"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 05

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2005

Podiumsdiskussion:
Dramaturgie des zeitgenössischen Musiktheaters – Gegenwart und Zukunft

 

Manfred Beilharz: Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, Sie zu unserer Diskussion über die Dramaturgie des zeitgenössischen Musiktheaters begrüßen zu dürfen. Zunächst möchte ich meine Gesprächspartner vorstellen. Dr. Norbert Abels, der uns gleich das Impulsreferat zum Thema halten wird, er ist hier an der Oper Frankfurt seit 1997 Chefdramaturg, zuvor seit 1985 Produktionsdramaturg, mit einem Zwischenspiel in derselben Funktion am Staatstheater Wiesbaden. Er hat sich unserer Thematik angenommen und wenn man guckt, was er alles studiert hat – Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie, Musikwissenschaft und Judaistik – darf man gespannt sein, aus welcher Perspektive. Neben ihm sitzt Dr. Ralf Waldschmidt, leitender Dramaturg des Musiktheaters am Theater Bremen. Außerdem haben wir zwei Überraschungsgäste, zum einen Johannes Kalitzke, Komponist und Dirigent und jemand, der ganz konkret in der Arbeit an neuen Werken als Macher beteiligt ist und Bernd Feuchtner, der bis vor einiger Zeit als Kritiker bei der „Opernwelt“ gearbeitet hat und ab der nächsten Spielzeit Dramaturg am Heidelberger Theater sein wird. Ich freue mich, dass der leichte aber latente Rassismus, den der Schauspieldramaturg in der Regel gegenüber dem Musiktheater hat und der darin besteht, zu sagen: „Musik ist schön, da höre ich gerne zu, ich gehe gerne in die Oper, aber gibt es denn da wirklich etwas zu diskutieren? Das ist doch ein völlig unintellektuelles Thema.“ , dass dieser Rassismus sich hier nicht manifestiert hat, und immerhin eine ganze Reihe von Leuten hier sind, die sich nicht ausschließlich mit Musiktheater befassen. Dieses Vorurteil – wenn es denn tatsächlich eins ist und ich Recht habe – lässt sich gerade in diesem Hause, in dem die Oper über lange Jahrzehnte in der Auseinandersetzung „Was ist Oper heute?“ eine Vorreiterrolle inne hatte, schwerlich aufrecht erhalten. Wir hören jetzt das Referat von Norbert Abels.

Norbert Abels:

Zukunft der Oper – Oper der Zukunft ?

Aller Anfang ist schwer, deutsches Sprichwort

Wäre Kassandra Marktschreierin, wäre Jeremias Zeitungsverkäufer gewesen, hätten sie immer noch recht gehabt. Der Wahrheitsgehalt eines Topos wird durch Gewöhnung an ihn unterschätzt. Die Schrift an der Wand mutiert zur Tapete. Wir bauen am Vesuv oder am höchst lebendigen Cumbre Vieja. Die – so las ich – größte Flutwelle der Menschengeschichte würde nach dem Ausbruch von La Palma gen Westen rasen, ausgelöst von 500 Milliarden Tonnen Gestein, losgerissen von der Westflanke des Vulkans. An der amerikanischen Ostküste wäre die Welle dann immer noch 50 Meter hoch. Wir wissen, dass es geschehen wird. Wir wissen nicht wann. Für ein Warum haben wir im Gegensatz zu den vorausgegangenen 6000 Jahren Kulturgeschichte seit gut 150 Jahren keine metaphysischen Erklärungen mehr im Repertoire. Heines Konstruktion eines Aristophanes des Himmels war bereits ein nicht ohne Zynismus angestimmter Abgesang hierauf.

Eine Zukunft der Oper wird kaum absehbarer in dem Maße, in dem die meltaubeladenen Prognosen ihres Endes längst das Gepräge einer so stereotypen wie wohlfeilen Plattitüde angenommen haben. Wir wissen, dass alles, was ist und alles, was der Fall ist, wert ist, dass es zugrunde geht, dass den Dingen, allen Dingen – nach Feuerbach sogar dem historisch gewordenen lieben Gott –ein Vergänglichkeitskoeffizient innewohnt. Wir wissen weiter, dass die Zeiten des zuversichtlichen und wohlbehausten antizipatorischen Bewusstseins - für alle Zeit wohl - ebenso vorbei sind wie die geschichtsphilosophischen Beschwörungen einer Grandezza des Unterganges. Die Flut, die den Abschluss der Götterdämmerung bildete und die Peter Konwitschny nur noch durch das konzertant gespielte Ende gestalten wollte- oder darin zu gestalten verweigerte, war Konstrukt eines absurden und atemberaubenden Versuches ,vorm Hintergrund von Eisenbahn, Telegraphie und Gartenlaube einen Mythos in Gestalt einer restaurativen Utopie zu formen; als ob je ein Mythos vom Zuschnitt eines Subjektes hatte erscheinen können. Die folgenden Offenbarungen, etwa Spenglers gigantisch angelegte Philosophie einer Logik der Zeit, vermochten an solche Größe nicht mehr heranzureichen. Aber auch die Adaption des Bilderverbotes in der kritischen Theorie als Verbot, die Zukunft – zumal die in einer zum Schicksal sich aufspreizenden Massenkultur – auszumalen, hat sich überlebt mit dem Wegfall eines Raumes, aus dem heraus überhaupt noch Zukunftserwartungen – auch verblendete – möglich sind.

Riskieren wir einen groben Rückblick auf das 19. Jahrhundert. Gehen wir ziemlich genau in dessen Mitte. 1852 erschien Wagners Schrift „Oper und Drama“. Im dritten Teil, betitelt als „Dichtkunst und Tonkunst im Drama der Zukunft“ findet sich in der Metaphorik der tellurischen Katastrophe zugleich deren Bewältigung. Zusammenbruch und Aufbruch, Desaster und Geburt, die niederschmetternde Last des Imperfekts und der morgenkühle Hauch des Futurums halten für einen kurzen Augenblick die Balance. Wagner glaubt im intensivsten „Hinhorchen auf den Herzschlag der Geschichte jene ewig lebendige Quellader rieseln zu hören, die verborgen unter dem Schutte der historischen Zivilisation, in ursprünglichster Frische unversiegbar dahinfließt“, (O.u.D., 390). Der wahre Künstler ist bei Wagner genuin diesem Quellgrund verbunden. Er wird ihn offenbaren nach der Apokalypse der Historie. „Wer fühlte jetzt nicht die furchtbar bleiche Schwüle in den Lüften, die den Ausdruck eines Erdbebens vorausverkündigt? Die wir das Rieseln jener Quellader hören, sollen wir uns vor dem Erdebeben fürchten? Wahrlich nicht! Denn wir wissen, es wird nur den Schutt auseinander reißen und der Quelle das Strombett bereiten, in dem wir seine lebendigen Wellen auch fließen s e h e n werden“ (O.u.D., 391).

Solches Geschichtsalfresco ist nicht neu, bedient sich der schon in der Offenbarung von Patmos entwickelten Ikonographie nicht minder als der ebenso archaischen Metaphorik von Seefahrt, Wassergeburt und Aufbruch zu neuen Ufern. Das Neue, die Zukunft, das Künstlertum der nun anbrechenden Zeit, das Kunstwerk auf seiner höchsten Stufe, das gemeinsame Kunstwerk, das Gesamtkunstwerk präsentierte sich auf der einen Seite als Utopie des Ganzen: „Das wahre Drama ist nur denkbar als aus dem gemeinsamen Drange aller Künste zur unmittelbaren Mitteilung an eine gemeinsame Öffentlichkeit hervorgehend.“ (Das Kunstwerk der Zukunft, A. 850) Auf der anderen Seite aber wird dieser gemeinsame Drang wiederum fokussiert in der Hervorhebung des prädestinierten Individuums. Der Künstler allein vermag es nach Wagner, eine noch amorphe Welt in ihrer vollendeten Gestalt vorauszusehen, gar „aus der Kraft seines Werdeverlangen im Voraus zu genießen“ (o.u.D. , 391). Eine Variante also von Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“, ein ästhetizistischer Solipsismus sondergleichen und zugleich die Neubesetzung der vakant gewordenen metaphysischen Positionen durch ein frisches Opiat, durch Kunstreligion, ein Weg, der dann sowohl zum Kaisermarsch als auch zum Parsifal geführt hat. Abschließend Wagners Aufgabenzuweisung: „Wer diese Sehnsucht aus seinem eigensten Vermögen in sich nährt, der lebt schon jetzt in einem besseren Leben: nur einer aber kann dies: der Künstler.“

Des Gesamtkünstlers Wagners Konzeption zielt demnach auf das Ganze. Wie die Phänomenologie des Geistes, wie die alles umspannende comédie humaine aber irgendwie auch wie Gustav Freitags „Soll und Haben“ nimmt sich diese kosmologische Ästhetik aus.

