Carl Hegemann:
Was bewirkt die Kamera auf der Bühne
bei den Schauspielern?
Seiten
Lars Mit diesem Videomedium
beschäftigen wir uns an der Volksbühne offensichtlich,
um etwas zu haben, woran wir uns abarbeiten können
und was nicht nur irgendeine Art von Perfektion ins
Theater bringt, die Menschen nicht entspricht oder
noch nicht entspricht. Wir haben lediglich damit mal
in Gedanken experimentiert, als wir dieses `laßt
uns Menschen machen´ anfingen, diese Elementarteilchengeschichten,
wo Gentechnologie und digitale Technologie plötzlich
eine Einheit bilden. Da haben wir festgestellt, wir
wollen damit nichts zu tun haben. Jedenfalls Castorf
können die ganze Gentechnologie, alle medialen
und digitalen Perfektionsapparaturen gestohlen bleiben.
Dem geht es darum, das Medium, das er zu Hause stehen
hat, den Fernsehapparat, mit seiner eigenen künstlerischen
und ästhetischen Praxis zu konfrontieren, so
daß er es auf irgendeine Weise bearbeiten kann
und in der Hand hat. Das ist erst mal der Ausgangspunkt.
Jetzt passiert auf der Bühne allerdings etwas
Bemerkenswertes, was sich wirklich völlig davon
unterscheidet, daß man ein Transistorradio auf
die Bühne stellt oder irgendwelche anderen Gegenstände,
die man aus der Welt auf die Bühne stellt. Das
interessante ist ja zunächst mal, daß sowohl
der Fernsehapparat als auch die Kinoleinwand per Definition
für sich stehen. Wenn ich fernsehen gucke, dann
gilt das Wohnzimmer nicht, dann gilt nur dieses Display.
Alles andere wird ausgeblendet. Auch bei der Leinwand,
in dem Moment, wo das Licht ausgeht, ist das Kino
weg, und ich versetze mich in das Kino-Bild. Wenn
ich die Leinwand oder den Fernseher aber auf die Bühne
stelle, gibt es einen Statuswandel der Leinwand oder
des Fernsehapparates, weil sie zum Requisit werden.
Sie sind plötzlich in einem Kontext. Die Leinwand
steht in einem Kontext, dadurch wird das Bühnenbild
zur Installation. Das scheint mir ein wichtiger Vorgang
zu sein, der von den Kritikern kaum wahrgenommen wird,
daß der Status dieser Leinwand im Theater ein
völlig anderer wird, nämlich sie wird mit
einer Umwelt konfrontiert. Und dieses Phänomen
wird natürlich noch potenziert, wenn auf dieser
Leinwand und auf diesen Fernsehern zu sehen ist, was
um sie herum stattfindet. Dann kann man sich über
die Effekte unterhalten, die das auslöst.
Der wichtigste Effekt für Castorf ist zur Zeit
– bei seiner letzten Produktion ‘Forever
Young‘ – kurioserweise das Dokumentarische.
Nicht Fernsehen als Manipulationsmedium, das interessiert
ihn gar nicht. Ihn interessiert die Möglichkeit,
daß der Mann mit der Videokamera die Füße
von Kathrin Angerer filmt und dass die dann sagt ‘Ich
will nicht, daß du meine Füße filmst,
weil die sind häßlich‘. Und Wuttke
sagt dann ‘Ach, hast du bei deinen tollen Filmen
immer ein Fußdouble gehabt?!‘ Und man
sieht dann die Füße wirklich und kann sich
selbst über die Kamera ein Bild machen, wie häßlich
diese Füße sind.
Castorf geht in seinem Zynismus, den ich aber wirklich
für einen sehr reflektierten Zynismus halte,
soweit zu sagen, mit Hilfe der Kamera kann ich die
Schauspieler so zeigen, wie sie sich selbst nicht
sehen wollen. Das ist unser möglicherweise infames
Bedürfnis, die Möglichkeiten von Theater
mit Hilfe des Mannes mit der Kamera auf eine Weise
zu erweitern, daß die Schauspieler nicht nur
so gezeigt werden können, wie sie sich sehen
wollen, sondern auch, wie sie sich selbst nicht sehen
wollen. Dadurch kommt natürlich eine Ehrlichkeit
oder ein dokumentarischer Charakter von Menschenschicksalen
in die Produktion rein, die das herkömmliche
Theater überwindet. Deshalb ist die Benutzung
dieses Mediums Video im Theater etwas völlig
anderes als eine Illustration oder Dokumentation durch
Bilder, vielmehr kann man gleichzeitig das Illusionäre
sehen, das das Theater herstellt und wie es durch
den Blick des Mannes mit der Kamera unmittelbar gebrochen
wird. Wenn man diese beiden Positionen vergleicht
und sich die Möglichkeiten anguckt, die da rauskommen,
kommt man zu dem Schluß, das ist neu in der
Geschichte. Man kann nämlich mit Hilfe dieser
Kombination der Ausdrucksmittel Theater und Videomedium
etwas schaffen, was es weder in dem einen noch in
dem anderen gibt. Es geht um das erstaunliche Phänomen
in der Verwendung eines in den letzten fünfzig
Jahren erfundenen Requisits im Theater. Damit verändern
sich Grundverabredungen des Theater, von denen man
dachte, die bleiben 2500 Jahre die gleichen. Und alles
Avantgardistische und alles Experimentelle im Theater
dient nur dazu, diese Grundverabredungen letztlich
zu bestätigen.
