"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


Gründe für eine Mitgliedschaft in der Dramaturgischen Gesellschaft

mehr


Mitgliedschaft

Sie wollen Mitglied der Dramaturgischen Gesellschaft werden? Hier geht es direkt zum Antragsformular.


 
 
"dramaturgie" | Heft 2 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2004

Norbert Abels
Hat die Oper Zukunft?

Ein Spielplan ohne dramaturgische Basis gleicht einer Wirkung ohne Ursache. Welche Werke gespielt werden, entscheidet sich mit der immer wieder zu stellenden Kardinalfrage: „Warum soll überhaupt gespielt werden?“

Die Politik stellt oft die Frage nach dem Nutzen der Kunst. Das kann gefährlich sein, denn dahinter lauert die Drohung einer Instrumentalisierung der Werke für außerkünstlerische Zwecke. Liszts „Préludes“ wurden anlässlich von U-Boot-Versenkungen gespielt.

Alltäglicher gesellschaftlicher Pragmatismus stellt die Frage des Nutzens von Kunst als Frage nach deren Fähigkeit, möglichst umfassende und attraktive Unterhaltung zu verbreiten. Hiervon lebt die inzwischen übermächtig gewordenen Vergnügungsindustrie. Sie interessiert sich nicht für die Unverwechselbarkeit des einzelnen Kunstwerks, sondern – wiederum eine außerkünstlerische Option – für die unlimitierte Reproduktionsmöglichkeit, Verfügbarkeit und Verbreitungsvielfalt. Es entstehen jene sogenannten virtuellen Welten mit ihrem ungeheuren technischen Perfektionismus. Ein Theaterabend, dessen Gelungenheit immer im Risiko des Scheiterns besteht, wird von vielen bereits als Fossil angesehen, denn es sind ja wirklich und leiblich Körperwesen, die den ästhetischen Schein hier noch hervorbringen.

Beim Bau eines Spielplanes haben wir die Begriffe Nutzen und Unterhaltung in einem tieferen Sinn zu erfassen und vielleicht ein wenig zu verteidigen gegen jene rigorosen Kulturspezialisten, die aus der Perspektive einer Treibhausästhetik dem Kunstwerk weder Nutzen noch Unterhaltungsfunktion einräumen, sondern unablässig von dessen Autonomie sprechen. Schon Kant hat in der „Kritik der Urteilskraft“ demgegenüber Stellung bezogen: „Es kann keine objektive Geschmacksregel, welche durch Begriffe bestimmte, was schön sei, geben“.

En Nutzen des Kunstwerks besteht darin, sich die Frage nach seinem Sinn überhaupt zu stellen. Wie verbindet sich die Erkenntnis dieses Sinnes mit der Individualität des Fragenden. Kunstwerke halten an zur Selbsterkenntnis. „Wer bin ich“ lautet deren Anfang. Mozarts „Zauberflöte“ stellt sich mit ganzer Kraft allein dieser Frage. Freilich: mit dem Untergang des Individuums in der Massengesellschaft ist es auch mit der kathartischen Individualisierungskraft der Kunstwerke vorbei, die selbst schließlich absterben, weil sie keinen Nährboden mehr besitzen. In gleichgeschalteten, totalitären Gesellschaftssystemen begibt sich Kunst in den Untergrund.

Unterhaltung endlich erschließt Kunst im emphatischen Sinn, indem sie eine diskursive und tiefe Verbindung zwischen jenen schafft, die sie in unterschiedlicher Weise wahrnehmen. Kunstwerke entfalten, oder besser: unterhalten freie Beziehungen zu den Einzelnen, die sich durch sie hindurch anschauen und neu erkennen. Darin besteht ihr Unterhaltungswert.

Ich weiß, dass es in unserer Zeit schwer ist, über die Oper als Kunstform zu sprechen und nicht dabei immerfort die Gefahren ihrer zunehmenden Institutionalisierung zu reden. Wir wissen alle, was die Theater heute bedroht. Wir wissen, dass den in Vierteljahresplänen denkenden Strategen der antizipalonische Gehalt eines ästhetischen Gebildes nur schwer zu vermitteln ist. Wir wissen auch, dass die Bedingungen der Möglichkeit unseres kulturellen Lebens sich – immer wieder sabotiert von den Katastrophen der Geschichte – nur langsam , dafür aber beharrlich entwickelt haben. Heute aber beschließen dynamische Unternehmer des politischen Lebens über all diese Dinge. Nicht in die Dinge selbst freilich schauen sie, sondern nur auf deren Schatten, auf die Organisations- und Durchführungsstätten der Dinge, die ihnen zu viel kosten? Ihnen? Den anderen? Uns allen? Wem sonst?

