"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


Gründe für eine Mitgliedschaft in der Dramaturgischen Gesellschaft

mehr


Mitgliedschaft

Sie wollen Mitglied der Dramaturgischen Gesellschaft werden? Hier geht es direkt zum Antragsformular.


 
 
"dramaturgie" | Heft 1 / 06

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2006

Kritiker und Theater
10 Thesen von Till Briegleb


Wie beschreibt und bewertet die Kritik die Phänomene eines "Theater des Sozialen"? Die Frage, die der Titel der Veranstaltung an die beiden Kulturjournalisten Till Briegleb und Florian Malzacher richtete, haben beide mit einem ganz eigenen Blickwinkel beantwortet. Florian Malzacher, der als leitender Dramaturg für den Steirischen Herbst beruflich die Perspektive hin zum Festivalgestalter gewechselt hat, benennt die Vektoren, denen sich der Kritiker heute ausgesetzt sieht, in seinem Text "Kein Außen. Nirgends" (siehe dramaturgie 2/05), vollständig abgedruckt in der Märzausgabe von Theater heute. Till Briegleb formulierte als Antwort auf die Frage folgende zehn grundsätzliche Thesen zum Beruf des Theaterkritikers:

1.) Ein aufrichtiger Kritiker fraternisiert nicht mit dem Theater. Das heißt keinesfalls, dass er mit niemandem spricht und nur von seinem Schreibtisch einschwebt, um zu ihm als Katheder zurückzukehren, sondern dass der Kritiker in allen Situationen bewusst als distanzierte Institution auftritt, die nicht Teil des Theaters ist. Freundschaften mit Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und Intendanten lassen sich zwar manchmal nicht ganz vermeiden, aber die Nagelprobe dieser Beziehung ist immer die schonungslose, öffentliche Kritik. Das heißt: Ein Kritiker, der in eine Vorstellung geht, sollte für die Zeit seiner Beurteilungsarbeit keine Freunde mehr kennen. Ansonsten ist er befangen und beginnt zu heucheln, und das Objekt seiner Kritik verschwimmt ihm vor Augen.

2.) Ein guter Kritiker kann sich in alle Bereiche des Theaters, sowohl ins Publikum wie in die Künstler und andere Mitarbeiter einfühlen, aber nur zu dem Zweck, dass er es beim Abfassen der Kritik bewusst vergisst. Denn ein ehrlicher Kritiker schreibt seine Kritik weder an die Schauspieler und Regisseure noch vertritt er das Publikum in der Öffentlichkeit. Er versucht sich seine Meinung von persönlichen Gefühlen gegenüber den Beteiligten unabhängig zu bilden, er traut seinen individuellen, aber in langjährigen Konflikten mit anderen Meinungen gewonnenen Erfahrungen und seiner Urteilskraft und korrumpiert sich nicht durch emotionale Rücksichten. Diese Selbständigkeit ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt und deswegen seien alle von Kritiken gekränkten Künstler dringend davor gewarnt, die „Medien“ alle in einen Topf zu werfen.

3.) Das Resultat einer solchen Autonomie ist im besten Fall eine wohl ausgewogene Mischung aus Analyse, Beschreibung und Literatur. Der Kritiker ist weder ein Nachrichtenjournalist der Bühne noch ein Theaterwissenschaftler, der aus rationaler Distanz kühl urteilt, noch der bessere Regisseur, der durch seinen Stil ein poetisches Gegenkunstwerk entwirft. Er ist alles drei zugleich und dazu noch persönlich beteiligt. Ein Kritiker darf hassen, gerührt sein, belehren, resignieren, persönlich werden oder jubeln, solange er seine Gefühle in eine verständliche Relation zu dem Gegenstand bringt.

4.) Ein Grundcharakterzug aller professionellen Kritiker ist: Sie langweilen sich schnell. Daraus entwickeln sie im besten Fall die gleiche produktive Energie wie die Theatermacher, die von den Routinen ihrer Vorgängergeneration angeödet sind und die drängende Not entwickeln, etwas Neues zu suchen. Die gegenseitige Anspruchshaltung zwischen Theaterleuten und Kritikern: Mach doch mal was Neues, schreib doch mal was Neues, nervt zwar alle Beteiligten gleich penetrant, aber die Produktion von Neuem, Originellem, Ungesehenem, Unerhörtem ist das einzig Interessante am Theater und sollte auch Maßstab eines Schreibers sein.

5.) Die erste Todsünde der Kunst ist Eindeutigkeit. Nur durch Ambivalenz, Widersprüchlichkeit, durch Assoziation und Offenheit der Figuren und Formen entsteht ein zeitgemäßer, faszinierender Realismus. Ein Realismus, der sich nicht um die präzise Abbildung von Wirklichkeit kümmert, sondern um die Verwandlung des unsichtbaren, kontroversen Reichtums unseres Lebens in den unwirklichen Mehrwert der Kunst. Wenn ich richtige Wirklichkeit sehen will, gehe ich vor die Tür. Die Aufgabe der Kunst ist es, eine eigene Wirklichkeit zu produzieren, die niemand wirklich erklären kann – auch nicht der Kritiker.

