"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 05

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2005

Podiumsdiskussion:
Der Dramaturg als (Ko-)Produzent

Ann-Marie Arioli: Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu unserer Diskussion heute Vormittag in der Universität Frankfurt. Unser Thema ist formuliert als „Der Dramaturg als (Ko)-Produzent“. Was wir diskutieren möchten, sind die Veränderungen, die das Berufsbild des Dramaturgen in den letzten Jahren erfahren hat, und dabei sehr stark darauf eingehen, wie wir uns selbst definieren, ob sich etwas verändert hat, was sich verändert hat und wohin uns die Zukunft führen kann. Wir möchten die Diskussion in drei Teile strukturieren, beginnen wollen wir mit dem Thema der Veränderung der Aufgaben des Dramaturgen, ein zweites Thema ist die Frage danach, ob man heute anders arbeiten muss im Sinne einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, ob man Arbeit anders strukturiert. In einem dritten Teil wollen wir auf die Frage zu sprechen kommen, wie sich das Theater in Deutschland verändert, ob wir es im Moment mit Entwicklungen zu tun haben, die vielleicht dahin gehen, dass es in Zukunft mehr freie Spielstätten gibt, mehr freie Gruppen, ob quasi die Ko-Produktion als ein Produktionsmodell eines ist, das eine größere Zukunft hat als die Vorortproduktion, die oft über das Regionale nicht hinausgeht und wie die beiden Systeme miteinander funktionieren können.

Anne-Sylvie König: Zuerst einmal stelle ich die Runde vor: Elisabeth Schweeger, Intendantin am schauspielfrankfurt, daneben Karl-Hans Möller, Chefdramaturg am Städtischen Theater Chemnitz, Marie Zimmermann, macht derzeit „Theater der Welt“ in Stuttgart. Winfried Tobias, Dramaturg am Stadttheater Aalen und Christian Holtzhauer, Dramaturg und Produktionsleiter der sophiensaele, ab Herbst Dramaturg am Staatsschauspiel Stuttgart, Ann-Marie Arioli, die mit mir zusammen die Diskussion leiten wird, designierte Chefdramaturgin am Stadttheater Aachen, und ich bin Anne-Sylvie König, Chefdramaturgin am Hans-Otto-Theater Potsdam. Ich möchte Frau Schweeger eine Art Einleitungsfrage stellen: Wenn sie heute eine Dramaturgin oder einen Dramaturgen suchen, was sind die Kriterien, nach denen sie auswählen?

Elisabeth Schweeger: Natürlich steht an erster Stelle die Fachkompetenz, das ist klar. Das zweite ist privater und persönlicher Art, die Frage, ob man miteinander kann und sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Produzent oder (Ko-)Produzent im Produktionsprozess ist ja der, der zahlt, das ist nicht der Dramaturg, das bin ich als Intendantin. Aber der Dramaturg arbeitet ja mit, er muss etwas von der Organisation verstehen. Er muss mitdenken können, wie sozusagen eine Theaterinszenierung sich entwickelt. Ein reiner Textarbeiter im klassischen Sinne, wie er früher mal gedacht war, das würde heute nicht reichen. Die Kompetenz muss breiter gefächert sein. Das Wissen allein aus Literatur ist nicht mehr ausreichend. Es muss ein Rüstzeug vorhanden sein für das, was sonst so in der Welt passiert, in den anderen Künsten. Der Dramaturg muss sich mit ästhetischen Fragen tiefgreifend auseinandergesetzt haben, dann ist er für mich ein interessanter Kandidat.

König: Christian Holtzhauer, siehst du dich in den sophiensaelen eher als Dramaturg oder als Produktionsleiter?

Christian Holtzhauer: Es ist schwierig, das so abzugrenzen. Es gibt natürlich eine Abgrenzung zwischen dem Produktionsleiter und dem Dramaturgen in der Theorie. Trotzdem gibt es eine ganze Menge Überschneidungen in der Praxis. Der Ko-Produzent ist allerdings in der Regel sogar die Institution, die die Infrastruktur in eine Produktion einbringt. Das tun Dramaturgen in der Regel nicht. Die arbeiten für diese Institutionen und sind vielleicht am Zustandekommen solcher Produktionen beteiligt, sind aber in der Regel nicht die Produzenten. Die wichtigsten Produzenten in diesem Land sind die Stadttheater. Ich glaube, dass einige der Anforderungen an Dramaturgen von heute, die Frau Schweeger genannt hat, sicherlich auch auf den Dramaturgen von früher zutreffen. Die Frage ist eher die, was gute und weniger gute Dramaturgen voneinander unterscheidet. Soziale Kompetenz und Offenheit demgegenüber, was in der Gesellschaft, aber auch in anderen Künsten und Richtungen passiert, die Fähigkeit, innerhalb eines Produktionszusammenhangs zu denken, aber auch eine Produktion in ein Gesamtkonzept eines Hauses hineinzudenken, das sind doch alles Sachen, die, wie ich vermute, ein guter Dramaturg auch früher – wann auch immer das gewesen sein mag – erfüllen musste.

Schweeger: Nee.

