"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 06

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2006

Der Schritt vom Wege – Schauspielkunst jenseits der Perfektion
Vortrag von Jens Roselt

Theater des Sozialen. Der Titel der Tagung provoziert geradezu die Frage, was denn sonst? Gibt es auch ein Theater des A-Sozialen oder gar a-soziales Theater? Im Lichte des Programms dieser Tagung darf es wohl als ausgemacht gelten, dass sich Theater schon durch seine Ereignishaftigkeit und die gleichzeitige Anwesenheit von Akteuren und Zuschauern als Ort des Sozialen ausweist, und also nicht erst oder nur durch das, was auf der Bühne dargestellt werden mag.

Ich muss gestehen, dass ich als Theatergänger manchmal den Verdacht habe, ein extrem a-sozialer Zuschauer zu sein. Ich kann auf die anderen gut verzichten. Vor zwei Wochen war ich bei FAUST II im Deutschen Theater. Es war furchtbar. Die Aufführung beginnt mit einem beeindruckenden stillen Moment. Auf der Bühne wird ein Tableau gestellt und minutenlang gehalten, ohne ausdrückliche Bewegungen und ohne wörtliche Rede der Schauspieler. Der Schauspieler! Leider nicht der Zuschauer. Es reicht nicht, dass die anderen Zuschauer sich etwas denken, sie müssen es ihrem Sitznachbarn auch noch zuflüstern, und zwar so, dass es möglichst noch ein paar andere hören. „Erst fangen sie zu spät an und jetzt reden sie nicht.“ Kommentare und Bemerkungen, für die ich als Theaterwissenschaftler äußerst dankbar sein muss, weil sie etwas über die Interaktion von Bühne und Publikum, über Erwartungen usw. sagen – als Zuschauer finde ich es einfach nur blöd, mir das anhören zu müssen. Von dem ständigen Geschnäuze, Geröchel und Gestinke meiner Sitznachbarn umwabert, erscheint es mir manchmal, als ob der ideale Zuschauer doch Ludwig II. von Bayern mit seinen Separatvorstellungen war. Sie merken sicher, während ich mich so in Rage rede, bin ich dem Theater als Ort des Sozialen längst auf den Leim gegangen. Ich berichte von dieser eigentümlichen Erfahrung des Sozialen, nicht um meine privaten Idiosynkrasien vor Ihnen breitzutreten, sondern um auf einen Aspekt aufmerksam zu machen, um den es mir heute geht: Sozial sein heißt sich in Zusammenhang mit anderen zu erleben, auf andere angewiesen oder gar ihnen ausgeliefert zu sein. Im Theater ist die Erfahrung des Sozialen häufig verbunden mit einer mitunter als unangenehm empfundenen Nähe, der man sich kaum entziehen kann und in der trainierte Praktiken kritischer Distanzierung ihre Wirkung verlieren. Dort wo sich Gemeinschaften konstituieren, sind auch Ausschlüsse und Abgrenzungen am Werke. Insofern ist es kein Zufall, dass ich eben von mir und ‚den anderen’ Zuschauern gesprochen habe, mit denen ich mich eben nicht gemein machen wollte.
Die markante Erfahrung, im Theater als einem Ort des Sozialen von anderen in Anspruch genommen zu werden, machen nicht nur Zuschauer, sondern auch die Schauspieler. Und wenn wir Theater als Ort des Sozialen feiern, sollten wir auch von den Grenzerfahrungen sprechen, die an den Rändern theatraler Gemeinschaften gemacht werden. Dieser Dimension des Sozialen möchte ich heute nachgehen und ich beginne mit einer (unangenehmen) Theaterszene, die die meisten von Ihnen sicher auch gesehen haben.

