"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 06

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2006

Regeln für ein anderes Volkstheater
von Uli Jäckle

Wie funktioniert dieses merkwürdige Landschaftstheater, Generationentheater, Trekkingtheater, Openairtheater, Volkstheater, das sehr erfolgreich seit 15 Jahren mit bis zu 250 nicht-professionellen Akteuren und 500 Zuschauern je Vorstellung Heersum und die umliegenden Dörfer der Hildesheimer Börde bespielt? Gibt es ein Regelwerk? Gibt es ein Erfolgsrezept? Der Regisseur Uli Jäckle nennt zehn für ihn grundsätzliche und praxiserprobte Aspekte dieses anderen Volkstheaters:

  1. Landschaft und Bühne - Das andere Volkstheater verlässt die Bühne, ist Trekkingtheater, Wandertheater, ein Theater das sich auf der Höhe der Zuschauer befindet. Wir gehen zum Bühnenbild hin. Das Bühnenbild ist die Landschaft, ein Schloss, eine lokale architektonische Gegebenheit, usw. Diese sollte nicht nur Kulisse, sondern maßgeblich in die Handlung einbezogen sein. Ein Theater in der Landschaft muss witterungsunabhängig immer stattfinden können. Für das Finale ist es jedoch unerlässlich für Regenschutz zu sorgen, am besten einen Innenraum zu bespielen, eine große Feldscheune, ein Schloss etc.
  2. Lokalbezug - Das Stück wird durch die besonderen Gegebenheiten und Geschichten der Orte vorgegeben. Die Fabel ist von lokalen Ereignissen inspiriert und wird mit heutigen, populären Heldenepen verwoben: James Bond jagt einen lokalen Mythos, eine örtliche Schnapsbrennerei dient als Schmuggellager einer Mafiagang etc. Aus dieser Arbeitsweise ist in Heersum sogar ein „Heimatmuseum“ hervorgegangen, das die reale Dorfgeschichte mit den fiktiven Geschichten der Theaterprojekte versetzt.
  3. Zeitlicher Rahmen - Die Wanderung des Publikums darf nicht zu kurz oder zu lang sein. Sie muss einerseits dem Publikum das Gefühl geben, wirklich unterwegs zu sein, darf andererseits eine bestimmte Zeit nicht überschreiten. Erfahrungsgemäß dauert ein solches Ereignis ca. drei bis vier Stunden, die zurückgelegte Strecke liegt zwischen einem und fünf Kilometern. Die Zuschauer können sich während der Aufführung unterhalten, gemeinsam ihr mitgebrachtes Vesperbrot verzehren etc., das sorgt für eine entspannte Atmosphäre, nimmt Druck von den nicht-professionellen Darstellern und fördert das gemeinsame Erleben.
  4. Dynamik und Rhythmus - Wichtig ist es, das Publikum in Bewegung zu halten. Man sollte unterwegs nie länger als eine Viertelstunde verweilen. Die Zuschauer sitzen auf ausgeteilten Hockern und suchen sich ihren Platz selbst. Um die Geschichte gut zu Ende zu erzählen, kann man das Publikum zum Schluss maximal eine dreiviertel Stunde Platz nehmen lassen. Das 'gesetzte’ Finale bündelt und verdichtet die Geschichte, die erzählt wird.
  5. Ensemble - Das andere Volkstheater sollte immer ein Generationentheater sein, d.h. die Mitspieler - das Wort Laien sollte man in diesem Zusammenhang vermeiden - setzen sich im Idealfall aus sämtlichen Generationen zusammen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen. Der Zuschauer sieht sich auf der Bühne repräsentiert. Das gemeinsame Erleben und die Identifikation mit dem Theaterevent werden entscheidend gefördert. Die Mitspieler sollten möglichst viel von sich selbst in ihre Rollen einbringen, so dass immer ein authentisches Moment in der Spielweise durchscheint. Die Anzahl der Mitspieler sollte sich im Optimalfall zwischen 50 und 200 bewegen. Der Einzelne soll nicht das Gefühl haben, in der ‚Masse’ zu verschwinden, andererseits muss aber auch der Reiz des ‚großen Theaterspektakels’ gewahrt werden. Alle nicht-professionellen Mitspieler arbeiten ehrenamtlich. Ihr hoher Einsatz kann nicht angemessen bezahlt werden.
  6. Profis - Der Haupthandlungsstrang sollte jedoch durch professionelle Schauspieler erzählt werden. Die Mischung der Mitspieler mit Profis fördert den künstlerischen Prozess und vermeidet beim Publikum den Eindruck, lediglich Zuschauer eines soziokulturellen Theaterversuchs zu sein.
  7. Zielgruppe - Der Inhalt muss zugänglich sein für alle Altersstufen und sozialen Schichten. Familien, Gruppen, Paare, Einzelne – alle sind eingeladen.
  8. Größe und Distanz - Die Gesamtdimension des Theaterevents sollte im Rahmen bleiben, das andere Volkstheater sollte nicht kommerzialisiert werden (wie die „Karl-May-Festspiele“ in Bad Segeberg, oder die „Störtebeker-Festspiele“ auf Rügen). Die Zuschauerzahl sollte auf maximal (!) 500 begrenzt werden, besser sind 200 - 300. Die Distanz zu den Schauspielern sollte, sofern sie wichtige Dialoge haben, gewährleisten, dass man ohne Technik und Mikroports auskommt. Die Zuschauer sollten in der Lage sein, die 'Sitzordnung’ an den jeweiligen Spielorten selbst zu organisieren. Das zentrale Ziel des Events ist es, 'Wärme’ zu vermitteln, Nähe zwischen Akteuren und Publikum, aber auch innerhalb des Publikums und zwischen den verschiedenen Darstellern.
  9. Anspruch und Wirkung - Unbedingt ist der pädagogische Zeigefinger zu meiden. Das Stück sollte keinen falschen Kunstanspruch vermitteln, sich vielmehr zwischen Anarchismus und Bodenständigkeit bewegen. Die Zuschauer sollten ein paar Stunden lang richtig Spaß haben und dabei das Gefühl haben, ganz nah dran zu sein.
  10. Wettbewerber - Die Konkurrenz mit konventionellen Theaterbühnen sollte erst gar nicht entstehen. Der Zuschauer muss etwas erleben, das im Stadt- und Staatstheater nicht erlebt werden kann. Die Einmaligkeit des Events entsteht durch die oben genannten Aspekte.

