"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 05

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2005

Podiumsdiskussion:
Wie soll der Dramaturg der Zukunft ausgebildet werden?

 

Henning Rischbieter: Im Anschluss an die Diskussion „Der Dramaturg als (Ko-)Produzent“ geht es in dieser Debatte um die Ausbildung von Dramaturgen heutzutage und für die Zukunft. Die Funktionen des Dramaturgen wurden früher eingeteilt in die Bereiche Spielplandramaturgie, Produktionsdramaturgie und Öffentlichkeitsdramaturgie und waren im Idealfall sehr eng miteinander verzahnt. Das Berufsbild hat sich vor allem in den letzten zehn Jahren – auch durch das Zusammenrücken von freier Szene und Stadt- und Staatstheater – gewandelt, was wir heute morgen unter dem Titel „Der Dramaturg als (Ko-)Produzent“ zu beschreiben versucht haben. Dramaturgie am Theater hat sich nicht eigentlich verändert, sondern erweitert. Aber wovon in der vorigen Diskussion wenig die Rede war, ist: Wo sitzt denn heute die Theaterproduktion in der Gesellschaft? In welcher Gesellschaft, für welche Gesellschaft produziert das Theater? Vor allen Dingen wie wandelt sich diese Gesellschaft und was trägt das Theater zu dieser Wandlung bei oder begleitet es sie nur oder reflektiert es sie? Wo liegt die Zukunft von Gesellschaft und Theater? Mir erscheint es wichtig, dass wir auch diesen Aspekt, der ja der eigentlich Begründende für dramaturgische Tätigkeiten ist, nicht aus dem Auge verlieren. Aber jetzt geht es zuerst einmal um die Ausbildungswege. Dramaturgie wird an Universitätsinstituten und universitätsähnlichen Instituten als Studienfach angeboten oder aber Dramaturgie ist das Ziel von theaterwissenschaftlicher Ausbildung. Was verändert sich da? Und für welches Theater? Und ich will mit einer gewissen Strenge nachfragen, für welches Theater in welcher Gesellschaft an den Universitäten gelehrt wird, wenn man Studenten dafür tauglich machen will, Dramaturgen zu sein. Neben mir sitzt Kati Röttger von der Universität Mainz. Wie beschreiben Sie ihre Position jetzt, Sie sind?

Kati Röttger: Im Moment bin ich wissenschaftliche Assistentin.

Rischbieter: Wissenschaftliche Assistentin. Das Institut heißt Theater- und Filmwissenschaften?

Röttger: Nein, nein, auf keinen Fall. Das heißt einfach Institut für Theaterwissenschaften. Wir haben noch den Luxus, dass wir ein Institut für Theaterwissenschaften ohne Kooperation mit Film oder Fernsehen oder medienwissenschaftlichen Bereichen haben.

Rischbieter: Auf meiner anderen Seite sitzt Petra Stuber aus Leipzig von der Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschule für Musik und Theater. So heißt es?

Petra Stuber: Ja, Kunsthochschule für Musik und Theater.

Rischbieter: Und ihre Funktion dort?

Stuber: Es gibt dort seit zehn Jahren einen Studiengang Dramaturgie, da bin ich Professorin für Dramaturgie und Theatergeschichte.

Rischbieter: Die Veranlassung dafür, dass wir hier in der Universität sitzen und das Thema gewählt haben, ist Hans-Thies Lehmann, der da ganz außen sitzt. Euer Institut heißt für Theaterwissenschaft?

Hans-Thies Lehmann: Das ist nicht ganz leicht, es ist ein Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft mit einem starken Praxisbezug und an diesem Institut bzw. an dem Fachbereich ist jetzt der Studiengang Dramaturgie, der seit kurzem neu eingerichtet ist, angesiedelt. Insofern bin ich funktional Professor für Theaterwissenschaft und Leiter dieses Dramaturgiestudiums.

Rischbieter: Auf der anderen Seite ganz außen sitzt Florian Vogel. Er ist im Hauptberuf Dramaturg am Stuttgarter Staatstheater und demnächst am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und nebenbei nimmt er einen Lehrauftrag wahr, den müssen Sie jetzt selber beschreiben.

Florian Vogel: Ich bin Lehrbeauftragter für Dramaturgie am Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Man kann in Tübingen Allgemeine Rhetorik studieren, das ist ein sehr einzigartiger Studiengang, der einzige seiner Art in Deutschland. Der Studiengang wurde vor über zwanzig Jahren von Walter Jens ins Leben gerufen. Und das Besondere an dem Studiengang ist, dass er einen sehr starken Praxisbezug hat Ich gebe da seit dreieinhalb Jahren als Lehrbeauftragter sowohl Praxisseminare als auch wissenschaftliche Hauptseminare

Rischbieter: Wenn ich es richtig sehe, hätten wir ohne Mühe noch weitere in universitären Zusammenhängen stattfindende Bemühungen um Dramaturgie und Dramaturgenstudium auftreiben können, aber das ist ja hier schon eine Vielfalt und vielleicht sogar eine widersprüchliche. Das wäre für unsere Diskussion belebend. Hans-Thies Lehmann, für welches Theater und dahinter gesehen für welche Gesellschaft der Gegenwart und der Zukunft wollt ihr Dramaturgen ausbilden oder Dramaturgie lehren oder beides?