Fremdkörper auf der Bühne: „Erniedrigte und Beleidigte“
Es geht mir um eine Szene in Frank Castorfs Inszenierung von Dostojewskis Erniedrigte und Beleidigte. Ich meine den Auftritt der Figur Katja, die von Irina Potapenko gespielt wird. Das Erscheinen Katjas im Spiel und leibhaftig auf der Bühne wird sukzessive vorbereitet. Zunächst ist von ihr nur in den Äußerungen der übrigen Figuren die Rede, dann sieht man sie auf einer Leinwand als Videoübertragung und schließlich tritt die Darstellerin selbst auf, vor das Publikum zwischen die anderen Schauspieler. Katja ist wunderschön, dennoch kann ihr Anblick unangenehm sein. Denn die Darstellerin ist keine professionelle Schauspielerin, worauf vor allem zwei Aspekte verweisen: Man hört, dass sie keine ausgebildete Stimme hat, und ihr Körper dient erkennbar nicht als virtuoses Ausdrucksinstrument, dass innere psychische oder seelische Zustände transparent machen kann, sondern sie bemüht sich redlich, durch stereotype Armbewegungen und unkontrolliertes Vor- und Zurücktippeln, neben den Volksbühnenprofis zu bestehen.
Im Moment, da sie vor das Haus und damit auch vor das Publikum tritt, geht im Zuschauerraum das Saallicht abrupt an. Die Zuschauer können sich und die Reaktion der anderen Zuschauer sehen bzw. erleben sich selbst als beobachtet. Man kann beobachten, wie sie die Köpfe zusammenstecken und tuscheln. Das verunsicherte Publikum macht so eine eigentümliche Erfahrung: Die junge Frau lässt ihre professionellen Mitspieler ziemlich alt aussehen, obwohl sie eigentlich gar nichts macht, was man im engeren Sinne als perfektes Schauspielen bezeichnen würde. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, die Darstellerin wird hier einer Situation ausgesetzt, der sie nicht gewachsen ist. Dieser Beigeschmack bleibt, obwohl ich mir natürlich sofort einrede: Das macht die doch freiwillig, das hat die doch geprobt, dafür bekommt die doch Geld. Dennoch bin ich in dieser Situation als Zuschauer beschämt. Der Fremdkörper auf der Bühne hat nicht nur das Spiel der anderen Schauspieler und die eigene Wahrnehmung verfremdet.

Gegenwärtig, in einer Zeit, in der von der Theatralisierung und Medialisierung des Alltags die Rede ist, kann man solche Situationen immer häufiger erleben. Die Rede ist von einem Theater, das konfrontiert und erschreckt; es bildet das wahre Leben nicht ab, sondern schafft wahre Momente der Irritation oder Beschämung und sucht die Auseinandersetzung mit Räumen, Geschichten und Körpern, die sich einer vollkommenen Kontrolle und Verfügungsgewalt entziehen. Es geht dabei nicht um die Herstellung einer perfekten Illusion, sondern um eine ästhetische Praxis, die sich nicht nur als Kreation verstehen lässt, sondern auch als Konfrontation, Eingriff und Auswahl. Theater, das seine Zuschauer dergestalt in Anspruch nimmt, kann eine Zumutung sein, der man mit gängigen Bewertungskriterien wie gut, überzeugend oder nachvollziehbar schwer beikommen kann.

Geschichte des Nicht-Professionellen
Immer häufiger sieht man (bzw. sehe ich) auf Bühnen Ensembles, die auf Profis ganz verzichten, in denen also Darsteller auftreten, die erkennbar keine körperliche und stimmliche Ausbildung für das Theater haben. Schnell werden diese Ensembles durch die sozialen Gruppen definiert, denen ihre Akteure angehören. Zu denken ist an die Arbeit mit geistig und körperlich Behinderten, das Theater mit Alten, Obdachlosen oder Strafgefangenen. Der Vielfalt an Projekten, Ambitionen, Motivationen und Ergebnissen wird eine solche theoretische Stigmatisierung nicht gerecht. Ich möchte auch vorwegschicken, dass die Arbeit mit nicht-professionellen Darstellern zunächst nichts Neues ist. Wahrscheinlich haben wir alle während unserer Schulzeit Theater gespielt oder anderweitig das gemacht, was gerne und etwas despektierlich als Laienspiel bezeichnet wird. Auch die Arbeit mit bestimmten Berufsgruppen hat es, wie beim Lehrlingstheater, schon in den 70er Jahren gegeben. Neu erscheint mir aber, dass die angesprochenen Arbeiten gegenwärtig weniger sozial-pädagogischen Zielen verpflichtet sind als mehr explizit ästhetischen, weshalb sich nicht nur Regisseure, sondern auch Performancekünstler immer häufiger für die Arbeit mit nicht-professionellen Darstellern interessieren. Es stellt sich deshalb die Frage: Was haben diese Darsteller, was die Profis nicht haben – oder anders formuliert: Was haben sie zu wenig, was die ausgebildeten Schauspieler vielleicht zu viel haben? Man kann annehmen, die Nicht-Professionalität der Darsteller ist kein Mangel, mit dem es umzugehen gilt oder der kaschiert werden müsste, sondern ein Pfund, mit dem gewuchert werden kann.

