Podiumsdiskussion:
Wie soll der Dramaturg
der Zukunft ausgebildet werden?
Henning Rischbieter:
Im Anschluss an die Diskussion „Der Dramaturg
als (Ko-)Produzent“ geht es in dieser Debatte
um die Ausbildung von Dramaturgen heutzutage und für
die Zukunft. Die Funktionen des Dramaturgen wurden
früher eingeteilt in die Bereiche Spielplandramaturgie,
Produktionsdramaturgie und Öffentlichkeitsdramaturgie
und waren im Idealfall sehr eng miteinander verzahnt.
Das Berufsbild hat sich vor allem in den letzten zehn
Jahren – auch durch das Zusammenrücken
von freier Szene und Stadt- und Staatstheater –
gewandelt, was wir heute morgen unter dem Titel „Der
Dramaturg als (Ko-)Produzent“ zu beschreiben
versucht haben. Dramaturgie am Theater hat sich nicht
eigentlich verändert, sondern erweitert. Aber
wovon in der vorigen Diskussion wenig die Rede war,
ist: Wo sitzt denn heute die Theaterproduktion in
der Gesellschaft? In welcher Gesellschaft, für
welche Gesellschaft produziert das Theater? Vor allen
Dingen wie wandelt sich diese Gesellschaft und was
trägt das Theater zu dieser Wandlung bei oder
begleitet es sie nur oder reflektiert es sie? Wo liegt
die Zukunft von Gesellschaft und Theater? Mir erscheint
es wichtig, dass wir auch diesen Aspekt, der ja der
eigentlich Begründende für dramaturgische
Tätigkeiten ist, nicht aus dem Auge verlieren.
Aber jetzt geht es zuerst einmal um die Ausbildungswege.
Dramaturgie wird an Universitätsinstituten und
universitätsähnlichen Instituten als Studienfach
angeboten oder aber Dramaturgie ist das Ziel von theaterwissenschaftlicher
Ausbildung. Was verändert sich da? Und für
welches Theater? Und ich will mit einer gewissen Strenge
nachfragen, für welches Theater in welcher Gesellschaft
an den Universitäten gelehrt wird, wenn man Studenten
dafür tauglich machen will, Dramaturgen zu sein.
Neben mir sitzt Kati Röttger von der Universität
Mainz. Wie beschreiben Sie ihre Position jetzt, Sie
sind?
Kati Röttger:
Im Moment bin ich wissenschaftliche Assistentin.
Rischbieter: Wissenschaftliche
Assistentin. Das Institut heißt Theater- und
Filmwissenschaften?
Röttger: Nein,
nein, auf keinen Fall. Das heißt einfach Institut
für Theaterwissenschaften. Wir haben noch den
Luxus, dass wir ein Institut für Theaterwissenschaften
ohne Kooperation mit Film oder Fernsehen oder medienwissenschaftlichen
Bereichen haben.
Rischbieter: Auf
meiner anderen Seite sitzt Petra Stuber aus Leipzig
von der Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschule für
Musik und Theater. So heißt es?
Petra Stuber:
Ja, Kunsthochschule für Musik und Theater.
Rischbieter: Und
ihre Funktion dort?
Stuber: Es gibt
dort seit zehn Jahren einen Studiengang Dramaturgie,
da bin ich Professorin für Dramaturgie und Theatergeschichte.
Rischbieter: Die
Veranlassung dafür, dass wir hier in der Universität
sitzen und das Thema gewählt haben, ist Hans-Thies
Lehmann, der da ganz außen sitzt. Euer Institut
heißt für Theaterwissenschaft?
Hans-Thies Lehmann:
Das ist nicht ganz leicht, es ist ein Institut für
Theater-, Film- und Medienwissenschaft mit einem starken
Praxisbezug und an diesem Institut bzw. an dem Fachbereich
ist jetzt der Studiengang Dramaturgie, der seit kurzem
neu eingerichtet ist, angesiedelt. Insofern bin ich
funktional Professor für Theaterwissenschaft
und Leiter dieses Dramaturgiestudiums.
Rischbieter: Auf
der anderen Seite ganz außen sitzt Florian Vogel.
Er ist im Hauptberuf Dramaturg am Stuttgarter Staatstheater
und demnächst am Deutschen Schauspielhaus in
Hamburg und nebenbei nimmt er einen Lehrauftrag wahr,
den müssen Sie jetzt selber beschreiben.
Florian Vogel: Ich
bin Lehrbeauftragter für Dramaturgie am Seminar
für Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Man
kann in Tübingen Allgemeine Rhetorik studieren,
das ist ein sehr einzigartiger Studiengang, der einzige
seiner Art in Deutschland. Der Studiengang wurde vor
über zwanzig Jahren von Walter Jens ins Leben
gerufen. Und das Besondere an dem Studiengang ist,
dass er einen sehr starken Praxisbezug hat Ich gebe
da seit dreieinhalb Jahren als Lehrbeauftragter sowohl
Praxisseminare als auch wissenschaftliche Hauptseminare
Rischbieter: Wenn
ich es richtig sehe, hätten wir ohne Mühe
noch weitere in universitären Zusammenhängen
stattfindende Bemühungen um Dramaturgie und Dramaturgenstudium
auftreiben können, aber das ist ja hier schon
eine Vielfalt und vielleicht sogar eine widersprüchliche.