Eine Grundverabredung des Theater ist, das es Schauspiel
ist, daß die Schauspieler auf eine Bühne
erhoben sind, so daß die Leute sie sehen können.
Und daß sie möglichst alles, was sie spielen,
so machen, daß das Publikum sie am besten sehen
kann. Die Aufgabe des Regisseurs besteht im Grunde
genommen in nichts anderem als dafür zu sorgen,
daß die Schauspieler sich nicht gegenseitig
die Sicht nehmen. Und jetzt kommt Bühnenbildner
Neumann - das fing an mit ‘Endstation Sehnsucht‘
- und baut ein vollkommen geschlossenes Badezimmer
und sagt, dann hört man die Schauspieler eben
nur, die drin sind. Dazu sagt Castorf, daß er
das nicht machen kann. Neumann meint, die Tür
ist auf, man kann doch durch die Tür gucken.
Castorf sagt, nein, das widerspricht allen Grundverabredungen
des Theaters. Bert Neumann wollte als Experiment mal
probieren, die vierte Wand nicht zu beseitigen, sondern
sie komplett zu schließen und zu gucken, was
passiert. Er hat immerhin noch extrem große
Fenster eingebaut und dann auch Mikrophone. Castorf
wollte fast alles im Badezimmer spielen lassen und
dann kam der geniale Gedanke – vor Big Brother
– wir stellen die Kamera da rein. Und damit
war es möglich, eine grundlegende Theaterverabredung
dann wirklich zu verletzen und gleichzeitig mit Hilfe
dieses anderen Mediums auf eine Weise wieder zu erfüllen,
die einen besonderen Effekt hat. Und das scheint mir
eine Schlüsselstelle zu sein, die völlig
anders ist als wenn irgendwelche japanischen oder
wildgewordenen oder schlingensiefmäßigen
Theatergruppen zum Beispiel die Zuschauer einsperren.
Man kann das einmal machen, um die Regel zu zeigen:
Zuschauer müssen die Möglichkeit haben,
ein Theaterstück jederzeit zu verlassen. Und
so kann man auch einmal die Bühne zumauern, um
die unausgesprochenen Hintergrundannahme deutlich
zu machen: Eine Bühne hat einfach in Richtung
der Zuschauer offen zu sein und sie hat sichtbar zu
sein. Man kann auch mal wie bei Marthaler eine Szene
im Dunkeln spielen lassen, aber es hat immer nur die
Bedeutung: Eigentlich muß genug Licht da sein,
damit die Zuschauer auch sehen. Und jetzt plötzlich
mit Infrarot-Kameras kann man das alles machen, und
der Zuschauer muß nicht düpiert nach Hause
gehen, sondern kann etwas besonders Interessantes
genießen. Das ist, was eigentlich das Sensationelle
ist, wenn wir hier über Schnittstelle Theater
reden. Es ist da etwas reingekommen, was Dinge möglich
macht, die früher nur als Witz oder als Experiment
oder als Beweis, daß das nicht geht, im Theater
möglich waren, und die jetzt als Erfolgsproduktionen
möglich sind, jenseits eines experimentellen
Status.
Das kann man bei der Inszenierung von ‘Forever Young‘
sehen, wo wir die Kamera einfach auf eine Weise benutzen,
daß man sich darum keine großen Gedanken
macht. Die Hälfte des Stücks spielt live
hinter der Bühne. Das ist natürlich auch
als eine Art von Verschwendung zu sehen, das merken
die Schauspieler und sagen, warum können wir
nicht, wenn hinter der Bühne ist, Karten spielen
gehen oder in die Kantine. Man kann dann doch einfach
das Video von der letzten Vorstellung zeigen. Das
sagen sie aber eigentlich nur als Witz, weil sie genau
wissen, daß das nicht geht. Die Sache mit dem
Video auf der Bühne ist keine Arbeitserleichterung,
sondern mit Sicherheit eine extreme Arbeitserschwerung
und eine größere Selbstpreisgabe der Schauspieler,
als wenn diese Kameras nicht da wären.