"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 05

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2005

Podiumsdiskussion:
Gesellschaft Städte Theater in der Zukunft

Jan Linders: Dieses Gespräch „Gesellschaft Städte Theater in der Zukunft“, das unsere Zukunftsdebatte insgesamt bei dieser Tagung eröffnen soll, wird eine demografische Diskussion sein. „Zukunft“ heißt für uns hier auf dem Podium 2050. Eingeladen sind Dr. Michael Rutschky aus Berlin, Essayist, Benjamin Förster Baldenius, Darstellender Architekt, ebenfalls aus Berlin, er sitzt hier auch für das Projekt „Schrumpfende Städte“, Dr. Nikolaus Müller-Schöll, lehrt an der Ruhr-Universität Bochum Theaterwissenschaft, Dr. Johannes Odenthal, künstlerischer Leiter der Sparten Theater-Tanz-Musik am Haus der Kulturen der Welt in Berlin und Peter Spuhler, Intendant am Landestheater Tübingen, demnächst am Theater der Stadt Heidelberg.

Unser Blick in die Zukunft ist ausgelöst durch eine Diskussion, die spätestens seit Frank Schirrmachers Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ deutschlandweit geführt wird. Es soll keine Grundsatzdiskussion werden über das Theater an sich. Ob Menschen anderen Menschen in Zukunft noch etwas vorspielen werden, wollen wir gar nicht diskutieren. Uns geht es um das bürgerliche Theater, das Theatersystem Deutschland, das subventionierte, etablierte Stadttheater: fast jede Stadt hat ein Theater, fast jede Stadt hat ein Theatergebäude in der Mitte der Stadt und Zuschauer, die das Theater besuchen. Unsere Grundfrage lautet: Wird dieses System von demografischen Bewegungen berührt und wie kann man damit umgehen? Diese Diskussion wird in anderen Bereichen der Gesellschaft schon geführt, aber auch wir Theaterleute sollten uns klar machen, dass uns goldene Zeiten bevorstehen, denn 2010 gehen die ersten „Babyboomer“ (die zwischen 1950 und 1964 geboren sind) in Rente. Damit kommt eine Riesenschar von potentiellen Besuchern auf die Theater zu. Mittlerweile hat fast jedes Theater Theaterpädagogen und kümmert sich intensiv um Kinder- und Jugendarbeit, aber vielleicht muss man demnächst auch über Seniorenarbeit reden, wenn diese Bevölkerungsgruppe ganz groß geworden ist. Man sagt, die Leute gehen bis zum Alter von dreißig Jahren ins Theater und dann wieder etwa ab fünfundfünfzig. Zwischendurch ist man mit Beruf und mit Kindern ausgelastet. Aber die Kohorte – so heißt das in der demografischen Forschung – der Babyboomer, die auf uns zukommt, ist eine ganz andere Generation als die der Silberfüchse, die jetzt in den Theatern und Opernhäusern sitzen. Es ist eine Generation, die mit Kultur anders umgeht und mit Medien anders umgeht, die bestimmt keine Abonnentengeneration ist, die möglicherweise im Theater auch andere Themen braucht. Es wird also diese veränderte Alterspyramide geben und außerdem eine veränderte Bevölkerung, was die ethnische Zusammensetzung betrifft – Deutschland wird internationaler werden. Die zweite Frage hier auf dem Podium wird sein - und dafür sitzt insbesondere Johannes Odenthal hier – die Frage nach einem ethnisch veränderten Deutschland. Bei der derzeitigen Entwicklung der Geburtenrate ist die Bevölkerungsabnahme vorprogrammiert und wir sind auf Zuwanderung angewiesen. Sollte es diese Zuwanderung geben, sind das alles Menschen, die nicht unbedingt mit der Idee des deutschen Nationaltheaters in die Bundesrepublik einwandern, aber als Steuerzahler die Theater mit subventionieren und durchaus zu einer Bildungsschicht mit Theaterinteresse gehören. Was bieten wir denen? Die dritte Frage dreht sich um folgendes: Die Demografie sagt, die Regionen werden nicht gleichmäßig schrumpfen, sondern es wird Wachstumsregionen geben und es wird absolute Verlierer- oder Verwüstungsregionen geben. Benjamin Förster-Baldenius hat mehrfach in Halle/Neustadt gearbeitet, das ist so eine der Regionen. Ein weiterer Aspekt ist der, dass es auf jeden Fall nicht nur ältere Zuschauer und eine anders gemischte Zuschauerschar geben wird, sondern auch anders zusammengesetzte Ensembles im Theater. Dazu möchte ich dann Nikolaus Müller-Schöll befragen, nicht nur was mit dem Theater für Alte, sondern auch mit alten Schauspielern und einer eventuell veränderten Dramatik geschieht?

Die Eingangsfrage geht an Michael Rutschky: Brauchen wir dieses Theater, so wie es ist, überhaupt noch oder ist das deutsche Stadttheater eventuell eine aussterbende Institution, die ihre besten Jahre hinter sich hat?