Mit Wagner habe ich begonnen, weil seine Wirkung auf die Geschichte des Musiktheaters bis zum heutigen Tag andauert, weil sein illusionistisch geschlossener Kunstraum die filmischen Weltentwürfe geprägt hat und weil seine psychologische Motivtechnik einen ebenso geschlossenen Determinationsraum geschaffen hat wie die spätere der Psychoanalyse; einen Raum, in dem immerfort alles auf alles verweist, der aber eben keinen Ausgang mehr kennt. „Alles in einem“, so lautet die kürzeste Formel für dieses Konzept und ähnlich lakonisch könnte die Formel für unser Dasein in der Existenz jenes Mega-Zentrums bedeuten, für das sich inzwischen das Schlagwort von der globalisierten Welt eingebürgert hat. Wagners Kunst-Utopie hat sich seit langem schon in Entwürfen und Systemen niedergeschlagen, die genuin gar nichts mehr mit künstlerischem Schaffen zu tun haben. Religion – Kunst – Politik – Wissenschaft – Unterhaltung: so stellt sich mir die Reihenfolge dieser Transformationen dar.

Der Blick auf die andere große musikdramatische Option des 19. Jahrhunderts erkennt das an den Rand gedrängte und das Nicht-absolute. Verdis letztes Wort lautet nicht „Erlösung dem Erlöser“, sondern „Alles ist Narrheit auf Erden“. Sein immer geschlossener werdendes Musikdrama ließ der menschlichen Stimme, ließ den Gesang als unantastbares Zentrum bestehen. Zugleich aber gab es die von Not und Zerrissenheit geprägte Antwort des empirischen Daseins auf die entstiegen-ideale Sphäre, auf – so Thomas Mann – „die fliegende Idealität der Musik.“ Verdi bevölkerte seine Opern mit dem, was wir heute gerne Randexistenzen nennen, existentiellen Außenseitern, mit Narren, Kranken, mit Zigeunern und Dunkelhäutigen, mit Fettsäcken, Wahnsinnigen und hoffnungslos Liebenden, die immerfort von der baritonalen Schicksalswucht aus ihrer Umlaufbahn geschleudert wurden. Verdi – darin äußerst gegenwartsverbunden – sah im Grotesken, im Unauflösbaren, im Anderen jene Quelle, in der Wagner sich selbst sah und aus diesem Anblick den Versuch wagte, sein eigener Mythenbildner zu werden. Wie dem auch sei: Die romantische Oper, die Belcanto-Oper, die Historienoper und die veristisch-naturalistische Oper des gleichen Jahrhunderts koexistierten sterbend oder auferstehend neben den zwei Großentwürfen.

Das 19. Jahrhundert mit seinen beiden tragenden Säulen – der Realismus als Entdeckung des gesellschaftlichen Daseins und der Außenwelt und die Romantik als Entdeckung der Innenwelt als Seelentopographie – fand musikdramatisch bei diesen beiden Komponisten seinen tiefen Ausdruck.

Was blieb, war zunächst die Überwindungs- und Auswegssuche. Debussys Neuentdeckung eines epischen Melos, Janáceks bohrendes Hineinhorchen in die Sprachmelodien der Lebenswelt, Straussens Verlagerung der zerrissenen Seele in einen einzigen Akkord sind dafür Beispiele.

Das alles freilich trug sich zu vor dem Hintergrund einer immer größeren Rotationsdynamik an den Tag legenden Konjunktur der Ismen: Naturalismus – Impressionismus – Symbolismus – Ästhetizismus – Expressionismus – Neoklassizismus – Primitivismus – Dadaismus – Futurismus – Kubismus – Surrealismus. Solcher Stilpluralismus war die Manifestation verschiedener Recherchen, der Suche nach einer neuen Mitte, der Suche nach einem Weg ohne die Konstruktion einer Mitte, der Suche dann auch nach einer neuen Ordnung der Dinge. Die Avantgardebewegungen richteten sich gegen die zunehmende Institutionalisierung und damit gegen die Musealisierung der Kunst. Negiert wurde „nicht eine voraufgegangene Ausprägung der Kunst (ein Stil), sondern die Institution Kunst als eine von der Lebenspraxis der Menschen abgehobene“ (Peter Bürger, Theorie der Avantgarde, S. 66). Kunst, so lautete ein Programm etwa, sollte in Lebenspraxis überführt werden: von Duchamp bis zu Warhol und Beuys, von Ives über die musique concrète zu Messiaen und Cage, von Schwitters zu William Boroughs und den Urschreihappenings zogen sich dergleichen Versuche. Ein neuer Typ von Kunstwerk wurde fixiert. Der Werkbegriff selbst geriet unter avantgardistischen Beschuss: Der militärische Charakter dieses Begriffes wäre eine eigene Betrachtung wert. Die Kategorie des Neuen geriet zur Universalmaxime. Seit gut siebzig Jahren wird immer noch von „Neuer Musik“ gesprochen, mindestens ebenso hartnäckig wie von der so handlich sich gebenden Kategorie des „Modernen“, was immer das auch inzwischen bedeuten mag. Mehr noch als der poröse Begriff Postmoderne allemal.

Zu den entscheidendsten Zäsuren der Musikgeschichte und auch der Musiktheatergeschichte gehörte die Apostrophierung einer neuen Ordnung. Die Abstraktion in der Bilderwelt, der emanzipierte Laut als Vollendungstufe des Expressionismus, die Atonalität als äußerste Rehabilitierung der Dissonanz: all das war die Wendung zur Auflösung, war das Pendant der von Ernst Mach physikalisch-monistisch nachgewiesenen Unrettbarkeit des Ich, der Quantentheorie und der Zeitrelativierung, der Freud’schen Dreigeteiltheit der Psyche und anderen Zerlegungen, nicht zuletzt Wittgensteins Sprachkritik. Die neue musikalische Ordnung, die dann gegen solche Fragmentierung und ihr gesamtes Gravitationsfeld aufgeboten wurde, war die neue Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen. Das pure Material der Töne, die vollständige Neuorganisation des Tonsatzes, die endgültige Verabschiedung der gnostischen Dur-Moll-Vergangenheit: Das führte schließlich zur reinen und kristallinen, nur noch im konzentrierten Augenblick organisierten seriellen Verfahrensweise Anton Weberns. Unmöglich, sich bei ihm einen Brückenschlag vorzustellen zur Inhaltskunst, gar zum wie immer auch avancierten Musiktheater in jener Zeit nach dem Abwurf der neuen Bomben auf die ostasiatischen Metropolen. Vollends als mit Stockhausen und Boulez die außerharmonischen Parameter Rhythmus, Tonlänge und Lautstärke in das serielle Determinationsfeld gerieten – Ligeti, Berio, Feldman und Kagel setzten sich genau damit auseinander, bevor sie andere Wege versuchten – gelangte die ganze Wucht aller Atomisierungsbestrebungen der ersten Jahrhunderthälfte dahin, wo sie sich bis zum heutigen Tag befindet, und wo sie entweder – wie in Hesses Kunstkloster des „Glasperlenspieles“ – noch auf unbestimmte Zeit überwintern wird oder wo sie allmählich weiter zerfallen wird; ein Kern, dessen Strahlungen immer weniger berühren.

