"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


Gründe für eine Mitgliedschaft in der Dramaturgischen Gesellschaft

mehr


Mitgliedschaft

Sie wollen Mitglied der Dramaturgischen Gesellschaft werden? Hier geht es direkt zum Antragsformular.


 
 
"dramaturgie" | Heft 2 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2004



Henning Fangauf

Endlich Erwachsen?
Probleme des aktuellen Kindertheaters



„Öffnung“ hieß in den letzten Jahren das wohl meistgenutzte Stichwort in vielen Diskussionen um das Kinder- und Jugendtheater, „Öffnung“ hin zu einem „Theater, das nur Theater sein kann“ und sich stark an den ästhetischen Innovationen des Abendspielplanes orientierte. „Öffnung“ hin zu Künstlern, ob AutorInnen oder RegisseurInnen, denen die Besonderheiten des Kinder- und Jugendtheaters fern und fremd sind, die aber aufgrund ihrer beeindruckenden Arbeiten für die Szene gewonnen werden sollten. Neue Stücke, neue Handschriften – es hat sich viel entwickelt im Theater für die jugendlichen Zuschauer. Auch das dramaturgische Denken in den Kinder- und Jugendtheatern richtet sich wieder mehr auf die ästhetischen Mittel der Inszenierungen und die Inhalte der Stücke als auf die Frage nach dem Publikum. Der Begriff „Zielgruppentheater“ entwickelte sich in den Diskussionen zum Schimpfwort. Es führte zu bloßem Kopfschütteln, die Regisseure Sebastian Nübling und Kay Voges oder die Autoren Marius von Mayenburg und Kristo Sagor nach der Publikumsorientierung und Zielgerichtetheit ihres Schreibens zu fragen.

Auf den letzten Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffen in Berlin, die es im 2-jährigen Rhythmus seit 1991 gibt, zeichnete sich der Trend ab. Nicht Kindertheater war angesagt, sondern das „Junge Theater“ erweckte mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Auswahlkommissionen. Spätestens seit 1999 kippte das Verhältnis der eingeladenen Aufführungen weg vom Kinderstück und hin zum jugendlichen Publikum: 5 Jugendstücke zu 3 Kinderstücken, 2001 dann im Verhältnis 6 zu 4 und in diesem Jahr 7 zu 3. Künstlerische Herausforderungen und die Möglichkeiten für ästhetische Innovationen scheinen eindeutig im „Jungen Theater“ zu liegen.

Auch das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland (Frankfurt am Main) hat, in seiner Rolle als übergeordnete Institution, diese Bewegung, z.B. durch die Ausrichtung seiner Autorenförderung, sehr stark unterstützt. Damit hat es wesentliches zur Emanzipation und künstlerischen Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendtheater in Deutschland beigetragen. Man beschäftigte sich eher mit der „Jungen Dramatik“ als die x-te Neufassung eines Märchens für Kinder zu diskutieren. Die Grenzen fließen. Bis hin zur Unkenntlichkeit?

Mit Thomas Oberender, Oliver Bukowski oder Kai Hensel gewannen Autoren den Deutschen Jugendtheaterpreis, die sich in ihrem dramatischen Grundverständnis vom „Theater für Jugendliche“ lossagen. „Theater kann eben nur Theater sein!“. Und so wurde aus „Grünschnäbeln“ ein „Junges Ensemble Stuttgart JES“ aus „Kinder- und Jugendtheater an den Städtischen Bühnen…“ schlichtweg „Junges Theater“. Das Kinder- und Jugendtheater ist nun endlich groß und erwachsen geworden.

Das ist schön und dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn da nicht das Spezifikum – oder soll ich sagen „Problem“ – mit dem Kindertheater wäre. Nicht nur beim Blick auf die Festivalnominierungen, auch die Spielpläne und das aktuelle Repertoire machen eines deutlich: Der Sparte Kindertheater fehlt es momentan an Orientierung! Gerade an jenen Innovationen, die das Junge Theater so positiv vorangebracht haben, hat diese Sparte nicht partizipiert. Seine Stücke und Spielweisen haben sich in den letzten Jahren dem gehobenen Unterhaltungstheater zugewandt und die Welt in Miniature vereinfacht dargestellt. Mit Katzen und Pinguinen, Königen und Königinnen als Bühnenfiguren versucht das Kindertheater den jungen Zuschauern Leben und Gesellschaft näher zu bringen. Von existentiellen Stoffen ist weit und breit nichts in Sicht.

