gucken, was passiert. Er hat immerhin noch extrem große Fenster eingebaut und dann auch Mikrophone. Castorf wollte fast alles im Badezimmer spielen lassen und dann kam der geniale Gedanke – vor Big Brother – wir stellen die Kamera da rein. Und damit war es möglich, eine grundlegende Theaterverabredung dann wirklich zu verletzen und gleichzeitig mit Hilfe dieses anderen Mediums auf eine Weise wieder zu erfüllen, die einen besonderen Effekt hat. Und das scheint mir eine Schlüsselstelle zu sein, die völlig anders ist als wenn irgendwelche japanischen oder wildgewordenen oder schlingensiefmäßigen Theatergruppen zum Beispiel die Zuschauer einsperren.

Man kann das einmal machen, um die Regel zu zeigen: Zuschauer müssen die Möglichkeit haben, ein Theaterstück jederzeit zu verlassen. Und so kann man auch einmal die Bühne zumauern, um die unausgesprochenen Hintergrundannahme deutlich zu machen: Eine Bühne hat einfach in Richtung der Zuschauer offen zu sein und sie hat sichtbar zu sein. Man kann auch mal wie bei Marthaler eine Szene im Dunkeln spielen lassen, aber es hat immer nur die Bedeutung: Eigentlich muß genug Licht da sein, damit die Zuschauer auch sehen. Und jetzt plötzlich mit Infrarot-Kameras kann man das alles machen, und der Zuschauer muß nicht düpiert nach Hause gehen, sondern kann etwas besonders Interessantes genießen. Das ist, was eigentlich das Sensationelle ist, wenn wir hier über Schnittstelle Theater reden. Es ist da etwas reingekommen, was Dinge möglich macht, die früher nur als Witz oder als Experiment oder als Beweis, daß das nicht geht, im Theater möglich waren, und die jetzt als Erfolgsproduktionen möglich sind, jenseits eines experimentellen Status.

Das kann man bei der Inszenierung von ‘Forever Young‘ sehen, wo wir die Kamera einfach auf eine Weise benutzen, daß man sich darum keine großen Gedanken macht. Die Hälfte des Stücks spielt live hinter der Bühne. Das ist natürlich auch als eine Art von Verschwendung zu sehen, das merken die Schauspieler und sagen, warum können wir nicht, wenn hinter der Bühne ist, Karten spielen gehen oder in die Kantine. Man kann dann doch einfach das Video von der letzten Vorstellung zeigen. Das sagen sie aber eigentlich nur als Witz, weil sie genau wissen, daß das nicht geht. Die Sache mit dem Video auf der Bühne ist keine Arbeitserleichterung, sondern mit Sicherheit eine extreme Arbeitserschwerung und eine größere Selbstpreisgabe der Schauspieler, als wenn diese Kameras nicht da wären.

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