Wir sind beim Musiktheater der Gegenwart angelangt. Wir erinnern uns, wie das Gebirgsmassiv von Zimmermanns „Soldaten“, sein Versuch die Kugelgestalt der Zeit in einer unendlich komplexen Simultantechnik als musikalischen Raum erscheinen zu lassen, noch einmal einzelne große und gelungene Werke in einer unrettbar versinkenden Kunstform suggerierte. Immer noch, wenn – nicht so selten wie das Spätere – Zimmermanns Oper von dem vor Anstrengung ächzenden Korpus eines Stadt- oder Staatstheaters exhumiert wird, leuchtet das Inkommensurable dieses Kunststücks durch, seine Neulandentdeckung, die als Möglichkeit in ihm aufleuchtende Idee einer Nachfolgeschaft, die noch tiefer gehen würde. Die „Soldaten“ aber blieben ein Solitär. Sie hinterließen keine ihnen ebenbürtigen Erben. Zimmermanns Drama gebrauchte Lenzens Abstiegsgeschichte von der verlorenen Ehre eines Mädchens namens Marie nicht mehr im Sinne einer dramaturgischen Abfolgelogik. Die Oper – gerade diese – markiert den Beginn einer nunmehr immer radikaler werdenden Abstinenz; einer Abstinenz freilich, die maßgeblich zum Bau des Kunstklosters in den Zeiten der dekonstruktivistischen, strukturalistischen und negativistischen Auflösung der alten Form beitrug. Bei Zimmermann war die Spaltung der auf Vertikalität und Hierarchie aufgebauten starren Form das explizite Thema. Durch Gleichzeitigkeit, Krümmung und Horizontalität wurde der evolutionistische Geist der Geschichte, der Geist der fortschreitenden Handlung, der Geist der musik-dramatischen Erzählung verabschiedet. Das war atemberaubend, entsprach der postkatastrophalen Geschichtserfahrung als Misstrauen jedes sich als organische Ganzheit aufspreizenden Schielens auf Werkcharakter. Es war authentisch im besten Sinne dieses Wortes. Was danach kam, war die Spaltung zwischen jenen, die die Negation des linearen Werkes zum ästhetischen Kanon erhoben und jenen, die das Jetzt nicht verewigen wollten, nicht zulassen wollten, dass allein die Idee, noch eine Geschichte erzählen zu können, als Einverständnis mit dem Zeitgeist gewertet wurde. Das traf besonders Komponisten, die sich eben gerade engagiert gegen diesen restaurativen Zeitgeist wandten; der extremste Fall eines solchen Komponisten – vom orpheushaften Stationstheater der beginnenden 50er Jahre in „Boulevard Solitude“ bis zur narrativen Entwicklungstechnik des „Verratenen Meers“ in den neunziger Jahren – dürfte wohl Hans Werner Henze sein. –

Es ist hier nicht der Ort und die Zeit für eine ausführliche Betrachtung der sechzig Jahre nach dem großen Krieg. Weder die esoterisch demiurgische Hybris Stockhausens, weder Messiaens oratorischer Pantheismus, weder John Cages Befreiung der Sänger aus dem Galeerenchronometern des Maestros, weder Nonos mikrotonale Raummusik – statt in einem Kloster sollte sein „Prometeo“ in einer Bühnenarche überwintern –, weder Rihms neoarchaische Beschwörung Artauds und der Tarahumara-Indianer in der „Eroberung von Mexiko“, noch Lachenmanns Verschränkung von Märchen und Terror in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ mit dem - heute wohl kaum noch ohne wehmütiges Lächeln zu rezipierenden - Programm: „Kunst als vorweggenommene Freiheit in einer Zeit der Unfreiheit“ – haben sich als das erwiesen, was vor Zeiten einmal „stilbildend“ genannt wurde. Dieses „stilbildende“ Element erscheint zuletzt, wenn überhaupt noch so zu benennen, in der amerikanischen Minimal-Music.

Ein letzter Blick auf die unmittelbare Gegenwart, ein Blick auf Matthias Pintschers Rimbaud-Oper „l’espace dernier“ oder Jörg Widmanns Endspiel über die Erschaffung neuer Menschenwesen „Das Gesicht im Spiegel“ lässt zum gleichen Schluss gelangen. Ebensolches gilt für die Hölderlin-Opern von Bruno Maderna, Walter Zimmermann und Georg Fridrich Haas, für Ruczickas Celan-Oper oder Ingomar Grünauers „Winterreise“, einem Werk über die missglückte Pyrenäenflucht des Philosophen Walter Benjamin.

Um dieses Kapitel abzuschließen: Die einzige nach dem Krieg aufgeführte Oper, die es vermochte, bis zum heutigen Tag die Menschen immer wieder in die Musiktheater zu ziehen, war die durchweg tonale und äußerst linear geführte, eine Lebensgeschichte erzählende Oper über einen dem Wahnsinn und schließlich dem Suizidsog verfallenden ostenglischen Nordseefischer. „Peter Grimes“ von Benjamin Britten und nicht, um weitere Beispiele zu nennen – Maurizio Kagels „Aus Deutschland“ oder Adriana Hölszkys „Die Wände“ nach Genet.

Die englische Oper, – ob Britten, Walton, Tippett oder noch heute Thomas Ades, Birthwistle, Maxwell Davis – hat – (wohl aus musik- wie aus zeitgeschichtlichen Gründen ) – das narrative Element niemals preisgegeben. Es sei hier nicht weiterverfolgt, warum die gestrengen Musiksachverwalter aus Donaueschingen und Darmstadt und all ihre Nachfahren bis zur unmittelbaren Gegenwart solche Komponisten des Verrats am erreichten Stand der musikalischen Materialbeherrschung bezichtigt haben. Die Vorgabe zu solchem ideologischen Bürgerkrieg in der Notenwelt war wohl Adornos manichäisch anmutender Dualismus von Schönberg („Kunst als Verneinung des Unrechts“) und Strawinsky (implizite Identifikation mit der Perspektive der Henker und Affinität von Ästhetizismus und Barbarei). Alles das, all diese Verdikte, Ausgrenzungen und öffentlichen Autodafes – die der Tonalen gegen die Seriellen, die der Dodekaphoniker gegen die Minimalisten usw. – muten inzwischen verstaubt an. Die Zeit für dergleichen Spiegelfechtereien ist vorbei, auch wenn sie in einer weiterhin von Eifersucht und Missgunst erfüllten Sphäre der Meisterschüler noch künstlich am Leben gehalten wird. Freilich: solche Erscheinungen gehören zum obligatorischen Repertoire der Kunstklosterwelt des ästhetischen Treibhausklimas, das uns bei Symposien oder Kongressen, in den zweiten oder dritten Rundfunkprogrammen nach 22 Uhr oder in Meisterkursen, Hochschulpräsentationen und ähnlichen Anlässen stets noch suggeriert, durch Verdikte und Auszeichnungen könnte noch etwas wesentliches ausgesagt –, weiterhin entscheidendes angerichtet werden.

Arnold Gehlen hat in einer anthropologischen Arbeit vor Jahrzehnten die Frage gestellt, ob der Erfolg der zeitgenössischen Kunst nicht letztlich doch auf einer „ungeheuren Produktion bei schon erloschenem Gehalt“ beruht. Wir sind also wieder angelangt bei der Mutmaßung einer Wirkung ohne Ursache, auch bei dem alten Topos vom Ende der Kunst, hier gesehen durch das Prisma des Endes des zeitgenössischen Musiktheaters. Hegel bereits verkündete, dass wir darüber hinaus seien, „Werke der Kunst göttlich zu verehren und sie anbeten zu können“. Zum häufigsten Gemeinplatz der ästhetischen Reflexion sind nach Hegel die Spekulationen über das Ende der Kunst geworden. Für Nietzsche war klar absehbar, dass der Künstler der Zukunft als museale Kuriosität durch die Welt schreiten würde. Der blinzelnde, von allem Leidbewusstsein, auch unter pharmakologischer Hilfe von den Gebrechlichkeiten des Daseins entlastete Mensch sucht nicht mehr, sondern hat seine festgelegte Position: „ist das Leben erst im vollkommenen Staate geordnet, so ist aus der Gegenwart keine Motiv zur Dichtung mehr zu entnehmen“ – so Nietzsche.

Die Gegenwart also: die Gegenwart und die Kunst, die Gegenwart und das Musiktheater. Abschließend hierzu einige Bemerkungen. Zunächst Fakten. Zu den Tatsachen gehört die ansteigende Unterdosierung des Musiktheaters an Gegenwart. Immer stärker werden die von außen auferlegten Zwänge, diese von der Bühne fern zu halten. „The Death of Klinghoffer“ von John Adams, Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, Henzes „Verratenes Meer“ oder – unlängst von Georges Delnon atemberaubend inszeniert – Mark Andres’ Musiktheater Passion „... 22,13 ...“ (Kasparows Kampf mit dem Supercomputer) – solche kaum miteinander zu vergleichenden Werke gehören zu der stark limitierten Reihe von Versuchen, das Jetzt unseres Daseins einzufangen.

