"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 2 / 04

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 2 / 2004

Jan Linders:
WIE ES BLEIBT, IST ES NICHT

Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der Demografie. Die Renten- und Krankenversicherten hat es schon aufgeschreckt, das Feuilleton schmiedet zur Abwehr ein Methusalem-Komplott und Forschungsinstitute von Rostock bis Wiesbaden veröffentlichen immer schaurigere Studien. “Seit Anfang der 1970er Jahre ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Von hundert Deutschen bleiben deshalb 30 Jahre später nur noch etwa 70 übrig. Würde man diese Entwicklung extrapolieren, ginge es bald zu Ende mit dem Volk der Dichter und Denker“, so leitet das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung seine Studie „Deutschland 2020 – Die demografische Zukunft der Nation“ ein.

Eine Gesellschaft, in der die Menschen nach Belieben alt oder jung sein können und immer damit abwechseln.(1)

Sollten wir also kurzschließen, daß auch das Volk der Theatermacher und Theatergeher vom Aussterben bedroht ist? Die Skeptiker können mit einer schnellen Antwort aufwarten: Der Theaterbesuch in Deutschland hat sich seit Jahren stabilisiert, bei etwa 30 Millionen an öffentlichen und privaten Theatern zusammengenommen. Doch die Dramatisierer halten dagegen: Vom drohenden Bevölkerungsrückgang haben wir bislang so wenig gespürt, weil die Lebenserwartung in den letzten Jahren weiter gestiegen ist und in Deutschland mittlerweile rund zwölf Millionen Migranten leben, übrigens prozentual mehr als in Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden. Und wie es ist, bleibt es nicht (Brecht).

Eine Gesellschaft, in der die Menschen ein einziges Mal im Leben weinen. Sie sparen sehr damit, und wenn es vorbei ist, freuen sie sich auf nichts und sind matt und alt geworden.

Auch wenn die Lebenserwartung weiter steigen sollte, sagen die Prognostiker des Statistischen Bundesamtes bis zum Jahr 2050 einen Schwund von mindestens zehn Millionen Menschen für unser Land voraus. Schon dafür sind allerdings weiterhin jährlich mindestens 200.000 Zuwanderer aus dem Ausland nötig. Deutschland wird schrumpfen und altern, darin stimmen alle Demografen überein. Die Wanderung vom Land in die Ballungszentren und deren Speckgürtel wird sich verstärken, die Abwanderung von Ost nach West sich nicht abschwächen.

Eine Gesellschaft, die nur aus Alten besteht, die in Blindheit immer Ältere zeugen.

Sollten wir Theatermacher uns von diesen voraussehbaren Entwicklungen etwa berührt fühlen? Es ist so und es bleibt so (Brasch). Oder werden wir unsere einzigartige deutsche Theaterlandschaft umbauen müssen, die bis vor 10 Jahren schneller gewachsen ist als die Bevölkerung und die wir zur Zeit auf hohem Niveau zu bewahren versuchen? Brauchen wir eine spekulative Diskussion über Spielpläne des Alterns jenseits von aktuellen Subventions- und Rechtfertigungsdebatten? Oder können wir uns auf die Babyboomer in Rente freuen, die gebildetste und gesündeste Seniorengeneration aller Zeiten und damit in zwanzig Jahren das ideale Theaterpublikum?

Eine Gesellschaft, in der alle Menschen stehend schlafen, mitten auf der Straße und ohne daß irgend etwas sie stört.

Wenn Dramaturgen sich als Vordenker begreifen, die auch Holzwege nicht scheuen, dann sollten diese Fragen das Feld für zumindest eine Gesprächsrunde abstecken können.

Wie kann das deutsche Stadttheater seinen Platz im Zentrum der Gesellschaft behaupten?
Wie kann es architektonisch auf demografische Verschiebungen reagieren?
Es antwortet der „darstellende Architekt“ Benjamin Förster Baldenius, der in Assoziation mit dem Forschungsprojekt „Schrumpfende Städte“, seiner Gruppe Raumlabor und dem Thalia Theater Halle das Projekt „Hotel Neustadt“ entwickelte, das 2003 einen leerstehenden Plattenbau in Halle-Neustadt bespielte. Im Herbst 2004 flutete er in seiner Aktion „Fassadenrepublik“ den Palast der Republik in Berlin.

Eine Gesellschaft, in der niemand allein stirbt. Tausend tun sich zusammen, von selber, und werden öffentlich hingerichtet, ihr Fest.

Wenn es mehr ältere Schauspieler, Regisseure und Dramatiker gibt, wie kann dann eine Dramatik und Ästhetik des Alterns aussehen?
Wenn die Alten zum neuen Proletariat der Gesellschaft werden, auf welche Weise predigt man ihnen dann Brechts Sterbelehre?
Es antwortet der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll, der über „das Theater des konstruktiven Defaitismus“ bei Walter Benjamin, Bertolt Brecht und Heiner Müller promovierte. Zur Zeit lehrt er an der Ruhruniversität Bochum.

Eine Gesellschaft, in der Menschen lachen, statt zu essen.

Welche Alternativen für ein deutsches Nationaltheater gibt es in der Migrationsgesellschaft?
Soll das Theater Fremdheit ausstellen oder assimilieren?
Es antwortet der Leiter des Bereichs Musik, Tanz, Theater am Berliner Haus der Kulturen der Welt, Johannes Odenthal.

Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch gemalt wird und zu seinem Bilde betet.

Wie viel bürgerliches Theater braucht eine Gesellschaft jenseits des Bildungsbürgertums?
Wie können sich die Künste der Exklusion, der Ausschließung von Nicht-Kennern, in Zukunft noch gegen Medien der Inklusion behaupten?
Es antwortet der Berliner Essayist Michael Rutschky.

Eine Gesellschaft, in der nie mehr als zwei Menschen beieinanderstehen, alles andere ist undenkbar und unerträglich. Wenn ein Dritter sich nähert, fahren die Zwei, von Ekel geschüttelt, auseinander.

Mit welchen künstlerischen und strukturellen Umbau-Maßnahmen kann das Theater die demografische Zukunft antizipieren? Wie können Spielpläne, Ensembles und Strategien in zehn, zwanzig, dreißig Jahren aussehen?
Es antwortet Peter Spuhler, DG-Vorstandsmitglied, zur Zeit Intendant am Landestheater Württemberg-Hohenzollern, ab Herbst 2005 Intendant des Theaters der Stadt Heidelberg. Seinem Team und ihm ist es gelungen, durch strategische Maßnahmen eine Öffnung und Verjüngung ihres Theaters erreichen und die Besucherfrequenz erheblich zu verstärken.

Eine Gesellschaft, in der es ein einziges Auge gibt, es macht unaufhörlich die Runde. Alle wollen dasselbe sehen, sie sehen es.

Es moderiert Jan Linders, DG-Vorstandsmitglied, freier Dramaturg und Autor zwischen Experimentaltheater und Musical.

 

Hinweise:

Anmerkungen:

(1) Die als Zwischenüberschriften eingeschobenen Gesellschaftsvisionen sind Aufzeichnungen von Elias Canetti aus dem Jahre 1964. In: „Die Provinz des Menschen“, München 1973.

 

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