Lehmann: Das ist eine große Frage. Natürlich für ein Theater, das wir noch nicht kennen in einer Theaterlandschaft, die sich sehr stark verändert. Was sich jetzt verändert und was vielleicht viele noch nicht in der Tragweite mitbekommen haben, ist: das tradierte Theater des 18. und 19. Jahrhunderts, das wir mit moderaten oder weniger moderaten Modernisierungen fortgeschrieben haben, ist nicht mehr die Norm. Es ist nicht mehr das, was in der interessierten und interessanten Kunst- und Kulturdiskussion eine große Rolle spielt. In den 1960er und 1970er Jahren wurde weltweit über das deutsche Theater nachgedacht. Da sind die Leute angereist, weil das politisch war, weil es formal und ästhetisch interessant war und der Boden bebte vor lauter Zusammenhängen mit der Gesellschaft. Man muss ehrlicherweise sagen, das ist in Deutschland heute nicht der Fall. Die institutionellen und finanziellen Zwänge führen im Augenblick dazu, dass man überhaupt nicht mehr zu sagen wagt, was man an Vorstellungen, Wünschen und Utopien mit dem Theater verknüpft. Ich sage, Theater ist erst mal ein Fest. Theater ist nicht in erster Linie eine Bildungsveranstaltung, auch wenn das deutsche Theater aus bestimmten historischen Gründen immer Theatersessel und Schulbank miteinander verwechselt hat. Das ist eine deutsche Tradition, die sehr spezifisch ist, auch wunderbare Qualitäten hat und hochkarätiges, hochintellektuelles Theater hervorgebracht hat, aber diese Schattenseite in sich birgt, dass es fortwährend mit der Schule in Verbindung gebracht wird anstatt mit der Gesellschaft. Es gab Zeiten, da hat man vor dem Theater diskutiert und nach dem Theater getanzt. Die Theatergruppe von Jan Lauwers lädt sich jeden Monat einen Philosophen ein und diskutiert zusammen allgemeine philosophische Fragen, weil das einfach den Kopf freiräumt, weil man etwas über andere Perspektiven erfährt und sich selbst dazu motiviert und auch den Schwung kriegt, aus dem Institutionendenken rauszukommen. Also Fest, nicht Theater als ein Bildungsinstitut, aber ein Theater, dass in den städtischen Raum wirkt. Ein Theater, das – nicht unbedingt alle aktuellen politischen Probleme – die Lebensverhältnisse in den Städten aufgreift, das nach neuen Spielweisen, Orten und Inszenierungsstrategien sucht und sich nicht ausschließlich, wie es im deutschen Theater derzeit üblich ist, in der Spielplangestaltung erschöpft. Die Frage ist nicht, was wollen wir gerade servieren, sondern wie. Ich habe den Eindruck, – lasse mich da aber gerne belehren, wenn das vom außenstehenden Academicus ganz falsch gesehen wird – dass ganz prinzipiell aus den genannten politischen und kulturpolitischen Gründen in den Theatern nicht genügend Zeit und Energie dafür vorhanden ist, öfter lustvoll darüber nachzudenken, warum man das macht und was man da macht. Die Chance dafür ist nicht gegeben und da sind wir bei der Frage nach der Gesellschaft, Henning, die du zurecht in den Vordergrund gerückt hast. Die kulturelle Tätigkeit der Bundesrepublik hat einen raschen und enormen Auraverlust erlitten. Der Respekt vor kultureller Arbeit hat insgesamt abgenommen. Das lässt sich an der Geste von Kulturpolitkern festmachen, die heute stolz sagen können, sie haben ein Theater weggespart. Das wird als gesellschaftliche Leistung gesehen. Die Art und Weise, wie mit der Finanzierung und der Diskussion von Kultur umgegangen wird, ist davon getragen, dass das zwar irgendwie ganz nett ist und es ja auch immer noch Leute gibt, die so etwas machen, aber dass es eigentlich auch nicht unbedingt sein muss, weil es einfach wesentlich wichtigere Dinge gibt. Es wird nicht mehr die Frage gestellt, ob eine Gesellschaft Räume braucht, in denen Künstler etwas ausprobieren können. Dieses Ausprobieren ist leider im Theater an mehr Geld gebunden als das bei den anderen Künsten der Fall ist, weil es Räume und Ausstattung benötigt. Deswegen ist das Theater in der Entwicklung auch immer ein wenig hinter der anderen Künsten zurück. Das war aber immer so. Um die Frage nach der Gesellschaft zu beantworten: es muss eine Gesellschaft sein, in der die Zeit und die Freiräume für sozusagen zweckloses Tun auf allen Ebenen wieder eine stärkere Bedeutung gewinnt. Die Ausbildung ist ja noch mal einer der seltenen Freiräume. Wo gibt es das denn noch, dass zehn Leute zusammensitzen und zwei Stunden über etwas einfach nur diskutieren können, weil sie darüber diskutieren wollen. Das ist ja schon beinahe die Verwirklichung einer Utopie. Die Frage der Subvention muss in der Öffentlichkeit von der richtigen Seite her diskutiert werden. Nicht unter dem Gesichtspunkt, ob diese Theater genügend Leute erreichen, sondern, ob es unsere Gesellschaft erreicht, dass genügend junge Leute sich kreativ ausdrücken können. Da hätten wir die Gehirnforscher absolut auf unserer Seite. Alles deutet daraufhin, dass nicht etwa nur das Künstlerische selbst, sondern die gesamte Intelligenz in einer unwahrscheinlichen Weise dadurch gehemmt oder entwickelt wird, dass man sich sehr früh frei singend, spielend, tanzend usw. betätigt, weil – ich kann das nicht genau erklären – die Synapsen im Gehirn sich dementsprechend verschalten oder nicht, und dieser Prozess mit etwa sechzehn Jahren abgeschlossen ist. Da wird man von der Grundsubstanz her nicht mehr klüger und nicht mehr künstlerisch sensibler. Es gibt bestimmt noch mehr Möglichkeiten, öffentlich die Notwendigkeit von Tanzen, Singen, Sprechen, Rezitieren, mit Texten umgehen, Räume definieren, körperliche Bewegungsabläufe erfinden usw. massiv vorzutragen und sich nicht zu sehr und zu schnell in die Diskussion des Theaters als produzierender Betrieb der Gesellschaft einrücken zu lassen. Unser Studiengang versucht, die Bereitschaft für die Wahrnehmung der anderen Künste stark zu machen und sich mit neuen Inszenierungsformen auseinander zu setzen.