Das wäre für unsere Diskussion belebend.
Hans-Thies Lehmann, für welches Theater und dahinter
gesehen für welche Gesellschaft der Gegenwart
und der Zukunft wollt ihr Dramaturgen ausbilden oder
Dramaturgie lehren oder beides?
Lehmann: Das ist
eine große Frage. Natürlich für ein
Theater, das wir noch nicht kennen in einer Theaterlandschaft,
die sich sehr stark verändert. Was sich jetzt
verändert und was vielleicht viele noch nicht
in der Tragweite mitbekommen haben, ist: das tradierte
Theater des 18. und 19. Jahrhunderts, das wir mit
moderaten oder weniger moderaten Modernisierungen
fortgeschrieben haben, ist nicht mehr die Norm. Es
ist nicht mehr das, was in der interessierten und
interessanten Kunst- und Kulturdiskussion eine große
Rolle spielt. In den 1960er und 1970er Jahren wurde
weltweit über das deutsche Theater nachgedacht.
Da sind die Leute angereist, weil das politisch war,
weil es formal und ästhetisch interessant war
und der Boden bebte vor lauter Zusammenhängen
mit der Gesellschaft. Man muss ehrlicherweise sagen,
das ist in Deutschland heute nicht der Fall. Die institutionellen
und finanziellen Zwänge führen im Augenblick
dazu, dass man überhaupt nicht mehr zu sagen
wagt, was man an Vorstellungen, Wünschen und
Utopien mit dem Theater verknüpft. Ich sage,
Theater ist erst mal ein Fest. Theater ist nicht in
erster Linie eine Bildungsveranstaltung, auch wenn
das deutsche Theater aus bestimmten historischen Gründen
immer Theatersessel und Schulbank miteinander verwechselt
hat. Das ist eine deutsche Tradition, die sehr spezifisch
ist, auch wunderbare Qualitäten hat und hochkarätiges,
hochintellektuelles Theater hervorgebracht hat, aber
diese Schattenseite in sich birgt, dass es fortwährend
mit der Schule in Verbindung gebracht wird anstatt
mit der Gesellschaft. Es gab Zeiten, da hat man vor
dem Theater diskutiert und nach dem Theater getanzt.
Die Theatergruppe von Jan Lauwers lädt sich jeden
Monat einen Philosophen ein und diskutiert zusammen
allgemeine philosophische Fragen, weil das einfach
den Kopf freiräumt, weil man etwas über
andere Perspektiven erfährt und sich selbst dazu
motiviert und auch den Schwung kriegt, aus dem Institutionendenken
rauszukommen. Also Fest, nicht Theater als ein Bildungsinstitut,
aber ein Theater, dass in den städtischen Raum
wirkt. Ein Theater, das – nicht unbedingt alle
aktuellen politischen Probleme – die Lebensverhältnisse
in den Städten aufgreift, das nach neuen Spielweisen,
Orten und Inszenierungsstrategien sucht und sich nicht
ausschließlich, wie es im deutschen Theater
derzeit üblich ist, in der Spielplangestaltung
erschöpft. Die Frage ist nicht, was wollen wir
gerade servieren, sondern wie. Ich habe den Eindruck,
– lasse mich da aber gerne belehren, wenn das
vom außenstehenden Academicus ganz falsch gesehen
wird – dass ganz prinzipiell aus den genannten
politischen und kulturpolitischen Gründen in
den Theatern nicht genügend Zeit und Energie
dafür vorhanden ist, öfter lustvoll darüber
nachzudenken, warum man das macht und was man da macht.
Die Chance dafür ist nicht gegeben und da sind
wir bei der Frage nach der Gesellschaft, Henning,
die du zurecht in den Vordergrund gerückt hast.
Die kulturelle Tätigkeit der Bundesrepublik hat
einen raschen und enormen Auraverlust erlitten. Der
Respekt vor kultureller Arbeit hat insgesamt abgenommen.
Das lässt sich an der Geste von Kulturpolitkern
festmachen, die heute stolz sagen können, sie
haben ein Theater weggespart. Das wird als gesellschaftliche
Leistung gesehen. Die Art und Weise, wie mit der Finanzierung
und der Diskussion von Kultur umgegangen wird, ist
davon getragen, dass das zwar irgendwie ganz nett
ist und es ja auch immer noch Leute gibt, die so etwas
machen, aber dass es eigentlich auch nicht unbedingt
sein muss, weil es einfach wesentlich wichtigere Dinge
gibt. Es wird nicht mehr die Frage gestellt, ob eine
Gesellschaft Räume braucht, in denen Künstler
etwas ausprobieren können. Dieses Ausprobieren
ist leider im Theater an mehr Geld gebunden als das
bei den anderen Künsten der Fall ist, weil es
Räume und Ausstattung benötigt. Deswegen
ist das Theater in der Entwicklung auch immer ein
wenig hinter der anderen Künsten zurück.