Michael Rutschky: Die Kunstgeschichte hat es immer wieder erlebt, dass es Kunstformen gibt, die aus dem Kanon herausfallen. Zum Beispiel Wasserspiele waren eine hohe Kunst, oder Feuerwerke etwas ganz anderes als Silvesterböller. Es gibt also Kunstformen, die aus dem Kanon wieder herausfallen und es könnte durchaus sein, dass das Theater dazu gehört. Ich fürchte allerdings, dass es dem Theater so gehen wird wie der Kirche. Es kann nicht leben und es kann nicht sterben. Und im Jahre 2020 wird alles zusammengefasst sein, da gibt es dann einen Generalintendanten Südwest, der einen unglaublich begabten jungen Regisseur einstellen wird, der der neue Heiland sein wird und von dem man erwartet, dass er die Massen wieder zurückzieht ins Theater, doch es wird wieder nichts. Wie gesagt, die Kirche macht es uns vor: sie kann nicht sterben, sie ist hochsubventioniert, sie hat auch einen gewissen gesellschaftlichen Einfluß, aber die Heilsgüter, von denen sie eigentlich behauptet, dass sie sie verwalte, mit denen ist nicht viel her. Und ich denke, was das Theater angeht, kann man es soziologisch in zwei Richtungen beschreiben: da ist einerseits der sozusagen Luhmann’sche Aspekt, dass das Theater sich zu einer Expertenkultur entwickelt. Leute, die Theater machen, machen das Theater für die Leute, die Theater machen. Damit entsteht Selbstreferenz, das System schließt sich operativ und eigentlich möchte niemand mehr außer denen, die selbst Theater machen, noch daran teilhaben. Ich bin zum Beispiel kein Theatergeher, und um mich ein bisschen zu präparieren, habe ich die Rezension der Philoktet-Aufführung in der Volksbühne gelesen, aber ich verstehe nicht, worum es geht. Ich habe das Gefühl –das stand ja auch in den Rezensionen – dass es etwas ist für die Leute, die Theater machen. Publikum ist da überflüssig und ist dann in der Regel auch beleidigt. Da gibt es dann die Formel: wenn der Bürger nicht versteht, was er da sieht, hat sich das Theater als umso besser und widerstandsfähiger erwiesen. Aber es gibt immer weniger Leute, die Interesse daran haben, sich die Bildung anzueignen, die man braucht, um zu verstehen, wer Philoktet ist und wer Heiner Müller war. Immer weniger Leute interessieren sich für diese Art von Bildung und haben Spaß daran, sich durch diese Bildung von denen abzugrenzen, die sie nicht haben. Denn Bildung ist nicht universalistisch, Bildung ist für wenige da. Ich glaube nicht, dass Sie damit zufrieden gewesen wären, wenn Heiner Müller die Popularität von Dieter Bohlen erlangt hätte, das heißt: Bildung ist exklusiv.

Nikolaus Müller-Schöll: Ich möchte auf die Themenstellung der Demografie eingehen. Ich glaube, dass in dem Buch „Das Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher, das ich aus vielen Gründen hochproblematisch finde, ein wichtiger Punkt angesprochen wurde, nämlich: Die Alten werden in Zukunft die Mehrheit stellen und vor allem die „Alten“ in Anführungszeichen werden heute diskriminiert. Ich finde das eine richtige Kennzeichnung: es gibt einen Altersrassismus. Es ist ein Rassismus, weil er sich tatsächlich auf eine biologische Tatsache beruft. Das ist nichts anderes als die Ausgrenzung von jemandem wegen seiner schwarzen Hautfarbe.