Röttger: Ich glaube generell, dass im Theater ein hohes gesellschaftliches Potential liegt, das beweist alleine schon die Jahrtausende alte Theatergeschichte, die wir haben. Und dieses Potential ist immer dann wirksam und aktiv, wenn man Theater nicht auf irgendeinen definitiven Begriff festzuklopfen versucht. Insofern finde ich diesen Streit, der immer wieder in den Feuilletons geführt wird, zwischen sogenannten Stückezertrümmerern und den Verfechtern der Werktreue äußerst unfruchtbar, weil ich glaube, dass beide Positionen wichtig sind. Es kommt darauf an, bei der Frage um die Funktion des Theaters als kulturelles Gedächtnis eine Auseinandersetzung zu führen, die an die Aktualität anknüpft. Das heißt, wenn sie sagen „In der Ausbildung wird nicht genug berücksichtigt, mit welchen Aufgaben der Dramaturg dann zu tun hat als jemand, der auch sensibel sein muss für gesellschaftliche Entwicklungen“, dann müssen wir diese Lücke füllen. Wir müssen die Studierenden darauf vorbereiten, wach und sensibel zu sein für das, was in unserer Gesellschaft geschieht. In Mainz haben wir aus diesem Grund und auch als Reaktion auf die zunehmende Entwicklung unserer Gesellschaft zur Mediengesellschaft, den Studiengang der Mediendramaturgie eingerichtet. Zur Zeit haben wir noch ein mehr oder weniger klassisches theaterwissenschaftliches Studium, wobei wir auf interkulturelle Kompetenz sehr viel Wert legen, also zum Beispiel die Kenntnis außereuropäischer Theaterformen für wichtig halten. Der Mediendramaturgiestudiengang ist ein eigener Studiengang, der parallel zu dem gewöhnlichen Studium läuft. Da werden einmal pro Jahr zwölf Studierende nach einem Auswahlverfahren aufgenommen. Neben dem klassischen Curriculum der Filmwissenschaft wie auch der Theaterwissenschaft, arbeiten die Studierenden in praktischen Projekten. Es gibt im Medienhaus zum Beispiel ein sehr gut ausgestattetes Hörfunkstudio, wo dieser Bereich ausprobiert werden kann. Aber Ziel dieses Studiums ist vor allem, dass die Leute rausgehen in die Theater und in die Studios von ZDF oder 3Sat oder wie sie alle heißen und darüber ihre Erfahrungen sammeln. Innerhalb dieses mediendramaturgischen Studienganges läuft es so, dass die Studierenden die Lehrveranstaltungen in den Fächern Theaterwissenschaft und Filmwissenschaft mit den anderen Studierenden besuchen und dann zusätzlich unter der Leitung eines mediendramaturgischen Professors ihren kleinen universitären studienganginternen Zusammenhang haben. Diese Erweiterung in Kombination mit den klassischen Kursen der Theaterwissenschaft ergibt in der Ausbildung ein kritisches Potential, was den jungen Leuten hilft, in der medialisierten gesellschaftlichen Wirklichkeit Stellung zu beziehen.