Das war aber immer so. Um die Frage nach der Gesellschaft
zu beantworten: es muss eine Gesellschaft sein, in
der die Zeit und die Freiräume für sozusagen
zweckloses Tun auf allen Ebenen wieder eine stärkere
Bedeutung gewinnt. Die Ausbildung ist ja noch mal
einer der seltenen Freiräume. Wo gibt es das
denn noch, dass zehn Leute zusammensitzen und zwei
Stunden über etwas einfach nur diskutieren können,
weil sie darüber diskutieren wollen. Das ist
ja schon beinahe die Verwirklichung einer Utopie.
Die Frage der Subvention muss in der Öffentlichkeit
von der richtigen Seite her diskutiert werden. Nicht
unter dem Gesichtspunkt, ob diese Theater genügend
Leute erreichen, sondern, ob es unsere Gesellschaft
erreicht, dass genügend junge Leute sich kreativ
ausdrücken können. Da hätten wir die
Gehirnforscher absolut auf unserer Seite. Alles deutet
daraufhin, dass nicht etwa nur das Künstlerische
selbst, sondern die gesamte Intelligenz in einer unwahrscheinlichen
Weise dadurch gehemmt oder entwickelt wird, dass man
sich sehr früh frei singend, spielend, tanzend
usw. betätigt, weil – ich kann das nicht
genau erklären – die Synapsen im Gehirn
sich dementsprechend verschalten oder nicht, und dieser
Prozess mit etwa sechzehn Jahren abgeschlossen ist.
Da wird man von der Grundsubstanz her nicht mehr klüger
und nicht mehr künstlerisch sensibler. Es gibt
bestimmt noch mehr Möglichkeiten, öffentlich
die Notwendigkeit von Tanzen, Singen, Sprechen, Rezitieren,
mit Texten umgehen, Räume definieren, körperliche
Bewegungsabläufe erfinden usw. massiv vorzutragen
und sich nicht zu sehr und zu schnell in die Diskussion
des Theaters als produzierender Betrieb der Gesellschaft
einrücken zu lassen. Unser Studiengang versucht,
die Bereitschaft für die Wahrnehmung der anderen
Künste stark zu machen und sich mit neuen Inszenierungsformen
auseinander zu setzen.
Röttger: Ich
glaube generell, dass im Theater ein hohes gesellschaftliches
Potential liegt, das beweist alleine schon die Jahrtausende
alte Theatergeschichte, die wir haben. Und dieses
Potential ist immer dann wirksam und aktiv, wenn man
Theater nicht auf irgendeinen definitiven Begriff
festzuklopfen versucht. Insofern finde ich diesen
Streit, der immer wieder in den Feuilletons geführt
wird, zwischen sogenannten Stückezertrümmerern
und den Verfechtern der Werktreue äußerst
unfruchtbar, weil ich glaube, dass beide Positionen
wichtig sind. Es kommt darauf an, bei der Frage um
die Funktion des Theaters als kulturelles Gedächtnis
eine Auseinandersetzung zu führen, die an die
Aktualität anknüpft. Das heißt, wenn
sie sagen „In der Ausbildung wird nicht genug
berücksichtigt, mit welchen Aufgaben der Dramaturg
dann zu tun hat als jemand, der auch sensibel sein
muss für gesellschaftliche Entwicklungen“,
dann müssen wir diese Lücke füllen.
Wir müssen die Studierenden darauf vorbereiten,
wach und sensibel zu sein für das, was in unserer
Gesellschaft geschieht. In Mainz haben wir aus diesem
Grund und auch als Reaktion auf die zunehmende Entwicklung
unserer Gesellschaft zur Mediengesellschaft, den Studiengang
der Mediendramaturgie eingerichtet. Zur Zeit haben
wir noch ein mehr oder weniger klassisches theaterwissenschaftliches
Studium, wobei wir auf interkulturelle Kompetenz sehr
viel Wert legen, also zum Beispiel die Kenntnis außereuropäischer
Theaterformen für wichtig halten. Der Mediendramaturgiestudiengang
ist ein eigener Studiengang, der parallel zu dem gewöhnlichen
Studium läuft. Da werden einmal pro Jahr zwölf
Studierende nach einem Auswahlverfahren aufgenommen.
Neben dem klassischen Curriculum der Filmwissenschaft
wie auch der Theaterwissenschaft, arbeiten die Studierenden
in praktischen Projekten. Es gibt im Medienhaus zum
Beispiel ein sehr gut ausgestattetes Hörfunkstudio,
wo dieser Bereich ausprobiert werden kann. Aber Ziel
dieses Studiums ist vor allem, dass die Leute rausgehen
in die Theater und in die Studios von ZDF oder 3Sat
oder wie sie alle heißen und darüber ihre
Erfahrungen sammeln. Innerhalb dieses mediendramaturgischen
Studienganges läuft es so, dass die Studierenden
die Lehrveranstaltungen in den Fächern Theaterwissenschaft
und Filmwissenschaft mit den anderen Studierenden
besuchen und dann zusätzlich unter der Leitung
eines mediendramaturgischen Professors ihren kleinen
universitären studienganginternen Zusammenhang
haben. Diese Erweiterung in Kombination mit den klassischen
Kursen der Theaterwissenschaft ergibt in der Ausbildung
ein kritisches Potential, was den jungen Leuten hilft,
in der medialisierten gesellschaftlichen Wirklichkeit
Stellung zu beziehen.