Das Beispiel zeigt auch, wie breit das Spektrum ist. Der Auftritt einer nicht-professionellen Darstellerin im Theater der Profis kann sicher nicht gleichgesetzt werden mit der Theaterarbeit, die mit verschiedenen anderen sozialen Gruppen gemacht wird. Und dennoch, was diese Entwicklung in Hinblick auf die Ästhetik des zeitgenössischen Theaters in gewisser Weise gemein hat, ist ein deutliches Interesse zur Arbeit am Nicht-Perfekten. Was ist damit gemeint?

Arbeit am Nicht-Perfekten
Die Arbeit am Perfekten impliziert das Ideal des Abschlusses, der Vollständigkeit oder Vollkommenheit. Das Perfekte ist fertig, es hat Anfang und Ende bzw. einen definierten Verlauf, und es unterstellt Bewertungs- oder Qualitätskriterien, die sich als objektiv nachvollziehbar verstehen. Perfektion ist also immer auf Normen bezogen, die gesellschaftlich tradiert werden. Wer von Perfektion spricht, akzeptiert diese Normen.

Die Arbeit am Nicht-Perfekten meidet nicht nur das Ideal der Vollendung; vielmehr wird die Orientierung des Menschen und seiner Darstellung in Hinblick auf ein verbindliches Ideal selbst suspekt. Inkonsequenz, Widersprüchlichkeit, formale Heterogenität, Unfertigkeit und Offenheit werden geradezu gesucht. Der Eindruck oder der Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt, kann eine markante Erfahrung von Zuschauern sein, die sich in Fragen ausdrückt wie: Ist das Absicht? Ist das ironisch gemeint? Wissen die Darsteller, was sie tun bzw. was man mit ihnen tut? Spielen die absichtlich so schlecht? Machen die das freiwillig? Die Arbeit am Nicht-Perfekten verunsichert, indem sie konventionelle, an der Perfektion ausgerichtete Bewertungskriterien in Frage stellt, ignoriert oder lustvoll gegen sie verstößt. Angesichts des Nicht-Perfekten stellt sich die Frage danach, worin die Qualität schauspielerischer Arbeit überhaupt besteht bzw. wovon Zuschauer eigentlich in Bann geschlagen sind, wenn sie einen Menschen auf der Bühne beobachten. In Hinblick auf eine Ästhetik des Nicht-Perfekten sind insbesondere zwei Aspekte zu beachten: Biografie und Körper.

Erwerbslosigkeitsbiografien: „Sabenation“
Man kann eine nachhaltige Beschäftigung mit Biografien und vor allem mit den eigenen Biografien der Darsteller feststellen. Dabei geht es nicht um Rollenbiografien dramatischer Personen, in die sich die Darsteller einfügen, sondern um eine Verschachtelung inszenierter Vorgaben und tatsächlicher Lebenszusammenhänge. Das eigene Leben kann gewissermaßen als Paradigma (Grundmodell) des Nicht-Perfekten gelten, denn solange man lebt, ist es unabgeschlossen, nicht fertig und offen für Veränderungen, die mitunter als unangenehme Einschnitte erfahren werden – eben als etwas, was dazwischen kommt.