Die Rückwärtsgewandtheit des Musiktheaters macht zunehmend zu schaffen. Schaut man auf die nicht gerade übermäßige Zahl der in diesem Jahrhundert komponierten Opern, erkennt man sogleich diese Referenz vor den Zeiten der Vergangenheit, wird ebenso abrupt erinnert an das erste Jahrhundert der „dramme per musica“, als die große antike Historie oder die ebenso erhabene Mythologie die Stoffe herzugeben hatte. Am Ende des 19. Jahrhunderts begannen sizilianische Dörfer, Hafenarbeiter, Fabrikproletariat, Tabakschmuggler erstmals in Erscheinung zu treten, allesamt Erben der großen Befreiungsdramen Giuseppe Verdis. Schnell aber war solche stoffliche Eroberung der Gegenwart passee. Wozzeck, Pélleas, Cardillac, Moses, Elektra, Salome, Antigone und Hekuba, Faust und Macbeth, Ödipus und Salomon, Palästrina und Matthias Grünewald traten auf den Plan. Nach 1945 setzte sich dies fort: Etwa Billy Budd, Lear, Lenz, Prometheus, Kassandra, der heilige Franziskus, der arme Heinrich, der Großinquisitor oder – bei Johannes Kalitzke – Molière.

Viele der Werke, die seit fast 20 Jahren eintreffen und die ich alle studiere, obwohl ich weiß, dass sie nicht aufgeführt werden; aber auch für solche, die wie Pintschers „Thomas Chatterton“, Glanerts „Joseph Süß“ oder Trojahns „Enrico“ es gleich zu mehreren Aufführungen bringen, gilt das Gleiche. Pintscher entdeckte Büchner neu, Glanert Grabbe und Aribert Reimann vertonte Kafkas „Schloss“, Patrick Bishay vollendete soeben „Die Strafkolonie“ – nach Kafka, ein Werk dessen Uraufführung noch aussteht.

Es sticht schon ins Auge: Die soeben aufgezählten Werke schauen stofflich – oft im krassen Gegensatz zum sich vorwagenden kompositorischen Gehalt – allesamt zurück.

Die hinter solchem Gegenwartsdefizit lauernde Frage liegt nahe. Taugt die Gegenwart, taugt unsere unmittelbare, vielleicht auch alltägliche Lebenswelt nichts für eine Kunstform, die nur in ganz wenigen Episoden ihrer Entwicklung die eigene Zeit entdecken wollte. Gehört zu einer immer mehr als anachronistisch empfundenen Kunstform auch stofflich die Abstinenz vom Hier und Jetzt? Hätten die der neuen Musik immer entgegengebrachten Ressentiments des Publikums sich noch vergrößert in der Konfrontation mit Sujets aus dem Dasein eben dieses Publikums?

Einzig in die Ästhetik der Inszenierung hat die Gegenwart ihren Einzug gefunden. Sie ist denn auch das Hauptangriffsziel geworden. Wir alle kennen die uns von unserem Publikum oft bange gestellte und zumeist auf Bühnenbild und Kostüm zielende Frage: Ist die Regie modern? Zeitgenössische Werke haben es leichter, bei ihrer Uraufführung nicht ausgebuht zu werden als über die erste Aufführungsreihe je hinwegzukommen. Ein Publikum, das bei „Pierrot Lunaire“ vor Wut tobte und bei Hindemiths Einaktern die Polizei holte, gibt es heute nicht mehr. Was gerne und oft artikuliert wird, ist der Wunsch nach reduziertem Tiefgang, nach sphärischer Geborgenheit und obstinater Wiederkehr. So werden fünf Stunden eines Werkes wie „Einstein on the beach“ liebevoll goutiert. Es finden sich darin – im postmodernen Gewande bestens transformiert - die gleichen Möglichkeiten, die einst der „Rosenkavalier“ bot: „Die Kraft“, schrieb in diesem Sinne Adorno 1968 in seinen musiksoziologischen Vorlesungen, „welche“ – wohl nach wie vor – „die Menschen an die Oper bindet, ist die Erinnerung an etwas, woran sie sich gar nicht mehr erinnern können, die legendär goldenen Zeiten des Bürgertums, die erst im eisernen Zeitalter einen Glanz gewinnen, den sie nie besaßen“ (Musiksoziologie, S. 92).

Beilharz: Sie sehen, ich habe Ihnen nicht zu viel versprochen, in dem ich am Anfang sagte, es gibt auch im und über das Musiktheater Anlass zu intellektueller Durchdringung. Norbert Abels hat uns hier eine geballte Ladung von genauer Durchdringung, Durchleuchtung der Vergangenheit und der Gegenwart präsentiert. Ich versuche, etwas trivialer ein paar Stichworte heraus zu filtern und beginne mit der Behauptung, dass in den letzten sechzig Jahren kein Werk mit stilbildender Wirkung entstanden sei, im Gegensatz zu den Zeiten davor. Erstens: Es entstehen wenige zeitgenössische Werke im Vergleich zum Repertoire aus dem 19. Jahrhundert und der Zeit davor. Zweitens: Wenn sie entstehen, behandeln sie alle mit ganz wenigen Ausnahmen Stoffe, die nicht der Gegenwart entlehnt sind, sondern der Vergangenheit angehören, oft den Künstler oder andere bedeutende Persönlichkeiten der Vergangenheit reflektieren, durchaus um einen zeitgenössischen Dialog darüber in Gang zu setzen. Drittens: Die Hauptkraft des gegenwärtigen Musiktheaters als zeitgenössische Kunstform besteht in der Interpretation, in der szenischen, in der optischen Interpretation der Repertoireopern und das ist ihre Zeitgenossenschaft. Ich hab es jetzt ein bisschen sehr vereinfacht, aber das sind so in etwa die Thesen, die wir gehört haben und die jetzt zur Diskussion stehen.

Bernd Feuchtner: Wie Sie bei meiner Vorstellung schon gesagt haben, habe ich bisher kritisch darüber reflektiert, wie es um die Oper steht und bin jetzt als Dramaturg zur anderen Seite übergegangen. Da muss ich ohne Netz und doppelten Boden versuchen, mit dem Publikum zurecht zu kommen und nicht mehr nur mit meinen eigenen Gedanken. Ich würde jetzt von meiner Sicht aus eher versuchen, eine Verbindung zum Über-Thema der Tagung herzustellen, denn wenn ich über das Theater nachdenke, dass wir in der nächsten Spielzeit für das Publikum der Stadt Heidelberg machen wollen, dann überlege ich mir: Was will ich im Theater? Ich möchte im Theater sehen, dass ich heute lebe und ich möchte heutige Menschen erleben, die zu meiner Gesellschaft gehören, Menschen, die im Theater ein Kommunikationszentrum finden für ihre Gemeinschaft, um dort ihre Ziele, ihren Alltag, ihre Zukunft, ihre Vergangenheit zu reflektieren. Das sollte das Ziel sein.

Beilharz: Mit welchen Mitteln streben Sie das an? Mit Kompositionsaufträgen, die sich mit heutigen Stoffen befassen oder geht es um die Rezeption vorhandener Opernwerke?

Feuchtner: Zunächst mal muss man vom rein deutschen Standpunkt der Betrachtung wegkommen, nur zu fragen, was hier in Deutschland die Geschichte des Musiktheaters ist. Sie haben vorhin den seltsame Erfolg von „Peter Grimes“ von Benjamin Britten erwähnt. Es hat ja in der ganzen Zeit, während der wir hier die Avantgarde und später deren Epigonen hatten, in anderen Teilen der Welt andere Entwicklungen gegeben. Das hat alles mit der Naziherrschaft zu tun und deren Missbrauch von Gefühl. Die Oper arbeitet ja in erster Linie mit Gefühl und darauf hat es eine scharfe Gegenreaktion gegeben. Man hat dem Gefühl nicht mehr getraut. Man ist an die Konstruktion gegangen. Man hat eher an die Form geglaubt als an den Inhalt. Das hat in Deutschland alles seinen Grund, hat aber auch dazu geführt, dass die Oper intellektualisiert worden ist, dass das Musiktheater die Oper abgelöst hat und die Intellektuellen mehr oder weniger bestimmt haben, was da vorzugehen hat. Dadurch ist eine gewisse Entfernung vom Publikum eingetreten. Aber auch in England oder in Frankreich kann man sehen, dass dort ohne alle diese Erscheinungen auch intelligentes Musiktheater oder intelligente Oper gemacht wird, die das reflektiert. Zum Beispiel gab es vor zwei Jahren in London die Uraufführung „Sophie’s Choice“ von Nicolas Moore, die Simon Rattle dirigiert hat. Die deutschen Kritiker waren entsetzt und haben gesagt „Um Gottes Willen, wie kann man so etwas machen“, weil...

Beilharz: ...weil sie meinten, es sei ein Rückfall...