Rischbieter: Oder
sie nur tauglich zu machen für Arbeit beim Fernsehen?
Röttger: Nein,
nicht unbedingt sie tauglich zu machen für Arbeit
beim Fernsehen, sondern um die Berufsperspektiven
eines Dramaturgen zu erweitern.
Rischbieter: Ich
stelle gleich die Zwischenfrage, die keine Ablenkung
sein soll: Wissen sie denn, was aus den Studenten
wird, die bei ihnen abschließen oder abspringen,
je nachdem?
Röttger: Leider
in den meisten Fällen nicht, eigentlich müsste
man eine Datenbank einrichten, in der wir das erfassen,
was unsere Studierenden werden. Das wäre eigentlich
notwendig.
Lehmann: Das müssen
wir sowieso bald alle, sonst gibt es gar kein Geld
mehr.
Röttger: Mit
den Abschlüssen stehen wir relativ gut da. Wir
haben ca. 400 Hauptfach- und Nebenfachstudierende,
die Hauptfachstudierenden sind etwas mehr als die
Hälfte davon, und der Prozentsatz unserer Abschlüsse
liegt bei ungefähr 90 Prozent.
Stuber: Ich fange
jetzt nicht gleich mit den Zahlen an, sondern möchte
an Hans-Thies Lehmann anschließen und sagen,
dass dieser Entwurf der Gesellschaft, die Räume
zum Experimentieren für Künstler zur Verfügung
stellt, weil sie die Notwendigkeit dazu begreift,
natürlich eine schöne Utopie ist. Wo, wenn
nicht zum Beispiel auch in den Ausbildungsinstituten
sind Freiräume dafür zu schaffen und zu
nutzen, denn das ist doch einer der wenigen geschützten
Räume. Unser Dramaturgiestudiengang, vor zehn
Jahren gegründet, ist an einer Hochschule für
Musik und Theater gegründet worden und da gibt
es natürlich eine Spezialstrecke in der Ausbildung
für Musiktheaterdramaturgen. Das ist eine Möglichkeit,
die sich aus der institutionellen Einbindung ergibt.
Eine andere Einbindung, die wir zum Beispiel überhaupt
nicht leisten können, ist die Zusammenarbeit
der Studierenden mit Regiestudenten.
Rischbieter: Gibt
es kein Regiestudium in Leipzig?
Stuber: Nein.
Und deswegen denke ich, dass wir als Ausbildungsinstitute
viel stärker zusammenarbeiten sollten. Wir immatrikulieren
alle zwei Jahre dreizehn bis fünfzehn Studierende.
Ein bis zwei davon springen ab, mittlerweile gibt
es den vierten Jahrgang, der gerade Diplom gemacht
hat. Unmittelbar nach dem Studium ist es ungefähr
ein Drittel, das ans Theater geht. Ein paar machen
noch andere Ausbildungen hinterher, andere sind ganz
woanders eingestiegen. Nach ein paar Jahren stellt
sich aber heraus, dass auch die, die nicht gleich
in Theater, Medienanstalten oder vergleichbare Arbeitsbereiche
gegangen sind, als Dramaturgen arbeiten. Hochgerechnet
sind es etwa die Hälfte der Absolventen.
Rischbieter: Dabei
muss man bedenken, dass im Unterschied zu einem universitären
Studium die Studenten bei ihnen wirklich ausschließlich
Dramaturgie studieren.
Stuber: Es ist
der einzige grundständige Studiengang Dramaturgie,
den es im deutschsprachigen Raum gibt. Grundständig
heißt, ich studiere acht Semester Dramaturgie
an der Hochschule. Vielleicht ist es symptomatisch
für die Veränderung der Berufsverhältnisse,
dass diese Dramaturgiestudiengänge, der Masterstudiengang
in Frankfurt, der Mediendramaturgiestudiengang in
Mainz und der Dramaturgiestudiengang in Leipzig, sich
in den letzten Jahren gegründet haben. Die gab
es ja vorher nicht. Vielleicht muss man das noch mal
feststellen, dass das schon eine erste Reaktion auf
die veränderte Situation der Theater und der
Tätigkeit der Dramaturgen ist.
Aus dem Publikum: Ich
habe eine ketzerische Frage. So wie wir hier im Raum
sitzen, von den Kolleginnen und Kollegen wird wohl
kaum jemand Dramaturgie studiert haben. Auch ich habe
nicht Dramaturgie studiert. Sind wir aus ihrer Perspektive
schlechter ausgebildet als Ihre Studierenden? Verstehen
Sie das nicht falsch, es ist einfach die Frage der
Notwendigkeit eines solchen Studienganges. Was sind
die Schlüsselqualifikationen für die spätere
Berufspraxis, die man aus einem Dramaturgiestudiengang
erwerben kann?