Ein Beispiel dafür sind die Arbeiten der Gruppe Rimini Protokoll, deren Produktion „Sabenation“ im Berliner Theater Hebbel am Ufer 2004 zu sehen war. Die Gruppe arbeitet vornehmlich mit unterschiedlichen Berufsgruppen, mit so genannten Profis des Alltags. Ausgangsmaterial dieser Arbeit ist der Konkurs der belgischen Fluggesellschaft Sabena im Jahr 2001. Auch hier schafft der tatsächliche Firmenzusammenbruch Wirklichkeit als Riss oder Abbruch der so genannten Erwerbsbiografie, und es stellt sich die Frage, ob es auch eine Erwerbslosigkeitsbiografie gibt. Für diejenigen von Ihnen, welche die Aufführung nicht kennen, mag das im ersten Moment recht traurig oder melancholisch klingen, Menschen, die davon berichten, dass Arbeitslosigkeit keine tolle Sache ist, und durch ihren Auftritt weniger Bewunderung als mehr Mitleid ernten. Doch diese Erwartung wird durch die Aufführung raffiniert gestört. Was passiert auf der Bühne?
Sechs ehemalige Sabena-Mitarbeiter sind die Darsteller auf der Bühne. In der Aufführung berichten sie von ihrem Leben vor, bei und nach Sabena. Sie stellen sich und ihren Werdegang dem Publikum vor oder werden von anderen Darstellern eingeführt. Gleichzeitig werden über eine Videoleinwand Informationen (wie Passfotos) zugespielt. Die Art und Weise, wie die Darsteller mit der Bühnensituation vor Publikum umgehen, ist unterschiedlich. Während beispielsweise einer (Kris Depoorter) verschlossen wirkt, sich kaum oder nur verhalten an die Zuschauer wendet, scheint ein anderer (Peter Kirschen) die Situation vor Publikum zu genießen; man nimmt ihm ab, dass es ihm Spaß macht von sich zu erzählen. Betrachtet man Theater als Ort des Sozialen, wird es interessant zu beobachten, wie sich die Beteiligten in oder zu dieser sozialen Situation verhalten. Die ungewohnte Situation der Präsentation vor einem Publikum produziert gewissermaßen ganz unterschiedliche Präsenzen der Darsteller.

Indem alle drei Zeitebenen (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) angesprochen werden, erscheint Biografie so als ein fragiler Zwischenzustand, der stets Veränderungen erfahren kann. Man hört von den Zielen, Wünschen und Enttäuschungen der Personen, von ihrem Alltag in der Arbeitslosigkeit und von ihrem Stolz, Teil von Sabena gewesen zu sein. Die vorherrschende Darstellungsform der Aufführung ist der Bericht und die Ansprache an das Publikum. Als Zuschauer bin ich davon ausgegangen, dass die geschilderten Erlebnisse und Gefühle tatsächlich auf die jeweiligen Darsteller zurückgehen. Gewissheit gibt es darüber freilich nicht; es bleibt immer ein Verdacht, doch für mich war diese Annahme die Grundlage meiner Wahrnehmung. Trotzdem kann nicht die Rede davon sein, dass die Darsteller sich hier selbst oder ihr Leben spielen. Eine nahezu pathetische Größe erlangen die Personen auf der Bühne nämlich nicht, weil sie uns so glaubhaft ihr Leid klagen bzw. alles tatsächlich erlebt haben und so klarmachen, dass Arbeitslosigkeit eine schlimme Sache ist, sondern weil sie stets eine Distanz zu ihrer eigenen Geschichte wahren. Sie schaffen sich damit einen Handlungsspielraum und eine Eigenmächtigkeit, die ihnen durch den tatsächlichen Konkurs gerade entzogen worden war.

In der Aufführung wird diese Distanz auch dadurch hergestellt, dass die Darsteller in einem verhältnismäßig engen Inszenierungsrahmen agieren. Jeder von ihnen vollzieht bestimmte geprobte Aktionen, die wiederholt werden können und choreographiert sind. Dieser ästhetische Rahmen macht klar, dass es nicht darum geht, wahres Leben abzubilden oder vorzuspielen, obwohl es auch ausdrücklich spielerische Szenen gibt.