Rischbieter: Oder sie nur tauglich zu machen für Arbeit beim Fernsehen?

Röttger: Nein, nicht unbedingt sie tauglich zu machen für Arbeit beim Fernsehen, sondern um die Berufsperspektiven eines Dramaturgen zu erweitern.

Rischbieter: Ich stelle gleich die Zwischenfrage, die keine Ablenkung sein soll: Wissen sie denn, was aus den Studenten wird, die bei ihnen abschließen oder abspringen, je nachdem?

Röttger: Leider in den meisten Fällen nicht, eigentlich müsste man eine Datenbank einrichten, in der wir das erfassen, was unsere Studierenden werden. Das wäre eigentlich notwendig.

Lehmann: Das müssen wir sowieso bald alle, sonst gibt es gar kein Geld mehr.

Röttger: Mit den Abschlüssen stehen wir relativ gut da. Wir haben ca. 400 Hauptfach- und Nebenfachstudierende, die Hauptfachstudierenden sind etwas mehr als die Hälfte davon, und der Prozentsatz unserer Abschlüsse liegt bei ungefähr 90 Prozent.

Stuber: Ich fange jetzt nicht gleich mit den Zahlen an, sondern möchte an Hans-Thies Lehmann anschließen und sagen, dass dieser Entwurf der Gesellschaft, die Räume zum Experimentieren für Künstler zur Verfügung stellt, weil sie die Notwendigkeit dazu begreift, natürlich eine schöne Utopie ist. Wo, wenn nicht zum Beispiel auch in den Ausbildungsinstituten sind Freiräume dafür zu schaffen und zu nutzen, denn das ist doch einer der wenigen geschützten Räume. Unser Dramaturgiestudiengang, vor zehn Jahren gegründet, ist an einer Hochschule für Musik und Theater gegründet worden und da gibt es natürlich eine Spezialstrecke in der Ausbildung für Musiktheaterdramaturgen. Das ist eine Möglichkeit, die sich aus der institutionellen Einbindung ergibt. Eine andere Einbindung, die wir zum Beispiel überhaupt nicht leisten können, ist die Zusammenarbeit der Studierenden mit Regiestudenten.

Rischbieter: Gibt es kein Regiestudium in Leipzig?

Stuber: Nein. Und deswegen denke ich, dass wir als Ausbildungsinstitute viel stärker zusammenarbeiten sollten. Wir immatrikulieren alle zwei Jahre dreizehn bis fünfzehn Studierende. Ein bis zwei davon springen ab, mittlerweile gibt es den vierten Jahrgang, der gerade Diplom gemacht hat. Unmittelbar nach dem Studium ist es ungefähr ein Drittel, das ans Theater geht. Ein paar machen noch andere Ausbildungen hinterher, andere sind ganz woanders eingestiegen. Nach ein paar Jahren stellt sich aber heraus, dass auch die, die nicht gleich in Theater, Medienanstalten oder vergleichbare Arbeitsbereiche gegangen sind, als Dramaturgen arbeiten. Hochgerechnet sind es etwa die Hälfte der Absolventen.

Rischbieter: Dabei muss man bedenken, dass im Unterschied zu einem universitären Studium die Studenten bei ihnen wirklich ausschließlich Dramaturgie studieren.

Stuber: Es ist der einzige grundständige Studiengang Dramaturgie, den es im deutschsprachigen Raum gibt. Grundständig heißt, ich studiere acht Semester Dramaturgie an der Hochschule. Vielleicht ist es symptomatisch für die Veränderung der Berufsverhältnisse, dass diese Dramaturgiestudiengänge, der Masterstudiengang in Frankfurt, der Mediendramaturgiestudiengang in Mainz und der Dramaturgiestudiengang in Leipzig, sich in den letzten Jahren gegründet haben. Die gab es ja vorher nicht. Vielleicht muss man das noch mal feststellen, dass das schon eine erste Reaktion auf die veränderte Situation der Theater und der Tätigkeit der Dramaturgen ist.

Aus dem Publikum: Ich habe eine ketzerische Frage. So wie wir hier im Raum sitzen, von den Kolleginnen und Kollegen wird wohl kaum jemand Dramaturgie studiert haben. Auch ich habe nicht Dramaturgie studiert. Sind wir aus ihrer Perspektive schlechter ausgebildet als Ihre Studierenden? Verstehen Sie das nicht falsch, es ist einfach die Frage der Notwendigkeit eines solchen Studienganges. Was sind die Schlüsselqualifikationen für die spätere Berufspraxis, die man aus einem Dramaturgiestudiengang erwerben kann?

