"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2004

Jens Roselt:
Medien dürfen auch Spaß machen – und das Theater bleibt der Souverän

Seiten

Lars von Triers neuer Film Dogville hat nicht wenige Interpreten dazu verleitet, Vergleiche zwischen dem Film und den ästhetischen Praktiken des Theaters zu ziehen. Man sprach plötzlich wieder von Brechts epischem Theater oder erkannte in der besonderen Raumanordnung des Sets eine Bühnensituation. Trotzdem konnte man im Feuilleton keine entnervten Filmkritiker vernehmen, die von einer Anbiederung des Films an das Theater sprachen und damit die Selbstaufgabe und das Ende des Kinos prophezeiten.

Ähnlich selbstbewusst ist die Theaterkritik im umgekehrten Fall nicht immer gewesen. Als Anfang der neunziger Jahre Videoprojektion und Fernsehmonitore den engen Zirkel der Performancekunst verließen und auf den Bühnen deutscher Stadttheater auftauchten, konnte dies Zuschauer wie Kritiker noch entsetzen. Merkwürdig: Menschen, die wahrscheinlich jeden Tag zu Hause sitzen und mehrere Stunden Fernsehen gucken, reagieren, wenn sie die Mattscheibe durch das Proszenium des Theaters gerahmt sehen, als würden sie das Haupt der Medusa erblicken. Aber diese Zeit von Schreck und Irritation ist vorbei. So manche Videoprojektion wird inzwischen gelangweilt zur Kenntnis genommen, gilt als bloßer Effekt oder sinnlose Zutat. Auf die Faustregel ein Fernseher auf der Bühne = experimentelles Theater, zehn Fernseher = besonders experimentelles Theater fällt selbst das Abonnement nicht mehr herein.

Die Verwendung anderer, neuer Medien im Theater ist also ein probates Mittel geworden. Dennoch ist dieser Einsatz nicht selbstverständlich, d.h. er fordert Begründungen und Erklärungen heraus. Bezeichnenderweise wird gerade dann, wenn unterschiedliche Medien miteinander verbunden oder konfrontiert werden, die Frage nach den spezifischen Eigenarten des einzelnen Mediums besonders virulent. Über dem Fernseher auf der Bühne schwebt gewissermaßen auch die Frage: Was ist Theater? Was macht es einzigartig, und worin besteht der Unterschied zu anderen Medien technischer Reproduktion?

Ad hoc haben Theaterenthusiasten eine Reihe von Begriffen parat, die für das Theater in die Waagschale geworfen werden können: Echtheit, Körperlichkeit, Unmittelbarkeit, Authentizität, Wahrhaftigkeit oder Präsenz. Diese Merkmale und die Exklusivrechte, die Theaterleute lapidar dafür beanspruchen, werden durch den Einsatz anderer, neuer Medien im Theater jedoch auf die Probe gestellt. Was affiziert denn den Blick der Zuschauer mehr: ein Körper auf der Bühne oder ein Körper im Monitor auf der Bühne oder beides? Was ist Original und was ist Kopie, wenn die Blicke der Zuschauer hin und her zappen müssen? Was bedeutet Unmittelbarkeit, wenn man angesichts einer Schauspielerin auf der Bühne und der Nahaufnahme ihres Gesichts als Live-Projektion viel häufiger auf die mediale Repräsentation statt auf die präsente Person blickt?
Es tut dem Theater gut, sich durch die Begegnung der medialen Art verunsichern zu lassen. Und dabei kann es durchaus fraglich sein, ob Theater überhaupt etwas zeitlos Eigenes hat, was gegen das zeitgeistig Fremde neuer Medien geschützt werden müsste. Dass man heute beispielsweise häufig von Präsenz spricht, wenn man die Arbeit von Schauspielern beschreibt, ist nicht dem zeitlosen Wesen des Theaters geschuldet, sondern selbst schon Ausdruck einer medialen Verschiebung. In den Schauspieltempeln des 19. Jahrhunderts, die sich das Wahre, Schöne und Gute über die Tür gemeißelt haben, hätte man mit Präsenz nicht viel anfangen können. Dem Repräsentationsanspruch des bürgerlichen Theater war die konkrete Körperlichkeit des Schauspielers gerade zuwider.