Ich will hier nicht darüber reden, sondern über den Gegenstand Oper selbst sprechen. Ich möchte mich auch hier nicht mit den Zwistigkeiten beschäftigen, den vielen Eitelkeiten, die die Atmosphäre eines Theaterbetriebes in ungünstigen Zeiten ablenken vom wichtigsten: Der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk nämlich. Um die Gegenwart einer Kunstform zu begreifen, fragt man am besten nach den Möglichkeiten ihrer Zukunft. Gibt es für die Oper eine Zukunft? Und worin soll diese Zukunft bestehen? Etwa in der Anpassung der Oper an den technischen Perfektionismus der reproduktiven Medien, vor allem des großen Kinofilms? In der radikalen Digitalisierung der theatralischen Vorgänge? Oder soll die Oper , wie dies in jüngster Zeit verstärkt geschieht, sich einklinken in den Massenverwertungsmechanismus der multimedial betriebenen Großveranstaltungen? Soll sie triumphalen Einzug halten in Sporthallen, Spielstadien, Filmpalästen? Oder wird es die Zukunft der Oper sein, nur noch durch die Kanäle hindurch in die Wohnräume der Enthusiasten transportiert zu werden?

Viel ernster sind folgende Fragen: Hat nicht jede Kunstform eine limitierte Dauer? Offenbart sich nicht gerade an der Oper die Richtigkeit der von Hegel und Nietzsche formulierten Lehre vom Ende der Kunst überhaupt. In der Verdi-Epoche wurden in einem halben Jahrhundert mehr als 500 neue Opern komponiert und uraufgeführt. Heute hat kaum noch ein Haus den Ehrgeiz, überhaupt noch ein einziges neues Bühnenwerk zu realisieren Kein Komponist aber denkt ernsthaft daran, ohne festen Auftrag eine Oper zu schreiben.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Stoffe der großen und gelungenen Opern unseres Jahrhunderts! Sie haben fast alle – ganz uneingeschränkt ihrer spezifischen Tonsprache – ein gemeinsames Merkmal: Ihre Stoffe stammen aus der Vergangenheit. Das mag durchaus legitim sein, die großen Stoffe der Vergangenheit haben sich allesamt immunisiert gegen die Verwandlungskraft und des bloß Historischen: Ödipus lebt immer wieder auf: bei Shakespeare und bei Kafka. Prometheus erwacht bei Goethe und Heine, Hiob bei Hartmann von der Aue und Alfred Döblin. Dennoch bleibt die Frage: Warum findet wie etwa in den drei Da Ponte – Opern Mozarts, in Verdis „Traviata“ oder noch in Bizets „Carmen“ und Puccinis „Butterfly“ Oper nicht gelegentlich auch heute noch in der unmittelbaren Gegenwart statt?

Nehmen wir ein paar geglückte Werke der Moderne. Bergs „Wozzeck“, in einer radikal neuen Tonsprache komponiert, liegt das Vormärzdrama Georg Büchners zugrunde. Ein Drama freilich, das seinerseits für eine radikale Erneuerung des traditionellen Schauspiels sorgte, aber eben das Leben eines Stadtsoldaten vom Anfang des 19. Jahrhunderts behandelte. Schönbergs „Moses und Aron“, wenngleich der Feder eines engagierten, an der gegenwart interessierten Zioniaten entspringend, erzählt wie viele andere Opern zuvor, von der großen Wanderschaft des Volkes Israel vor rund zweieinhalbtausend Jahren. „Der Rosenkavalier“ spielt in der theresianischen Zeit, auch wenn sein Thema, das Vorbeihuschen der Zeit nämlich, zeitlos ist.

