Kritiker und Theater
10 Thesen von Till Briegleb
Wie beschreibt und bewertet die Kritik die Phänomene
eines "Theater des Sozialen"? Die Frage,
die der Titel der Veranstaltung an die beiden Kulturjournalisten
Till Briegleb und Florian Malzacher richtete, haben
beide mit einem ganz eigenen Blickwinkel beantwortet.
Florian Malzacher, der als leitender Dramaturg für
den Steirischen Herbst beruflich die Perspektive hin
zum Festivalgestalter gewechselt hat, benennt die
Vektoren, denen sich der Kritiker heute ausgesetzt
sieht, in seinem Text "Kein Außen. Nirgends"
(siehe dramaturgie 2/05), vollständig abgedruckt
in der Märzausgabe von Theater heute. Till Briegleb
formulierte als Antwort auf die Frage folgende zehn
grundsätzliche Thesen zum Beruf des Theaterkritikers:
1.) Ein aufrichtiger Kritiker fraternisiert
nicht mit dem Theater. Das heißt keinesfalls,
dass er mit niemandem spricht und nur von seinem Schreibtisch
einschwebt, um zu ihm als Katheder zurückzukehren,
sondern dass der Kritiker in allen Situationen bewusst
als distanzierte Institution auftritt, die nicht Teil
des Theaters ist. Freundschaften mit Schauspielern,
Regisseuren, Dramaturgen und Intendanten lassen sich
zwar manchmal nicht ganz vermeiden, aber die Nagelprobe
dieser Beziehung ist immer die schonungslose, öffentliche
Kritik. Das heißt: Ein Kritiker, der in eine
Vorstellung geht, sollte für die Zeit seiner
Beurteilungsarbeit keine Freunde mehr kennen. Ansonsten
ist er befangen und beginnt zu heucheln, und das Objekt
seiner Kritik verschwimmt ihm vor Augen.
2.) Ein guter Kritiker kann sich in alle
Bereiche des Theaters, sowohl ins Publikum wie in
die Künstler und andere Mitarbeiter einfühlen,
aber nur zu dem Zweck, dass er es beim Abfassen der
Kritik bewusst vergisst. Denn ein ehrlicher
Kritiker schreibt seine Kritik weder an die Schauspieler
und Regisseure noch vertritt er das Publikum in der
Öffentlichkeit. Er versucht sich seine Meinung
von persönlichen Gefühlen gegenüber
den Beteiligten unabhängig zu bilden, er traut
seinen individuellen, aber in langjährigen Konflikten
mit anderen Meinungen gewonnenen Erfahrungen und seiner
Urteilskraft und korrumpiert sich nicht durch emotionale
Rücksichten. Diese Selbständigkeit ist individuell
sehr unterschiedlich ausgeprägt und deswegen
seien alle von Kritiken gekränkten Künstler
dringend davor gewarnt, die „Medien“ alle
in einen Topf zu werfen.
3.) Das Resultat einer solchen Autonomie
ist im besten Fall eine wohl ausgewogene Mischung
aus Analyse, Beschreibung und Literatur. Der
Kritiker ist weder ein Nachrichtenjournalist der Bühne
noch ein Theaterwissenschaftler, der aus rationaler
Distanz kühl urteilt, noch der bessere Regisseur,
der durch seinen Stil ein poetisches Gegenkunstwerk
entwirft. Er ist alles drei zugleich und dazu noch
persönlich beteiligt. Ein Kritiker darf hassen,
gerührt sein, belehren, resignieren, persönlich
werden oder jubeln, solange er seine Gefühle
in eine verständliche Relation zu dem Gegenstand
bringt.
4.) Ein Grundcharakterzug aller professionellen
Kritiker ist: Sie langweilen sich schnell.
Daraus entwickeln sie im besten Fall die gleiche produktive
Energie wie die Theatermacher, die von den Routinen
ihrer Vorgängergeneration angeödet sind
und die drängende Not entwickeln, etwas Neues
zu suchen. Die gegenseitige Anspruchshaltung zwischen
Theaterleuten und Kritikern: Mach doch mal was Neues,
schreib doch mal was Neues, nervt zwar alle Beteiligten
gleich penetrant, aber die Produktion von Neuem, Originellem,
Ungesehenem, Unerhörtem ist das einzig Interessante
am Theater und sollte auch Maßstab eines Schreibers
sein.
5.) Die erste Todsünde der Kunst ist
Eindeutigkeit. Nur durch Ambivalenz, Widersprüchlichkeit,
durch Assoziation und Offenheit der Figuren und Formen
entsteht ein zeitgemäßer, faszinierender
Realismus. Ein Realismus, der sich nicht um die präzise
Abbildung von Wirklichkeit kümmert, sondern um
die Verwandlung des unsichtbaren, kontroversen Reichtums
unseres Lebens in den unwirklichen Mehrwert der Kunst.
Wenn ich richtige Wirklichkeit sehen will, gehe ich
vor die Tür. Die Aufgabe der Kunst ist es, eine
eigene Wirklichkeit zu produzieren, die niemand wirklich
erklären kann – auch nicht der Kritiker.