„Was ist der zu alte Mensch?“

Dieses Phänomen so genannt zu haben, ist das große Verdienst dieses Buches, dann folgt allerdings als Lösung nur eine Art moralische Ertüchtigung: Lasst euch nicht erzählen, dass ihr alt seid. Das reicht natürlich nicht aus, denn worum es tatsächlich geht, ist die gesellschaftliche Frage, was eigentlich der zu alte Mensch ist? Zu alt ist jemand, der für den Produktionsprozess nicht mehr taugt. Und ich glaube, man müsste über die Alten, oder besser die „zu Alten“ nachdenken als das heutige Proletariat, wobei ich dafür den Begriff des frühen Marx zugrunde lege. Das Proletariat ist kein Subjekt, es ist nicht eine Essenz, es ist nicht jemand, den man sich vorstellen kann als einen Heinrich-George-Typ mit starken Muskeln, sondern das Proletariat ist eine Grenze, ein Rand, ein Rest, der nicht ganz aufgeht, weil er nicht ganz hereinpasst. Es ist das, was Brecht als asozial bezeichnet hat. Und asozial heißt, es hat keinen Platz im Sozialen der Gesellschaft. Damit komme ich zu meiner Frage: Was heißt Theater für Alte machen? Ich glaube, ein Theater für Alte würde den „zu Alten“ in uns allen betreffen. Denn das Problem ist eins, das uns alle betrifft, denn wir erleben ja permanent, dass unsere Gesellschaft zunehmend zur Angstgesellschaft wird, geprägt von der Angst, zu alt zu sein. Wer zum Beispiel bei mir studiert, ist Anfang zwanzig und hat davor Angst, wenn das Studium abgeschlossen ist, zu alt zu sein. Deshalb wollen die Studierenden in sechs Semestern fertig werden, wer promoviert, will mit achtundzwanzig fertig sein und wer in den Job will, will unter dreißig sein und so weiter. Und so setzt sich das die ganze Zeit fort, d.h. wir sind alle davon bedroht und das ist eine strukturelle Parallele zu dem, was ich unter das Stichwort Proletariat gefasst habe. Ich habe keinen großen Entwurf, um dagegen anzugehen und ich weiß auch nicht, ob man das Stadttheater retten muss. Ich glaube aber, was man retten muss, ist der Grund, warum sich das Stadttheater gebildet hat und das ist existentiell. Brecht fasst das in dem, was er als „Sterbelehre“ bezeichnet, und diese Sterbelehre ist in dem –von Brecht als der Form des Theaters der Zukunft bezeichneten – Lehrstück ein ganz zentraler Punkt. Denn es geht dabei um ein Problem, das tatsächlich alle betrifft. Und da würde ich Michael Rutschky ganz vehement widersprechen. Ich glaube, dass Theater heutzutage tatsächlich eine Funktion hat und die hat Heiner Müller ausgehend von Brecht ganz gut popularisiert, als er gesagt hat „Der Unterschied zwischen Theater und allen anderen Medien ist der, dass im Theater“ – und jetzt kommt nicht so etwas wie „der Präsente“, „der Lebende“ etc., sondern – „der Sterbende, der potentiell sterbende Schauspieler zu sehen ist und der potentiell sterbende Zuschauer“ zugegen ist. Es kann im Theater jederzeit passieren, dass der, der spielt, stirbt, oder das der, der zuschaut, stirbt. Und das ist der Punkt. Nicht etwa, weil das eine große Auszeichnung ist, sondern im Gegenteil, weil es eine Armut, ein Mangel ist. Und aus diesem Mangel resultiert dann das, was ein großes Problem ist, aber nicht behoben werden kann, es bleibt eine Aporie, die das Theater zu einem Ort macht, wo etwas bearbeitet werden kann, was tatsächlich jeden betrifft. Natürlich geschieht das nicht in jedem Theater, sondern nur in dem Theater, was sich permanent mit den Grenzen auseinandersetzt und nicht zuletzt mit den Grenzen seiner eigenen Souveränität. Zum Beispiel fand ich es in den Inszenierungen, die Heiner Müller am BE gemacht hat, sehr eindrucksvoll, dass es immer eine Figur eines sehr alten Schauspielers gab. Das war zum Beispiel Geschonnek, das war zum Beispiel Marianne Hoppe. Das waren Figuren, die neben allem, was sie als Rolle vorgeschrieben hatten, neben allem, was sie können sollten, vor allem etwas mitgebracht haben, was man vielleicht als Gedächtnisraum bezeichnen könnte. Und mit Gedächtnisraum meine ich dieses Zusätzliche, das jemand wie Marianne Hoppe – die im Programmheft als junger Nazi-Star abgebildet war – in eine Inszenierung von Heiner Müller mit hinein bringt. Mit ihrer Geschichte, auch mit der Geschichte ihres Körpers, ihrer Erscheinung, der Art, wie sie mit ihrer Aufgabe in der Inszenierung umgeht, entsteht eine Fremdheit. Und da kommt ins Theater eine Erfahrung herein, über die nicht frei verfügt werden kann, sondern die sich dem Theater als Störfaktor mitteilt. Heiner Müller hat mit diesem Störfaktor gearbeitet, er hat an der Störung seine Souveränität als Regisseur abgearbeitet. Und um vom Beispiel auf das Allgemeine zurück zu kommen: es geht darum, dass man sich über Störfaktoren Gedanken macht und sich fragt, wie sich das Theater dem öffnen kann, was es von überall her stört. Denn es gibt ja diesen schönen Satz: „Von den alten Leuten hat man keinen nutzen“. Und auf der Basis könnte man anfangen, über diesen Störfaktor nachzudenken. Als letzten Punkt, zum Thema „Theater der Zukunft“ eine Definition von Kafka, zu finden in „Amerika“: „Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns. Jeder ist willkommen. Wir sind das Theater, das jeden gebrauchen kann, jeden an seinem Ort“. Das ist die Definition des Theaters von Oklahoma, und das Schöne daran ist, dass der Terror, der mit diesem „jeden an seinem Ort“ ausgesprochen wird, im gleichen Moment die Utopie anspricht, dass es tatsächlich ein Theater geben könnte, in dem irgendwie jeder gebraucht wird. Das wünsche ich mir vom Theater, dass zum Beispiel eine Öffnung so aussähe, dass man von Alten im Theater lernt, was Bewegung ist, das man von ihnen lernt, was Schnelligkeit ist, so wie Robert Wilson von einem Taubstummen gelernt hat, was es heißt, zu hören und zu reden.

Linders: Vielen Dank. Das Naturtheater von Oklahoma ist ein Stichwort für Benjamin Förster-Baldenius, der in schrumpfenden Städten arbeitet, Städten also, die wieder zu Wüsten werden. Er hat ein Projekt in Halle/Neustadt realisiert, bei dem aus einem Plattenbau ein Hotel entstanden ist und hat im Palast der Republik – jetzt Volkspalast – die „Fassadenrepublik“ erfunden, bei der man durch imaginäre Städte paddelte. Ich bitte Sie, kurz zu erzählen, was Darstellende Architektur ist und was diese mit dem Theater der Zukunft zu tun haben könnte.