Der unfertige Körper: „Schwarz Rot Gold“
Damit komme ich zum zweiten Aspekt der Arbeit am Nicht-Perfekten: der Beschäftigung mit dem Körper. Auch der Körper ist nie fertig oder abgeschlossen. In jedem Moment einer Aufführung schwitzt und atmet er. Während professionelles (perfektes) Schauspielen den Körper als virtuoses Ausdrucksinstrument trainiert, sucht das Nicht-Perfekte eher die körperlichen Widerstände und Grenzen auf und macht diese erfahrbar. Besonders deutlich wird diese Dimension im Moment der Überforderung; zu denken ist an die stimmliche Überlastung, die Unfähigkeit einen Text auswendig zu lernen oder frei vorzutragen.

Dass die Faszination, die vom Körper des Darstellers ausgeht, nicht nur zum Tragen kommt, wenn dieser scheitert oder überfordert ist, war in dem Einar Schleef Projekt „Schwarz Rot Gold“ zu sehen, das Peter Atanassow 2004 im Rahmen der Theatergruppe aufBruch mit Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel inszeniert hat. (Wobei ich auch nicht zu sagen weiß, ob ein Gefängnis nun ein extrem sozialer oder ein extrem unsozialer Ort ist.) Schon dieser Aufführungsort ist ein realer Bezugspunkt, der so manchem Zuschauer ziemlich irreal angemutet haben mag. Der Eintritt durch Sicherheitsschleusen ist ein Ereignis, bei dem jeder aufgefordert ist, auch noch das letzte Tempotaschentuch aus seinen Taschen zu kramen, und vor allem jederzeit den Anweisungen der Justizvollzugsbeamten Folge zu leisten hat. (Ähnlich wie bei dem unfreiwilligen Zusammentreffen mit den Bodyguards beginnt ein Spiel mit Sicherheit und Verunsicherung. Diesmal waren es keine echt spielenden Bodyguards, sondern Justizvollzugsbeamte, die, wie ich inständig hoffte, echt waren und die das Publikum auf Schritt und Tritt begleiteten.) Beim Einzug in den dritten Vorhof kam es zu einer merkwürdigen Situation. Die Zuschauergruppe, zu der ich gehörte und die sich vor dem Gefängnis noch Gedanken darüber gemacht hatte, ob man hier nicht einem voyeuristischen Spektakel beiwohnen würde, musste feststellen, dass sie gerade selbst das Objekt der Schaulust anderer war. Hinter den vergitterten Fenstern standen nämlich Gefangene; es waren die Darsteller, die schon auf uns gewartet hatten, um ihre zukünftigen Zuschauer in Augenschein zu nehmen. Und die Frau hinter mir sagte zu ihrem Begleiter: Ich will nicht, dass die gucken.

Anders als bei „Sabenation“ werden die Biografien der Darsteller in der Inszenierung des Schleef-Projektes nicht ausdrücklich thematisiert; die Inhaftierten erzählen nicht aus ihrem Leben, sondern spielen Rollen (etwa Schleef oder Hamlet). Dennoch war dieser biografische Aspekt für meine Wahrnehmung nicht unerheblich; der Gedanke, dass die Darsteller Gefangene waren, tauchte immer wieder auf. Die Inszenierung hat mit dieser Dimension auch subtil gespielt. Etwa wenn Herr/Knecht-Szenen gestellt werden, martialische Posen eingenommen werden und chorische Formationen stimm- und körpermächtig ausgeführt werden. Innerhalb einer relativ strengen formalen Choreografie, die professionellen Schauspielern am Stadttheater womöglich schwerer gefallen wäre als der Truppe von aufBruch, zeigen die Darsteller nicht nur erstaunliches Bewusstsein für stimmlichen und körperlichen Ausdruck, sondern auch deutliches Gefallen an der eigenen Präsenz.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne von einem Moment zu Beginn der Aufführung erzählen. Nachdem wir Zuschauer Platz genommen hatten, wurde die übliche Einlassunruhe jäh unterbrochen. Obwohl die Saaltür noch geöffnet war und noch das Einlasslicht eingeschaltet war, wurde es abrupt mucksmäuschenstill. Was war geschehen? Eine Gruppe Männer war im Raum erschienen und produzierte eine Form von Präsenz, die durch einen souveränen körperlichen Habitus getragen wurde, und schlagartig alle Aufmerksamkeit im Raum absorbierte. Was die Herren sichtlich genossen und womit sie virtuos zu spielen vermochten, als hätten sie gerade ein Trainingsprogramm an der Ernst-Busch-Schule absolviert. Es stellte sich dann heraus, dass es gar keine Darsteller waren, sondern Inhaftierte, die die leeren Zuschauerplätze auffüllen sollten und die selber nicht wussten, was ihnen in der Folge geboten wurde. Es vermittelte sich bei dem vermeintlichen Auftritt, dass diese Personen es gewohnt waren, in sozialen Sphären zu agieren, in denen der körperliche Auftritt eine andere oder größere Relevanz hat als bei den übrigen Theaterzuschauern.