Holtzhauer: Ich beschreibe kurz, was ich an den sophiensaelen gemacht habe. Es war tatsächlich so, dass ich einerseits für das künstlerische Programm zuständig war, also die Künstler und die Produktionen ausgewählt habe, die wir produziert oder zumindest gezeigt haben. In der Regel war ich nur im Ausnahmefall am konkreten Entstehungsprozess der Produktionen beteiligt. Also das, was ein Produktionsdramaturg im sogenannten herkömmlichen Sinne macht, also gemeinsam mit einem Regisseur ein Konzept für eine Produktion zu entwickeln, die passende Besetzung dafür zusammenzustellen, dann die Inszenierung bei den Proben zu begleiten, immer wieder intellektuell zu unterfüttern, das habe ich eher im Ausnahmefall gemacht. In der Regel kamen Regisseure ein bis anderthalb bis zwei Jahre bevor die Produktion dann überhaupt zur Produktionsreife kam, zu uns, meistens mit einer Idee zu einem Projekt, das sie gerne realisieren würden. Wir haben daraufhin mit den Künstlern oder einer Gruppe von Künstlern überlegt, wie man es schaffen kann, für dieses Projekt eine solide Finanzierung auf die Beine zu stellen, haben gemeinsam die Fördermöglichkeiten eruiert, haben gemeinsam die Anträge gestellt. Zum Anträge stellen gehört neben der Kenntnis der kulturpolitischen Landschaft und bestimmter formaler Vorgänge natürlich immer auch eine gute inhaltliche Begründung, warum dieses Projekt zu dieser Zeit an diesem Ort unbedingt gemacht werden sollte. Damit habe ich an einem sehr frühen Punkt auch dramaturgisch gearbeitet, habe aber dann das Projekt in dem Moment, in dem es finanziert war, aus der Hand gegeben. Dann ist es mit einem eigenen produktionsberatenden Stamm entstanden und ich habe erst wieder gesehen, was nach den Proben herauskam. Ganz selten konnte ich mal eine Produktion zwischendurch noch im Proberaum besuchen. Das geht bei vierzig Produktionen im Jahr, die man in den sophiensaelen zeigt, und als einziger Dramaturg nicht.

Arioli: Ich habe eine Nachfrage: das soziale Bewusstsein als Auftrag, als Philosophie des Dramaturgen. Wie würden Sie das da unterbringen?

Holtzhauer: Einerseits mit Interesse, Offenheit und Neugierde für Prozesse in der Gesellschaft, die einen bedingt. Dass man das wahrnimmt, auch die aktuellen, nicht nur die kunst- und kulturbetriebsinternen Debatten, sondern auch gesellschaftliche Debatten, also was die Gesellschaft und damit ja auch das Publikum, das man in sein Haus holen möchte, umtreibt. Andererseits aber ist Theater immer ein Ort, wo eine Gruppe von Menschen aufeinander trifft, um gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Und da bedarf es einer gewissen sozialen Kompetenz, um mit allen möglichen Leuten umgehen zu können, auch detailliert mit ihnen über ihre Probleme reden zu können. Bei einer Großzahl von Theaterproduktionen, besonders freien Projekten, ist es so, dass sie unter der Bedingung zustande kommen, dass Menschen es nicht gewohnt sind, über einen langen Zeitraum miteinander zu arbeiten, sondern dass sie sich für dieses Projekt neu finden, da ist der Sprengstoff auch noch mal größer, würde ich sagen. Und da bedarf es des Dramaturgen als Moderator, der dann in solchen Situationen schlichtend eingreifen kann, der Lösungen anbieten kann. Und dafür braucht man soziale Kompetenz.

König: Wir haben diesen Begriff Ko-Produzent oder Ko-Produktion, was ja auch wieder ein Unterschied ist, im Titel unserer Diskussion. An welcher Stelle taucht der Begriff bei der Veränderung des Berufsbildes auf?

Karl-Hans Möller: Ich glaube, dass der Dramaturg tatsächlich ein „Ko“ ist, er ist als Chefdramaturg ein „Ko“ zum Intendanten, zum Generalintendanten. Er ist als Dramaturg ein „Ko“ zum Regisseur. Er ist ja in einem Stadttheater nie derjenige, der tatsächlich die Richtlinienkompetenz hat, weder in der Inszenierung noch in der Theaterarbeit, und er muss immer darum kämpfen, dass seine Position eine so gute, eine so überzeugende ist, dass sie in irgendeiner Weise gehört wird. Um die Veränderungen in den Blick zu nehmen: Ich habe – ich glaube es war 1994 – in Hamburg bei der Jahrestagung ein Podium geleitet, zu dem ich die Dramaturgen kleinerer Landesbühnen eingeladen hatte und habe es überschrieben „Der Dramaturg als Allesmacher“. In dieser Diskussion bekam ich ganz kräftig Ohrfeigen aus dem Plenum, zum Beispiel von dem von mir sehr verehrten Christoph Schroth, der sagte: „Keinen von Euch würde ich einstellen. Leute, die sich auf ein so breites Spektrum einlassen, können sich nicht so konzentrieren, wie ich das von einem Dramaturgen erwarte.“ Und ich bekam von einer Professorin, die Dramaturgen ausgebildet hat, zu hören: „Ich bilde meine Dramaturgen so aus, dass sie befähigt sind, sich den unbilligen Forderungen der Intendanten zu widersetzen.“ Inzwischen hat die Praxis längst bewiesen, dass es erstens völlig sinnlos ist für einen Dramaturgen, mit einem Intendanten ein Arbeitsverhältnis einzugehen mit dem polemischen Grundgedanken, sich den Anforderungen zu widersetzen. Und zum anderen hat sich tatsächlich das Berufsbild des Dramaturgen sehr stark gewandelt. Er ist eben – und das hat Frau Schweeger noch mal sehr klar gesagt – nicht mehr der Denker, der in der Stube sitzt und kluge Gedanken aufschreibt, von denen dann nur ein Bruchteil realisiert wird, sondern er ist natürlich ein Partner von ständig wechselnden Partnern. Es gibt ja nicht mehr diese vielen vorhandenen Hausregisseure wie in der DDR an den Theatern, mit denen man eine Arbeitssymbiose eingeht und die man dann auch nicht mehr verlässt. Da weiß man schon im Vorfeld, was der andere eventuell braucht oder nötig hat. Sondern man hat mit ständig wechselnden Partnern zu tun. Man hat damit zu tun, die Produktion weiter zu betreuen, wenn die Partner wieder weg sind. Man hat damit zu tun, an der Distribution inhaltlich beteiligt zu sein, dann meistens auch sehr praktisch. Man hat damit zu tun, sich Partner zu suchen, die bereit sind, zum Beispiel das Ergebnis einer Inszenierung tatsächlich anzuerkennen und zumindest als Grundlage einer weiteren Vermittlung zu nehmen. Ich spreche hier zum Beispiel von Lehrern, wir haben gestern schon mal kurz über Fortbildung gesprochen und diskutiert, wir werden das im Laufe der Zeit auch noch mal erwähnen. Der Dramaturg ist derjenige, der von der Intendanz beauftragt wird, besondere Projekte anzuregen und sie dann auch zu planen, zu konzipieren, finanziell und werbemäßig abzusichern. Der Dramaturg ist ein Festivalmacher. Wenn ein Theater in einer Region sich ein kleines oder auch ein größeres oder punktuelles Festival leistet, dann sind es die Dramaturgen, die es inhaltlich vorbereiten, leiten und auch in der Gesamtverantwortung übernehmen. Also es gibt eine unglaublich Vielzahl an Aufgaben, die nicht gerade parallel, aber doch nacheinander zu leisten sind, wo sich der Dramaturg natürlich qualifiziert. Und wenn er das Glück hat, lange an einem Haus zu sein, dann gilt er als kompetent für viele Gebiete und ist vielen Anfragen und Anforderungen ausgesetzt und wird dann so etwas wie ein „Ko“, also neben dem Intendanten oder dem Generalintendant der Repräsentant des Theaters. Das ist eine sehr gute Situation, aber auch eine, die einem sehr wenig Zeit lässt für das, was man eigentlich mal machen wollte, nämlich Lesen, Nachdenken, konzeptionelle Gespräche führen. Der Preis einer -wie in meinem Fall- sechszehnjährigen Tätigkeit als Chefdramaturg ist, dass man immer weniger Produktionen selbst betreuen kann. Denn wenn man eine Dramaturgie wirklich ernst nimmt, dann weiß man, dass es darauf ankommt, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, und das müssen dann die Fachdramaturgen tun, die tatsächlich diese Zeit haben. Da muss man uneitel genug sein, diese Aufgabe zu delegieren.