6.) „Radikal“ ist für sich
betrachtet deswegen ebenso wenig eine künstlerische
Qualität wie „sozial“. Ein
subtiles Theaterstück kann viel mehr Gedanken
auslösen als eine forsch auftretende Abfütterung,
ein vollkommen asoziales, hermetisches Kunstwerk mag
mehr produktive Diskussion und Konflikt erzeugen als
eine gut gemeinte Sozialarbeit. Entscheidend ist das
Nebenher von Komplexität und Verdichtung sowie
eine Haltung zu dem inszenierten Geschehen, die mir
eine Auseinandersetzung abverlangt. Die Überraschung
und der Reiz stellen sich im Theater ja meistens dann
ein, wenn Zwecke mit Mitteln erreicht werden, von
denen man es nicht erwartet hat.
7.) Darum gibt es auch kein richtiges Theater.
Alte Frontverläufe haben sich längst labyrinthisch
verwirrt. Die Nationalstaaten des Stils und der richtigen
Meinung haben verloren. Es herrscht das interessante
Chaos. Verstockte Gralshüter irgendeiner Formensprache
sind ebenso langweilig wie professionell nervöse
junge Leute mit anmaßendem Bekennerdrang. Manchmal
sind diese Extreme aber plötzlich auch wieder
die interessantesten, weil die Refrains der Rebellion
ebenso einen neuen Ausdruck finden können wie
das konzentrierte Gemurmel der psychologischen Feinmechaniker.
Die daraus resultierende Vielfalt führt beim
Kritiker zur dauernden Überforderung, weil man
einfach nicht alles wissen und erkennen kann, was
sich in dieser endlosen Vielfalt der Künstlerbiografien
an interessanten Details angesammelt hat, die nun
auf die Bühne drängen.
8.) Deswegen ist die wichtigste Qualität
eines Kritikers die Neugier, die schlechteste seine
Eitelkeit. Denn um den explodierenden Kosmos
an Anspielungen zu verstehen, aus denen das Theater
heute besteht, reicht Lektüre, Menschenkenntnis
und alte Bildung einfach nicht mehr aus. Die Kenntnis
von Popmusik und Stringtheorie, Fußball und
Shakespeare, Snowboardmode und Modephilosophie, Kunst
und Gala, Globalisierungsdiskurs und Familienaufstellungen
nach Hellinger sind einfach unabdingbar. Da niemand
all dieses Wissen von Anfang an haben kann, muss man
es sich interessiert aneignen. Und um mit all diesem
angeeigneten Wissen nicht rumzugockeln wie ein Idiot,
ist ein gehöriges Maß an Bodenständigkeit
und Selbstkritik ganz hilfreich. Und ohne Humor geht
natürlich auch nichts in diesem Beruf.
9.) Es gibt keine allgemein gültigen
Kriterien, aber man muss trotzdem Urteile fällen.
Denn nur am Argument entzünden sich
unterschiedliche Betrachtungsweisen, die wiederum
die Kreativität des Ganzen befördern. Kritikern,
die immer nur guten Willen und ausgleichende Anteile
sehen, mangelt es schlicht an Respekt vor den Künstlern,
ihrer Arbeit und dem Betrieb. Denn Schlaffheit, Schwäche
und Scheitern braucht keine Freundlichkeit und kein
Mitgefühl von Fremden, sondern eine Kritik, die
aufregt. Die große Chance des medialen Kritikers
ist es dabei, dass er – neben dem ganz engen
Freund – der einzige Beteiligte ist, der wirklich
seine wahre Meinung sagen kann.
10.) Den idealen Kritiker, wie er hier in
Ansätzen skizziert ist, gibt es nicht. Kritiker
stehen genau so wie Theatermacher in ökonomischen,
hierarchischen und psychologischen Abhängigkeitsverhältnissen,
die sich auf ihre Arbeit auswirken. Sie haben persönliche
Schwächen, die sie anfällig für Korruption
durch Eitelkeit machen, sie können unverhältnismäßig
nachtragend sein oder sie merken nicht, wie sie ihre
eigenen psychologischen und biografischen Lasten die
ganze Zeit in Urteile über andere Leute umwidmen.
Kritiker beugen sich manchmal aus Schwäche dem
Mainstream, und es gab sicherlich schon die eine oder
andere Premierenfeier, wo das Urteil über eine
Inszenierung in eine Richtung gekippt ist, weil die
in Konkurrenz stehenden Kritiker sich gegenseitig
beeinflussen. Angst vor der Gefahr, alleine mit seiner
Meinung dazustehen und dadurch den Respekt von Kollegen
zu verlieren oder andere Mechanismen der Feigheit
beeinflussen auch das Kritikergeschäft. Und trotzdem
kann, glaube ich, auch jeder Künstler, soweit
er nicht selbst gerade davon betroffen ist, eine schlechte
Kritik-Inszenierung von einer guten unterscheiden.
Die gute ist ehrlich, reflektiert, beteiligt, anregend
und vor allem: nicht langweilig.