Jan Linders:
WIE ES BLEIBT, IST ES
NICHT
Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst
der Demografie. Die Renten- und Krankenversicherten
hat es schon aufgeschreckt, das Feuilleton schmiedet
zur Abwehr ein Methusalem-Komplott und Forschungsinstitute
von Rostock bis Wiesbaden veröffentlichen immer
schaurigere Studien. “Seit Anfang der 1970er
Jahre ist jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner
als die ihrer Eltern. Von hundert Deutschen bleiben
deshalb 30 Jahre später nur noch etwa 70 übrig.
Würde man diese Entwicklung extrapolieren, ginge
es bald zu Ende mit dem Volk der Dichter und Denker“,
so leitet das Berlin-Institut für Bevölkerung
und Entwicklung seine Studie „Deutschland 2020
– Die demografische Zukunft der Nation“
ein.
Eine Gesellschaft, in
der die Menschen nach Belieben alt oder jung sein
können und immer damit abwechseln.(1)
Sollten wir also kurzschließen, daß auch
das Volk der Theatermacher und Theatergeher vom Aussterben
bedroht ist? Die Skeptiker können mit einer schnellen
Antwort aufwarten: Der Theaterbesuch in Deutschland
hat sich seit Jahren stabilisiert, bei etwa 30 Millionen
an öffentlichen und privaten Theatern zusammengenommen.
Doch die Dramatisierer halten dagegen: Vom drohenden
Bevölkerungsrückgang haben wir bislang so
wenig gespürt, weil die Lebenserwartung in den
letzten Jahren weiter gestiegen ist und in Deutschland
mittlerweile rund zwölf Millionen Migranten leben,
übrigens prozentual mehr als in Frankreich, Großbritannien
oder den Niederlanden. Und wie es ist, bleibt es nicht
(Brecht).
Eine Gesellschaft, in der die
Menschen ein einziges Mal im Leben weinen. Sie sparen
sehr damit, und wenn es vorbei ist, freuen sie sich
auf nichts und sind matt und alt geworden.
Auch wenn die Lebenserwartung weiter steigen sollte,
sagen die Prognostiker des Statistischen Bundesamtes
bis zum Jahr 2050 einen Schwund von mindestens zehn
Millionen Menschen für unser Land voraus. Schon
dafür sind allerdings weiterhin jährlich
mindestens 200.000 Zuwanderer aus dem Ausland nötig.
Deutschland wird schrumpfen und altern, darin stimmen
alle Demografen überein. Die Wanderung vom Land
in die Ballungszentren und deren Speckgürtel
wird sich verstärken, die Abwanderung von Ost
nach West sich nicht abschwächen.
Eine Gesellschaft, die nur
aus Alten besteht, die in Blindheit immer Ältere
zeugen.
Sollten wir Theatermacher uns von diesen voraussehbaren
Entwicklungen etwa berührt fühlen? Es ist
so und es bleibt so (Brasch). Oder werden wir unsere
einzigartige deutsche Theaterlandschaft umbauen müssen,
die bis vor 10 Jahren schneller gewachsen ist als
die Bevölkerung und die wir zur Zeit auf hohem
Niveau zu bewahren versuchen? Brauchen wir eine spekulative
Diskussion über Spielpläne des Alterns jenseits
von aktuellen Subventions- und Rechtfertigungsdebatten?
Oder können wir uns auf die Babyboomer in Rente
freuen, die gebildetste und gesündeste Seniorengeneration
aller Zeiten und damit in zwanzig Jahren das ideale
Theaterpublikum?
Eine Gesellschaft, in der alle
Menschen stehend schlafen, mitten auf der Straße
und ohne daß irgend etwas sie stört.
Wenn Dramaturgen sich als Vordenker begreifen, die
auch Holzwege nicht scheuen, dann sollten diese Fragen
das Feld für zumindest eine Gesprächsrunde
abstecken können.
Wie kann das deutsche Stadttheater seinen Platz im
Zentrum der Gesellschaft behaupten?
Wie kann es architektonisch auf demografische Verschiebungen
reagieren?
Es antwortet der „darstellende Architekt“
Benjamin Förster Baldenius, der in Assoziation
mit dem Forschungsprojekt „Schrumpfende Städte“,
seiner Gruppe Raumlabor und dem Thalia Theater Halle
das Projekt „Hotel Neustadt“ entwickelte,
das 2003 einen leerstehenden Plattenbau in Halle-Neustadt
bespielte. Im Herbst 2004 flutete er in seiner Aktion
„Fassadenrepublik“ den Palast der Republik
in Berlin.
Eine Gesellschaft, in
der niemand allein stirbt. Tausend tun sich zusammen,
von selber, und werden öffentlich hingerichtet,
ihr Fest.
Wenn es mehr ältere Schauspieler, Regisseure
und Dramatiker gibt, wie kann dann eine Dramatik und
Ästhetik des Alterns aussehen?
Wenn die Alten zum neuen Proletariat der Gesellschaft
werden, auf welche Weise predigt man ihnen dann Brechts
Sterbelehre?
Es antwortet der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll,
der über „das Theater des konstruktiven
Defaitismus“ bei Walter Benjamin, Bertolt Brecht
und Heiner Müller promovierte. Zur Zeit lehrt
er an der Ruhruniversität Bochum.
Eine Gesellschaft, in der Menschen
lachen, statt zu essen.
Welche Alternativen für ein deutsches Nationaltheater
gibt es in der Migrationsgesellschaft?
Soll das Theater Fremdheit ausstellen oder assimilieren?
Es antwortet der Leiter des Bereichs Musik, Tanz,
Theater am Berliner Haus der Kulturen der Welt, Johannes
Odenthal.
Eine Gesellschaft, in der jeder
Mensch gemalt wird und zu seinem Bilde betet.
Wie viel bürgerliches Theater braucht eine Gesellschaft
jenseits des Bildungsbürgertums?
Wie können sich die Künste der Exklusion,
der Ausschließung von Nicht-Kennern, in Zukunft
noch gegen Medien der Inklusion behaupten?
Es antwortet der Berliner Essayist Michael Rutschky.
Eine Gesellschaft, in der nie
mehr als zwei Menschen beieinanderstehen, alles andere
ist undenkbar und unerträglich. Wenn ein Dritter
sich nähert, fahren die Zwei, von Ekel geschüttelt,
auseinander.
Mit welchen künstlerischen und strukturellen
Umbau-Maßnahmen kann das Theater die demografische
Zukunft antizipieren? Wie können Spielpläne,
Ensembles und Strategien in zehn, zwanzig, dreißig
Jahren aussehen?
Es antwortet Peter Spuhler, DG-Vorstandsmitglied,
zur Zeit Intendant am Landestheater Württemberg-Hohenzollern,
ab Herbst 2005 Intendant des Theaters der Stadt Heidelberg.
Seinem Team und ihm ist es gelungen, durch strategische
Maßnahmen eine Öffnung und Verjüngung
ihres Theaters erreichen und die Besucherfrequenz
erheblich zu verstärken.
Eine Gesellschaft, in der es
ein einziges Auge gibt, es macht unaufhörlich
die Runde. Alle wollen dasselbe sehen, sie sehen es.
Es moderiert Jan Linders, DG-Vorstandsmitglied, freier
Dramaturg und Autor zwischen Experimentaltheater und
Musical.