Die Behauptung, Theater würden sich heute neuen Medien an den Hals werfen, gar mit ihnen wetteifern, um deren Erfolg zu kopieren und die eigene blutarme Einfallslosigkeit zu kaschieren, trifft nicht zu, denn die Tendenz zur medialen Mischung oder Hybridisierung ist gar kein Phänomen, das ausschließlich das Theater trifft. Es handelt sich vielmehr um einen Trend, der in allen zeitgenössischen Künsten zu beobachten ist. So kann man derzeit in der bildenden Kunst eine massive Art der Theatralisierung beobachten, etwa bei der Gestaltung von Ausstellungen. Betrachter werden zu Zuschauern in inszenierten Räumen. In Installationen und Performances wird mit Darstellern und Live-Situationen gearbeitet. Bildende Kunst wird nicht mehr nur aufgehängt und ausgestellt, sondern inszeniert und aufgeführt. Also zapfen auch andere Künste schamlos das Theater an, um den eigenen Blutdruck hoch zu halten.

Ein Aspekt wird in der Diskussion häufig unterschlagen: Medien sind nicht nur visuelle Phänomene, sondern auch akustische. Dies gilt zunächst für die Verwendung von Musik, ohne die es im Theater inzwischen gar nicht mehr geht. Die mitunter unangenehme Gemeinsamkeit von Supermärkten, Staatstheatern und billigen Restaurants besteht darin, dass man nahezu unablässig mit Musik umspült wird, als seien emotionale Vorgänge vor allem Sache des Gehörs. Auch die Verwendung von Mikrophonen und Verstärkern ist in das Repertoire aufgenommen. Interessant sind jene Momente, in denen Bildspur und Tonspur getrennte Wege gehen. Wenn die Stimme des Schauspielers unabhängig von seinem Körper gehört werden kann, wird damit eine Wahrnehmung des Zuschauers möglich gemacht, die dessen alltäglichen Erfahrungen widerspricht. Angesichts dieser Entwicklung muss man nicht zwangsläufig von einer Verabschiedung des Schauspielers und der Schauspielkunst aus dem Theater sprechen. Denn der Einsatz von Videoprojektionen, Live-Aufnahmen und der medialen Bearbeitung und Vervielfältigung von Stimmen und Sprache stellt die Frage nach dem Schauspieler und insbesondere der Materialität seines Körpers neu.

Die Schnittstellen zwischen theatraler Präsenz und den Repräsentationspraktiken neuer Medien markieren damit das heikle Terrain des zeitgenössischen Theaters. Dies gilt um so mehr, als sich der mediale Umbruch in den vergangenen zehn Jahren radikalisiert hat. Die Potenzierung des Programmangebots des Fernsehens, die Verbreitung von Computern und die allgegenwärtige Verwendung von Videotechnik strukturieren Wahrnehmungsformen in einer Art und Weise neu, von der das Theater nicht unberührt bleibt. Dieser Einfluss macht sich nicht nur dann geltend, wenn tatsächlich ein Medium wie das Fernsehen auf der Bühne verwendet wird, sondern er sickert auch tiefer in die Dramaturgie ein. Erinnert sei an die Freude am Geschichtenerzählen, die noch in den frühen neunziger Jahren für avanciertes Theater tabuisiert wurde, das erneute Erproben von Schnitt und Montage als theatrale Verfahren und vor allem die Beschäftigung mit Zeitstrukturen: die Übertragung serieller Formate auf das Theater (Theatersoaps) und die ostentative Thematisierung von Zeiterfahrung, die beispielsweise mit Marthalers Warteorgien eine Gegenposition zur Reizflut neuer Medien setzt.