Feuchtner: Ja. Aber für Engländer war das kein Rückfall und kein Fortschritt, sondern es war einfach eine interessante Show. Simon Rattle hat es gut einstudiert, die Sänger waren toll, es hatte inhaltlich mit dem Holocaust zu tun, es dauerte vier Stunden, man war hinterher frisch und hatte was zu diskutieren, so schlecht kann es nicht gewesen sein. Das Stück wird übrigens in der nächsten Saison in Berlin an der Deutschen Oper und in Wien an der Volksoper neu einstudiert. In Heidelberg werden wir jetzt, weil es schwierig ist so kurzfristig eine Uraufführung zu machen, eher ein Stück aus der letzten Saison, das wir für wichtig halten, nachspielen und ihm eine zweite Chance geben. Die Komponisten schreiben sich ja die Finger wund und kriegen ihre Stücke dann aber nicht zum zweiten Mal aufgeführt. So lernt man die Stücke nicht kennen, weil die Uraufführungsinszenierung oft eine vage Annäherung ist und man danach erst erkennt, was eigentlich darin steckt. Die zweite Sache ist, es geht ja in der Welt auch außerhalb von Europa eine Menge vor. Das, was in Europa an bürgerlicher Kultur entstanden ist, das geht in Asien oder Amerika weiter, das Material wird verwertet. Es finden im außereuropäischen Raum selbstständige geistige Entwicklungen statt, die man im Einzelnen analysieren kann, das wäre aber eine ausführlichere Angelegenheit. Aber ich halte es für reizvoll, in Deutschland mal vorzuführen, welche hybriden Formen dort entstehen. Wir werden zum Beispiel eine lateinamerikanische Oper machen, die vor acht Jahren uraufgeführt worden ist, und diese in Kooperation mit der Universität in einen Zusammenhang stellen mit der Literatur Lateinamerikas, mit Garcia Marquez usw. Dadurch wollen wir versuchen, das Operntheater in das universitäre und sonstige geistige Leben der Stadt zu integrieren.

Beilharz: Ralf Waldschmidt, besteht denn die Zeitgenossenschaft des Musiktheaters nur in der zeitgenössischen Rezeption oder gibt es auch die Möglichkeit für Dramaturgen und Theaterleiter, das Repertoire durch zeitgenössische Werke anzureichern, die nicht nur eine zeitgenössische Musiksprache haben, sondern auch zeitgenössische Stoffe aufgreifen?

Ralf Waldschmidt: Da gibt es verschiedene Aspekte zu benennen. Natürlich hat jedes Theater, das behaupte ich jetzt mal so, jedes deutsche Stadt- oder Staatstheater die Möglichkeit, Kompositionsaufträge zu vergeben und dafür zu sorgen, dass auch weiterhin viele neue Opern entstehen, geschrieben und aufgeführt werden. In den letzten zehn Jahren wurde am Bremer Theater jedes Jahr eine Ur- oder Erstaufführung oder zumindest ein zeitgenössisches Werk auf den Spielplan gesetzt. Das meiste davon kann ich mir jetzt nicht auf meine Fahnen schreiben, weil ich dort erst seit anderthalb Jahren arbeite. Ich kann diesen von Ihnen geäußerten Verdacht, dass in der Oper weniger gedacht würde als im Schauspiel überhaupt nicht nachvollziehen.

Beilharz: Es ist nicht meine Meinung, ich habe ein verbreitetes Vorurteil referiert.

Waldschmidt: Von meinen ca. zwanzig Berufsjahren habe ich ungefähr zehn im Schauspiel und zehn in der Oper verbracht und hatte das Glück, die ersten Opernjahre hier in Frankfurt als Assistent bei Michael Gielen und Klaus Zehelein zu beginnen. Damals bin ich auf die Idee gekommen, dass in der Oper sehr viel mehr gedacht wird als im Schauspiel. Das hing bestimmt auch mit der spezifischen Situation zusammen, aber ich glaube, dass Dramaturgen und Intendanten und alle, die in einer Theaterleitung sitzen, vor allem aufgerufen sind, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Stoffen man das Publikum behelligen sollte. Dabei bin ich nicht der Meinung, das habe ich bei Norbert Abels ein bisschen so herausgehört, dass die Rettung der Oper nun in den Stoffen der unmittelbaren Gegenwart läge. Ein Kennzeichen in den Stoffen und Libretti der Oper war ja immer, dass sie sich in ihrem Verhältnis zur eigenen Gegenwart und zur Vergangenheit in mehreren Schichten bewegt hat. Der „Rosenkavalier“ hat sicher, als er uraufgeführt wurde, weniger mit der Zeit Maria Theresias als mit der Gegenwart von Hofmannsthals und Strauss’ zu tun gehabt. Die beiden haben sich das genommen, was sie daran interessiert hat, haben in dem Untergang der einen Zeit den Untergang der eigenen Zeit zu entziffern gewusst. Wenn man heute die Feuilletons liest, in der „Welt“, der „Süddeutschen Zeitung“, der FAZ, in allen dreien gibt es einen Bericht über eine Repertoireaufführung des „Rosenkavaliers“ an der Deutschen Oper Berlin. Das scheint so interessant zu sein, dass selbst eine Wiederaufnahme eine halbe Feuilletonseite in einer der drei Zeitungen einnehmen kann. Sprich, eine Zeit sucht sich Stoffe, sucht sich Themen, die natürlich immer mit ihr zu tun haben, auch wenn die Gestalten, die dort auftauchen, das Material dafür, aus der Vergangenheit stammt. Und um jetzt auf die Arbeit in Bremen zu kommen: Klaus Pierwoß, der Intendant in Bremen, hat sich ein bisschen zur Übung gemacht, zeitgenössische Romane oder zumindest Romane, Stoffe aus den letzen drei, vier Jahrzehnten vorzuschlagen und sie Komponisten nahe zu bringen. Letztes Jahr wurde von Giorgio Batistelli „Der Herbst des Patriarchen“ nach Gabriel Garcia Marquez als Oper uraufgeführt. Batistelli hat einige Jahre zuvor „Die Entdeckung der Langsamkeit“ nach Stan Nadolny als Komponist zu einer Oper gemacht. Wir bereiten gerade mit Johannes Kalitzke, er sitzt hier am Tisch, eine neue Uraufführung vor, „Inferno“, das ist ein Text von Peter Weiss, der vor anderthalb Jahren erst aus dem Nachlass von Peter Weiss veröffentlicht wurde. Der Text stammt aus den 1960er Jahren, ist im Zusammenhang der „Ermittlung“ entstanden. Auf jeden Fall kann man jetzt sagen: das ist vierzig Jahre her, das ist kein Stoff der Gegenwart. Aber ich denke, Peter Weiss ist ein Autor, der immer noch diskutierenswert ist. Interessanterweise ist dieser „Inferno“-Text als Schauspiel noch nicht uraufgeführt, wird also zuerst auf der Opernbühne zu erleben sein jetzt im Juni dieser Spielzeit in Bremen. Es gibt ein Projekt mit der Hochschule in Bremen: Eine Kompositionsklasse der Professorin dort, der Komponistin Younghi Pagh-Paan, erarbeitet gemeinsam eine Oper, ein Opernprojekt. Acht junge Komponisten schreiben gemeinsam einen Opernabend. Und da ist genau diese Frage aufgetaucht, an der ich mich auch mit den Studierenden abgearbeitet habe: Welches Thema nimmt man denn eigentlich? Ich bin mit Texten von Hölderlin in das Seminar marschiert, die Studierenden haben das mit finsterem Gesichtsausdruck gelesen und mir dann höflich mitgeteilt, dass sie damit gar nichts anfangen können und wollten einen eigenen, neuen Text dafür haben. Dann haben wir in Hamburg eine Librettistin, eine Autorin gefunden, die in mehreren Monaten mit jedem Einzelnen dieser Studierenden eine Szene erarbeitet hat, die sich jetzt zu einem Opernabend zusammensetzen. Interessanterweise war das Thema, das die jungen Komponisten sich gewählt haben, der Tod eines Managers. Sie hatten das Gefühl, sie müssen sich mit etwas auseinandersetzen, was mit einer gegenwärtigen Situation zu tun hat, mit dem Verlust von Arbeit, mit dem Verlust von Lebensmöglichkeit auch im ökonomischen Sinne. Das sind Komponisten, die stammen genauso aus Palästina wie aus Korea wie aus Japan wie aus Deutschland, also offensichtlich war das ein globales Thema, das diese jungen Komponisten aus verschiedenen Kulturen interessiert.

Beilharz: Verstehe ich das richtig, dass sie jeweils ein Stückchen von diesem Stoff machen und das ein Patchwork wird oder geht jeder unabhängig vom Anderen auf seine Weise mit diesem Stoff um?