6.) „Radikal“ ist für sich betrachtet deswegen ebenso wenig eine künstlerische Qualität wie „sozial“. Ein subtiles Theaterstück kann viel mehr Gedanken auslösen als eine forsch auftretende Abfütterung, ein vollkommen asoziales, hermetisches Kunstwerk mag mehr produktive Diskussion und Konflikt erzeugen als eine gut gemeinte Sozialarbeit. Entscheidend ist das Nebenher von Komplexität und Verdichtung sowie eine Haltung zu dem inszenierten Geschehen, die mir eine Auseinandersetzung abverlangt. Die Überraschung und der Reiz stellen sich im Theater ja meistens dann ein, wenn Zwecke mit Mitteln erreicht werden, von denen man es nicht erwartet hat.

7.) Darum gibt es auch kein richtiges Theater. Alte Frontverläufe haben sich längst labyrinthisch verwirrt. Die Nationalstaaten des Stils und der richtigen Meinung haben verloren. Es herrscht das interessante Chaos. Verstockte Gralshüter irgendeiner Formensprache sind ebenso langweilig wie professionell nervöse junge Leute mit anmaßendem Bekennerdrang. Manchmal sind diese Extreme aber plötzlich auch wieder die interessantesten, weil die Refrains der Rebellion ebenso einen neuen Ausdruck finden können wie das konzentrierte Gemurmel der psychologischen Feinmechaniker. Die daraus resultierende Vielfalt führt beim Kritiker zur dauernden Überforderung, weil man einfach nicht alles wissen und erkennen kann, was sich in dieser endlosen Vielfalt der Künstlerbiografien an interessanten Details angesammelt hat, die nun auf die Bühne drängen.

8.) Deswegen ist die wichtigste Qualität eines Kritikers die Neugier, die schlechteste seine Eitelkeit. Denn um den explodierenden Kosmos an Anspielungen zu verstehen, aus denen das Theater heute besteht, reicht Lektüre, Menschenkenntnis und alte Bildung einfach nicht mehr aus. Die Kenntnis von Popmusik und Stringtheorie, Fußball und Shakespeare, Snowboardmode und Modephilosophie, Kunst und Gala, Globalisierungsdiskurs und Familienaufstellungen nach Hellinger sind einfach unabdingbar. Da niemand all dieses Wissen von Anfang an haben kann, muss man es sich interessiert aneignen. Und um mit all diesem angeeigneten Wissen nicht rumzugockeln wie ein Idiot, ist ein gehöriges Maß an Bodenständigkeit und Selbstkritik ganz hilfreich. Und ohne Humor geht natürlich auch nichts in diesem Beruf.

9.) Es gibt keine allgemein gültigen Kriterien, aber man muss trotzdem Urteile fällen. Denn nur am Argument entzünden sich unterschiedliche Betrachtungsweisen, die wiederum die Kreativität des Ganzen befördern. Kritikern, die immer nur guten Willen und ausgleichende Anteile sehen, mangelt es schlicht an Respekt vor den Künstlern, ihrer Arbeit und dem Betrieb. Denn Schlaffheit, Schwäche und Scheitern braucht keine Freundlichkeit und kein Mitgefühl von Fremden, sondern eine Kritik, die aufregt. Die große Chance des medialen Kritikers ist es dabei, dass er – neben dem ganz engen Freund – der einzige Beteiligte ist, der wirklich seine wahre Meinung sagen kann.

10.) Den idealen Kritiker, wie er hier in Ansätzen skizziert ist, gibt es nicht. Kritiker stehen genau so wie Theatermacher in ökonomischen, hierarchischen und psychologischen Abhängigkeitsverhältnissen, die sich auf ihre Arbeit auswirken. Sie haben persönliche Schwächen, die sie anfällig für Korruption durch Eitelkeit machen, sie können unverhältnismäßig nachtragend sein oder sie merken nicht, wie sie ihre eigenen psychologischen und biografischen Lasten die ganze Zeit in Urteile über andere Leute umwidmen. Kritiker beugen sich manchmal aus Schwäche dem Mainstream, und es gab sicherlich schon die eine oder andere Premierenfeier, wo das Urteil über eine Inszenierung in eine Richtung gekippt ist, weil die in Konkurrenz stehenden Kritiker sich gegenseitig beeinflussen. Angst vor der Gefahr, alleine mit seiner Meinung dazustehen und dadurch den Respekt von Kollegen zu verlieren oder andere Mechanismen der Feigheit beeinflussen auch das Kritikergeschäft. Und trotzdem kann, glaube ich, auch jeder Künstler, soweit er nicht selbst gerade davon betroffen ist, eine schlechte Kritik-Inszenierung von einer guten unterscheiden. Die gute ist ehrlich, reflektiert, beteiligt, anregend und vor allem: nicht langweilig.

zurück nach oben  drucken
   

Aktuelles | Jahrestagung | Zeitschrift "dramaturgie" | Über uns | Mitglied werden | Kontakt | Impressum