"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 2 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2004

Christian Holtzhauer
Dramaturgie zwischen Kunst und Geschäft.

Überlegungen vor der Diskussion zum Thema: Der Dramaturg als
(Ko-)Produzent


Alter Wein in neuen Schläuchen? Oder eher umgekehrt?

Unter der Berufsbezeichnung „Dramaturgie“ wird im Theateralltag längst eine Vielzahl verschiedener Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche zusammengefasst. Am ehesten darf noch als Konsens gelten, dass zu den wichtigsten Kompetenzen des am Theater beschäftigten Dramaturgen nach wie vor die Gestaltung des Spielplans, die Vorbereitung und Begleitung der Inszenierungen sowie die Vermittlung der künstlerischen Arbeit ans Publikum zählen. Fraglich erscheint jedoch, ob diese zentralen Kompetenzen in der alltäglichen Berufspraxis tatsächlich noch den Hauptteil der Arbeit ausmachen. Mal ganz ehrlich: wie viel seiner Arbeitszeit verwendet ein Dramaturg heute noch auf die Textarbeit oder die gründliche Vor- und Nachbereitung der Inszenierungen?

Trotzdem ist der Einwand, dass es schon immer zum Berufsalltag des Dramaturgen gehört habe, für viele verschiedene Dinge zuständig zu sein und damit die aktuelle Diskussion der Dringlichkeit entbehre, nur teilweise richtig. Nicht zuletzt aufgrund gravierender Veränderungen in den ökonomischen und strukturellen Bedingungen von Theaterarbeit, sieht sich der Dramaturg heute zunehmend mit organisatorischen und kommunikativen Aufgaben konfrontiert, die das herkömmliche Verständnis von Dramaturgie als Beruf gehörig strapazieren. In Ermangelung eines besseren Begriffs – aber auch in Ermangelung spezialisierten Personals – werden diese Aufgaben jedoch nach wie vor in der Berufsbezeichnung bzw. in der Person des Dramaturgen gebündelt. Der Versuch jedoch, die „herkömmlichen“ und die „neuen“ Aufgaben und Anforderungen unter einen Hut zu bringen, führt zwangsläufig zu einer Verschiebung der Tätigkeitsschwerpunkte und damit vielleicht doch zu einer Neubestimmung des Berufbilds.

Folgende These könnte daher als Ausgangsbasis für die Diskussion über das gegenwärtige und das zukünftig zu erwartende Berufsbild des Dramaturgen dienen: Trotz gleichlautender Bezeichnung hat sich das Aufgabenfeld des Dramaturgen verändert, vor allem aber drastisch erweitert. Neben der Begleitung und Betreuung der künstlerischen Arbeit selbst ist der Dramaturg immer häufiger damit beschäftigt, die ökonomischen und strukturellen Grundlagen der Theaterarbeit zu sichern oder sogar herzustellen. Oder anders: Weniger das Theater als Kunst, sondern zunehmend das Theater als Geschäft sind Gegenstand der dramaturgischen Arbeit.

Im Folgenden seien einige Beispiele gegenwärtiger dramaturgischer Arbeit genannt, die diese These illustrieren sollen. Sie entstammen meiner bisherigen Berufspraxis als Programmverantwortlicher einer freien Spielstätte. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich diese im freien Theater gesammelten Erfahrungen auch auf das institutionalisierte Theater übertragen lassen und auch dort zunehmend wichtig werden – und vielleicht sogar für das Überleben des Theaters notwendige Strategien bereithalten.


Der Dramaturg als Organisator und Projektmanager

Theater wird immer häufiger auf Projektbasis realisiert: Regisseur oder Choreograf, Bühnenbildner, Dramaturg und Schauspieler schließen sich für einen bestimmten Zeitraum zusammen, um gemeinsam eine Produktion zu erarbeiten. Nach der letzten Vorstellung trennt sich das Ensemble wieder, um in anderen Konstellationen neue Projekte zu verwirklichen. Diese Arbeitsweise ist zwar vor allem im freien Theater anzutreffen, doch auch im institutionalisierten Theater nimmt die Zahl solcher Projekte zu – denn um nichts anderes handelt es sich bei den zeitlich befristeten „Sonderprogrammen“ (wie etwa Koproduktionen, Gastspiele, Festivals), die das Repertoireprogramm ergänzen und mitunter dominieren. Auch zahlreiche Kommunen beschließen mittlerweile, ihre Kulturangebote in Form von „Events“, also zeitlich konzentrierten, dabei aber maximal publikumswirksamen Veranstaltungen, zu organisieren.