Schauspielkunst als Technik
Der Körper des Schauspielers ist Voraussetzung sowie primäres Medium des Ausdrucks und zugleich von einer Materialität, die jede Darstellung begrenzt und ihr einen Widerstand entgegenstellt. Das Ideal der Schauspielkunst seit dem 18. Jahrhundert war es, diese immanente Widerständigkeit zu beherrschen und sie schon gar nicht die Zuschauer merken zu lassen. So wurde Schauspielen als eine Technik beschrieben, die erlernt werden kann. Die von Stanislavskij beschriebene psychophysische Wechselwirkung von Innen und Außen zielt gerade darauf ab, den Körper des Schauspielers transparent für innere Vorgänge zu machen, was sein Handeln nachvollziehbar werden lässt. Perfekte Schauspieler haben dabei ihren Körper zu beherrschen wie Musiker ihre Instrumente. Diese harmonische Instrumentalisierung durch technische Beherrschung erfährt durch das Nicht-Perfekte einen disharmonischen Beiklang. Diese Körper sind nicht ausschließlich beherrschbare Ausdrucksmedien und virtuose Instrumente, sondern führen den Eigensinn und die Widerständigkeit des Körpers vor, der eben nicht nur Mittel, sondern auch Hindernis sein kann. Auftritte des Nicht-Perfekten sprechen dem schauspielerischen Ideal von Kontrolle und Beherrschbarkeit des Körpers Hohn.

Subversive Praxis: „Aspiranten“
Die Arbeit am Nicht-Perfekten muss keineswegs immer nur grelle Effekte suchen, sondern vermag es mitunter auch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf subtile Weise zu verschieben. Das zeigt das Projekt „Aspiranten“, das das Regieduo Hofmann und Lindholm 2003 in Düsseldorf herausgebracht hat. Die Arbeit ist zusammen mit fünf Darstellern entstanden, die dabei das Ziel verfolgt haben, Handlungen als subversive soziale Lebenspraxis zu kreieren. Die Performer sind keine ausgebildeten Schauspieler. Sie sprechen sich mit ihren tatsächlichen Namen an. Ihr genaues Alter und ihre Berufe kenne ich nicht. Es könnte sich um Schulabgänger handeln. Die Performer treten den Zuschauern allerdings nicht als hin- und hergerissene, um ihre Identität ringende Spätpubertierende gegenüber, sondern als kontrolliert, souverän und entschlossen Handelnde.

Für die Beschreibung sind zwei Ebenen zu unterscheiden: die Ebene der durchgeführten Aktionen (subversive soziale Praxis), durch die die Handelnden in Kontakt mit der Umwelt treten, und die Ebene der eigentlichen Aufführung, die eine Art ‚inszeniertes Protokoll’ der Handlungen ist. Ein theoretisches Modell dafür ist Brechts Straßenszene, bei der es auch nicht darum geht, einen Vorgang vorzuführen, sondern von ihm zu berichten, wobei auch Brecht an Laien als Darsteller der Straßenszene dachte. Der Modus der Rede ist damit nicht der Bühnendialog, sondern die Ansprache an das Publikum. Von welchen Aktionen ist nun die Rede?