Waldschmidt: Das sind acht Szenen, die innerhalb eines thematisch gebundenen Stückes aufeinander folgen, jeder komponiert seine Szene. Das wird ein einheitlicher Abend, ein Stück, in dem jeder Komponist eine Szene komponiert, wobei ich natürlich auch gespannt bin, wie die Übergänge funktionieren werden.

Beilharz: Hans Werner Henze hat ein Werk gemacht, das hieß später „Der heiße Ofen“. Ich habe das in Kassel uraufgeführt und da haben sage und schreibe zweiundzwanzig verschiedene Komponisten daran gearbeitet, aber letztendlich hat Henze mit einem gesamtzusammenfassenden Kompositionsüberbau die Übergänge gemacht.

Herr Kalitzke, wie sieht das, was hier ausgebreitet wird, aus der Sicht eines Machers aus, eines Komponisten, der durchaus an der zeitgenössischen Oper interessiert ist und dafür auch schreibt? Haben Sie schon ohne Auftrag Opern geschrieben? Kann man das heutzutage überhaupt noch machen und wie funktioniert das?

Johannes Kalitzke: Das kann man machen, andererseits ist eine Oper zu schreiben ein so arbeitsaufwändiger Akt, dass man das nicht ganz ins Blaue hinein schreibt. Man kann schon mal ein Orchesterstück ins Blaue schreiben. Ich kann die Frage nicht beantworten, ob ich eine Oper ohne Auftrag geschrieben hätte, weil der Auftrag dieser Idee bisher immer zuvor gekommen war. Die erste Uraufführung war ja bei Ihnen in Wiesbaden, das war ein Text von Thomas Brasch. Die zweite war auch ein Auftrag und die dritte für Bremen jetzt auch. Das Problem, dass man davon nicht abkoppeln kann, ist tatsächlich die Auswahl des Stoffes. Wenn ich heute anfange mit der Idee, eine Oper zu schreiben und auch musikalische Gedanken und Einfälle mitbringe, die sich einen Text suchen, dann finde ich nicht unbedingt einen. Das Auffinden von Libretti aus der Gegenwart, von gegenwärtigen Schriftstellern ist dermaßen schwierig geworden, dass man sich fragt: Wo finde ich eigentlich heute meinen Stoff? Kollegen wie Batistelli machen das so, das kann ich gut nachvollziehen, dass sie in die Romanliteraturszene gehen und sich gute Librettisten suchen, die ihnen aus dem Roman ein vertonungsfähiges Schriftwerk machen. Denn die Hauptproblematik für mich, wenn ich heute Oper schreibe, ist: Warum wird gesungen? Welche Art von Text kann ich singen, welche Art von Text muss gesprochen werden? Welche Ästhetik muss ein Text besitzen, damit Musik danach verlangt oder damit der Text nach Musik verlangt? Für den Bremer Auftrag habe ich diesen Stoff vorgegeben bekommen. Klaus Pierwoß ist an mich herangetreten und hat mir das vorgeschlagen. Ich konnte den Text nicht kennen, weil er noch nicht ediert war, und dieser Text lässt es durchaus zu, musikalisiert zu werden.

Beilharz: Erzählt er eine Geschichte oder ist es ähnlich wie in der „Ermittlung“ etwas Oratorienhaftes? Wir haben in Bonn eine Musiktheaterwerkstatt gemacht, ein Labor für zeitgenössisches Musiktheaterschaffen, um Komponisten zu ermutigen, die Opernbühne zu erobern. Dabei ist mir aufgefallen, dass die verwendeten Texte niemals als Sinnträger, sondern fast nur als Klangmaterial eingesetzt wurden. Die meisten Werke, die dabei entstanden sind, waren solche, bei denen der Text quasi...

Kalitzke: ...atomisiert wurde.

Beilharz: Ja, atomisiert wurde und wo keine Geschichten entstanden sind, allenfalls durch die Inszenierung.

Kalitzke: Das halte ich für ein großes Problem. Und dieses Problem ist auch ein Teil des Dilemmas. Man kann die Neue Musik nicht aus der Problematik der Opersituation der Gegenwart ausnehmen. Ein Teil der Problematik hat sie selbst mitgeschaffen und diese Problematik liegt meines Erachtens genau da drin. Wenn man eine Oper so konzipiert, dass sie keine Kommunikationsfähigkeit hat, d.h. das sich über das Wort nichts mehr vermitteln lässt, dann lässt man natürlich den Hörer in gewisser Weise mit der Oper allein und er kann für sich nicht die Notwendigkeit dieser Oper erkennen. Natürlich hieß es früher mal „prima la musica, doppo le parole“, aber man kann daran erkennen, dass die Musik ein ungeheures Gewicht hat, die durch den Text getragen wird. Aber Musik muss auf der anderen Seite auch den Text tragen. Wenn man eins gegenüber dem anderen ausblendet, verliert beides. Und die andere Sache, die sie gerade angesprochen haben, die ich ungeheuer wichtig finde, ich bin wirklich der ganz konservativen Auffassung, dass eine Oper eine Geschichte braucht. Ich habe ein großes Problem mit Stücken, die sich als eine Folge von Tableaus verstehen, in denen symbolische oder metaphorische Bilder aneinandergereiht werden, die natürlich auch aussagekräftig sein können, die aber vertauschbar sind. Eine Oper, die keine Geschichte hat, enthält immer austauschbare und damit auch beliebige Komponenten. Mit dieser Beliebigkeit, mit dem Gefühl dieser Beliebigkeit gehe ich nicht gerne nach Hause als Zuhörer. Ich bestehe wirklich darauf, dass eine Oper einen Faden braucht, damit ich einsteige und zwar nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Musik. Unser Thema heute ist ja auch: Wie sieht die Oper der Zukunft aus? Darüber kann man lange reden. Jetzt sprechen wir gerade über die Gegenwart und man kann nicht versuchen, an der Zukunft herumzufummeln, wenn man die Gegenwart nicht im Griff hat. Die Situation der Oper ist dadurch beschädigt, dass es an Stoffen fehlt und andererseits dadurch, dass die öffentliche Meinung nicht soweit ausgereift ist, zu erkennen, dass Musik und Kultur im Allgemeinen Träger der Selbsterkenntnis sind. Diese Qualität, dass Oper nicht etwas ist, was Luxus ist, sondern ein Bestandteil der eigenen Persönlichkeitsbildung, das ist ein Aspekt, der auf jeder Ebene diskutiert werden müsste. Wenn man aber in einer Gesellschaft lebt, die sich in der Kunst nicht mehr spiegeln kann, weil in diesem Spiegel nichts mehr ist, – weil wir eine Gesellschaft von Vampiren sind, die ja auch kein Spiegelbild haben, weil sie in einem Teufelskreis von Effizienz stecken, in dem man gewissermaßen die eigene Identität verliert, wenn man dauernd der Gier nach Waren und anderen äußerlichen Bereicherungen nachgeht – dann verliert man das Sensorium für Musik, man verliert das Sensorium für Oper, man verliert auch das Sensorium für die Notwendigkeit, sich in der Kunst zu erkennen. Ich habe das Ganze jetzt aus ihrer Frage herausbewegt, das mag auch ein bisschen abstrakt sein, aber man kann nicht über Gegenwart und Zukunft der Oper diskutieren, ohne die allgemeine Geistfeindlichkeit des öffentlichen Diskurses zu berücksichtigen.

Beilharz: Wenn man jetzt nicht Oper sagt, sondern Musiktheater oder Theater mit Musik, dann scheint mir auch in der Frage: Wo sind die großen Stoffe? Was ist eine Erzählung noch auf der Musiktheaterbühne? ein deutsches Phänomen sichtbar zu werden, nämlich die strenge Trennung zwischen Oper/Musiktheater und dem als Genre eher verachteten Musical. Das Musical blüht in diesem Lande nicht mit eigenen Produktionen, aber im anglo-amerikanischen Raum tut es das. Und es hat sich – natürlich auf seine triviale Weise, wie es das Metier erfordert, manchmal aber auch sehr differenziert – zeitgenössische Stoffe heran geholt.

