Henning Fangauf
Endlich Erwachsen?
Probleme des aktuellen Kindertheaters
„Öffnung“ hieß in den letzten
Jahren das wohl meistgenutzte Stichwort in vielen
Diskussionen um das Kinder- und Jugendtheater, „Öffnung“
hin zu einem „Theater, das nur Theater sein
kann“ und sich stark an den ästhetischen
Innovationen des Abendspielplanes orientierte. „Öffnung“
hin zu Künstlern, ob AutorInnen oder RegisseurInnen,
denen die Besonderheiten des Kinder- und Jugendtheaters
fern und fremd sind, die aber aufgrund ihrer beeindruckenden
Arbeiten für die Szene gewonnen werden sollten.
Neue Stücke, neue Handschriften – es hat
sich viel entwickelt im Theater für die jugendlichen
Zuschauer. Auch das dramaturgische Denken in den Kinder-
und Jugendtheatern richtet sich wieder mehr auf die
ästhetischen Mittel der Inszenierungen und die
Inhalte der Stücke als auf die Frage nach dem
Publikum. Der Begriff „Zielgruppentheater“
entwickelte sich in den Diskussionen zum Schimpfwort.
Es führte zu bloßem Kopfschütteln,
die Regisseure Sebastian Nübling und Kay Voges
oder die Autoren Marius von Mayenburg und Kristo Sagor
nach der Publikumsorientierung und Zielgerichtetheit
ihres Schreibens zu fragen.
Auf den letzten Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffen
in Berlin, die es im 2-jährigen Rhythmus seit
1991 gibt, zeichnete sich der Trend ab. Nicht Kindertheater
war angesagt, sondern das „Junge Theater“
erweckte mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Auswahlkommissionen.
Spätestens seit 1999 kippte das Verhältnis
der eingeladenen Aufführungen weg vom Kinderstück
und hin zum jugendlichen Publikum: 5 Jugendstücke
zu 3 Kinderstücken, 2001 dann im Verhältnis
6 zu 4 und in diesem Jahr 7 zu 3. Künstlerische
Herausforderungen und die Möglichkeiten für
ästhetische Innovationen scheinen eindeutig im
„Jungen Theater“ zu liegen.
Auch das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik
Deutschland (Frankfurt am Main) hat, in seiner Rolle
als übergeordnete Institution, diese Bewegung,
z.B. durch die Ausrichtung seiner Autorenförderung,
sehr stark unterstützt. Damit hat es wesentliches
zur Emanzipation und künstlerischen Weiterentwicklung
der Kinder- und Jugendtheater in Deutschland beigetragen.
Man beschäftigte sich eher mit der „Jungen
Dramatik“ als die x-te Neufassung eines Märchens
für Kinder zu diskutieren. Die Grenzen fließen.
Bis hin zur Unkenntlichkeit?
Mit Thomas Oberender, Oliver Bukowski oder Kai Hensel
gewannen Autoren den Deutschen Jugendtheaterpreis,
die sich in ihrem dramatischen Grundverständnis
vom „Theater für Jugendliche“ lossagen.
„Theater kann eben nur Theater sein!“.
Und so wurde aus „Grünschnäbeln“
ein „Junges Ensemble Stuttgart JES“ aus
„Kinder- und Jugendtheater an den Städtischen
Bühnen…“ schlichtweg „Junges
Theater“. Das Kinder- und Jugendtheater ist
nun endlich groß und erwachsen geworden.
Das ist schön und dagegen ist nichts einzuwenden.
Wenn da nicht das Spezifikum – oder soll ich
sagen „Problem“ – mit dem Kindertheater
wäre. Nicht nur beim Blick auf die Festivalnominierungen,
auch die Spielpläne und das aktuelle Repertoire
machen eines deutlich: Der Sparte Kindertheater fehlt
es momentan an Orientierung! Gerade an jenen Innovationen,
die das Junge Theater so positiv vorangebracht haben,
hat diese Sparte nicht partizipiert. Seine Stücke
und Spielweisen haben sich in den letzten Jahren dem
gehobenen Unterhaltungstheater zugewandt und die Welt
in Miniature vereinfacht dargestellt. Mit Katzen und
Pinguinen, Königen und Königinnen als Bühnenfiguren
versucht das Kindertheater den jungen Zuschauern Leben
und Gesellschaft näher zu bringen. Von existentiellen
Stoffen ist weit und breit nichts in Sicht.
