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"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft
Heft 1 / 2006
Regeln
für ein anderes Volkstheater
von Uli Jäckle
Wie funktioniert dieses merkwürdige Landschaftstheater,
Generationentheater, Trekkingtheater, Openairtheater,
Volkstheater, das sehr erfolgreich seit 15 Jahren
mit bis zu 250 nicht-professionellen Akteuren und
500 Zuschauern je Vorstellung Heersum und die umliegenden
Dörfer der Hildesheimer Börde bespielt?
Gibt es ein Regelwerk? Gibt es ein Erfolgsrezept?
Der Regisseur Uli Jäckle nennt zehn für
ihn grundsätzliche und praxiserprobte Aspekte
dieses anderen Volkstheaters:
- Landschaft und Bühne - Das
andere Volkstheater verlässt die Bühne,
ist Trekkingtheater, Wandertheater, ein Theater
das sich auf der Höhe der Zuschauer befindet.
Wir gehen zum Bühnenbild hin. Das Bühnenbild
ist die Landschaft, ein Schloss, eine lokale architektonische
Gegebenheit, usw. Diese sollte nicht nur Kulisse,
sondern maßgeblich in die Handlung einbezogen
sein. Ein Theater in der Landschaft muss witterungsunabhängig
immer stattfinden können. Für das Finale
ist es jedoch unerlässlich für Regenschutz
zu sorgen, am besten einen Innenraum zu bespielen,
eine große Feldscheune, ein Schloss etc.
- Lokalbezug - Das Stück
wird durch die besonderen Gegebenheiten und Geschichten
der Orte vorgegeben. Die Fabel ist von lokalen Ereignissen
inspiriert und wird mit heutigen, populären
Heldenepen verwoben: James Bond jagt einen lokalen
Mythos, eine örtliche Schnapsbrennerei dient
als Schmuggellager einer Mafiagang etc. Aus dieser
Arbeitsweise ist in Heersum sogar ein „Heimatmuseum“
hervorgegangen, das die reale Dorfgeschichte mit
den fiktiven Geschichten der Theaterprojekte versetzt.
- Zeitlicher Rahmen - Die Wanderung
des Publikums darf nicht zu kurz oder zu lang sein.
Sie muss einerseits dem Publikum das Gefühl
geben, wirklich unterwegs zu sein, darf andererseits
eine bestimmte Zeit nicht überschreiten. Erfahrungsgemäß
dauert ein solches Ereignis ca. drei bis vier Stunden,
die zurückgelegte Strecke liegt zwischen einem
und fünf Kilometern. Die Zuschauer können
sich während der Aufführung unterhalten,
gemeinsam ihr mitgebrachtes Vesperbrot verzehren
etc., das sorgt für eine entspannte Atmosphäre,
nimmt Druck von den nicht-professionellen Darstellern
und fördert das gemeinsame Erleben.
- Dynamik und Rhythmus - Wichtig
ist es, das Publikum in Bewegung zu halten. Man
sollte unterwegs nie länger als eine Viertelstunde
verweilen. Die Zuschauer sitzen auf ausgeteilten
Hockern und suchen sich ihren Platz selbst. Um die
Geschichte gut zu Ende zu erzählen, kann man
das Publikum zum Schluss maximal eine dreiviertel
Stunde Platz nehmen lassen. Das 'gesetzte’
Finale bündelt und verdichtet die Geschichte,
die erzählt wird.
- Ensemble - Das andere Volkstheater
sollte immer ein Generationentheater sein, d.h.
die Mitspieler - das Wort Laien sollte man in diesem
Zusammenhang vermeiden - setzen sich im Idealfall
aus sämtlichen Generationen zusammen: Kinder,
Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen. Der Zuschauer
sieht sich auf der Bühne repräsentiert.
Das gemeinsame Erleben und die Identifikation mit
dem Theaterevent werden entscheidend gefördert.
Die Mitspieler sollten möglichst viel von sich
selbst in ihre Rollen einbringen, so dass immer
ein authentisches Moment in der Spielweise durchscheint.