Debussys „Pelléas et Mélisande“ spielt – wenngleich aus jeder Seite des Librettos ein Freudscher Lehrsatz z springen scheint – in märchenhafter, sagenumwobener Zeit. Janaceks „Totenhaus“ – ich nenne hier bewusst Werke, die in den letzten Jahren oft gespielt wurden – spielt in der sibirischen Katorga der Dostojewski-Zeit. B.A. Zimmermanns „Soldaten“ – die vielleicht letzte wirklich geglückte große Oper des 20. Jahrhunderts – spielt in einer kleinen Garnisonsstadt des 18. Jahrhunderts, Reimanns „Troades“ greifen wieder zurück auf die Antike. Ich frage nochmals: Wo bleibt die konkrete Auseinandersetzung mit der Gegenwart?

Wir wissen alle: Der am besten geglückte historische Roman ist derjenige, der im Medium der akribisch geschilderten Vergangenheit versucht, die eigene Gegenwart zu stellen. Das galt auch immer für die besten historischen Opern, aber neben den historischen Stoffen gab es den immer auch gegenwärtigen. Dass solche, bis auf ganz außerordentliche Ausnahmen – „Nixon in China“ – überhaupt nicht mehr existieren, gibt zudenken. In der Oper spielt die historische Gegenwart heutzutage keine konstitutive Rolle.

Wohin aber flüchtet sich die Gegenwart, wenn sie in den Stoffen nur indirekt zum Zuge kommt? Nun ich denke, sie flüchtet sich in die Inszenierung des Werks. Allemal ist es der Inszenierung mittlerweile gelungen, als Surrogat des Werks geradezu Wertstatus zu erhalten. Kaum noch setzt sich eine Kritik mit den Werken der Vergangenheit, die immerhin zu 95% unsere Spielpläne beherrschen, auseinander. Über Hofmannsthal erfahren wir da fast nichts, dafür aber alles über die Adaptionsvielfalt etwa von Ruth Berghaus, Hans Neuenfels oder Christoph Marthaler. Der Inszenierung scheint heute alles erlaubt. Au eines erscheint sie aber geradezu verschworen: Das Defizit an Gegenwartsbezug der Kunstform zu kompensieren durch die übermäßige Anstrengung zur Aktualisierung der Stoffe. (Darf ich Sie an die zurückliegenden Verdi-Inszenierungen in Frankfurt erinnern?)

Was aber bedeutet diese Tatsache? Sie bedeutet, dass dem höchst subjektiven Zugriff eines einzelnen Regisseurs mit einer wiederum höchst subjektiven Lebenserfahrung der Teil eines Werks anvertraut wird, der die unmittelbare Brücke zu unserer eigenen Lebenswelt darstellt: nämlich die Gegenwärtigkeit des Werks. Das Publikum braucht sie oft nicht mehr selbst zu erahnen oder zu erarbeiten. Sie wird ihm als fertiges Produkt vor Augen gestellt. Es kann die Aktualisierung nicht mehr selbst vornehmen. Die Bilder schreiben ihm die Wahrnehmungsmöglichkeiten fest. Was geschieht aber, wenn die eigene historische Gegenwart nicht mehr im Werk, sondern nur noch in der Vermittlung des Werks stattfindet? Das ist eine schwere Frage. Der Siegeszug des Films in unserem Jahrhundert verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass er es nicht versäumt hat, die Gegenwart zu entdecken: Die Großstadt als Labyrinth, die Anonymisierung der Sinne, die Tödlichkeit der Liebe, die Unsichtbarkeit der Strahlungen, die Verknappung des Lebensraums, den Kollaps der Zivilisation. Die großen Themen der Oper – Liebe, Hass, Tod und Leben, Verzweiflung und Jubel, Erlösung und Zerfall – muten in ihrer Beschaffenheit geradezu als anthropologische Größen an, denen es auch gelingen könnte, die Gegenwart zu ergreifen. Gibt es für die Oper eine Gegenwart? Meine Antwort lautet „Ja“ unter der Prämisse, dass die Oper die Gegenwart entdeckt, denn nur aus der Erkenntnis der Gegenwart entwickelt sich der Horizont der Zukunft.

zurück nach oben  drucken
   

Aktuelles | Jahrestagung | Zeitschrift "dramaturgie" | Über uns | Mitglied werden | Kontakt | Impressum