Winfried Tobias: Das Theater der Stadt Aalen ist ein sehr kleines Haus mit insgesamt zweiundzwanzig Mitarbeitern. In Chemnitz, habe ich gehört, gibt es acht Dramaturgen auf ca. 500 Mitarbeiter. Da haben wir zahlenmäßig ein günstigeres Verhältnis in Aalen. In einem kleinen Haus ist man in der Aufgabenstellung, dass man alles machen kann, aber nicht die Möglichkeit hat, sich als Fachdramaturg auf ein spezielles Gebiet zu konzentrieren. Unsere Situation in Aalen, in einem Produktionsteam zu arbeiten, hat sich aus den Umständen ergeben, es war keine Situation, die wir von vorneherein so angestrebt haben. Es ist so, dass in Aalen die drei Menschen, die im Leitungsteam sind - und das Team wurde noch verstärkt um einen Theaterpädagogen zu Beginn dieser Spielzeit- alle diese Menschen haben Regiequalifikationen, alle diese Menschen haben dramaturgische Qualifikationen, alle diese Menschen kennen sich, zumindest die drei Menschen, die bisher das Leitungsteam gebildet haben, schon länger und da wechseln dann auch die konkreten dramaturgischen Aufgaben. In den letzten Spielzeiten war es so, dass ausschließlich die drei aus dem Leitungsteam inszeniert haben. Da gibt es dann eine entsprechend große gegenseitige Kenntnis und natürlich auch eine entsprechend vertraute Kommunikation. Aufgaben wie die Zusammenstellung der Programmzettel, die Betreuung von Produktionen, die Bewerbung von Produktionen, auch das Lesen von Texten, das verteilt sich zwischen diesen drei Personen. Es hat auch Arbeiten gegeben, wo der jeweilige Kollege - das war zuletzt bei mir der Fall- festgestellt hat „Ich stehe da gerade vor einer Wand“. Und das kennt jeder, dass es in solchen Fällen nicht immer leicht ist, zu sagen: „Okay, was habe ich da jetzt falsch gemacht?“ oder „Wie kommt man da zusammen?“. Das sind sicherlich immer schwierige Situationen, aber auch in so einer schwierigen Situation haben wir es geschafft, uns absolut kollegial und teamfähig zu verhalten.

Arioli: Frau Zimmermann, Herr Möller hat in seinem Beitrag einen Unterschied gemacht zwischen Chefdramaturg, der so etwas wie der Außenminister ist, also wesentlich für die Außenwirkung sorgt, und die Fachdramaturgen. Wenn Sie ein Festival wie „Theater der Welt“ leiten, dann sind Sie ja in einem hohen Maß auf fachliches Wissen angewiesen, Sie müssen sich mit unterschiedlichen Theaterformen aus unterschiedlichen Ländern befassen und gleichzeitig aber in der Festivalleitung darüber nachdenken, wie das alles zusammen gehen kann.