Charakteristisch für die Projektarbeit ist neben der zeitlichen Befristung, dass häufig nicht auf bestehende Strukturen zurückgegriffen wird. Jedes Projekt erfordert eine eigene, ihm besonders angemessene Organisationsform, die zunächst geplant werden will. Bei dieser Planung ist der Dramaturg von Anfang an dabei. Im Alleingang oder mit einem Partner entwickelt er anschließend aus einer Idee ein Konzept, das neben dem eigentlichen künstlerischen Inhalt auch die organisatorischen und finanziellen Bedürfnisse der geplanten Arbeit berücksichtigen muss.

Kann das Projekt schließlich realisiert werden, findet sich der Dramaturg oft in einer Doppelfunktion wieder: Da gerade im freien Theater das Geld besonders knapp ist, erfüllt er neben inhaltlichen Aufgaben auch die Funktion eines Produktionsleiters, der die organisatorische und finanzielle Vorbereitung und Abwicklung des Projekts betreut.


Der Dramaturg als Geldbeschaffer

Projekte konzipieren ist gut und schön, für ihre praktische Umsetzung braucht man aber zunächst einmal Geld. Für das freie Theater gilt das sowieso immer, aber auch die subventionierten Theater sind bei der Realisierung ihrer Vorhaben in zunehmendem Maße auf zusätzliche finanzielle Unterstützung angewiesen. Also müssen potentielle Geldgeber ausfindig gemacht, Finanzierungsstrategien aufgestellt, Konzeptpapiere geschrieben und Förderanträge eingereicht werden. Das verlangt natürlich andere Fähigkeiten und Erfahrungen als jene, die zur literarischen Textanalyse notwendig sind, zumindest nämlich die Kenntnis der kulturpolitischen Landschaft, ein profundes Interesse an Subventions-, Steuer- und Arbeitsrecht, Erfahrungen in der Veranstaltungsorganisation und natürlich Zeit und Talent für Lobbyarbeit. Und dass ein Antrag auf finanzielle Förderung sich anderer Vermittlungsstrategien bedienen muss als ein den Inszenierungsansatz erläuterndes Programmheft, versteht sich von selbst.


Der Dramaturg als Schnittstelle zwischen den Koproduzenten

„Koproduktion“ ist das neue Zauberwort, und die Redewendung „Lass uns mal was zusammen machen!“ gehört mittlerweile zum Standardvokabular moderner Theaterleiter. Ob Koproduktionen tatsächlich den erhofften ökonomischen Nutzen erbringen, ja ob die Mehrzahl der derzeit existierenden Theaterapparate überhaupt dafür geeignet ist, steht auf einem anderen Blatt. Bei zahlreichen Koproduktionen geht es jedoch nicht in erster Linie um Geld, sondern um Prestige: Weil man sich auf diese Weise vielleicht eine Uraufführung leisten oder zumindest teilen kann. Oder ob man auf einmal in einer Theaterliga mitspielt, in die man sonst nur schwerlich vorgedrungen wäre – weil man vielleicht das Pech hat, nicht auf einer der Reiserouten der Kollegen von „Theater heute“ zu liegen. Nicht zuletzt verhelfen Koproduktionen zur überregionalen Wahrnehmung der eigenen Arbeit, was bei der nächsten Kürzung des kommunalen Kulturetats durchaus lebensrettend sein kann.

Ironie beiseite: Gerade für freie Produktionen sind Koproduktionen tatsächlich oft die einzige Chance, das notwendige Produktionsbudget aufzutreiben und auf eine dem Arbeitseinsatz angemessene Anzahl an Aufführungen zu kommen. Dem Dramaturgen, der solche Kooperationen initiiert und betreut, werden vor allem enorme kommunikative Fähigkeiten abverlangt, außerdem Verhandlungsgeschick und natürlich wieder Organisationstalent. Wichtigste Voraussetzung ist eine hervorragende Vernetzung, denn es ist nicht leicht, den für das jeweilige Projekt passenden Kooperationspartner zu finden und ihn dann auch noch zu überzeugen, sich an dem Vorhaben zu beteiligen. Und da mittlerweile viele Theaterformen und -produktionen nicht mehr an Länder- oder Sprachgrenzen gebunden sind, gerade aber die westlichen Nachbarländer sich aufgrund ihrer jeweiligen Theatersysteme besonders für Koproduktionen eignen, empfehlen sich Fremdsprachenkenntnisse sowieso.