Feuchtner: Man darf nicht vergessen, dass wir heute in einer Massengesellschaft leben, in der Massenmedien vorhanden sind, der Film aktuelle Stoffe in aller kürzester Zeit behandelt, und das Kino, aber auch das Musical die Gefühle, die die Oper nicht mehr bedient, trivialisiert und dadurch für sich besetzt hält. Andererseits aber hat das Musiktheater, weil es mit dem singenden Menschen arbeitet, überhaupt keine andere Wahl, als sich darauf zu beziehen, dass der Mensch einen Anlass braucht, um zu singen. Wenn ich eine Literaturoper habe, wenn mir Text um die Ohren gehauen wird, rezitierender Weise, dann interessiert mich das nicht, dann wende ich mich ab, langweile mich zu Tode, schlafe vielleicht sogar ein. Ich möchte einen Grund erkennen, der Sänger soll einen Grund haben, sein Können anzuwenden und mich damit zu berühren. Das ist was, was ich von heutigen Musiktheatern verlange. Bernd Alois Zimmermann hat es ja geschafft.

Beilharz: Das ist aber eine Literaturoper, wenn man so will.

Feuchtner: Gut, ja, aber das war nicht dieses Rezitieren, dieses endlose dem Zuhörer Texte, Erklärungen, erhobene Zeigefinger und dergleichen um die Ohren zu hauen, sondern ein Text, der von der Literatur abgeleitet ist, aber aus eigenem Recht besteht, von der Musik dann erst zu seiner Bestimmung gebracht wird und erst durch die Musik, die musikalische Form wirkt.

Beilharz: Sie würden also sagen, dass Zimmermann das Stück von Lenz veredelt hat?

Feuchtner: Ja, er hat ein eigenes, neues Kunstwerk geschaffen, was neben dem von Lenz gleichwertig besteht.

Beilharz: Dieser Punkt ist mir wichtig, weil man normalerweise ja auch da unterscheidet zwischen autonomer Oper und Literaturoper, die sehr oft negativ belastet ist. Es gibt Literaturveroperungen, die den literarischen Anlass übertreffen. Ich mache jetzt in Tel Aviv den „Wozzeck“ und ich behaupte, dass Alban Berg zu dem hervorragenden Fragment von Büchner noch etwas hinzugefügt hat, was noch mal einen Kick, einen Dreh weiter ist.

Feuchtner: Und auch aus eigenen musikalischen Formen besteht, die dann in eine völlig andere Richtung gehen, aber immer durch einen musikalischen Ausdruck wirken. Norbert Abels hat ja vorhin „The Death of Klinghoffer“ von John Adams erwähnt. Nachdem die Entführung der „Akile Lauro“ stattgefunden hat, gab es sechs Jahre später die Oper dazu. Die hat Peter Sellers in Brüssel und Lyon sicherheitshalber so inszeniert, dass alle Aktualität raus war, das fand in einem sehr abstrakten Gerüst statt. Jetzt hat eine englische Filmemacherin das verfilmt, so dass an Realismus keine Wünsche übrig bleiben und jedem völlig klar ist, was los ist. Das wurde für Channel 4 von BBC produziert und ist jetzt auch auf DVD erhältlich. Diese Oper wird nach wie vor in den Vereinigten Staaten nicht aufgeführt. Man kann drei mal raten, warum nicht. Aber ich denke, das ist absolut die Oper zur Zeit und die müsste auch in Deutschland gespielt werden. Hier gibt es eigentlich keinen Grund, warum man es nicht macht außer die ideologische Verblendetheit des Fortschrittbegriffs, der in Dramaturgenstuben immer noch vor sich hin wuchert und man denkt, amerikanischer Minimalismus, das kann ja nichts sein. Aber man muss differenzieren können. Natürlich gibt es da auch Mist. Diese großen Opernhäuser, die in den USA stehen, die müssen ja Geld verdienen, die haben zwei- bis dreitausend oder sogar noch mehr Plätze. Da müssen also viele Leute rein, das, was dort produziert wird, muss massenkompatibel sein. Da entstehen dann solche Sachen wie „Dead Men Walking“ und so. Das ist dann Musicalqualität. Aber man kann ja unterscheiden, was Qualität hat und was einfach trivial ist.

Waldschmidt: Wobei ich ein bisschen vorsichtig damit wäre, jetzt dafür Rezepte aufzustellen, was eine gute Oper ergeben wird und was nicht. Ich denke, das wird immer mit der originären Kraft der Komponisten zu tun haben und eine Literaturoper in Anführungszeichen, die ja in einer bestimmten historischen Situation entstanden ist, kann heute genauso gut zu einem wunderbaren Werk führen wie eine Nichtliteraturoper zu einer furchtbar langweiligen Oper. Das hängt wirklich immer von den konkreten Konstellationen ab und von der Gestaltungskraft des Komponisten. Was die Theater tun müssen oder tun können, ist, die Möglichkeit zu schaffen, dass so viele neue Werke wie möglich auf die Bühne kommen. Denn ein Teil des Dilemmas liegt darin, das vergisst man gerne, dass im 19. Jahrhundert bis vielleicht noch zum Ende des Ersten Weltkriegs jedes Jahr Hunderte von Opern uraufgeführt wurden und die, an die wir uns erinnern, sind vielleicht zehn von dreihundert. Und heute werden vielleicht zwanzig Opern im Jahr uraufgeführt und da ist dann die Trefferquote natürlicherweise sehr viel geringer. Es muss erst mal die Möglichkeit geschaffen werden für Komponisten, für Librettisten – ein Beruf, der quasi ausgestorben ist – überhaupt Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren und dann wird auch die Zahl der Werke steigen, die vielleicht stilbildend werden. Dass zum Beispiel der „Tristan“ stilbildend werden würde, hat außer Wagner jahrzehntelang niemand geglaubt. Es hat jedenfalls lange gedauert, bis überhaupt jemand dachte, dass man das aufführen könne. Das ist ein Prozess, den man aus dem Abstand einer langen Zeit ganz anders beurteilen kann. Und wenn immer gesagt wird, es ist kein Geld mehr dafür da, einen Auftrag zu erteilen, dann stimmt das so nicht. Bremen ist nun gewiss kein reiches Theater. Wenn man aber versucht Sponsoren – das Zauberwort von heute – Sponsoren dafür zu finden oder Stiftungen anzusprechen, ist das durchaus zu machen. Johannes Kalitzke wird bestätigen, dass ein Komponist durch einen Kompositionsauftrag nicht zum Millionär wird. Die Summen, um die es da geht, um im Rahmen einer Premierenfolge einer Spielzeit auch eine Uraufführung zu ermöglichen, sind möglich, sind machbar, sind herbeibringbar und man muss es tun. Und natürlich versuchen wir mit den Komponisten über Stoffe zu reden und dann werden auch weiterhin spannende Opern entstehen.

Beilharz: Diese Oper, die in Dortmund gemacht worden ist, zu der Zeit als John Dew dort war und Bodo Busse Dramaturg, die über Willi Brandt, ist die jemals nachgespielt worden?

Bodo Busse: Die erste Oper in dieser Reihe über Helden des 20. Jahrhunderts – das war die Idee, dass man den Heldenbegriff neu definiert und aus der Zeitgeschichte holt – war „Harvey Mirk“. Dann gab es die Willi Brandt-Oper, die leider auch nicht nachgespielt wurde, was vielleicht auch ein wenig an der Schwäche des Librettos liegt. Das Letzte war „Wallenberg“, ein Stoff, den der Dramatiker Lutz Hübner auf der Grundlage historischen Materials geschrieben hat, nach Briefen und Dokumenten über Raoul Wallenberg. Es war eine bemerkenswerte Uraufführung und ein Weg, wie man Heldenstoffe definieren kann.

Abels: Ich glaube, dass es immer schwieriger wird für Komponisten, ihre neuen Werke, auch ihre der Gegenwart verpflichteten Werke unterzubringen. Es wird immer komplizierter, Wege zu eröffnen, zu den Intendanten zu gehen, mit denen darüber zu reden und dergleichen. Das ist vielleicht ein opernsoziologisches Phänomen, was wir noch gar nicht angesprochen haben, dass sich die Erwartungshaltung großer Teile des Publikums in den letzten zehn Jahren geändert hat. Es gab eine Zeit des Experimentes, des Aufbruchs, des Engagements, des wohl eingegangenen Wagnisses. Und in den letzten zehn Jahren macht sich der Geist der Passivität, des bloßen Hinnehmens, auch der wirklich einfachen Unterhaltung wieder breit. Und die Regisseure versuchen das Ihrige dagegen zu tun. Gegenwart wird in die alten Stoffe aufgenommen, wie wir das jetzt hier in Frankfurt bei Falk Richter sehen konnten, wo Guantanamo in „Elektra“ auftaucht, oder wenn wir sehen, wie Calixto Bieito den gegenwärtigen Krieg in Serbien, also den noch nicht lange zurück liegenden Krieg, die ethnische Säuberung in Serbien in seinem „Trovadore“ thematisiert hat, oder wenn ein Phänomen wie AIDS in einer Inszenierung von „Traviata“ thematisiert wird. Es wird also wieder viel stärker durch die Inszenierung, viel stärker durch die Behauptung, durch die Transformierung der Stoffe, durch die Amalgamierung oder Anverwandlung in unsere Zeit eine Annäherung gesucht. Aber dass Werke selbst gefördert werden, da gibt es einzelne Häuser, das sind aber Ausnahmen.