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Die Heersumer Festspiele in Niedersachsen gibt es seit 1992, mit jährlich 12 Aufführungen ziehe sie bundesweit 6000 Zuschauer in die Gemeinde Holle. Weitere Informationen unter www.forumheersum.de

Rückblick:
„Rache für Rosa“ (1993), „Rübe Null“ (1996), „Hakelmann (1998), „Aste Rix in Astenbeck“ (2000), „Bördianer Jones“ (2001), „Desperados“(2002), „Meersum“ (2003), „Heindi“ (2004), „Bulls“ (2005)

Vorschau:
Mit "Bulls" bescherte das Forum Heersum dem Landkreise Hildesheim einen sizilianischen Sommer 2005. Die „Bulls“-Geschichte endete mit der Geburt des Patenenkels Olav. Kaum war er geboren, erbte er schon das gewaltige Vermögen des alten SymPaten. Bevor nun das Forum Heersum ein neues Thema beackert, wollen viele Zuschauer und Mitwirkende im Sommer 2006 erst mal erfahren, was Olav mit seinem Reichtum anfangen wird. Und so wird jetzt im Winter der alte Fiat 500 aus "Bulls" vergoldet und mit Sternchen verziert. Im Sommer fährt Olav damit auf die Bühne - und in Nadelstreifenschlaghose wird er Ihnen und Euch ein Angebot machen, das Sie nicht ablehnen können…

Aufführungstermine (Änderungen vorbehalten):
8. Juli (Premiere), weitere Aufführungen: 9./15./16./22./23. Juli, 26./27./ August, 2./3./9./10. September 2006 (samstags 16 Uhr, sonntags 10 Uhr)

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