Marie Zimmermann: In meiner Position von heute kann ich Menschen fragen, ob sie Lust haben, die nächste abenteuerliche Herausforderung mit mir zu unternehmen und ich muss mir bei einem Festival wie „Theater der Welt“ sehr genau überlegen, wer mir mit seinem Sachverstand und seiner Form von Neugierde fehlt. Dieses Multifunktionale und die Fähigkeit, an vielen Fronten auftreten zu können, ist eine Voraussetzung, die man berücksichtigen muss, wenn man jemanden einstellt. Das ist aber in anderen kulturell-kreativen Bereichen genauso. Wir Dramaturgen sind sozusagen analytische, phantasievolle Begleiter. Das unterscheidet uns zum Beispiel vom Regisseur. Der Produktionsdramaturg der 1970er Jahre war ja in dem Sinne kein Funktionär, sondern der war wie das, was sie aus Aalen beschreiben und kam auf mit dem großen Regieaufbruch der 1960er Jahre. Die Erfindung des Produktionsdramaturgen war die Anerkennung der großen Regisseure – Peymann, Zadek, Stein –, dass sie einen intellektuellen, nichtschöpferischen Partner brauchen, um ihren Kunstwelten und auch den Schauspielern in der Ausformulierung eine größere künstlerische Substanz zu geben. Wenn sie die Namen durchgehen, ist das ja nicht in der Kreide-Zeit passiert, diese Menschen gibt es ja heute noch. Botho Strauss hat als Kritiker begonnen, wurde dann Dramaturg an der Schaubühne. Die Schaubühne wäre ohne den Dramaturgen nicht denkbar gewesen. Es war mal eine Trias, alle mit S beginnend – Stein, Strauss, Schitthelm – und dann kam Sturm noch dazu, der eigentlich als Einziger dieses alte Bild des gelehrten Dramaturgen darstellt.

In meiner Arbeit als Produktionsdramaturgin habe ich bei allen Produktionen mindestens vier Proben gesehen, auch bei denen, die ich nicht begleitet habe, weil mich das interessiert hat und ich Bodenhaftung zu dem, was da passiert, immer gebraucht habe, weil ich darüber immer spüre und gespürt habe, wofür ich da bin. Wenn ich mir vorstelle, was ich in den zwölf Jahren, in denen ich fest engagiert war, alleine an Seherfahrungen gemacht habe durch Proben, das ist wichtig, das setzt eine eigene Produktivität frei. Funktionell gebe ich Ihnen, Frau Schweeger, natürlich recht, der Produzent ist der, der die Kohle gibt. Also in dem Sinn ist es schon der Intendant, denn er verwaltet ja die Kohle, die aus Steuergeldern generiert wird oder auch woanders her. Aber im künstlerischen Sinne sind die Produzenten die Künstler am Theater. Das sind nicht die Dramaturgen, sondern Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure. Und wenn wir von Sozialkompetenz reden, müssen wir auch davon reden, dass viele junge Dramaturgen heute in dem Missverständnis ins Theater kommen, dass es darauf ankommt, eine eigene Meinung zu haben. Dabei kommt es darauf an, beschreiben zu können, was man sieht. Das ist etwas anderes. Ich spüre, dass die jüngeren Menschen, die ich in Bewerbungsgesprächen kennen lerne, gar nicht mehr die Zeit haben, ihre spezielle Begabung auszubilden, sondern dass sie möglicherweise vor lauter Multifunktionalität diese Begabung gar nicht bewusst wahrnehmen. Das finde ich schwierig und ich versuche dagegen zu steuern und junge Leute zu finden, von denen ich denke, ich kann ihnen für ein, zwei Jahre einen geschützten Raum geben, weil ich vielleicht präziser beschreiben kann, was ich von ihnen will. Im Gegenzug kriege ich von denen einen Korb voll Fragen, der mich auch weiter bringt, ich habe also auch etwas davon.

Als Festivaldramaturgin habe ich mir das Bild gebastelt, dass ein Festival funktioniert wie eine imaginäre Galerie und dass der Festivalmacher und Programmmacher dafür verantwortlich ist, dass er die Kunstwerke im richtigen Rahmen präsentiert und zwar so, dass der Besucher eine Art Schlüssel bekommt, der ihm den Zugang ermöglicht. Ich suche diesen Schlüssel, und wenn ich ihn nicht finde, heißt das immer noch nicht, dass es die objektive letztgültige Wahrheit über diese Aufführung ist. Ich habe zum Beispiel viele Aufführungen nicht präsentiert, die dann zu anderen Festivals gegangen sind, weil ich diese Schlüssel nicht gefunden habe.

Beilharz: Du hast gesagt, dass du jungen Leuten ungefähr zwei Jahre einen geschützten Raum gibst. Nun ist ja ein Festival machen etwas, wo man seine Überlegungen ganz ungeschützt machen und dann veröffentlichen muss und von vornherein mit der Situation rechnen muss, dass so und so viele Leute besser wissen, wie es hätte sein müssen und einem manchmal auch gar keine Chance geben. Meinst du geschützt insofern, dass du nach außen hin die Verantwortung übernimmst? Denn ein Festival machen ist doch ein Leistungsstress ohne gleichen und zwar für alle Beteiligten.

Zimmermann: Was ich mit dem Wort „geschützt“ meine, ist, dass ich meine dramaturgischen Mitarbeiter in der Arbeit nicht instrumentell benutze, sondern ich will, dass sie sich entfalten. Dabei Fehler zu machen, ist für den Prozess fast interessanter, als immer alles richtig zu machen.

Beilharz: Aber kannst du Dir denn in einem Festival viele Fehler leisten?