Beilharz: Das waren meiner Meinung nach zu jeder Zeit Ausnahmen. Es waren einzelne Theater, die sich engagiert haben und andere haben den Mainstream gemacht. Trotzdem war es vor zwanzig Jahren noch ehrenwerter und wurde in der Branche mehr wahrgenommen und gelegentlich war es sogar karrierefördernd, wenn man Neues gemacht hat, während es heute anscheinend nicht mehr ohne weiteres eine Rolle spielt. Und wenn Du den Betrieb ansprichst: Natürlich war es zu jeder Zeit schwierig, bei den Generalmusikdirektoren üblichen Zuschnitts Dinge durchzusetzen und den Regisseuren ist es auch nicht immer nur ein eigenes Bedürfnis, an der Wiege eines Werkes zu stehen.

Kalitzke: Die Karriere eines Dirigenten, um da anzuschließen, wird ja nicht gerade dadurch gefördert, dass er zeitgenössische Musik dirigiert, wenn er sich die Bilderbuchleiter hoch hangeln möchte. Es ist eine sehr anstrengende und schwierige und langwierige Geschichte, sich mit dem Phänomen der zeitgenössischen Musik auseinander zusetzen, weil man sie ganz anders lernen muss und auch anders memorieren muss als das klassische Repertoire. Und man kriegt nicht viel dafür. Man muss das wirklich wollen, weil man da hinter steht, man darf aber nicht erwarten, dass einem jemand das dankt. Ich mache natürlich als Dirigent, weil ich Komponist bin, schwerpunktmäßig zeitgenössische Musik. Ich mache das aus vollster Überzeugung, weil man sich dann als lebenslänglicher Geburtshelfer vorkommt. Und man verzichtet darauf, von Agenten herumgereicht zu werden, weil einem das wichtiger ist. Und ich glaube, dass man im Bereich der Theaterleitungen verwandt denken müsste. Ich kann natürlich verstehen, dass man im Spiel der Kräfte von Politikern, die nach Gutsherrenmanier das Budget entziehen, nicht ganz unabhängig ist von Äußerlichkeiten, die man nicht im Griff hat. Auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, dass die Selbstverständlichkeit, zeitgenössische Musik zu bestellen und aufzuführen, Librettisten zu finden oder Dramaturgen, die sich trauen, ihre Kreativität dafür zu nutzen, Libretti zu schreiben – ich kann alle nur herzlich dazu einladen, das wirklich zu tun –, wenn aus der Kraft des Theaters heraus Uraufführungen und Aufträge – wenn auch in kleinem Stil, aber regelmäßig – stattfinden können, dann ist das für mich auch die Garantie für ein neues Publikum. Ich bin nicht so sicher, ob Leute, die heute zehn oder zwanzig oder dreißig Jahre alt sind, die mit den Discos groß werden, die also einen ganz anderen Background bekommen, die unser Verständnis von Humanismus gar nicht mehr kennen, ich weiß nicht, ob die in „Traviata“ gehen oder „Troubadour“ oder in „Wildschütz“. Ich weiß nicht, ob die überhaupt ins Theater gehen. Aber wenn sie ins Theater gehen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass dann das Interesse am zeitgenössischen Schaffen größer sein dürfte als am klassischen Repertoire.

Jan Linders: Ich habe ein Problem mit der Runde hier, denn ich sehe alle Gruppen vertreten – Intendanten, Chefdramaturgen und Komponisten –, die zeitgenössisches Musiktheater ermöglichen könnten und höre gleichzeitig von der Runde, dass es immer schwieriger wird.

Beilharz: Ich glaube, ich widerspreche diesem Befund.

Linders: Ich widerspreche dem auch, denn wir leben in einer Zeit, in der es mehr und mehr Musik gibt. Einerseits liegt das Problem sicherlich darin, das Wort Trivialisierung überhaupt in den Mund zu nehmen und einen großen Teil des Theaters mit Musik auszugrenzen oder zu sagen, das wird trivialisiert, Gefühle gibt es im Musical. Es gibt ja ganz viel Theater mit Musik. Im schauspielfrankfurt hat z.B. Heiner Goebbels gerade wieder eine große Arbeit gezeigt, in der Texte auf Streichquartette montiert werden. Das Andere ist, dass es sicherlich Stoffe gibt, die besser für Musik geeignet sind. Ich habe gerade gehört, dass Rudolf Mosshammer heute erwürgt aufgefunden worden ist, wäre das nicht ein Opernstoff?

Abels: Natürlich eignet sich nicht jeder Stoff. Und ich glaube, derjenige Teil eines Stoffes, der sich resistent gegen alle möglichen historischen Anverwandlungen verhalten kann, der Kern eines operntheatralischen Werkes, muss immer ein parabolischer sein. Nur kann dieser parabolische Kern in durchaus gegenwärtigem Gewand erscheinen. Wir sind aufgrund unserer anthropologischen Begrenztheit nicht in der Lage, permanent neue Dinge aus uns heraus zu gebären. Wir wissen, dass die großen alten Stoffe der Oper limitiert sind. Natürlich limitiert, genau wie unsere innere Ökonomie limitiert ist. Aber solche Geschichten wie zum Beispiel der Tod eines Stars, das Schicksal von Menschen, die in der heutigen Vergnügungsindustrie sozusagen durch die permanente Verpflichtung zur Maskerade in den Tod getrieben werden oder ins Abseits, das sind sehr wohl Stoffe, von denen ich mir vorstellen könnte, dass eine Oper sie gestaltet.

Feuchtner: Das mit der Zukunft ist eine schwierige Sache. Solange es Menschen gibt, werden die wahrscheinlich irgendwie Musik machen, nur wissen wir nicht, in welche Richtung die Musik sich entwickeln wird. Wir wissen nicht, welche Mittel sie ergreifen wird, welche Formen sie benutzen wird. Und es natürlich klar, dass eine bürgerliche Form wie die Oper nach dem Ende des Bürgertums auch ein Ende finden wird und in andere Formen übergehen wird. Wir können unmöglich wissen, welche Form das sein wird, wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, in einer Grenzzeit zu leben. Wahrscheinlich haben alle Menschen immer gedacht, sie leben in einer Grenzzeit und wahrscheinlich war es auch immer so. Was man dabei auf gar keinen Fall machen darf, ist, das Publikum zu verachten und ihm irgendwelche Vorwürfe zu machen. Man muss das Publikum erst mal umarmen, ich muss es kriegen, ich muss auf das Publikum zugehen und versuchen, es zu verführen. Das ist eine Qualität, die heutiges Musiktheater wieder gewinnen sollte.

Beilharz: Vielleicht ist das ein Nebenweg, aber während vor fünfzehn Jahren die Ausweitung des von der Oper gespielten Repertoires fast ausschließlich von zeitgenössischen Werken ausgegangen ist, betätigen sich heute immer mehr Theater auch als Archäologen, die selten gespielte Werke exhumieren oder Barockreihen auflegen. Es gibt viele Theater, die versuchen, die Redundanz des immer gleichen zu durchbrechen, in dem sie außer in die Gegenwart auch noch tiefer in die Vergangenheit zurück gehen.

Feuchtner: Aber das ist doch eigentlich ein Zeichen dafür, dass das Publikum neugierig ist und etwas Neues hören will, auch wenn es das in der Vergangenheit findet.

Kalitzke: Ich finde das genau richtig. Und ich glaube, dass man nicht darauf herein fallen soll, dass das Publikum von den Politikern für geistig krank gehalten wird. Weil das Publikum längst nicht so blöd ist wie es von Politikern in ihrer Definition von Nachfrage gemacht wird. Ich höre immer wieder von Leuten, die Musik hören, dass zeitgenössische Musik bei den meisten überhaupt keine Überforderung ist, sondern ein Problem von Vorurteilen oder der Art, wie man eine gewisse Art von Offenheit fördert. Und das muss man im Gespräch mit Politikern auch berücksichtigen, dass die Nachfrageoption oder die Mehrheitsfähigkeit von Innovationen oder wie auch immer das diskutiert wird, kein Thema sein kann.

Beilharz: Das war unser Schlusswort, ich danke Ihnen für die lebhafte Diskussion.

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