Benjamin Förster-Baldenius: Ich bin Architekt und arbeite mit Theatern zusammen. Das hat einen ganz bestimmten Grund, ich baue nämlich nicht gerne. Trotzdem setze ich mich gerne mit architektonischen Phänomenen auseinander, aber eher auf einer ephemeren, temporären Ebene. In Theatern habe ich ideale Partner gefunden, die temporär immer wieder neue Räume brauchen. Dabei geht es weniger darum, Bühnenbilder zu schaffen, als mit realen Situationen zu arbeiten so wie in Halle/Neustadt. Dort wurde in einem Projekt mit Jugendlichen ein achtzehngeschossiges Hochhaus zu einem Hotel ausgestattet, in dem dann ein internationales Theaterfestival stattgefunden hat, das sich mit Halle/Neustadt und den dort vorhandenen Phänomenen – zum Beispiel dem „Schrumpfen“ – auseinandergesetzt hat. Ich bin zufällig dazu gekommen, mich mit diesen Gegenden, in denen die Bevölkerung abnimmt, zu beschäftigen. Welche Auswirkungen das auf das Theater hat, ist eine interessante Frage. Ich denke, es muss nicht unbedingt eine Auswirkung haben, denn, dass in einer Stadt weniger Menschen wohnen heißt ja noch nicht das auch weniger Menschen ins Theater gehen. Aber diese Städte haben eigene Probleme, das Schrumpfen kommt ja nicht nur daher, dass weniger Leute geboren werden, – das ist der demografische Faktor – sondern es liegt auch daran, dass viele weggehen. Natürlich gehen eher diejenigen weg, die mobiler sind und wer zurückbleibt, ist nicht so flexibel. Es gibt ganz klar eine soziale Segregation und ein anderes Publikum, auf das man sich einstellen muss. Es gibt auf einmal unheimlich viel Platz und es fehlen Leute, die vorher ins Theater gegangen und jetzt nicht mehr da sind. Dafür sind jetzt aber andere da, die man erst auf die Idee bringen muss, mal ins Theater zu gehen. Das scheint mit solchen Projekten gut zu funktionieren, dass das Theater ein bisschen näher an ihre Haustür herankommt und dass in ihrer Shopping-Mall, in ihrer Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit oder im Arbeitsamt oder im leerstehenden Gebäude nebenan Theater stattfindet, um eine kulturelle Akzeptanz zu schaffen. Das heißt noch lange nicht, dass die existierenden Theatergebäude überholt sind. Es sind ja wunderbar ausgestattete schöne Gebäude, in denen man ganz viele Sachen machen kann, die in anderen Gebäuden nicht möglich sind. Aber Halle/Neustadt selbst hat kein Theater. Das kulturelle Leben konzentriert sich auf die Altstadt. Dort gibt es das Neue Theater, das Thalia-Theater, ein Opernhaus, die Händel-Festspiele, verschiedene Off-Theater, die Theatrale, da gibt es die Moritzburg Galerie, neuerdings auch die Bundeskulturstiftung, verschiedene Museen und viele Kinos. Das Einzige, was es in Neustadt gibt, ist ein Cinemaxx, in dem man sich für 2,50 Euro die neuesten Filme aus Amerika angucken kann.

Linders: Wir springen jetzt von Halle nach Berlin, wo mitten im Regierungsviertel mit Blick aufs Kanzleramt das Haus der Kulturen der Welt steht. In der ehemaligen Kongresshalle, die vor etwa zehn Jahren umdefiniert wurde zum Haus der Kulturen der Welt, wird mit dezidiertem Auftrag und Bundesmitteln, Theater für eine gegenwärtige und auch zukünftige Migrationsgesellschaft gemacht.

Johannes Odenthal: Zunächst möchte ich kurz erläutern, welche Art von Institution das Haus der Kulturen der Welt ist. Gegründet wurde es 1989, um aus der Einbahnstraße der Goethe-Institute eine Zweibahnstraße zu entwickeln, das war das Stichwort der 1990er Jahre. Deutsche Kultur wird im Ausland, vor allem außerhalb Europas, durch die Goethe-Institute repräsentiert. Das Haus der Kulturen der Welt ist der Ort, wo Kunst, Kultur und Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika in Deutschland, in Berlin präsentiert werden soll. Es ist ein Ort des Kulturaustausches und es ist ein interdisziplinärer Ort, es gibt Ausstellungen, Bildende Kunst, Film, Musik, Tanz und Theater. Diese Interdisziplinarität ist insofern wichtig, als sie deutlich macht, dass wir es in dem einen oder anderen Fall mit einer Kultur zu tun haben, in der die Bildenden Künstler die Wortführer der kulturellen Entwicklung und der Identitätsfindung in einer Kultur sind, woanders sind es die Theatermacher und so weiter. Ein überraschendes Beispiel ist der Iran: das iranische Theater mit dem großen Fadjr-Festival boomt innerhalb der islamischen Kultur. Die Bühne, das Theater wird zu einem entscheidenden Umschlagsplatz traumatischer Erfahrungen. Es gibt nicht das Kino, das das leistet, es gibt nicht die Literatur, die das leisten kann, sondern es ist das Theater. Damit könnte man die These vertreten, dass es immer wieder Lebenssituationen gibt, in denen nur das Theater die Funktion übernehmen kann, gesellschaftliche Prozesse zu transformieren und existentielle Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Weil ich in den letzten sieben Jahren hauptsächlich in diesen Kulturaustausch involviert war, fokussiere ich hier natürlich nicht auf die alltägliche Arbeit in einem Stadttheater, sondern auf einen Bereich, den wir Interkulturalität nennen, kulturellen Dialog.

„Ist der Postkolonialismus im Theater angekommen?“

Ich möchte drei Aspekte herausarbeiten, der erste Komplex ist der, der als postkoloniale Diskussion bezeichnet wird und meine Frage ist, ob der Postkolonialismus im Theater angekommen ist. Es gibt da zwei Bereiche, über die wir sprechen müssen. Der erste ist der des internationalen Austausches. Kann man den internationalen Austausch immer noch so machen wie es das „Theater der Welt“ seit seiner Gründung in den 1970er Jahren gemacht hat? Die von einem deutschen Kurator dargestellte Vielfalt in einem exotischen Sinne zu präsentieren? Müssen wir nicht vielmehr in einen Dialog eintreten, der die andere Perspektive, die andere Erzählung, die andere Geschichte mit in den Mittelpunkt rückt? Das betrifft schon eine weitere Ebene, nämlich die Frage, wie wir mit unseren Stoffen um gehen. Die Fremdheit, das Fremde, wie taucht das in Opern, Operetten und Theaterproduktionen auf? Wie wird es da definiert? Haben wir den postkolonialen Blick in unser Verständnis, in unsere Verarbeitung mit aufgenommen wie das z.B. in der Literatur passiert ist, angeregt vor allem durch die Standardwerke von Edward Said „Orientalismus“ und „Kultur und Imperialismus“? In den kulturellen Formen haben wir keine Schonzonen, das sind keine kulturellen Freiräume, in denen man mit dem Fremden, mit dem Anderen umgehen kann, sondern die Muster werden festgelegt, in denen die Wirklichkeit sich dann äußert. So haben die Romane des 18. und 19. Jahrhunderts den Umgang mit den Kolonialmächten eindeutig geprägt. Edward Said hat das sehr ausführlich vorgestellt. Diese Muster, mit dem Anderen umzugehen, den Fremden auf der Bühne darzustellen, werden, soweit ich das beobachte, ungebrochen und unreflektiert bis heute fortgeführt. Im britischen oder im französischen und amerikanischen Theater muss das viel kritischer gesehen werden, weil da die postkoloniale Diskussion durch den Druck der Migranten, den Druck aus der kulturellen Vielfalt auf die nationalen Institutionen sehr viel stärker vorhanden ist.