Zimmermann: Nee, aber die jungen Leute können ja Fehler machen. Also es wundern sich zum Beispiel viele meiner Kollegen, dass ich den einen oder anderen jungen Kollegen schon mal reisen lasse. Mir liegt daran, ihnen klarzumachen, dass mich das wirklich interessiert, wie sie Sachen beschreiben und beurteilen. Ich möchte nicht jemanden auf etwas festlegen und das zum Hauptinhalt seiner beruflichen Tätigkeit an meiner Seite machen, ohne zu schauen, ob es da vielleicht eine Begabung gibt, die sich auch entwickeln kann. Dafür übernehme ich Verantwortung, und das meine ich mit geschütztem Raum. Und in meinem Team gibt es alle Altersgruppen, Zwanzigjährige, Dreißigjährige, Vierzigjährige, Fünfzigjährige. Auch das finde ich wichtig. Als ich damit angefangen habe, Festivals zu machen, war ich im Grunde genommen die Kriegsgewinnlerin in einer Situation, in der andere sich mit ihren gegenseitigen Vorschlägen so schachmatt gesetzt hatten, dass es aus dem damals verfügbaren Pool von Menschen, die international gearbeitet hatten, niemanden mehr gab, den man hätte fragen können. Und dann hat wurde angefangen, nach No Name’s zu suchen und einer davon war ich. Plötzlich hatte ich die Arbeit an der Hacke und hatte keine Ahnung, wie man das eigentlich macht. Ich hatte keine internationalen Kontakte und habe mir dann einfach überlegt, wenn das mal soweit ist, dass ich das abgebe, soll mir das nicht so gehen. Sondern dann soll es einen Haufen gut ausgebildeter Leute geben, die dafür in Frage kommen.

Schweeger: Ich muss mich da jetzt mal einmischen. Es ist vollkommen klar, dass du, wenn du ein Haus leitest, nicht nach Schema F die Leute aussuchst. Die müssen alle eine Ausrichtung haben. Du sagst natürlich am Anfang Fachkompetenz, soziale Kompetenz, sich in anderen Künsten auskennen und so weiter. Aber selbstverständlich wirst du dir dementsprechend die Leute suchen, wie deine Ausrichtung ist, dein inhaltliches Verständnis, wie du ein Haus bauen willst. Da kannst du nicht mit fünf gleichen Dramaturgen arbeiten, sondern brauchst fünf unterschiedliche und die suchst du. Das ist ein vollkommen normaler Vorgang, und den muss man bei einem Festival, wenn man ein Festival macht, auch machen, denn sonst hat man plötzlich einen Einheitsbrei. Und du brauchst aus verschiedenen Richtungen Leute, du brauchst Spezialisten. Und deswegen finde ich es einfach dumm und es verunsichert auch, zu sagen, potentielle Bewerber mit einer zu spezialisierten Ausrichtung würden überhaupt nicht engagiert werden. Wir suchen lauter Leute, die einzelne Begabungen haben und einzelne Schwerpunkte und dadurch einen Mehrwert in einen Betrieb hineinbringen.

Zimmermann: Da ist aber ein Unterschied. Ich engagiere mich für Menschen, die dann eine Weile an meiner Seite bleiben und sich dann fort entwickeln. Und am Ende der Wegstrecke, die man miteinander gegangen ist, stehen beide woanders als vorher.

Schweeger: Das ist der Mehrwert, den ich angesprochen habe. Und das ist doch die Grundlage des Handwerks. Es entwickelt sich bei jemandem eine Spezialisierung, die er vielleicht vorher gar nicht angedacht hat. Das entsteht manchmal auch im Arbeitsprozess, wenn er plötzlich merkt, er hat da was ganz besonderes. Und man muss Leute lehren, ihren eigenen Weg zu hinterfragen, auch auf die Gefahr hin, dass sie dann weggehen, weitergehen.

König: Ist denn ein Team ohne Dramaturg denkbar?

Schweeger: Für mich nicht. Ich brauche diese geistige Haltung, die ist mir wahnsinnig wichtig. Ich bin auch jemand, der darauf achtet, dass inhaltliche Fragen ihren Platz haben. Also mir ist es dann lieber, ich mache die Organisation, mache den anderen Mist, als dass das Inhaltliche oder die Kompetenz im Dramaturgischen auf der Strecke bleibt. Das kann es nicht sein. Dramaturgen haben meiner Ansicht nach eine große Bedeutung, weil sie das vorantreiben, was am meisten fehlt, nämlich, dass das Denken heute noch eine Lebendigkeit entfaltet.

König: Stimmt. Und geben Sie zu, dass der Dramaturg nicht schöpferisch tätig ist?

Schweeger: Das ist ein Grenzbereich, er ist schöpferisch und er ist nichtschöpferisch. Der Dramaturg hat eine andere Sensibilität, eine andere Fähigkeit, als sie vielleicht ein Regisseur hat oder auch ein Bühnenbildner oder ein Maler. Er ist auch kreativ in seinem Bereich.

Möller: Werden wir doch bitte mal praktisch. Natürlich hat jeder, der sich mit dem Entstehen eines Kunstwerks beschäftigt, ob von der literaturtheoretischen Seite oder von der theaterpraktischen Erfahrung, an einem schöpferischen Prozess teil. Der Unterschied ist nur, der Regisseur kann im Prinzip das Resultat seiner schöpferischen Leistung ausweisen und final bestimmen. Der Dramaturg kann versuchen, soweit wie möglich dazu beizutragen, hat aber nicht die Möglichkeit, den Regisseur zu überstimmen und zu sagen, so und so und so wird es gemacht, das heißt, er hat nicht das letzte Sagen.

Holtzhauer: Ich glaube, dass das Aufgabengebiet, das Dramaturgen heutzutage bewältigen, komplexer und weiter geworden ist als vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren. Trotzdem denke ich, dass es notwendig ist, sich zu spezialisieren und nicht nur Allrounder zu sein. Aber es will ja auch keiner vierzig Jahre dasselbe machen, und da vertraue ich auf die Neugierde und auf die Fähigkeit zu lernen, und die Gewohnheit, sich in etwas neues einzuarbeiten.