Stuber: Sollte ich Anlass gegeben haben, anzunehmen, nur die Dramaturgiestudiengänge, der Masterstudiengang hier, der Mediendramaturgiestudiengang da oder der Dramaturgiestudiengang in Leipzig machen gute Dramaturgen, das wäre ein großes Missverständnis.

Rischbieter: Macht es keinen schlechten Dramaturgen ist doch die Frage.

Stuber: Es ist doch wunderbar, dass es an den Universitäten theaterwissenschaftliche Ausbildungen gibt, die der Grund dafür sind, dass es wunderbare Dramaturgen in vielen Berufsfeldern gibt.

Rischbieter: Die meisten haben nicht Theaterwissenschaft im Hauptfach studiert, würde ich mal behaupten.

Stuber: Und es ist wunderbar, dass es Dramaturgiestudiengänge gibt, in denen man verschiedene Profile überprüfen kann. Da ist der Masterstudiengang für ein abgeschlossenes Studium, wir haben ein grundständiges Studium, da gibt es die Spezialisierung Mediendramaturgie in Mainz, anderswo in der Theaterwissenschaft kann man sich anders profilieren, das finde ich einen guten Punkt, der mittlerweile erreicht ist.

Röttger: Ich möchte Herrn Rischbieter fragen: Meinen Sie, wir brauchen gar keine Theaterwissenschaft?

Rischbieter: Ich habe immer die Auffassung vertreten, als ich Theaterwissenschaft lehrte, dass es vielleicht besser ist, das nur im Nebenfach zu studieren. Ich neige – sehr verkürzt ausgedrückt – der Auffassung zu, dass es in der Dramaturgie darum geht, Denken ins Theater zu bringen. Der Dramaturg sollte eine intellektuelle Kompetenz innehaben. Die kann man eigentlich sowieso nicht durch Universitätsstudien erwerben, aber vielleicht verbessern, entwickeln, anreichern. Deshalb bin ich auch immer der Meinung gewesen, dass die Theaterwissenschaft in der Hauptsache die Theatergeschichte als einen Quell der Inspiration für die Gegenwart des Theaters pflegen sollte. Historisch zu denken, philosophisch zu denken, das sind meiner Meinung nach die Qualifikationen, die ein Dramaturg im Theater braucht. Und die braucht man nicht in einem engen Studiengang Theaterwissenschaft oder gar Dramaturgie zu erwerben, da lernt man sie vielleicht gar nicht so sehr. Ich weiß es nicht.

