E I N L E I T U N G
Radikal sozial
Rückblick von Ann-Marie Arioli
1. Neue Tagungsformen
Das Symposium „Radikal sozial“, die Jahrestagung
2006 der Dramaturgischen Gesellschaft vom 20. bis
zum 22. Januar in Berlin, sollte sowohl thematisch
wie strukturell neue Weichen stellen. Aufgrund der
Erfahrungen aus den vorangegangenen Jahrestagungen
und auf vielfachen Wunsch von Mitgliedern suchte der
Vorstand nach anderen Formen der Präsentation
und Diskussion. Es sollte insgesamt mehr Programmpunkte
geben, damit sich die Teilnehmenden auf zahlreiche
Veranstaltungen verteilen können und Diskussionen
sich leichter ergeben. Impulsreferate sollten für
alle gemeinsam den jeweiligen Tag einleiten und größere
Podiumsdiskussionen spezifischer in der Themenwahl
sein. Die theatralische Präsentation oder sogar
der Selbstversuch sollten Arbeiten erfahrbar und spürbar
machen. Ein Höhepunkt der aktiven Beteiligung,
des gemeinsamen Erlebnisses von ‚inszenierten’
sozialen Interaktionen war mit Sicherheit der „Schwarzmarkt
für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“
von Hanna Hurtzig, Carolin Hochleichter und Barbara
Gronau. Hier gelang es, das Neue und Faszinierende
des Ereignisses, an dessen Entstehung der Zuschauer,
oder besser -hörer beteiligt ist und seinen Mehrwert
selbst mitgenerieren muss, zu verdeutlichen. Die diesjährige
Jahrestagung mit knapp zwanzig Veranstaltungen bot
eine solche Fülle, dass die Einen mit Auswahlschwierigkeiten
kämpften, während Andere das Diskussions-Hopping
gerade als bereichernd und Austausch fördernd
erlebten. Wir möchten nach dieser Erfahrung weiter
über Tagungsformen nachdenken, Workshopstrukturen
und Diskussionen in kleinen Runden ausbauen sowie
die neu eingeführte Beobachtung und Zusammenfassung
der Tagung durch eingeladene Tagungskorrespondenten
beibehalten.
2. Dramaturgie jenseits
von Dramatik
Theatralische Expeditionen in den Grenzbereich der
Erforschung sozialer Realität zu beschreiben,
erwies sich als kein einfaches Unterfangen. Nicht
selten fehlen die gemeinsamen Begriffe, fehlen Kategorien
und Bewertungskriterien, die eine gemeinsame Diskussion
über so spezifische Arbeiten wie die Simulation
von Börsengeschehen (in „Dead Cat Bounce“
von Chris Kondek und seinem Team), einer Winterakademie
für Kinder vom Theater an der Parkaue oder das
System einer Initiierung und Programmierung von verschiedensten
Inszenierungen und Veranstaltungen unter einem gemeinsamen
Oberthema wie am HAU oder den Sophiensälen in
Berlin möglich machen. Vor einiger Zeit hätten
sich die vorgestellten Arbeiten und Arbeitsweisen
noch klar einteilen lassen in: 1. Projekte, die mit
nicht-professionellen Darstellern, oder auch ‚Experten’,
wie sie die Gruppe Rimini Protokoll nennen, arbeiten,
2. ‚Dokumentartheater’, das in der Inszenierung
von nicht-fiktionalem Material an der Grenze zwischen
wissenschaftlichem Interpretationsspielraum und Fiktionalisierung
von Material arbeitet, wie Hans-Werner Kroesinger
und 3. Projekten, die durch ihre Raumkonzeption und
die Miteinbeziehung des Publikums als Aktiv-Beteiligte
eine Veranstaltung gestalten wie „X-Wohnungen“.
Das Symposium zeigte auf, wie sehr diese Formen sich
mischen, wie sehr in diesem Bereich wirklich mit allen
Mitteln Theater gemacht wird und wie wichtig es ist,
dafür neue Kategorien der Beschreibung zu finden.
Spannenderweise ergibt sich dieses Problem vor allem
für Kritiker und Dramaturgen. Jens Roselt beschreibt
die Verwirrung in seinem Vortrag „Der Schritt
vom Wege – Schauspielkunst jenseits der Perfektion“
in Bezug auf die nicht immer mehr eindeutig lesbare
Rolle des Schauspielers. Das Publikum hat offenbar
wenig Schwierigkeiten, die verschiedenen Schichtungen
von Fiktion und Realität zu lesen, wenn Schauspieler
und andere Darsteller mit Material interagieren, das
teilweise ‚authentisch’ ist, aber in einen
fiktionalen Kontext gestellt wird und aus dem eine
neue, für diesen Abend gültige Realität
kreiert wird. Dass mein Eintrittsgeld an der Börse
gerade verloren gegangen ist, dass mein Wissen nicht
nur für meinen Arbeitgeber, sondern auch für
andere Interessierte ein Gut ist, das eine Nachfrage
kennt, das HipHop und Oper eine Verbindung eingehen
können – die Projekte tragen ihren Wert
im Erleben in sich, oft viel fragloser als ein konventioneller
Theaterabend. Sie sind komplexer in der Konzeption,
aufwendiger in der Organisation und die Probenprozesse
erfordern viel mehr Miterfinden als nur Beobachten.