Spielt das Kindertheater im künstlerischen Interesse der Macher eine untergeordnet Rolle? Wo sind die TheaterleiterInnen die sich in ihrer Stadt gemeinsam mit ihrem Ensemble dezidiert über das Theater für Kinder profilieren möchten? Wo sind die AutorInnen, die für Kindertheater neue Stücke schreiben? Wo sind die DramaturgInnen die, Pfadfindern gleich, sich auf die Suche nach diesen machen? Und warum erfinden die Regisseure von heute nicht auch ein aufregendes Kindertheater von morgen?

Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es dringend geboten ist, sich auf die Wurzeln des Kindertheaters zu besinnen. Der Begriff des „Emanzipatorischen Kindertheaters“ ist aus der Mode geraten. Schade eigentlich! Was spricht dagegen, die realen Lebenswelten der Kinder darzustellen und sie zu eigenständigem Denken und Handeln fähige Menschen zu zeigen? Nachzufragen wäre, wie mit diesen Grundgedanken neue Wege beschritten werden können. Die entscheidende Begründung für gutes Kindertheater liegt in seiner Dialogfähigkeit mit dem Publikum. Kindertheater ist dauernde Kommunikation mit jedem einzelnen Zuschauer. Gute Kindertheateraufführungen sind Angebote zum imaginierenden Mitspielen, sie müssen parteilich aus der Perspektive der Kinder sein. „Zielgruppentheater“ hin oder her – das Kindertheater muß ganz genau wissen, an wen es sich zu richten hat. Alles andere hieße: „Thema verfehlt!“

Und genau auf dem Feld „Theater und sein Publikum“ sind die Künstler des Kinder- und Jugendtheaters Spezialisten, die einzigen im großen Kreis der Theatermacher. Sie kennen dieses Publikum so gut wie kein anderer. Sie erfahren und erleben es tagtäglich. Sie haben den Auftrag, dieses Publikum nicht nur für Theater zu begeistern, sondern ihm auch sein Recht auf Theater zukommen zu lassen. Diese Kompetenz wird zukünftig, denk’ ich an die aktuellen Bildungsdiskussionen und die kommenden Anforderungen an die außerschulische Bildung, noch viel verschärfter abgefragt werden. Aber dazu muss das Kindertheater seine Kompetenz auch selbstbewusst vertreten.

Wie kann sich das Kindertheater wieder offensiver nach innen und außen präsentieren und für darstellende Künstler attraktiver machen? Ein wichtiger Schritt muss in den Köpfen der Macher passieren, nämlich die unselige Unterscheidung zwischen dem zuschauenden und dem theaterspielenden Kind aufzuheben. Beides gehört zusammen (gedacht). Vielleicht sollten wir erneut in den Schriften der russischen Theaterrevolutionärin Natalie Saz nachlesen, die die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum in ihrem Moskauer Theater bereits 1921 aufhob. Und vielleicht hat auch die englische Theatertradition mit ihrem „Theatre in Education“ nicht so ganz Unrecht. Nicht, um Theater zu verschulen, sondern um den Bedürfnissen der Kinder, sich spielerisch auszudrücken, nachzukommen. Es geschieht an unseren Theatern eine Verschwendung von Ressourcen und Know How, wenn die theaterpädagogischen Abteilungen mit allem möglichem sich beschäftigen, nur nicht mit Entscheidungen die Inszenierungen betreffend. Das Wissen ums Publikum und die künstlerischen Kompetenzen der Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen muss dringend Bestandteil der Spielplan- und Inszenierungskonzeptionen für das Kindertheater werden. Warum können nicht die Theaterpädagogen auch zu Ermunterern und Förderern von Autoren werden? Warum beraten sich die Regisseure des Kindertheaters nicht regelmäßig mit jenen, die tagtäglich mit dem Publikum zu tun haben?

Es wird dringend ein neues Nachdenken über das Kindertheater gebraucht. Die Altmeister der Sparte, deren Stücke und Inszenierungen glücklicherweise immer noch ein Repertoire ansehbarer Ergebnisse präsentieren, müssen sich als Reibungsfläche für den Nachwuchs anbieten. Erst wenn im Kinder- und Jugendtheater wieder konstruktiv gestritten wird, wird sich Neuland zeigen.

Ich erhoffe mir in absehbarer Zeit Konfrontationen um das Kindertheater. Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland wird diese Auseinandersetzung mitbefördern. So jedenfalls kann es nicht weitergehen!


Dieser Beitrag basiert auf der Rede zur Eröffnung der Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendtheater Tage im Juni 2003 in Ulm

zurück nach oben  drucken
   

Aktuelles | Jahrestagung | Zeitschrift "dramaturgie" | Über uns | Mitglied werden | Kontakt | Impressum