Lehmann: Da würde ich gerne den Masterstudiengang ins Spiel bringen, bevor wir zu allgemein werden. Aus den Motiven, die von Henning Rischbieter eben erwähnt wurden, ist das ein Aufbaustudiengang, kein grundständiger Studiengang. Wir haben nicht festgelegt, ob das erste Studium ein geisteswissenschaftliches geschweige denn ein theaterwissenschaftliches sein muss. Aber man soll schon einmal studieren gelernt, ein Studium hinter sich haben. Das Aufbaustudium ist eingerichtet worden als Masterstudiengang, ohne dass es dazu einen Bachelor gibt, zunächst mehr der Not folgend, dass man im Augenblick bei neuen Studiengängen Masterstudiengänge akkreditiert bekommt und dafür die nötige Unterstützung erhält. Der Studiengang existierte nicht ohne die Gründung der hessischen Theaterakademie, das ist eigentlich der springende Punkt. Die hessische Theaterakademie ist Ende 2002 gegründet worden und ist ein Studien- und Produktionsverbund zwischen Universität Frankfurt, Universität Gießen, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und den hessischen Theatern der Region sowie dem Mainzer Theater. Die Idee ist einerseits Produktionsverbund, das heißt, Studierende der Regie und nun zunehmend auch der Dramaturgie, kriegen von den Theatern die Gelegenheit, – dazu werden Mittel eingeworben – während ihres Studiums am Theater eine Produktion zu machen, damit sie, wenn sie fertig sind, mit einer bestimmten Theatererfahrung aufwarten können. Daraus ergibt sich zunächst ein Umfeld. Der Masterstudiengang ist so eingerichtet, dass er primär aus Vernetzung besteht: die Dramaturgen sind überall dabei. Sie arbeiten mit den Regiestudierenden zusammen, gehen in die Inszenierungskonzeptionsseminare von Hans Hollmann, sie arbeiten mit Bühnenbildern in Projekten, dann arbeiten sie dramaturgisch zusammen, nehmen teil an den Veranstaltungen im Studiengang Musiktheater und künftig hoffentlich auch noch mehr im neu eingerichteten Studiengang Theater- und Orchestermanagement. Die Module, die in den zwei Jahren absolviert werden, sind u.a. Theatergeschichte, Internationale Theatergeschichte, Künstlerische Ausdrucksformen, Die Inszenierung 1, Die Inszenierung 2, Öffentlichkeitsarbeit, Stücklektorat, Produktion, Textanalyse usw., also die klassischen Bestandteile, die dazu gehören. Wir haben eine Reihe von Lehraufträgen, die wesentlich durch die Dramaturgien in Hessen und Umgebung bestritten werden, zum Beispiel von Jens Groß vom schauspielfrankfurt, von Sergio Morabito, der in Stuttgart die Junge Oper macht und von Marion Victor vom Verlag der Autoren. Man sieht daran, dass es ein Bausteinsystem von Praxisbegegnung ist, Praxis vermittelt in Seminaren. Daneben gibt es die eigentlichen Theaterarbeiten, die in den Theatern stattfinden. Die Idealvorstellung ist, – und wir versuchen, das immer öfter zu realisieren – dass einer der Regie abgeschlossen hat, einer der gerade mit dem Dramaturgiestudium fertigt ist, gemeinsam supervisiert in einem Theater als Abschlussarbeit eine Produktion machen. Dass ist bei uns die Abschlussleistung, die Dramaturgie in einer Produktion mit der Reflexion darüber und einer mündlichen Prüfung. Aber parallel zu dieser Arbeit in den Theatern lege ich großen Wert darauf, dass die Dramaturgen auch mit offenen, eigenen szenischen Projekten, die hier bei uns realisiert werden, Erfahrungen sammeln können. Dafür gibt es hier zwischen den Semestern einen Probenraum und wir arbeiten mit den Theatern der Umgebung zusammen. In diesem Semester gab es ein Projekt mit Helena Waldmann, der Performancekünstlerin, die jetzt im Iran dieses Projekt mit iranischen Frauen gemacht hat. Sie hat mit den Studierenden der Dramaturgie und der Theaterwissenschaft ein Projekt über Verhüllung, Scham usw. gemacht, das für meine Begriffe sehr interessant gelaufen ist, und als Tryout mit dem Mousonturm herauskam. Diese Projekte sollen die Studierenden konfrontieren mit verschiedenen Arten, Theater zu machen, weil ich daran glaube, dass die Begegnung mit profilierten, interessanten Künstlern sehr wichtig ist. Manchmal reicht es einfach nur, sie anzuschauen und zu hören, wie sie reden, was einem oft mehr beibringt als drei Semester Vorlesung. Man sieht, das Ganze ist ein einziges Kompromissgebilde und so ist es auch gedacht. Was ich noch gar nicht erwähnt habe, es gibt natürlich eine Reihe von theaterwissenschaftlichen Veranstaltungen bei uns am Institut, auch den Nebenbereich Film und Medien, da sollen die Studierenden auch jeweils mal reingeguckt haben. In diesen Seminaren sitzen die Dramaturgen mit den Theaterwissenschaftlern zusammen. Das hat den Nachteil, dass sie nicht unter sich gezielt auf ihre Interessen diskutieren können, hat meiner Meinung nach den Vorteil, dass sich das Ganze nicht zu sehr abschottet. Wir nehmen jährlich ungefähr sechs Leute aus fünfzehn bis zwanzig Bewerbungen auf. Über die Erfolge können wir im Augenblick noch nicht so viel sagen, da erst der zweite Jahrgang dabei ist abzuschließen und sich das Ganze erst mal etablieren muss. Wir hatten mit viel mehr Bewerbungen gerechnet, aber beim zweiten Nachdenken wird es völlig klar, warum es doch relativ wenige sind. Es ist doch ein ziemlicher Schritt nach einem abgeschlossenen Studium zwei Jahre unbezahlt einen etwas überfordernden Dramaturgiestudiengang als Crash-Kurs zu machen. Aber es werden sich allmählich auch die Vorteile herumsprechen, dass das ein Begegnungsfeld ist mit den künftigen Arbeitgebern, den Theatern, und andererseits mit einer Reihe von interessanten Künstlern.