Stuber: Sollte
ich Anlass gegeben haben, anzunehmen, nur die Dramaturgiestudiengänge,
der Masterstudiengang hier, der Mediendramaturgiestudiengang
da oder der Dramaturgiestudiengang in Leipzig machen
gute Dramaturgen, das wäre ein großes Missverständnis.
Rischbieter: Macht
es keinen schlechten Dramaturgen ist doch die Frage.
Stuber: Es ist
doch wunderbar, dass es an den Universitäten
theaterwissenschaftliche Ausbildungen gibt, die der
Grund dafür sind, dass es wunderbare Dramaturgen
in vielen Berufsfeldern gibt.
Rischbieter: Die
meisten haben nicht Theaterwissenschaft im Hauptfach
studiert, würde ich mal behaupten.
Stuber: Und es
ist wunderbar, dass es Dramaturgiestudiengänge
gibt, in denen man verschiedene Profile überprüfen
kann. Da ist der Masterstudiengang für ein abgeschlossenes
Studium, wir haben ein grundständiges Studium,
da gibt es die Spezialisierung Mediendramaturgie in
Mainz, anderswo in der Theaterwissenschaft kann man
sich anders profilieren, das finde ich einen guten
Punkt, der mittlerweile erreicht ist.
Röttger:
Ich möchte Herrn Rischbieter fragen: Meinen Sie,
wir brauchen gar keine Theaterwissenschaft?
Rischbieter: Ich
habe immer die Auffassung vertreten, als ich Theaterwissenschaft
lehrte, dass es vielleicht besser ist, das nur im
Nebenfach zu studieren. Ich neige – sehr verkürzt
ausgedrückt – der Auffassung zu, dass es
in der Dramaturgie darum geht, Denken ins Theater
zu bringen. Der Dramaturg sollte eine intellektuelle
Kompetenz innehaben. Die kann man eigentlich sowieso
nicht durch Universitätsstudien erwerben, aber
vielleicht verbessern, entwickeln, anreichern. Deshalb
bin ich auch immer der Meinung gewesen, dass die Theaterwissenschaft
in der Hauptsache die Theatergeschichte als einen
Quell der Inspiration für die Gegenwart des Theaters
pflegen sollte. Historisch zu denken, philosophisch
zu denken, das sind meiner Meinung nach die Qualifikationen,
die ein Dramaturg im Theater braucht. Und die braucht
man nicht in einem engen Studiengang Theaterwissenschaft
oder gar Dramaturgie zu erwerben, da lernt man sie
vielleicht gar nicht so sehr. Ich weiß es nicht.
Lehmann: Da würde
ich gerne den Masterstudiengang ins Spiel bringen,
bevor wir zu allgemein werden. Aus den Motiven, die
von Henning Rischbieter eben erwähnt wurden,
ist das ein Aufbaustudiengang, kein grundständiger
Studiengang. Wir haben nicht festgelegt, ob das erste
Studium ein geisteswissenschaftliches geschweige denn
ein theaterwissenschaftliches sein muss. Aber man
soll schon einmal studieren gelernt, ein Studium hinter
sich haben. Das Aufbaustudium ist eingerichtet worden
als Masterstudiengang, ohne dass es dazu einen Bachelor
gibt, zunächst mehr der Not folgend, dass man
im Augenblick bei neuen Studiengängen Masterstudiengänge
akkreditiert bekommt und dafür die nötige
Unterstützung erhält. Der Studiengang existierte
nicht ohne die Gründung der hessischen Theaterakademie,
das ist eigentlich der springende Punkt. Die hessische
Theaterakademie ist Ende 2002 gegründet worden
und ist ein Studien- und Produktionsverbund zwischen
Universität Frankfurt, Universität Gießen,
der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst
Frankfurt und den hessischen Theatern der Region sowie
dem Mainzer Theater. Die Idee ist einerseits Produktionsverbund,
das heißt, Studierende der Regie und nun zunehmend
auch der Dramaturgie, kriegen von den Theatern die
Gelegenheit, – dazu werden Mittel eingeworben
– während ihres Studiums am Theater eine
Produktion zu machen, damit sie, wenn sie fertig sind,
mit einer bestimmten Theatererfahrung aufwarten können.
Daraus ergibt sich zunächst ein Umfeld. Der Masterstudiengang
ist so eingerichtet, dass er primär aus Vernetzung
besteht: die Dramaturgen sind überall dabei.
Sie arbeiten mit den Regiestudierenden zusammen, gehen
in die Inszenierungskonzeptionsseminare von Hans Hollmann,
sie arbeiten mit Bühnenbildern in Projekten,
dann arbeiten sie dramaturgisch zusammen, nehmen teil
an den Veranstaltungen im Studiengang Musiktheater
und künftig hoffentlich auch noch mehr im neu
eingerichteten Studiengang Theater- und Orchestermanagement.
Die Module, die in den zwei Jahren absolviert werden,
sind u.a. Theatergeschichte, Internationale Theatergeschichte,
Künstlerische Ausdrucksformen, Die Inszenierung
1, Die Inszenierung 2, Öffentlichkeitsarbeit,
Stücklektorat, Produktion, Textanalyse usw.,
also die klassischen Bestandteile, die dazu gehören.