Die zweite Frage betrifft die Wirklichkeit der kulturellen Vielfalt in Deutschland selbst, und hier müssen wir die Migration von kulturellen Formen unterscheiden: Ist der Kanon, den die bildungsbürgerliche Gesellschaft nach dem Krieg vorausgesetzt hat und der immer noch die Grundlage für das Theater ist, ist das der Kanon, der auch heute noch für einen Großteil der Menschen relevant ist? Wie hat er sich verändert? Ist nicht, wenn wir uns die Musikszene anschauen, ein Star aus der Rai-Musik oder aus der kubanischen, aus der lateinamerikanischen Musik populärer, ist nicht Salsa populärer als die Polka oder die Neue Deutsche Welle? Wie sieht es mit der Literatur und den anderen Künsten aus? Der andere Aspekt ist natürlich die konkrete Migration von Hunderttausenden von Menschen, die mit einem anderen kulturellen Hintergrund in Deutschland leben und hier eine ständig wachsende Bevölkerungsgruppe bilden. Stuttgart wird in fünf Jahren über vierzig Prozent Ausländeranteil haben, in Berlin gibt es Stadtteile, die deutlich über fünfzig Prozent liegen und damit natürlich vollkommen andere Fragen an die Kultur stellen als es in einer deutschen Monokultur der Fall ist. Die Frage, die dahinter steckt, lautet: Ist das deutsche Theatersystem, das als nationales Projekt gegründet worden ist, in eine Neudefinition von kultureller Identität in einer Kultur, die sich transnational definiert, eingetreten? Ist es in diese Transformationsprozesse auch mit seinen Inhalten und Darstellungsformen eingetreten? Ein immens kompliziertes Feld. Ich denke, dass der Versuch dieses europäischen Festivals – die Biennale, die Sie, Herr Beilharz, in Bonn begonnen haben – ein extrem wichtiger Versuch ist, um das Dramatische wieder zu internationalisieren und lokale Identitäten genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber es ist natürlich nur ein Versuch und es müsste wesentlich mehr dieser Art von Austausch passieren, wenn wir von einer europäischen kulturellen Gemeinschaft sprechen oder noch weitergesehen wenn wir von einem realen Dialog Europas mit Ostasien oder Lateinamerika sprechen wollen.

Der dritte Aspekt, den ich anreißen möchte, ist die Frage: Ist das Theater eine Form, die zumindest in Deutschland diesen Fragen der Migration wirklich gewachsen ist oder die sich mit diesen Migrationsfragen tatsächlich auseinandersetzen kann und auch will? Ich habe am Haus der Kulturen der Welt ein Musikfestival gegründet, das Festival „popdeurope“, das die Migrationsformen in der Musik ins Zentrum stellt. Die neue europäische Popmusik oder populäre Musik ist eine Musik, die ihre Wurzeln aus der Karibik genauso wie aus der afrikanischen Musik oder aus Indien zieht, denken wir nur an die gesamte Undergroundmusik in London. Das heißt, wir haben in der Musikentwicklung der letzten fünfzehn Jahre einen vollkommenen Paradigmenwechsel, der nicht mehr das Fremde innerhalb der Musik in einer exotischen Weise adaptiert und positioniert, sondern aus einer fließenden kulturellen Identität neue Formen – hybride Formen, wie sie von Homi Bhabha bezeichnet wurden – bildet, die dann neuen Mainstream bilden und neue kulturelle Identität, die eindeutig transnational ist. Etwas Vergleichbares passiert im Tanz. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie sich der deutsche Tanz oder der Tanz in Deutschland seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart entwickelt hat, so kommt er ohne den Migrationsaspekt, ohne die kulturelle Vielfalt nicht aus. Das Tanztheater – von Pina Bausch bis Sasha Waltz – schöpft maßgeblich aus kultureller Differenz, die aus der Biographie der Tänzer heraus zu einer neuen Sprache im Theater geführt hat. Es ist in der aktuellen deutschen Tanzszene unmöglich, ein solches Panel, wie das, was wir hier gerade bestreiten und das allein aus deutsch-deutschen Teilnehmern besteht, zu besetzen. Die deutsche Tanzszene bewegt sich in einem absolut interkulturellen und transnationalen Kontext.

„Naturschutz für die deutsche Theaterlandschaft!“

Linders: Peter Spuhler ist ein junger Intendant, der vor seiner Zeit in Tübingen lange in Stendal und Rostock gearbeitet hat. In Orten, die von der Demografie gebrandmarkt werden als zukünftige Wüsten, in denen demnächst nicht mehr viele Menschen und erst recht nicht mehr viele Theatergänger wohnen werden. Peter, wie machst du das Theater fit für 2050?