Stuber: Die Rede vom Kompromiss würde ich gerne aufgreifen. Es fing in Leipzig schon mit dem historischen Kompromiss an. Es gab vor 1989eine Theaterhochschule, die bestand aus Schauspielerausbildung, Choreographenausbildung und theaterwissenschaftlicher Ausbildung. Die ist geschlossen worden und die theaterwissenschaftliche Ausbildung ist 1990 in die Universität ausgegliedert worden. Als Kompromiss mit der alten Struktur ist damals politisch entschieden worden, dass es in Leipzig an der Musikhochschule etwas geben soll, was an die Ausbildung an der Theaterhochschule erinnert. Daraufhin ist dieser kleine Dramaturgiestudiengang an der Hochschule für Musik und Theater gegründet worden. Das ist der historische Kompromiss, mit dem die Dramaturgie-Ausbildung in Leipzig angefangen hat. Ich war damals noch nicht dabei, ich bin erst seit zwei Jahren dort, aber ich glaube, dass es wichtig ist, um zu verstehen, was strukturell für den Studiengang und für das gesamte Studienprogramm, das in sich sehr geschlossen ist, gebaut worden ist. Das Programm folgt ganz sicherlich im Wesentlichen einer früheren, einer älteren Idee, hat sich aber in den letzten Jahren schon sehr modifiziert und es wird sich noch mehr verändern. Beispielsweise haben die Theaterwissenschaft an der Uni und unser Dramaturgiestudiengang kaum etwas miteinander zu tun. Das ist sicherlich in Zukunft nicht mehr klug, diese Trennung aufrecht zu erhalten,. da muss man miteinander kooperieren. Der Studiengang ist durchkonzipiert für acht Semester, im Grundstudium gibt es die Verpflichtung, acht bis zehn Wochen ein Praktikum zu absolvieren. Im Hauptstudium ist noch mal ein drei- bis viermonatiges Praktikum Pflicht, unsere Studierenden sind also Praktiker, die sind richtig eingebunden. Die Praxiserfahrung kann in allen möglichen Institutionen, die nicht nur Theater sein müssen, gesammelt werden. Eine Studentin von uns ist zweimal während des Studiums nach Indien gefahren und arbeitet jetzt bei Frau Zimmermann für „Theater der Welt“, solche Möglichkeiten gibt es trotz des eng durchkonzipierten Studienganges auch. Im Studienplan sind Exkursionen vorgesehen, es gibt Projekte, die an Hochschulprojekte gebunden sind, da werden beispielsweise Musiktheaterproduktionen gemacht, bei denen Studierende dramaturgisch mitarbeiten, das gesamte Seminar quasi damit verbringen, dass sie da mitarbeiten. Es gibt Projekte, die Studierende der Dramaturgie selber konzipieren und stemmen, die also nicht an ein anderes Projekt gebunden sind. Da fängt die dramaturgische Arbeit wirklich von der Projektentwicklung auf an.

Aus dem Publikum: Was Sie jetzt beschrieben haben, ist der Praxisbezug in ihrem Studium. Mich interessiert, worin der akademische Teil besteht. Orientiert sich der Studiengang an einer bestimmten Strukturvorstellung von Theater oder einer bestimmten konkreten Vorstellung von Theater? Wenn ja, wie sieht die aus? Was wird an Inhalten noch angeboten, mal unabhängig von allen Praktika und Exkursionen und eigenen Projekten?

Stuber: Gelehrt wird Theatergeschichte, Mediengeschichte, Inszenierungsanalyse, Aufführungsanalyse, Dramentheorie, Dramaturgie, Musiktheatergeschichte etc. Der Ausgangspunkt ist ein traditionelles Theatermodell, trotzdem geht die Erweiterung dieses Modells bis hin zur Mediendramaturgie, wo dann zum Beispiel Hörspiel schreiben im Lehrplan steht. Es ist ein durchaus universalistisches Konzept, das ursprünglich angestrebt worden ist. Das genau ist der große Kompromiss, den man mit den Leuten, die es an der Hochschule vertreten, in der Praxis versucht zu bewerkstelligen. Und da brauchen wir dringend den Austausch, nicht nur mit der Theaterwissenschaft an der Universität, sondern zum Beispiel auch mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die es in Leipzig gibt, um den Horizont auch in diese Richtung zu erweitern.

Röttger: Ich möchte noch einen anderen Punkt betonen. Ein Symptom unserer Gesellschaft ist die radikale Wandlung des Bildungsbegriffs. Dabei wird das Interesse an der Theaterwissenschaft und das Eingestehen der Notwendigkeit und Wichtigkeit des Studiums der Theaterwissenschaft sozusagen von der Rezipientenseite immer größer. Auch deshalb, weil das theaterwissenschaftliche Studium eigentlich das einzige ist, was das leistet, was jetzt immer mehr erforderlich wird, nämlich zu sensibilisieren und eine Art Wahrnehmungsschule zu sein.

Rischbieter: Sie wollen bessere Zuschauer ausbilden?

Röttger: Ja, und zwar nicht nur Theaterzuschauer, sondern Zuschauer unserer Gesellschaft, die sensibilisiert sind für dieses Inszenierte von scheinbarer Wirklichkeit. wird.

Rischbieter: Florian Vogel, was machen Sie in Tübingen?

Vogel: Dramaturgie gibt es in Tübingen als ein Teil des Studiums im Institut für Allgemeine Rhetorik. Man kann in Tübingen Rhetorik studieren, man muss es mit einem anderen Hauptfach oder mit zwei Nebenfächern kombinieren. Das andere Hauptfach kann alles mögliche sein. Es kann sogar Medizin oder eine Naturwissenschaft sein. Die meisten kombinieren es aber mit Geisteswissenschaften. Die Allgemeine Rhetorik in Tübingen beschäftigt sich mit allen möglichen Formen und Arten von strategisch-kommunikativem Handeln und zwar immer aus der Sicht des Produzenten. Das heißt, es gibt zwar Textanalyseseminare, die sich auch ein Stück weit mit der Rezeption von Texten befassen, aber zum größten Teil versucht man sich immer in die Produktionsstadien von Texten, von Kunstwerken, hineinzudenken. Der praktische Teil dabei ist sehr weit gespannt. Das fängt an beim Hörfunkprogramm im ICE, geht über Öffentlichkeitskampagnen bis hin zur klassischen Theaterdramaturgie. In dieser Bandbreite müssen sich die Studierenden zurechtfinden, sie können sich ein Studium nach ihren eigenen Interessen zusammenbauen und auswählen, in welche Richtung sie gehen wollen. Das Besondere daran sind die Praxisseminare, die immer von Praktikern von außerhalb der Universität geleitet werden. Darin werden die Studierenden in praktische Arbeiten eingebunden und können zum ersten Mal ausprobieren, wie das eigentlich funktioniert, zum Beispiel als Geisteswissenschaftler in der freien Wirtschaft in der Unternehmenskommunikation von Lufthansa.