Vielleicht sind das Gründe dafür, dass es
schwerer fällt, sie zu beschreiben, man muss
sie erlebt haben.
3. Theater mit nicht-professionellen
Spielern / Soziale Interaktion
Ziel des Symposiums war es, aus der praktischen Arbeit
Begriffe zu entwickeln, mit denen man das Ineinandergreifen
von Bühne und sozialer Interaktion beschreiben
kann. Zusammenfassend kann das zu einem jetzigen Zeitpunkt
noch nicht gelingen und die Vielzahl der vorgestellten
Projekte von Rimini Protokoll, ihrer Arbeit mit ‚Experten‘
und deren Texten, über Uli Jäckle, der ein
ganzes Dorf in seine Inszenierung verwickelt bis hin
zur ‚Kopergietery‘ in Gent, die Theater
für Kinder und Jugendliche mit eben diesen macht
und Adriana Altaras, die gleich mehrere sogenannte
Randgruppen wie hyperaktive Kinder, Alte mit Alzheimer,
Migranten, Opernchorsänger und Salonmusiker in
einem gemeinsamen Prozess vereint. Spürbar war
in allen Schilderungen, dass die Arbeit mit nicht-professionellen
Darstellern nicht allein durch die Veränderung
von Erarbeitungsstrukturen und Probenprozessen eine
Herausforderung ist, sondern vor allem nachhaltig
Auswirkungen auf das theatralische Ergebnis hat. Die
Regie hat eine weitaus größere Verantwortung
den Darstellern gegenüber, sie muss auf die Voraussetzungen,
die die Darsteller mitbringen sehr viel flexibler
reagieren und sie gewinnt neue Darstellungsmittel
sowie oft unmittelbarere Reaktion des Publikums.
Im Gespräch zwischen Volker Lösch und Hans-Werner
Kroesinger ergab sich die Divergenz in der Suche nach
etwas, das authentischer scheint, es aber nie ganz
sein darf: Während Volker Lösch den Einsatz
von chorisch agierenden Laien neben Schauspielern
in seinen Inszenierungen als eine Reibungsfläche
von Stückinhalten an der Realität beschreibt,
arbeitet Hans-Werner Kroesinger nach einer intensiven
Recherchearbeit mit ‚authentischen‘ Texten
zu politisch relevanten Themen mit Schauspielern,
die nicht spielen, sondern stattdessen solche Präsentationsformen
für das gefundene Material suchen, die möglichst
viele Reibungsflächen liefern. Gemeinsam ist
allen die Suche nach größtmöglichem
Konfliktpotential durch die theatralischen Mittel.
4. Die Erforschung des
Sozialen
Den beiden letztgenannten Diskutanten gemeinsam ist
wie bei vielen der vorgestellten Produktionen die
Suche nach gesellschaftlicher und politischer Relevanz.
Theater kann sich da nicht mehr mit der Übersetzung
in Stücke begnügen, sondern sucht die Begegnung
von Theaterfremden im Theater oder den Transport von
Theater zu sozialen Orten und Brennpunkten. Das Projekt
„Bunnyhill“ der Münchner Kammerspiele,
„X-Wohnungen“ in Berlin und viele andere
vorgestellte Projekte intervenieren durch theatralische
und performative Eingriffe vor Ort, dort wo Theater
normalerweise nicht hinkommt und auch nicht gefragt
ist. Immer wieder am Rand tauchte hier ein Begriff
auf, den wir während der nächsten Tagung
im Februar 2007 in Heidelberg vertieft behandeln möchten:
Der Begriff der „Bildung“. „Radikal
soziale“ Projekte begreifen Bildung als einen
Dialog, den es nicht mehr einfach gibt, sondern den
es zu suchen gilt. Theater muss für die meisten
der hier vorgestellten Theatermacher nicht nur Schnittstellen
und Bruchkanten der Gesellschaft aufzeigen und benennen,
sondern sie suchen, die dabei entdeckten Prozesse
mit den Beteiligten gestalten, sie zu Wort kommen
lassen und die Diskussion eröffnen.