Die Anzahl der Mitspieler sollte sich im Optimalfall
zwischen 50 und 200 bewegen. Der Einzelne soll nicht
das Gefühl haben, in der ‚Masse’
zu verschwinden, andererseits muss aber auch der
Reiz des ‚großen Theaterspektakels’
gewahrt werden. Alle nicht-professionellen Mitspieler
arbeiten ehrenamtlich. Ihr hoher Einsatz kann nicht
angemessen bezahlt werden.
- Profis - Der Haupthandlungsstrang
sollte jedoch durch professionelle Schauspieler
erzählt werden. Die Mischung der Mitspieler
mit Profis fördert den künstlerischen
Prozess und vermeidet beim Publikum den Eindruck,
lediglich Zuschauer eines soziokulturellen Theaterversuchs
zu sein.
- Zielgruppe - Der Inhalt muss
zugänglich sein für alle Altersstufen
und sozialen Schichten. Familien, Gruppen, Paare,
Einzelne – alle sind eingeladen.
- Größe und Distanz -
Die Gesamtdimension des Theaterevents sollte im
Rahmen bleiben, das andere Volkstheater sollte nicht
kommerzialisiert werden (wie die „Karl-May-Festspiele“
in Bad Segeberg, oder die „Störtebeker-Festspiele“
auf Rügen). Die Zuschauerzahl sollte auf maximal
(!) 500 begrenzt werden, besser sind 200 - 300.
Die Distanz zu den Schauspielern sollte, sofern
sie wichtige Dialoge haben, gewährleisten,
dass man ohne Technik und Mikroports auskommt. Die
Zuschauer sollten in der Lage sein, die 'Sitzordnung’
an den jeweiligen Spielorten selbst zu organisieren.
Das zentrale Ziel des Events ist es, 'Wärme’
zu vermitteln, Nähe zwischen Akteuren und Publikum,
aber auch innerhalb des Publikums und zwischen den
verschiedenen Darstellern.
- Anspruch und Wirkung - Unbedingt
ist der pädagogische Zeigefinger zu meiden.
Das Stück sollte keinen falschen Kunstanspruch
vermitteln, sich vielmehr zwischen Anarchismus und
Bodenständigkeit bewegen. Die Zuschauer sollten
ein paar Stunden lang richtig Spaß haben und
dabei das Gefühl haben, ganz nah dran zu sein.
- Wettbewerber - Die Konkurrenz
mit konventionellen Theaterbühnen sollte erst
gar nicht entstehen. Der Zuschauer muss etwas erleben,
das im Stadt- und Staatstheater nicht erlebt werden
kann. Die Einmaligkeit des Events entsteht durch
die oben genannten Aspekte.
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Die Heersumer Festspiele in Niedersachsen gibt es
seit 1992, mit jährlich 12 Aufführungen
ziehe sie bundesweit 6000 Zuschauer in die Gemeinde
Holle. Weitere Informationen unter www.forumheersum.de
Rückblick:
„Rache für Rosa“ (1993), „Rübe
Null“ (1996), „Hakelmann (1998), „Aste
Rix in Astenbeck“ (2000), „Bördianer
Jones“ (2001), „Desperados“(2002),
„Meersum“ (2003), „Heindi“
(2004), „Bulls“ (2005)
Vorschau:
Mit "Bulls" bescherte das Forum Heersum
dem Landkreise Hildesheim einen sizilianischen Sommer
2005. Die „Bulls“-Geschichte endete mit
der Geburt des Patenenkels Olav. Kaum war er geboren,
erbte er schon das gewaltige Vermögen des alten
SymPaten. Bevor nun das Forum Heersum ein neues Thema
beackert, wollen viele Zuschauer und Mitwirkende im
Sommer 2006 erst mal erfahren, was Olav mit seinem
Reichtum anfangen wird. Und so wird jetzt im Winter
der alte Fiat 500 aus "Bulls" vergoldet
und mit Sternchen verziert. Im Sommer fährt Olav
damit auf die Bühne - und in Nadelstreifenschlaghose
wird er Ihnen und Euch ein Angebot machen, das Sie
nicht ablehnen können…
Aufführungstermine
(Änderungen vorbehalten):
8. Juli (Premiere), weitere Aufführungen: 9./15./16./22./23.
Juli, 26./27./ August, 2./3./9./10. September 2006
(samstags 16 Uhr, sonntags 10 Uhr)
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