Der Dramaturg als Talentscout, Agent und Manager

In einer Zeit, in der die gefragten Regisseure und Schauspieler sich nur noch höchst selten fest an ein Haus binden, in der andererseits allem, was „neu“ ist, besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, möchte man als Theater natürlich die Nase vorn haben und nicht nur die Stars, sondern auch die Stars von morgen schon heute präsentieren können. Der Dramaturg ist dabei, pardon, das Trüffelschwein. Kaum ein Ort eignet sich besser für ein zufälliges Treffen mit Kollegen als die Leistungsschauen des etablierten Theaters und die wie die Pilze aus dem Boden schießenden Nachwuchsfestivals. Voraussetzung dafür, immer und überall der schnellste zu sein, ist wiederum eine gute Vernetzung und eine ausgiebige Reisetätigkeit. Damit verlagert sich der Ort der Berufsausübung jedoch weg von der Probebühne oder dem Büro hin zur Flughafenlobby und zum Zugabteil. Mobiltelefon am Ohr und Notebook auf den Knien prägen zunehmend das Erscheinungsbild des modernen Dramaturgen.

Da die Möglichkeiten für selbständige Arbeit auch für Dramaturgen ständig zunehmen und sich verbessern, empfiehlt es sich für Dramaturgen, als Agent in eigener Sache aufzutreten, denn schließlich ist jeder Freiberufler selbst dafür verantwortlich, dass die Aufträge den Weg zu ihm finden. Am besten geschieht das durch die Bildung von Arbeitspartnerschaften. Gelingt es dem Dramaturgen, seinen Regisseur erfolgreich an einen potentiellen Produzenten zu vermitteln und sich gleich selbst als Produktionsdramaturg verpflichten zu lassen, ist für das Auskommen zumindest kurzfristig gesorgt. So wird der Dramaturg nicht nur zum Agenten seines Regisseurs, sondern auch seiner selbst.

Schon im Ensembletheater spielt die Besetzung eine Rolle, und ein guter Dramaturg wird seinem Regisseur immer die für die jeweilige Produktion geeignetsten Schauspieler freizuhalten suchen. In frei produzierten Projekten kommt dem Dramaturgen bei der Zusammenstellung des Teams eine noch größere Bedeutung zu, sind doch fast alle Positionen zunächst vakant. Aufgrund seiner im Laufe seines Berufslebens gesammelten zahlreichen Kenntnisse und Kontakte ist der Dramaturg am ehesten in der Lage, die noch gesuchte Kostümbildnerin oder den für die Rolle besonders geeigneten Schauspieler aufzutreiben.


Der Dramaturg als Kommunikationstalent und Marketingstratege

In den letzten Jahren ist nicht so sehr die künstlerische Arbeit selbst Gegenstand vieler betriebsinterner Debatten gewesen, sondern die geglückte oder eben nicht geglückte Vermittlung des Beabsichtigten an das Publikum. (Von der Bundesregierung, die das schlechte Image ihres Reformprogramms ebenfalls auf ein Vermittlungsproblem zurückführt, kann man in dieser Hinsicht – zumindest im Negativen – noch einiges lernen.)

Man mag sich gegen den Begriff sträuben: Zielgruppenmarketing hat nicht ohne Grund auch in der öffentlich geförderten Kultur Einzug gehalten. Dass eine einzige Produktion nicht allen am Theater Interessierten gleichermaßen gefallen kann, dass man, um „neue“ Publikumsschichten zu gewinnen, diese durch Inhalt und Verpackung gezielt ansprechen muss, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Dem Dramaturgen kommt hierbei eine Schlüsselfunktion zu, muss er doch wissen, welche Publikumsschichten sich für welche Inhalte interessieren, und auf welchen Informationskanälen man dieses Publikum am besten erreicht. Dadurch erhöhen sich der Marketingaufwand und damit der Bedarf an kompetentem Personal enorm. Zahlreiche Theater haben das bereits erkannt und deshalb in den letzten Jahren im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit personell aufgestockt sowie spezielle Ansprechpartner gerade für jüngere Zuschauer zur Verfügung gestellt. Die meisten dieser Mitarbeiter werden nach wie vor aus dem Umfeld der Dramaturgie rekrutiert.


Der Dramaturg als Kurator

Die Aufgaben, die dem Dramaturgen eines Festivals oder auch einer freien Spielstätte zufallen, unterscheiden sich von denen des Stadttheaterdramaturgen vor allem dadurch, dass der Bereich der Produktionsdramaturgie fast immer fehlt. Beim Festival wie auch im freien Theater und im Gastspielbetrieb macht man „Programm“. Mittlerweile leisten sich auch einige Ensembletheater Dramaturgen, die speziell für die Auswahl und Durchführung von Gastspielen zuständig sind.