Peter Spuhler: Mich interessiert die deutsche Theaterlandschaft insgesamt. Ich möchte unbedingt diese Institution Stadttheater behalten und suche nach Möglichkeiten, wie ich es denn bewahren kann. Ich bin absolut der Meinung „Mehr ist mehr“ und nicht „Weniger ist mehr“, auch was das Theater betrifft. Deshalb sollten wir darüber nachdenken, auf die deutsche Theaterlandschaft so etwas wie eine Art Naturschutz anzuwenden. Ich weiß, dass ich mich damit auf einer unmodernen Ebene bewege, weil es momentan wesentlich interessanter ist, Institutionen in Frage zu stellen, dem Neuen, der Veränderung das Wort zu reden. Ich meine auch nicht, dass nichts verändert werden soll, sondern ich glaube an ein System, an eine über Jahrhunderte gewachsene Landschaft, die ich gerne an die Gegebenheiten von morgen anpassen möchte. Mich interessiert es, von einer inhaltlichen Fragestellung auszugehen, die heißt: Wie gehen wir damit um, wenn sich kein Mensch mehr für Theater interessiert? Wenn wir ein Publikum haben, das es überhaupt nicht mehr gewohnt ist, ins Theater zu gehen, wo es keiner bürgerlichen Norm mehr entspricht und nicht zur Gesellschaftsfähigkeit dazugehört, sich über „Nora“ oder „Turandot“ unterhalten zu können, wo man damit keinen Punkt mehr machen kann und es keine Klassenzugehörigkeit beschreibt, sondern komplett egal ist. Ich bin geprägt von meinen Erfahrungen in den neuen Bundesländern. Da ist man als Dramaturg oder auch als Theaterleiter auch von der Belegschaft permanent in Frage gestellt, denn jeder Schritt, den man unternimmt, könnte den Tod des Theaters bedeuten. Gleichzeitig hat man es mit einer Bevölkerung zu tun, die zu Recht an vielen anderen Dingen interessiert ist als an Theater, weil sie Theater immer gehabt hat, viele andere Dinge aber nicht. Jetzt kommt der demografische Faktor: Arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel bedeutet, dass man es mit einem Bundesland zu tun hat, das in vierzig Jahren noch die Hälfte der heutigen Einwohnerzahl haben wird. Wenn man dann gleichzeitig mit Problemen beschäftigt ist wie Finanzierung von Theater, Steueraufkommen oder Theaterneubau, dann stellen sich automatisch bestimmte Fragen: Wie groß muss so ein Theater sein? Wie viele Rollstuhlplätze muss es da geben? Wie veränderbar müssen die Zuschauerräume sein? Von welcher Zuschauermenge kann man ausgehen? Welche anderen Dinge müssen außerdem im Theatergebäude untergebracht werden? Ist Theater nur als Theater zu denken oder ist es das kulturelle Zentrum einer Stadt? Ist es ein kommunales Kulturzentrum, in dem ich sowohl die Volkshochschule als auch die interessante Buchhandlung, die es hoffentlich noch gibt, das kommunale Kino, eine kommunale Galerie und so weiter zentrieren muss, um überhaupt eine Anlaufstelle zu sein, um in dem immer teurer werdenden städtischen Raum eine Art geistiges Zentrum zu bilden? Schafft das ein Theater überhaupt noch allein? Wie kann eine Öffnung aussehen, die das Theater für neue Bevölkerungsgruppen interessant macht? Welches Theater muss ich anbieten, wenn das Publikum zu vierzig Prozent aus Ausländern besteht? Ist es da überhaupt noch legitim, herkömmliches deutsches Theater zu machen? Wie viele fremdsprachige oder zweisprachige Produktionen muss ich in den Spielplan setzen? Wie muss das Ensemble besetzt sein? Das sind Fragen, mit denen ich mich leidenschaftlich beschäftige. In der Diskussion dieser Fragen begegnet mir immer wieder das Phänomen, dass die älteren Kollegen finden, dass das kein Thema ist. Mit allen jungen Theatermachern diskutiere ich hingegen heftig darüber. Dahinter verbergen sich auch einige unendlich langweilige Fragestellungen. Ich lese sie Ihnen mal vor: Wer kommt in zehn Jahren ins Theater? Wie alt sind die Zuschauer? Was brauchen sie für ihren Theaterbesuch? Wie muss der Ort beschaffen sein? Wie muss die Akustik beschaffen sein? Wie muss der Service beschaffen sein? Welche Dauer darf die Aufführung haben? Welche Stücke interessieren das Publikum? Wie ist es mit Rollstuhlplätzen, Treppen, Rampen? Essensangebot? Induktionsschleife? Toiletten? Wann beginnen die Vorstellungen? Welches Bildungsniveau kann man voraussetzen? Was bedeutet Theater in zehn Jahren eigentlich, also was ist die Form Theater dann noch? Wie ist es mit der Abgrenzung der Form? Welches Verständnis für Professionalität ist noch da? Wie wichtig ist professionelle Theaterarbeit?

Rutschky: Sie können mit solchen Fragen tausend Seiten füllen. Aber sie müssten mir jetzt gut kantianisch die Bedingungen der Möglichkeiten zur Beantwortung dieser Fragen geben und die sind nicht da. Denn wir wissen nicht, was in der Zukunft sein wird, dadurch zeichnet sie sich aus. Junge Leute haben oft Angst vor der Zukunft und das ist auch gut so. Aber indem wir solche Fragen auflisten und zu beantworten versuchen, geht die Angst nicht weg.

Odenthal: Wichtig ist, dieses Selbstreferentielle aufzugeben, dass man nicht innerhalb seiner Referenzen weiter arbeitet und zu einem selbstreproduzierenden, auf sich selbst bezogenen System wird. Diese ganzen Fragen, die auftauchen, erledigen sich zu einem großen Teil in dem Augenblick, in dem man eng mit den Communities – und damit meine ich nicht nur die Migranten – in einer Stadt und einer Region zusammenarbeitet. Die Fragen, die sich dann ergeben, beziehen sich erst mal auf heute, zum Beispiel: In was für einer Kultur leben wir jetzt?