Zimmermann: Was meinen Sie mit Spezialisierung?

Holtzhauer: Es gibt doch schon innerhalb des Berufsbildes ganz verschiedene Anforderungen. Da gibt es den Dramaturgen, der mit gutem Gespür Produktionen intellektuell unterfüttert und auf Proben sehr hilfreich ist und andererseits jemand, dessen besondere Fähigkeit es ist, das, was das Haus macht, nach außen zu kommunizieren. Das sind schon zwei ganz unterschiedliche Qualifikationen und Talente und natürlich muss ein Dramaturg beides können, aber jeder hat doch seinen eigenen Schwerpunkt. Trotzdem können sich auch Talente weiter entwickeln, wenn sich Produktionszusammenhänge ändern und Interessen sich neu herausbilden. Wenn ein Dramaturg einen bestimmten Weg mit einem Team zurückgelegt hat und bemerkt, dass sein Interesse zu diesem Zeitpunkt diesem Weg nicht mehr entspricht, kann er doch selbst entscheiden, sich einen neuen Arbeitszusammenhang zu suchen. Vielleicht auch mit dem Interesse oder mit dem Wunsch, ihm unbekanntes Terrain zu betreten und es sich zu erschließen.

Frage aus dem Publikum: Kann man eigentlich lebenslang ein Dramaturg sein?

Zimmermann: Man kann ein Leben lang dramaturgisch denken, aber ich bezweifle, dass man mehr als zwanzig Jahre Dramaturg sein kann. Nicht umsonst sind gute Dramaturgen, die nicht nur Produktionsdramaturgen waren, sondern vom Wesen her an der dramaturgischen Arbeit Interesse haben, inzwischen alle nicht mehr Dramaturg oder als Dramaturg nicht mehr so gut wie sie schon einmal waren. Dieser Beruf ist ein kreativer, produktiver, denkerischer Zustand, und jeder Prozess kommt irgendwann an ein Ende. Die einen entscheiden sich, Intendanten zu werden, die anderen machen es so wie ich, hier mal ein Festival, da mal eins, um sich vor der generellen Frage zu drücken: Was ist denn eigentlich Theater?

König: Im Raum steht immer noch diese Widersprüchlichkeit, die vielleicht einfach besteht und nicht aufgelöst werden kann: entweder im Dienst eines Intendanten stehen – oder gleichberechtigt im Team zu sein.

Schweeger: Man muss aufhören zu sagen, Theater finde im Dienste des Intendanten statt. Denn ein Intendant steht auch in den Diensten der Künstler und der Kunst, er hat die Aufgabe zu vermitteln, er ist nicht die erste Person, um die es geht, die Kunst ist die Primadonna. Und wenn wir anfangen würden, dass auch immer so zu sehen, dann würden wir vielleicht nicht über gewisse Eitelkeiten stolpern, die immer hinderlich sind bei Produktionsabläufen. Es geht um die Kunst und es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Auseinandersetzung mit ästhetischen Formen wichtig ist für die Gesellschaft, dass wir das brauchen. Und dem dienen wir alle, der Intendant, der Dramaturg, der Bühnenbildner, auch die Techniker. Wenn man sich da bescheidet und sagt, wir sind die Transporteure und bereiten das Theater vor, so dass die Künstler darin arbeiten können und gut arbeiten können, dann sitzen wir alle im gleichen Boot. Und dann gibt es auch nicht diese Unterschiede, ob man jetzt Intendant ist oder Dramaturg.

Arioli: Ist das denn so? Ist das die Realität?

Schweeger: Sicherlich macht es jeder anders und es gibt Momente, in denen du die Hierarchie einfordern und verfolgen musst. Wenn es beispielsweise um politische oder finanzielle Schwierigkeiten geht, dann gibt es den Intendanten, der sich darum kümmern muss. Aber ansonsten bin ich der Meinung, dass man sehr wohl in einer horizontalen Art miteinander arbeiten kann und die Hierarchien für den Arbeitsprozess keine Bedeutung haben.

Arioli: Das würde aber bedeuten, dass man sich sehr viel Zeit nimmt für Meinungsaustausch und Diskussion, solange, bis man einen gemeinsamen Weg findet. Hat man diese Zeit?

Schweeger: Klar. Ja. Man muss sie sich nehmen, um einfach miteinander zu sitzen, zu reden und zu diskutieren. Wenn man sich diese Zeit nicht nimmt, hat man meiner Ansicht nach keine Arbeitsgrundlage.

Frau aus dem Publikum: Um bei der Metapher mit dem Boot zu bleiben: da muss ja auch jemand sagen, wo es hinfährt.

Schweeger: Das stimmt, es ist trotz allem immer der Intendant, der die Leute bestellt und das Profil vorgibt. Trotzdem können die Dramaturgen das Profil korrigieren. Und es bewegt sich auch. Ein Theater ist ein beweglicher Organismus, jeden Tag ist es anders. Es ist schwierig, wird manchmal emotional, man schlägt die Türen. Das ist der Alltag. Und trotzdem ist es wichtig zu erkennen, dass man es miteinander macht.

Beilharz: Ich möchte das ein bisschen differenzieren. In der Position eines Intendanten entscheiden natürlich die konzeptionellen Vorstellungen, die ich habe, über die Frage, wem ich das Vertrauen schenke. Ich suche Leute, deren Urteil ich ernst nehme, sie müssen aber mitnichten meiner Meinung sein. Und ich brauche in einem so ausdifferenzierten Haus wie dem Staatstheater Wiesbaden Leute, die jeweils auf ihrem speziellen Sektor mehr wissen als ich. Das ist als Teamarbeit zu konzipieren, aber ich will nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich im entscheidenden Moment die Entscheidungen treffe. Und ob ich dann einem von diesen Spezialisten folge oder nicht folge, hängt davon ab, ob er es schafft, mir eine Vorstellung zu davon zu vermitteln, so dass ich das Gefühl habe, das könnte mich interessieren, wenn ich es denn verstehe. Da kann es ganz heftige Auseinandersetzungen geben. Ich bin in diesem Fall kein Demokrat, wenn ich der Meinung bin, es ist überhaupt nicht stimmig und richtig, dann wird es nicht kommen. Es ist also ein merkwürdiges Hin- und Herschwingen zwischen Teamarbeit und hierarchischem System.