Rischbieter: Stammt diese Konzeption so noch von Walter Jens?

Vogel: Das stammt alles noch von Jens und was dabei wichtig ist und warum da auch Dramaturgie vorkommt, ist diese kommunikative Kompetenz, die wir auch für das Theater als eine der Schlüsselqualifikationen sehen und die wir versuchen zu entwickeln. Ich nehme die Studierenden dann auch immer mit ins Theater, binde sie in meine Arbeit ein, die ich am Theater mache. Ich kann natürlich nicht jedes Semester zwanzig Hospitanten gleichzeitig beschäftigen, aber ich habe immer drei, vier aus meinem Seminar. Die anderen nehme ich immer wieder mit auf Proben, zu Diskussionen mit dem Regisseur, dem Bühnenbildner, weil ich auch denke, wie Hans-Thies Lehmann schon sagte, dass das eines der wichtigsten Schlüsselerlebnisse für Studierende ist, mit den Künstlern sprechen zu können und mitzukriegen wie sie denken. Mittlerweile kommen aus diesem Studiengang viele Dramaturgen heraus, ohne dass es ein eigenständiger Studiengang dieses Namens ist. Die Abschlussrate, es sind 400 Studenten, die Abschlussrate liegt bei 85 Prozent.

Röttger: Was machst du mit denen noch?

Vogel: In den Praxisseminaren ist das immer ein ziemlicher Gewaltritt, denn ich versuche, mit ihnen beides zu machen, die Planungsdramaturgie und die Produktionsdramaturgie. Wir simulieren auch zum Beispiel Bühnenbilder, die wir dann als Modell diskutieren und daran bestimmte Fragestellungen ausprobieren. Außerdem lernen sie die Strukturen verschiedener Theaterbetriebe kennen, machen Lektorate und Öffentlichkeitsarbeit. Also alle Stadien vom ersten Textkontakt über Spielpläne bis hin zur Simulation. Wir simulieren vieles und parallel dazu binde ich die Studierenden so gut es geht in die Theaterarbeit ein. In den wissenschaftlichen Hauptseminaren geht es um die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Texten, Kommunikationstheorie, Dramenanalyse. Wie gesagt, das geht ein bisschen in Richtung Theaterwissenschaft, aber immer unter dem Gesichtspunkt von Kommunikation und Kommunikationstheorie.

Lehmann: Ich finde es sehr interessant, wie viele unterschiedliche Wege man gehen kann und überall kommen dann komischerweise Dramaturgen heraus.

Jan Linders: Und es gibt da ja noch andere Möglichkeiten, Dramaturg zu werden, aber ich möchte an dieser Stelle fragen, was wir Dramaturgen der Gesellschaft geben können? Kaum ein Begriff hat eine größere Inflation erfahren wie der der Dramaturgie. Vor fünfzehn Jahren, als ich anfing, musste ich immer erklären: Was ist das, ein Dramaturg? Das muss man heute nicht mehr. Der Begriff Dramaturgie kommt in allen Gesellschaftsbereichen vor.

Rischbieter: Ich denke da an Parteitagsdramaturgie.

Linders: Selbstverständlich. Ich wurde von einem Kanzlerredenschreiber angesprochen, ihm mal zu helfen, was die Dramaturgie einer Rede anbelangt. Genauso wird Dramaturgie in der Wirtschaft nachgefragt. Das hat etwas mit Interesse an einer anderen Denkweise, etwa an diesem Zweckfreien, an Think Tanks und so weiter zu tun. Dramaturgen sind Experten darin, etwas zu strukturieren innerhalb eines Rahmens, der gegeben ist, denn Theater ist als einzige Kunst ja immer eine, die in einem schon gegebenen Rahmen operiert, in dem innerhalb eines Gesetzessystems etwas entwickelt wird. Also den Tank gibt es schon und das Thinking müssen wir machen. Da sind wird Experten und ich will noch mal daran appellieren, dass so eine Ausbildung auch eine gesellschaftliche Relevanz hat, der wir uns bewusst sein müssen.

Rischbieter: Ein gutes Schlusswort, vielen Dank.

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