Wir haben eine Reihe von Lehraufträgen, die wesentlich
durch die Dramaturgien in Hessen und Umgebung bestritten
werden, zum Beispiel von Jens Groß vom schauspielfrankfurt,
von Sergio Morabito, der in Stuttgart die Junge Oper
macht und von Marion Victor vom Verlag der Autoren.
Man sieht daran, dass es ein Bausteinsystem von Praxisbegegnung
ist, Praxis vermittelt in Seminaren. Daneben gibt
es die eigentlichen Theaterarbeiten, die in den Theatern
stattfinden. Die Idealvorstellung ist, – und
wir versuchen, das immer öfter zu realisieren
– dass einer der Regie abgeschlossen hat, einer
der gerade mit dem Dramaturgiestudium fertigt ist,
gemeinsam supervisiert in einem Theater als Abschlussarbeit
eine Produktion machen. Dass ist bei uns die Abschlussleistung,
die Dramaturgie in einer Produktion mit der Reflexion
darüber und einer mündlichen Prüfung.
Aber parallel zu dieser Arbeit in den Theatern lege
ich großen Wert darauf, dass die Dramaturgen
auch mit offenen, eigenen szenischen Projekten, die
hier bei uns realisiert werden, Erfahrungen sammeln
können. Dafür gibt es hier zwischen den
Semestern einen Probenraum und wir arbeiten mit den
Theatern der Umgebung zusammen. In diesem Semester
gab es ein Projekt mit Helena Waldmann, der Performancekünstlerin,
die jetzt im Iran dieses Projekt mit iranischen Frauen
gemacht hat. Sie hat mit den Studierenden der Dramaturgie
und der Theaterwissenschaft ein Projekt über
Verhüllung, Scham usw. gemacht, das für
meine Begriffe sehr interessant gelaufen ist, und
als Tryout mit dem Mousonturm herauskam. Diese Projekte
sollen die Studierenden konfrontieren mit verschiedenen
Arten, Theater zu machen, weil ich daran glaube, dass
die Begegnung mit profilierten, interessanten Künstlern
sehr wichtig ist. Manchmal reicht es einfach nur,
sie anzuschauen und zu hören, wie sie reden,
was einem oft mehr beibringt als drei Semester Vorlesung.
Man sieht, das Ganze ist ein einziges Kompromissgebilde
und so ist es auch gedacht. Was ich noch gar nicht
erwähnt habe, es gibt natürlich eine Reihe
von theaterwissenschaftlichen Veranstaltungen bei
uns am Institut, auch den Nebenbereich Film und Medien,
da sollen die Studierenden auch jeweils mal reingeguckt
haben. In diesen Seminaren sitzen die Dramaturgen
mit den Theaterwissenschaftlern zusammen. Das hat
den Nachteil, dass sie nicht unter sich gezielt auf
ihre Interessen diskutieren können, hat meiner
Meinung nach den Vorteil, dass sich das Ganze nicht
zu sehr abschottet. Wir nehmen jährlich ungefähr
sechs Leute aus fünfzehn bis zwanzig Bewerbungen
auf. Über die Erfolge können wir im Augenblick
noch nicht so viel sagen, da erst der zweite Jahrgang
dabei ist abzuschließen und sich das Ganze erst
mal etablieren muss. Wir hatten mit viel mehr Bewerbungen
gerechnet, aber beim zweiten Nachdenken wird es völlig
klar, warum es doch relativ wenige sind. Es ist doch
ein ziemlicher Schritt nach einem abgeschlossenen
Studium zwei Jahre unbezahlt einen etwas überfordernden
Dramaturgiestudiengang als Crash-Kurs zu machen. Aber
es werden sich allmählich auch die Vorteile herumsprechen,
dass das ein Begegnungsfeld ist mit den künftigen
Arbeitgebern, den Theatern, und andererseits mit einer
Reihe von interessanten Künstlern.
Stuber: Die Rede
vom Kompromiss würde ich gerne aufgreifen. Es
fing in Leipzig schon mit dem historischen Kompromiss
an. Es gab vor 1989eine Theaterhochschule, die bestand
aus Schauspielerausbildung, Choreographenausbildung
und theaterwissenschaftlicher Ausbildung. Die ist
geschlossen worden und die theaterwissenschaftliche
Ausbildung ist 1990 in die Universität ausgegliedert
worden. Als Kompromiss mit der alten Struktur ist
damals politisch entschieden worden, dass es in Leipzig
an der Musikhochschule etwas geben soll, was an die
Ausbildung an der Theaterhochschule erinnert. Daraufhin
ist dieser kleine Dramaturgiestudiengang an der Hochschule
für Musik und Theater gegründet worden.
Das ist der historische Kompromiss, mit dem die Dramaturgie-Ausbildung
in Leipzig angefangen hat. Ich war damals noch nicht
dabei, ich bin erst seit zwei Jahren dort, aber ich
glaube, dass es wichtig ist, um zu verstehen, was
strukturell für den Studiengang und für
das gesamte Studienprogramm, das in sich sehr geschlossen
ist, gebaut worden ist. Das Programm folgt ganz sicherlich
im Wesentlichen einer früheren, einer älteren
Idee, hat sich aber in den letzten Jahren schon sehr
modifiziert und es wird sich noch mehr verändern.