Müller-Schöll: Es geht doch nicht um die Frage Selbstreferenz oder Öffnung. Ich glaube das, was Sie etwas verunglimpfen als Selbstreferenz, steht genau dafür, dass die Institution fragt, wo sie durch institutionelle Vorgaben verhindert, dass etwas anderes als die Tradition in ihr stattfindet. Man kann das besser an Beispielen erklären. Was Wanka Golonka hier in Frankfurt gemacht hat in der „AnAntigone“, also die Erkundung der Institution dieses Theaters hier mit seinem spezifischen Raum, seinem spezifischen Treppenhaus, seiner spezifischen Probebühne, seinem spezifischen Malersaal und so weiter und so weiter, ist eine Arbeit, die an der Öffnung eines Hauses arbeitet, weil sie Grenzen vorführt, die normalerweise angeblich nichts zur Sache tun. Und die aber tatsächlich sehr viel zur Sache tun, weil sie nämlich genau die Grenzen sind, die einschränken, was innerhalb dieser Institution Theater, wie sie hier gegeben ist, gesagt werden kann, gemacht werden kann, gezeigt werden kann und gespielt werden kann und was nicht. Es gibt bei Brecht eine wunderbare Vorstellung des Gottesdienstes ohne Gott. Nehmen wir den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“, da kommt dem Theater ein wichtiger Ort zu. Ich glaube, es ist ein Ort, an dem man wirklich über Dinge, die einen ganz fundamental betreffen, arbeiten kann.

Rutschky: Das Theater ist ein Tempel der deutschen Kunstreligion und die deutsche Kunstreligion hat im 19. Jahrhundert versucht, die Religion zu ersetzen. Ob es jetzt dem Theater als einem Tempel der deutschen Kunstreligion gelingen wird, die Probleme zu lösen, die die Kirche, also die Religion, nicht gelöst hat, das kann man diskutieren. Aber ich bin doch etwas skeptisch, weil ich das Gefühl habe, dass die Gesellschaft inzwischen mit religiösen Fragen, auch solchen vom Kult des Mercedes bis zu Kristallen, eine Vielfalt an Möglichkeiten anbietet, dass es sehr schwer ist, gewissermaßen die Avantgarde dieser religiösen Aktivitäten auszumachen.

Müller-Schöll: Ich formuliere es noch mal soziologisch, also Theater als ein Ort zur Ideologiezertrümmerung. Das ist die Vorstellung, die Brecht formuliert.

Linders: Sollen wir Theaterleute durch unsere heutige Theaterarbeit die Gesellschaft so verändern, dass wir in Zukunft ein anderes Theater machen können? Wohin führen diese Erkundungen?

Müller-Scholl: Wohin sie führen? Auf so eine große Frage kann ich nur mit dem Brecht-Motto, das die Volksbühne immer zitiert hat, antworten: „Die Welt verändern, dabei Spaß haben und Geld verdienen“. Aber das Problem ist doch, wenn es keinen existenziellen Grund gibt, warum man an dieser anachronistischen Institution Theater noch ein Interesse hat, dann wird es die Institution irgendwann nicht mehr geben, und zurecht.

Karl-Hans Möller: Wir reden hier über sehr unterschiedliche Aspekte. Wenn ich höre, dass Theater nur für Insider stattfindet, dazu kann ich sagen, dass jedes Stadttheater, das so arbeiten würde, spätestens nach einem Jahr kaputt gehen würde. Weil wir dann nicht mehr genügend Insider hätten, um eine Premiere zu füllen. Wir müssen mit unserem Publikum arbeiten, wir müssen unser Publikum kennen und ihm aufs Maul schauen, ohne uns vorschreiben zu lassen, was wir machen. Was mich an der Diskussion stört: die Zukunft beginnt für meine Begriffe morgen und nicht etwa im Jahre 2010 oder 2050. Wir können nicht sagen, irgendwann kommen die Babyboomer als Rentnergeneration. Es werden vielleicht irgendwann mehr, aber der Prozess, sich mit dem Publikum zu beschäftigen, findet permanent statt. Und der besteht darin, sich ständig zu überlegen, welche neuen Möglichkeiten es gibt, mit unserem Publikum, mit dem jungen und dem älteren, in Kontakt zu kommen. Wenn wir über Zukunft reden, reden wir bitte über morgen und nicht über irgendwann, wenn die meisten von uns gar nicht mehr da sind.

Hans-Thies Lehmann: Zukunft ist doch das, was auf uns zukommt und es ist wichtiger, das, was an der Zeit ist zu erörtern, als Spekulationen darüber anzustellen, wie es in dreißig Jahren aussehen mag. Die Aspekte sind auf dem Podium doch wunderbar formuliert worden. Wir befinden uns erstens in einer kulturellen Umbruchsituation und müssen uns fragen, ob wir uns nicht zu sehr mit einem zu engen Theaterbegriff und einer zu eng verstandenen Theatertradition beschäftigen und uns damit ganz schlicht die Zeit rauben, uns mit anderen Dingen zu beschäftigen wie zum Beispiel Bildern aus Lateinamerika oder einem Tanz aus Afrika.