Ähnlich wie bei einem Ausstellungskonzept entwirft der Programm-Macher entweder einen Sinn stiftenden Rahmen für die ausgewählten Produktionen oder er gibt ein Thema vor, zu dem Inszenierungen in Auftrag gegeben werden. In Anlehnung an die vergleichbare Funktion im Kunstbetrieb kann man den Festivaldramaturgen daher als Kurator bezeichnen.

Und da die Zahl der Festivals und festivalähnlichen Veranstaltungsformate – sie heißen beispielsweise „Schwerpunkt“, „Werkschau“, „Reihe“ oder „Porträt“ – zunimmt, wächst auch der Bedarf an Experten, die zu den jeweiligen Themen ein Programm zusammenstellen können. Wenig überraschend, dass auch hier eine ausgiebige Reisetätigkeit, gute Vernetzung, Organisationstalent und Verhandlungsgeschick unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit sind.


Wer kann das alles leisten?

Ich hatte eingangs die These formuliert, dass sich das Berufsbild des Dramaturgen vielleicht weniger verändert als viel mehr drastisch erweitert habe. Gefragt werden muss in diesem Zusammenhang dann aber, in welchem Umfang die herkömmlichen Aufgaben bei dem Mehraufwand an Organisation, Kommunikation und Geldbeschaffung überhaupt noch zu erfüllen sind. Wir alle kennen ja schließlich die Klagen von Regisseuren, Schauspielern und Kollegen über abwesende, gehetzte, schlecht vorbereite und überarbeitete Dramaturgen. Diese Klagen sind alles andere als neu, aber gerade deswegen besonders ernstzunehmen. Solange jedoch an den Theatern kein zusätzliches, auf das jeweilige Aufgabengebiet spezialisiertes Personal bereitsteht, das die hier skizzierten „neuen“ Aufgaben übernehmen könnte, werden sie sich in der Person des Dramaturgen bündeln. Und damit werden der Aufgabenbereich und das Arbeitspensum des Dramaturgen noch größer.

Das ist jedoch, ganz egoistisch gesprochen, gar nicht so schlimm, macht sich der Dramaturg auf diese Weise doch für den Theaterbetrieb unentbehrlich. Wer sagt da, dass Dramaturgie ein Beruf mit schlechten Berufsaussichten sei? Das Gegenteil ist der Fall, denn viele der für die Theaterarbeit notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse lassen sich auch außerhalb des institutionalisierten Theaters und darüber hinaus in vielen anderen Arbeitszusammenhängen sinnvoll einsetzen.

Zu entscheiden hätte sich der „Dramaturg der Zukunft“ allerdings, wo und wie er sich in die Theaterarbeit einzubringen wünscht – ob nah an der künstlerischen Arbeit selbst oder eher in der Steuerung des Gesamterscheinungsbilds eines Theaters, ob als Partner in einem künstlerischen Team oder eher als Weg- und Bett-Bereiter und Vermittler für die Kunst. Und schließlich zieht die sich verändernde Theaterlandschaft auch Konsequenzen für die Art und Weise nach sich, wie der Dramaturg seinen Beruf ausübt. Wie schon angedeutet, gibt es heute eine Fülle an Möglichkeiten, den Beruf des Dramaturgen abgekoppelt von den Theaterbetrieben auszuüben. Nur geschieht das nicht immer freiwillig. Egal jedoch, ob freiwillig oder nicht, Dramaturgie als selbständig im Sinne des Arbeitsrechts ausgeübter Beruf stellt eine Aufgabe in den Vordergrund: Die Geldbeschaffung. Ohne Geld keine Kunst, und ohne finanzierte Kunstprojekte auch keine bezahlte Arbeit für den Dramaturgen.

Gut, mag man jetzt feststellen, früher hat sich der Dramaturg mehr mit den Inhalten beschäftigt, und heute geht es eben mehr ums Geschäft. Ist ja nicht so schlimm. Statt eines abschließenden Statements sei dann nur eine Frage gestattet: Wie kann man sicherstellen, dass es im Theater zukünftig nicht nur um die Absicherung des eigenen Arbeitsplatzes, sondern ab und an auch noch um Kunst geht? Hier liegt die eigentliche Herausforderung für den Dramaturgen als (Ko-)Produzenten.


Christian Holtzhauer ist verantwortlich für das künstlerische Programm der Berliner Sophiensaele. Mit Beginn der Spielzeit 2005/06 wechselt er in die Schauspieldramaturgie des Staatstheaters Stuttgart.



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