Schweeger: Ja sicher, es gibt immer Situationen, in denen ich sage, das sehe ich nicht. Dann haben die anderen mich nicht überzeugt.

Beilharz: Was ich dabei ganz wichtig finde, ist, die Begründung dafür abzugeben, warum man was nicht macht, sondern eine andere Entscheidung trifft. Man muss es begründen können, und sagen, aus diesen und jenen Gründen leuchtet mir das nicht ein. Dann gehen mir auch mal die Argumente aus, und es gibt die Situation, in der ich sage, es ist jetzt einfach so. Schlag mich, hasse mich, stell mir ein Bein, so dass ich stürze, aber es wird jetzt so gemacht.

Arioli: Es gibt ja das recht junge Schlagwort der Vernetzung, was bedeutet, sich breiter abzustützen, mit anderen Theatern und Institutionen zu kooperieren und sich Partner zu suchen. Dazu möchte ich jetzt noch mal Christian Holtzhauer fragen, welche Schwierigkeiten daraus entstehen, wenn zum Beispiel die Zeit fehlt, sich die letzten vierzehn Tage der Proben anschauen zu können, was ja schwierig wird, wenn etwas woanders produziert wird, möglicherweise auch mit Leuten, die ich gar nicht kenne. In welche Zwickmühle gerät man da?

Holtzhauer: Da sage ich gleich etwas dazu. Zunächst würde ich ganz gerne einen anderen Punkt ansprechen. Wir haben jetzt einen großen Teil der Diskussion damit zugebracht, den Beruf und die Position des Dramaturgen innerhalb einer Institution zu bestimmen, sei es Stadttheater, freie Theater oder Festival. Da möchte ich in die Debatte einwerfen, dass man natürlich als Dramaturg auch unabhängig von den Institutionen arbeiten kann. Diese Möglichkeit wird für viele Dramaturgen heutzutage eine Notwendigkeit, da es nicht mehr genügend Stellen gibt und in der Regel auch die Dramaturgien der großen Häuser aus Kostengründen reduziert werden. Wenn man frei arbeitet, ist ein Netz an Kontakten und die Notwendigkeit zu kooperieren noch mal viel größer. Ich habe noch nie frei gearbeitet, aber ich kenne in Berlin Kollegen, die das tun und mittlerweile davon leben können.

Beilharz: Tatsächlich? Wer sind die Auftraggeber, wer zahlt?

Holtzhauer: Es gibt ganz verschiedene Auftraggeber. Einerseits besteht die Möglichkeit, mit freien Produktion Geld zu verdienen. Das sind die wenigsten, die davon leben können, aber es gibt einige wenige sehr gut ausgestattete Produktionen, mit denen man das schaffen kann. Viele Regisseure und Dramaturgen treten mittlerweile ja auch als reisendes Team an. Da kriegt man dann als Dramaturg genauso wie der Regisseur einen Werkvertrag für eine bestimmte Zeit.

Schweeger: Es gibt kaum freie Produktionsdramaturgen, die wirklich nur vom Dramaturgendasein leben können. Die arbeiten nebenher für Verlage oder schreiben für Zeitungen oder machen andere Sachen.

Holtzhauer: Das mache ich doch am Stadttheater auch, da mache ich doch auch andere Sachen als nur Produktionsdramaturgie.

Linders: Ich arbeite als freier Dramaturg, lebe auch davon und möchte vor allem die Vorteile betonen. Man hat in der freien Arbeit die Möglichkeit, Projekte mit langen Vorbereitungsphasen zu realisieren. Und ich empfinde das, was Frau Schweeger hervorgehoben hat, auch als Vorteil. Ich habe die Zeit, ein Buch schreiben oder einen Lehrauftrag an der Universität anzunehmen. Diese Zeit habe ich am Stadttheater nicht, weil da schon die nächste Produktion ansteht.

König: Also ich habe jetzt für mich rausgekriegt, dass es diesen gelehrten Dramaturgen nicht mehr gibt, den gab es mal, und dass die Arbeit des Dramaturgen keine schöpferische ist, was ich anders sehe. Mich interessiert jetzt noch die Frage nach den Freiräumen, die wir Dramaturgen haben, im Stadttheater oder in der freien Szene, denn den Freiraum, den Frau Schweeger beschrieben hat, sehe ich bei sehr vielen Kollegen gar nicht. Die haben so viele verschiedene Funktionen, dass dieser konzeptionelle Kurs, diese Inhaltlichkeit, auf Kosten der anderen Aufgaben zu kurz kommt. Und das führt vielleicht auch zu dem Wunsch, frei zu arbeiten, weil man sich da inhaltlich besser entfalten kann und nicht festgelegt ist.

Holtzhauer: Nun muss man natürlich sehen, dass die Arbeit in freien Gruppen heutzutage nicht mehr so abläuft, dass alle alles machen und alle zusammen in einer Kommune wohnen. Die Zeiten sind vorbei. Auch in freien Produktionen arbeitet man heute hochgradig spezialisiert. Ich würde es lieber so ausdrücken, dass man sich als Dramaturg in freien Arbeitszusammenhängen auf Projektbasis zwischen verschiedenen Institutionen bewegen kann und nicht an eine gebunden ist.