Beispielsweise haben die Theaterwissenschaft an der
Uni und unser Dramaturgiestudiengang kaum etwas miteinander
zu tun. Das ist sicherlich in Zukunft nicht mehr klug,
diese Trennung aufrecht zu erhalten,. da muss man
miteinander kooperieren. Der Studiengang ist durchkonzipiert
für acht Semester, im Grundstudium gibt es die
Verpflichtung, acht bis zehn Wochen ein Praktikum
zu absolvieren. Im Hauptstudium ist noch mal ein drei-
bis viermonatiges Praktikum Pflicht, unsere Studierenden
sind also Praktiker, die sind richtig eingebunden.
Die Praxiserfahrung kann in allen möglichen Institutionen,
die nicht nur Theater sein müssen, gesammelt
werden. Eine Studentin von uns ist zweimal während
des Studiums nach Indien gefahren und arbeitet jetzt
bei Frau Zimmermann für „Theater der Welt“,
solche Möglichkeiten gibt es trotz des eng durchkonzipierten
Studienganges auch. Im Studienplan sind Exkursionen
vorgesehen, es gibt Projekte, die an Hochschulprojekte
gebunden sind, da werden beispielsweise Musiktheaterproduktionen
gemacht, bei denen Studierende dramaturgisch mitarbeiten,
das gesamte Seminar quasi damit verbringen, dass sie
da mitarbeiten. Es gibt Projekte, die Studierende
der Dramaturgie selber konzipieren und stemmen, die
also nicht an ein anderes Projekt gebunden sind. Da
fängt die dramaturgische Arbeit wirklich von
der Projektentwicklung auf an.
Aus dem Publikum:
Was Sie jetzt beschrieben haben, ist der Praxisbezug
in ihrem Studium. Mich interessiert, worin der akademische
Teil besteht. Orientiert sich der Studiengang an einer
bestimmten Strukturvorstellung von Theater oder einer
bestimmten konkreten Vorstellung von Theater? Wenn
ja, wie sieht die aus? Was wird an Inhalten noch angeboten,
mal unabhängig von allen Praktika und Exkursionen
und eigenen Projekten?
Stuber: Gelehrt
wird Theatergeschichte, Mediengeschichte, Inszenierungsanalyse,
Aufführungsanalyse, Dramentheorie, Dramaturgie,
Musiktheatergeschichte etc. Der Ausgangspunkt ist
ein traditionelles Theatermodell, trotzdem geht die
Erweiterung dieses Modells bis hin zur Mediendramaturgie,
wo dann zum Beispiel Hörspiel schreiben im Lehrplan
steht. Es ist ein durchaus universalistisches Konzept,
das ursprünglich angestrebt worden ist. Das genau
ist der große Kompromiss, den man mit den Leuten,
die es an der Hochschule vertreten, in der Praxis
versucht zu bewerkstelligen. Und da brauchen wir dringend
den Austausch, nicht nur mit der Theaterwissenschaft
an der Universität, sondern zum Beispiel auch
mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst,
die es in Leipzig gibt, um den Horizont auch in diese
Richtung zu erweitern.
Röttger:
Ich möchte noch einen anderen Punkt betonen.
Ein Symptom unserer Gesellschaft ist die radikale
Wandlung des Bildungsbegriffs. Dabei wird das Interesse
an der Theaterwissenschaft und das Eingestehen der
Notwendigkeit und Wichtigkeit des Studiums der Theaterwissenschaft
sozusagen von der Rezipientenseite immer größer.
Auch deshalb, weil das theaterwissenschaftliche Studium
eigentlich das einzige ist, was das leistet, was jetzt
immer mehr erforderlich wird, nämlich zu sensibilisieren
und eine Art Wahrnehmungsschule zu sein.
Rischbieter: Sie
wollen bessere Zuschauer ausbilden?
Röttger:
Ja, und zwar nicht nur Theaterzuschauer, sondern Zuschauer
unserer Gesellschaft, die sensibilisiert sind für
dieses Inszenierte von scheinbarer Wirklichkeit. wird.
Rischbieter: Florian
Vogel, was machen Sie in Tübingen?
Vogel: Dramaturgie
gibt es in Tübingen als ein Teil des Studiums
im Institut für Allgemeine Rhetorik. Man kann
in Tübingen Rhetorik studieren, man muss es mit
einem anderen Hauptfach oder mit zwei Nebenfächern
kombinieren. Das andere Hauptfach kann alles mögliche
sein. Es kann sogar Medizin oder eine Naturwissenschaft
sein. Die meisten kombinieren es aber mit Geisteswissenschaften.