„Theater ist ein Fest.“

Vielleicht wird dieses Theater des 18. und 19. Jahrhunderts, das uns als der Normfall vor Augen steht, mal eine Episode in der Geschichte des Theaters gewesen sein. Wenn alle Leute sich schrecklich darüber aufregen, dass Popmusik bei Klassiker-Inszenierungen gespielt wird, dann ist das einfach lächerlich, weil das Versuche sind, – vielleicht noch unzulängliche und nicht gelungene Versuche – etwas an dem wirklichen Spaß des Theaters wiederzubeleben, dass es ein Fest ist, ein soziales Ereignis, etwas, was im Livemoment seinen Lohn hat und alle Künste anspricht. Wir müssen hier mehr von der Frage ausgehend denken, wie Künstler in die Situation versetzt werden können, etwas zu machen, etwas auszuprobieren, verschiedene Dinge zu tun und nicht nur immer danach fragen, wie der Betrieb einigermaßen rentabel funktioniert. Denn wenn ein Künstler sich erst mal fragt, ob er sein Bild so rum oder so rum malen soll, damit das Publikum kommt, dann ist die Sache vorbei und wir können uns zu Tode managen mit den Theaterbetrieben. Wenn das Theater aus der interessierten kulturellen und künstlerischen Diskussion herausfällt und tatsächlich als ein Museumspark existiert, dann ist alles vorbei.

Doris Hotz: Mein Name ist Doris Hotz, ich arbeite in Wien, wo das Theater einen ganz anderen Stellenwert hat. Ich glaube, es geht vor allen Dingen darum, den Wert des Theaters für die Menschen, die Zuschauer zu erhalten. Und das Interessante an dieser demografischen Diskussion ist doch das Verhältnis der Zuwanderer zum Theater. Hier auf dem Podium sitzen weiße, deutsche Männer und im Publikum kommen auch ganz wenig Leute aus anderen Ländern. Die Schwierigkeit der Berührung wird hier sichtbar und ich denke, dass man für ausländische Mitbürger niederschwellige Angebote haben muss, denn die kommen natürlich her, um hier zu arbeiten, nicht um ins Theater zu gehen. Aber es muss Möglichkeiten der Berührung geben.

Spuhler: Ich finde den Öffnungsgedanken ganz wichtig und ganz zentral. Öffnung in vielfältiger Hinsicht. Was bedeutet der Wandel der Gesellschaft zum Beispiel für die Zusammensetzung des Ensembles, wie kann sich die Bevölkerungszusammensetzung widerspiegeln, kann es in einem Ensemble Identifikationsfiguren für weite Teile der Bevölkerung geben und wie kann mit der Vielsprachigkeit umgegangen werden? Ein interessantes Projekt, das momentan in Heidelberg läuft, ist eine Theateraufführung, die von der gleichen Schauspielerin in Englisch und in Deutsch angeboten wird. Vielleicht ist das ein Modell der Zukunft, genauso wie niederschwellige Angebote zum Abbau von Berührungsängsten. Wir sollten uns nicht zu schade sein, viel mit unserem Publikum zu reden, Einführungen, Nachbereitungen und viele Gespräche zu führen, all das, was wir eigentlich schon lange wissen, aber vielleicht unter dem Öffnungs-Gedanken noch einmal anders bewerten.

Odenthal: Umso länger ich an der Migrationsthematik arbeite, desto konfuser wird das eigentlich. Aus meiner Perspektive ist die zentrale Herausforderung für jede Kultur, aber in Deutschland besonders, mit diesen Veränderungen und Aufbrüchen umzugehen und sich eine internationale, offene Kompetenz zu erarbeiten. Die andere Kultur ist eben nicht mehr in Asien, Afrika oder Lateinamerika, sondern die ist vor meiner Haustür. Ich habe im Jahr 2000 ein Projekt gemacht, das hieß „Heimatkunst“ und hieß erst „Schwarz-Rot-Gelb – kulturelle Vielfalt in Deutschland“, das war sehr stark orientiert an einem britischen Projekt „Reinventing Britain“. Das British Council hat Mitte der 1990er Jahre ein großes Projekt begonnen, in dem sie versucht haben zu zeigen, Grossbritanien, das ist nicht mehr Englishness, das ist nicht mehr diese Monokultur, sondern hat sich vollkommen neu definiert durch eine kulturelle Vielfalt. Mich hat interessiert, wie das in Deutschland aussieht. Zu dem Projekt haben wir circa 100 Künstler eingeladen, in einer Ausstellung, in Theaterprogrammen, in Musik oder Tanz, ein Programm zusammenzustellen. Viele Künstler haben das sehr kritisch aufgenommen, weil sie gesagt haben: Wir wollen nicht in dieses Getto, wir wollen nicht als Migranten wieder aus der Gesellschaft herausdefiniert werden. Es war ein sehr langer Prozess, aus der vom Exotismus geprägten Idee kultureller Vielfalt hin in eine künstlerisch interessante und produktive Diskussion zu kommen. Denn es geht nicht darum, dass sich da beispielsweise türkische Künstler und indische Künstler treffen, sondern es geht darum, dass sie interessante Kunst machen und ihre bestimmten Hintergründe in einer bestimmten Weise weiterverarbeiten.

Mein Wunsch wäre es, dass in der Nationalgalerie ein chinesischer Künstler genauso gezeigt wird wie ein westlicher Künstler und dass in den Theatern außereuropäische Klassiker und wichtige zeitgenössische Dramatiker, Choreographen und Regisseure gleichberechtigt neben deutschen oder europäischen Künstlern ihre Stimme haben. Das ist das, was wir eigentlich leisten müssen, nicht nur in Theatern, sondern in der ganzen Republik mit allen ihren Institutionen.

Müller-Schöll: Ich glaube, in dem Maße, wie ein Theater es schafft, innerhalb der eigenen Kultur an der Auflösung ihrer falschen Oppositionen zu arbeiten, nimmt es seine Verantwortung gegenüber den anderen Ansprüchen wahr, die dann in das Theater einströmen können. Und ich will mich absolut nicht dazu hinreißen lassen, hier zu formulieren, was der Migrant oder die Migrantin selber formulieren muss und nur kann. Denn das wäre genau das, was das Problem ist: An der Stelle der Leute zu reden, die ja selber anfangen sollen zu reden oder zu handeln oder darzustellen.

Linders: Ich danke allen für das Gespräch.

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