Möller: Ich würde bei uns am Stadttheater trotzdem ganz große Angst davor haben, mit Gastdramaturgen zu arbeiten, aus einem ganz einfachen Grund. Frau Schweeger hat gesagt, die Verantwortung oder das Zentrale unserer Arbeit ist die Kunst. Dem stimme ich zu. Aber ich möchte es erweitern auf das Ankommen der Kunst. Und für das Ankommen der Kunst hat die Dramaturgie eine ganz zentrale Verantwortung. Das Ankommen der Kunst und des Kunstwerks, das hört eben nicht mit der Premiere auf. Und der Regisseur geht nach der Premiere, der Bühnenbildner geht nach der Premiere, und der Dramaturg hat zunächst mal die Aufgabe, Dolmetscher zu sein zwischen einem vorhandenen Ensemble, einem Gastregisseur und einem Ausstatter. Und er hat dann die Aufgabe, diese Produktion zu betreuen, d.h. sie beim Publikum anzubringen, dafür zu sorgen, dass das Publikum in Gesprächen die Möglichkeit hat, sich dazu zu äußern, entsprechende PR-Maßnahmen einzuleiten, wenn Sachen schwierig anlaufen. Das ist eine ganz entscheidende Grundvoraussetzung und die kann ein Gastdramaturg nicht leisten. Wenn man dann natürlich eine Inszenierung hat, wo der Regisseur ganz unbedingt seinen Dramaturgen mitbringen will, dann muss aus dem Hause ein Partner hinzugesellt werden, der dann diese Aufgaben übernimmt. Das muss ein Dramaturg sein, der am Probenprozess teilnimmt und der das Werden und Wachsen dieser Inszenierung auch als Partner begleitet. Ansonsten haben wir ein Spezialistentum, was nicht wirkt. Die Aufgabe des Dramaturgen ist keine veränderte, sondern eine erweiterte. D.h. das, was den Dramaturgen ausgemacht hat, nämlich Vorgangsanalyse, inhaltliche Diskussion, Produktionsbegleiter, ständiger Gesprächspartner des Regisseurs, das bleibt auch nach wie vor die zentrale Aufgabe. Da gibt es überhaupt keine Abstriche.

Uwe Gössel: Ich finde den Gegensatz von Dramaturgie in festen Häusern und außerhalb von festen Häusern sehr interessant, weil ich auch beide Bereiche kenne und mich jetzt mal selbst gefragt habe, wie ich eigentlich zu dem Beruf gekommen bin. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Dramaturg die sprichwörtliche Personifikation dieses alten Gedankens ist, dass er das Theater dafür liebt, wie es sein könnte, und es dafür hasst, wie es ist, und immer versucht, diesen Spagat auszuhalten. Ein wesentlicher Punkt, aus dem er sich ernährt beim dauernden Abgeben von Energie ist das Stiften von Zusammenhängen. Und dieses Stiften von Zusammenhängen, sei es Ideen zusammen zu bringen, Produktionsteams zu stiften, Bühnenbildner, Regisseure, Schauspieler zueinander zubringen, also dieses Zusammenarbeit stiftendende Moment ist das, woraus möglicherweise dieses Glück im Theater entstehen kann, dass aus einer Idee eine Wirklichkeit wurde, die auf die Bühne gefunden hat. Wenn wir heute über dieses wandelnde Berufsbild des Dramaturgen sprechen, dann sprechen wir auch über eine Situation, in der man gezwungen ist, das Floss umzubauen, während man damit auf See ist. Denn Dramaturgie ist ja auch immer die Frage der Beschäftigung mit einem Ablauf und im Ablauf der Entwicklung der Frage „Was heißt Dramaturgie als Beruf?“, ist der Dramaturg einer, der als Person ein Lackmuspapier für die Veränderung von Theater in der Gesellschaft darstellt.

Was sich doch zeigt, ist, dass das freie Theater eine ganze andere Position hat als in den letzten zwanzig Jahren und in eine andere Position gekommen ist im Verhältnis zu den Stadttheatern. Dadurch, dass in den letzten zehn, fünfzehn Jahren neue Produktionsformen zwischen Stadt- und Staatstheatern und freien Produktionen entstanden sind, dass es immer mehr zu Kooperationen kommt, ändert sich auch das Berufsbild oder die Funktionsweise des dramaturgischen Denkers durch die unterschiedlichsten Zusammenhänge, in denen Theater heute professionell stattfindet. Ich denke das Wesentliche ist wirklich, Stifter von Zusammenhängen und Zusammenarbeit zu sein und auf der anderen Seite wahrzunehmen, wo heute Theater überall stattfinden kann. Auch das ist ja eine Form von dramaturgischem Denken, dass natürlich nicht nur von den Dramaturgen abhängt, sondern auch von den Kooperationspartnern, mit denen man da arbeitet.

Es wurden doch in den letzten zwanzig Jahren etliche neue Räume erkundet, gefunden oder besetzt, in die hinein Theater gemacht wird. Da passieren natürlich ganz andere Sachen, auch von der Art und Weise, wie ich einen Text denke, wie ich versuche, einen Text in den Zusammenhang des Ortes einzubringen, in ein Spannungsverhältnis mit Bildender Kunst und Raum als auch der Begegnung mit den Teams, die an diesem Ort zusammen arbeiten. Das sind schon Reizpunkte für dramaturgisches Denken, denn die Wertigkeit und die mögliche Verfallszeit eines Textes korrespondiert dann mit den Räumen, in denen er stattfindet.

Arioli: Ich möchte die Diskussion schließen und bedanke mich für die rege Teilnahme.

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