Spielt das Kindertheater im künstlerischen Interesse
der Macher eine untergeordnet Rolle? Wo sind die TheaterleiterInnen
die sich in ihrer Stadt gemeinsam mit ihrem Ensemble
dezidiert über das Theater für Kinder profilieren
möchten? Wo sind die AutorInnen, die für
Kindertheater neue Stücke schreiben? Wo sind
die DramaturgInnen die, Pfadfindern gleich, sich auf
die Suche nach diesen machen? Und warum erfinden die
Regisseure von heute nicht auch ein aufregendes Kindertheater
von morgen?
Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, an
dem es dringend geboten ist, sich auf die Wurzeln
des Kindertheaters zu besinnen. Der Begriff des „Emanzipatorischen
Kindertheaters“ ist aus der Mode geraten. Schade
eigentlich! Was spricht dagegen, die realen Lebenswelten
der Kinder darzustellen und sie zu eigenständigem
Denken und Handeln fähige Menschen zu zeigen?
Nachzufragen wäre, wie mit diesen Grundgedanken
neue Wege beschritten werden können. Die entscheidende
Begründung für gutes Kindertheater liegt
in seiner Dialogfähigkeit mit dem Publikum. Kindertheater
ist dauernde Kommunikation mit jedem einzelnen Zuschauer.
Gute Kindertheateraufführungen sind Angebote
zum imaginierenden Mitspielen, sie müssen parteilich
aus der Perspektive der Kinder sein. „Zielgruppentheater“
hin oder her – das Kindertheater muß ganz
genau wissen, an wen es sich zu richten hat. Alles
andere hieße: „Thema verfehlt!“
Und genau auf dem Feld „Theater und sein Publikum“
sind die Künstler des Kinder- und Jugendtheaters
Spezialisten, die einzigen im großen Kreis der
Theatermacher. Sie kennen dieses Publikum so gut wie
kein anderer. Sie erfahren und erleben es tagtäglich.
Sie haben den Auftrag, dieses Publikum nicht nur für
Theater zu begeistern, sondern ihm auch sein Recht
auf Theater zukommen zu lassen. Diese Kompetenz wird
zukünftig, denk’ ich an die aktuellen Bildungsdiskussionen
und die kommenden Anforderungen an die außerschulische
Bildung, noch viel verschärfter abgefragt werden.
Aber dazu muss das Kindertheater seine Kompetenz auch
selbstbewusst vertreten.
Wie kann sich das Kindertheater wieder offensiver
nach innen und außen präsentieren und für
darstellende Künstler attraktiver machen? Ein
wichtiger Schritt muss in den Köpfen der Macher
passieren, nämlich die unselige Unterscheidung
zwischen dem zuschauenden und dem theaterspielenden
Kind aufzuheben. Beides gehört zusammen (gedacht).
Vielleicht sollten wir erneut in den Schriften der
russischen Theaterrevolutionärin Natalie Saz
nachlesen, die die Trennung zwischen Bühne und
Zuschauerraum in ihrem Moskauer Theater bereits 1921
aufhob. Und vielleicht hat auch die englische Theatertradition
mit ihrem „Theatre in Education“ nicht
so ganz Unrecht. Nicht, um Theater zu verschulen,
sondern um den Bedürfnissen der Kinder, sich
spielerisch auszudrücken, nachzukommen. Es geschieht
an unseren Theatern eine Verschwendung von Ressourcen
und Know How, wenn die theaterpädagogischen Abteilungen
mit allem möglichem sich beschäftigen, nur
nicht mit Entscheidungen die Inszenierungen betreffend.
Das Wissen ums Publikum und die künstlerischen
Kompetenzen der Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen
muss dringend Bestandteil der Spielplan- und Inszenierungskonzeptionen
für das Kindertheater werden. Warum können
nicht die Theaterpädagogen auch zu Ermunterern
und Förderern von Autoren werden? Warum beraten
sich die Regisseure des Kindertheaters nicht regelmäßig
mit jenen, die tagtäglich mit dem Publikum zu
tun haben?
Es wird dringend ein neues Nachdenken über das
Kindertheater gebraucht. Die Altmeister der Sparte,
deren Stücke und Inszenierungen glücklicherweise
immer noch ein Repertoire ansehbarer Ergebnisse präsentieren,
müssen sich als Reibungsfläche für
den Nachwuchs anbieten. Erst wenn im Kinder- und Jugendtheater
wieder konstruktiv gestritten wird, wird sich Neuland
zeigen.
Ich erhoffe mir in absehbarer Zeit Konfrontationen
um das Kindertheater. Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum
in der Bundesrepublik Deutschland wird diese Auseinandersetzung
mitbefördern. So jedenfalls kann es nicht weitergehen!
Dieser Beitrag basiert auf der Rede zur Eröffnung
der Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendtheater
Tage im Juni 2003 in Ulm