Die Allgemeine Rhetorik in Tübingen beschäftigt
sich mit allen möglichen Formen und Arten von
strategisch-kommunikativem Handeln und zwar immer
aus der Sicht des Produzenten. Das heißt, es
gibt zwar Textanalyseseminare, die sich auch ein Stück
weit mit der Rezeption von Texten befassen, aber zum
größten Teil versucht man sich immer in
die Produktionsstadien von Texten, von Kunstwerken,
hineinzudenken. Der praktische Teil dabei ist sehr
weit gespannt. Das fängt an beim Hörfunkprogramm
im ICE, geht über Öffentlichkeitskampagnen
bis hin zur klassischen Theaterdramaturgie. In dieser
Bandbreite müssen sich die Studierenden zurechtfinden,
sie können sich ein Studium nach ihren eigenen
Interessen zusammenbauen und auswählen, in welche
Richtung sie gehen wollen. Das Besondere daran sind
die Praxisseminare, die immer von Praktikern von außerhalb
der Universität geleitet werden. Darin werden
die Studierenden in praktische Arbeiten eingebunden
und können zum ersten Mal ausprobieren, wie das
eigentlich funktioniert, zum Beispiel als Geisteswissenschaftler
in der freien Wirtschaft in der Unternehmenskommunikation
von Lufthansa.
Rischbieter: Stammt
diese Konzeption so noch von Walter Jens?
Vogel: Das stammt
alles noch von Jens und was dabei wichtig ist und
warum da auch Dramaturgie vorkommt, ist diese kommunikative
Kompetenz, die wir auch für das Theater als eine
der Schlüsselqualifikationen sehen und die wir
versuchen zu entwickeln. Ich nehme die Studierenden
dann auch immer mit ins Theater, binde sie in meine
Arbeit ein, die ich am Theater mache. Ich kann natürlich
nicht jedes Semester zwanzig Hospitanten gleichzeitig
beschäftigen, aber ich habe immer drei, vier
aus meinem Seminar. Die anderen nehme ich immer wieder
mit auf Proben, zu Diskussionen mit dem Regisseur,
dem Bühnenbildner, weil ich auch denke, wie Hans-Thies
Lehmann schon sagte, dass das eines der wichtigsten
Schlüsselerlebnisse für Studierende ist,
mit den Künstlern sprechen zu können und
mitzukriegen wie sie denken. Mittlerweile kommen aus
diesem Studiengang viele Dramaturgen heraus, ohne
dass es ein eigenständiger Studiengang dieses
Namens ist. Die Abschlussrate, es sind 400 Studenten,
die Abschlussrate liegt bei 85 Prozent.
Röttger: Was
machst du mit denen noch?
Vogel: In den Praxisseminaren ist das immer ein ziemlicher
Gewaltritt, denn ich versuche, mit ihnen beides zu
machen, die Planungsdramaturgie und die Produktionsdramaturgie.
Wir simulieren auch zum Beispiel Bühnenbilder,
die wir dann als Modell diskutieren und daran bestimmte
Fragestellungen ausprobieren. Außerdem lernen
sie die Strukturen verschiedener Theaterbetriebe kennen,
machen Lektorate und Öffentlichkeitsarbeit. Also
alle Stadien vom ersten Textkontakt über Spielpläne
bis hin zur Simulation. Wir simulieren vieles und
parallel dazu binde ich die Studierenden so gut es
geht in die Theaterarbeit ein. In den wissenschaftlichen
Hauptseminaren geht es um die Beschäftigung mit
wissenschaftlichen Texten, Kommunikationstheorie,
Dramenanalyse. Wie gesagt, das geht ein bisschen in
Richtung Theaterwissenschaft, aber immer unter dem
Gesichtspunkt von Kommunikation und Kommunikationstheorie.
Lehmann: Ich finde
es sehr interessant, wie viele unterschiedliche Wege
man gehen kann und überall kommen dann komischerweise
Dramaturgen heraus.
Jan Linders: Und
es gibt da ja noch andere Möglichkeiten, Dramaturg
zu werden, aber ich möchte an dieser Stelle fragen,
was wir Dramaturgen der Gesellschaft geben können?
Kaum ein Begriff hat eine größere Inflation
erfahren wie der der Dramaturgie. Vor fünfzehn
Jahren, als ich anfing, musste ich immer erklären:
Was ist das, ein Dramaturg? Das muss man heute nicht
mehr. Der Begriff Dramaturgie kommt in allen Gesellschaftsbereichen
vor.
Rischbieter: Ich
denke da an Parteitagsdramaturgie.
Linders: Selbstverständlich. Ich wurde von einem
Kanzlerredenschreiber angesprochen, ihm mal zu helfen,
was die Dramaturgie einer Rede anbelangt. Genauso
wird Dramaturgie in der Wirtschaft nachgefragt. Das
hat etwas mit Interesse an einer anderen Denkweise,
etwa an diesem Zweckfreien, an Think Tanks und so
weiter zu tun. Dramaturgen sind Experten darin, etwas
zu strukturieren innerhalb eines Rahmens, der gegeben
ist, denn Theater ist als einzige Kunst ja immer eine,
die in einem schon gegebenen Rahmen operiert, in dem
innerhalb eines Gesetzessystems etwas entwickelt wird.
Also den Tank gibt es schon und das Thinking müssen
wir machen. Da sind wird Experten und ich will noch
mal daran appellieren, dass so eine Ausbildung auch
eine gesellschaftliche Relevanz hat, der wir uns bewusst
sein müssen.
Rischbieter: Ein
gutes Schlusswort, vielen Dank.