Will man diese Entwicklung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen, könnte man sagen, dass durch diese Verfahren Wahrnehmung im Theater selbst zum Thema wird. Die Wahrnehmung der Zuschauer dient hier nicht nur der möglichst unkomplizierten Informationsaufnahme, sondern spielt sich selbst in den Vordergrund. Die Mediennutzung im Alltag muss besonders reibungslos geschehen. Medien sind gerade dann effizient, wenn sie selbst nicht in Erscheinung treten, sondern in dem verschwinden, was sie vermitteln. Je problemloser, selbstverständlicher und unauffälliger sie ihre eigene Rolle dabei spielen, desto produktiver sind sie. Es darf gewissermaßen keine Reibungsverluste geben. Im Theater ist das häufig anders, hier werden die Medien nach vorne geschubst, ihre Verfahren werden ausgestellt und vorgeführt. So wird die Selbstverständlichkeit medialer Vermittlung im Alltag auf der Bühne auf den Kopf gestellt. Inszenierungen mit neuen Medien suchen häufig die Reibungsverluste, die Verzerrungen und Verzögerungen, die Lücken im Film, die Risse der Darstellung, den Abbruch der Übertragung. Die Einblendung: „Störung. Wir bitten um etwas Geduld“ ist der Supergau des Fernsehens, sie treibt die Quote binnen Sekunden in den Keller. Im Theater kann diese Störung oder Unterbrechung ein ästhetisches Prinzip sein. Die Hybris von Zuschauern, die den Anspruch erheben, alles zu durchschauen, und die sich mit der Fernbedienung in der Hand zur allseits umworbenen Zielgruppe zählen dürfen, wird so empfindlich getroffen. Der Einsatz neuer Medien ist damit auch ein Beitrag für eine Kultur des Zuschauens, die sich nicht als bloßer Bildkonsum verstehen lassen will.

Im Theater von Medialität zu sprechen, bedeutet zu fragen, wie das Verhältnis von Zuschauern und Akteuren gestaltet ist, welche Konventionen dabei bedient, in Frage gestellt oder erweitert werden. Medialität ereignet sich gewissermaßen im Grenzgebiet von Bühne und Publikum. Medialität wäre also die Art und Weise, wie durch die räumliche Disposition Wahrnehmungsordnungen geschaffen werden. Man sollte deshalb davon ausgehen, dass Theater nicht dadurch zu einem medialen Raum wird, dass man die Bühne mit Bildschirmen spickt oder mit Videoprojektionen zukleistert, sondern indem im Theater explizit dieses Grenzland der Wahrnehmung verhandelt und die Nahtstelle von Bühne und Publikum immer neuen Zerreißproben ausgesetzt wird. Insofern ist die Theatergeschichte auch eine Mediengeschichte, noch bevor die Kamera erfunden wurde. Der Chor der antiken Tragödie kann ebenso als mediales Phänomen gelten wie die Narrenfigur im Mittelalter, Diderots Vierte Wand oder die allgegenwärtigen Rampensäue auf den Opernbühnen. Und in diesem Zusammenhang spielen auch neue Medien technischer Reproduktion ihre Rolle. Demnach wäre es falsch, „böse“ mediale Simulation und „gute“ theatrale Echtheit gegeneinander auszuspielen. Auch im Theater hat das Zuschauen und Zuhören seine Unschuld längst verloren, denn auch hier gibt es keine unvermittelte pure Wahrnehmung, auch hier werden Wahrnehmungsordnungen und Konventionen mitunter subtil aufgezwungen.

Schließlich ist es nicht immer angebracht, angesichts neuer Medien auf der Bühne in die Habacht-Stellung trivialer Medienkritik zu gehen und von Simulation und Fälschung zu sprechen. Medien dürfen nämlich auch Spaß machen. Die Arbeit mit neuen Medien im Theater ist nicht selten eine Spielerei. Und Spielen ist im Theater keine Untugend. Zu sehen, was passiert, wenn man Medien auseinander nimmt und schief wieder zusammensetzt oder sich an coolen Effekten zu berauschen, ist ein ausgesprochen kreatives Vergnügen. Und es ist ein souveräner Hinweis darauf, dass man neue Medien nicht immer so ernst nehmen muss, wie diese selbst gerne genommen werden möchten. In diesem Sinne ist das Theater der Souverän.

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