Alice erweitert die Produktpalette von Warenhäusern, ohne diese davon in Kenntnis zu setzen, d. h. sie sammelt Altkleider, versieht sie mit angesammelten Preisschildern und schmuggelt sie unerkannt in die entsprechenden Abteilungen der Kaufhäuser. Außerdem kauft sie Konservendosen, vertauscht zu Hause unmerklich deren Etiketten und stellt die Pfirsichdose mit den Ravioli dann wieder ins Regal des Geschäfts.
Jenja sagt von sich, dass sie Grauzonen innerhalb funktionierender Systeme erkennt, um sie für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Konkret heißt dies: Sie kauft in Boutiquen ein, trägt die Kleider einmal, zeigt sich mit ihnen und tauscht sie dann wieder um. Außerdem versetzt sie gekaufte Hautcremes mit den Haaren eines Bekannten, um die Produkte dann zu reklamieren.
Sebastian hat es auf das Bankwesen abgesehen. Er beschäftigt sich mit dem System, indem er es beschäftigt, d. h. Sebastian eröffnet bei einer Vielzahl von Banken kostenlose Girokonten und löst mittels eines einmal eingezahlten Betrages eine virtuose Lawine von Überweisungen aus. Schließlich lässt er sich den Betrag wieder auszahlen und löst die Konten auf. Außerdem fälscht er die Spielanweisungen von bekannten Gesellschaftsspielen, nimmt eigene Ergänzungen an ihnen vor und tauscht sie dann in Spielwarengeschäften mit den Originalen aus. Es befindet sich dann im Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel eine Anleitung mit der Überschrift: „Mensch ärgere dich nicht. Ein Kampf der Kulturen.“ Oder das Spiel Risiko wird mit Aussagen von G. W. Bush komplettiert („Dieser Krieg wird viele Wendungen nehmen, die wir nicht vorhersagen können. Wir kämpfen, wie wir immer kämpfen…“)
Von Robert schließlich heißt es, dass er die Wahrnehmung erforscht und dabei insbesondere den Konsens, der darüber zu herrschen scheint, untersucht. Hierzu protokolliert er akribisch seine Wahrnehmungen zwischen Aufstehen und Schlafengehen.

Es geht bei diesen Handlungen nicht um raffinierte persönliche Bereicherung. Einige Aktionen kosten die Handelnden mehr als sie einbringen. In diesem pekuniären Sinne lohnt sich die Handlung nicht. Was bringt sie dann? Funktionierende soziale Systeme, Strukturen bzw. Institutionen werden bedient, benutzt, untersucht, beherrscht, ausgenutzt und unterwandert. Dabei weisen sich die Darsteller ihre Rollen selbst zu. Das Verhältnis des Einzelnen zu vorgegebenen Strukturen wird auch auf der Ebene der Aufführung selbst thematisch.

Die Darsteller sind in ein verhältnismäßig starres Formkorsett gestellt. Ihre Handlungsmuster folgen einem fast rituellen Ablaufplan. An der linken Bühnenseite hat jeder Darsteller einen eigenen Schreibtisch und eine Schachtel mit Unterlagen. Dort nehmen die Darsteller Arbeiten vor. Jeder ist dabei mit sich beschäftigt. Es wird bei allem auf strenge Ordnung geachtet. Teilweise werden Handlungen parallel oder gemeinsam ausgeführt. Zu einer bewusst gestalteten Interaktion, beispielsweise einem Gespräch untereinander, kommt es kaum. Man gewinnt den Eindruck, diese Menschen wissen, was sie tun; sie verstehen sich, ohne miteinander zu sprechen. Die Darsteller verzichten vollkommen darauf, ihre Eindrücke, Ängste oder Empfindungen mitzuteilen. Von Zweifeln oder Problemen ist gar nicht die Rede. Hier werden keine Gefühle ausgedrückt, sondern Handlungen zu Protokoll gegeben. Hierdurch gewinnen die Darsteller eine mitunter unheimliche Souveränität. Ihr Handeln erscheint konspirativ und man weiß nicht genau, ob von ihnen eine Bedrohung ausgeht oder ob man den kreativen Guerilla-Kampf eher belächeln soll. Insbesondere die Szene einer nachgestellten Gesprächsrunde lässt einen unsicher zurück: Hier erörtern die jungen Leute die Frage, ob man nachbarschaftlich organisierte Schutzgruppen aufstellen solle, um das Privateigentum zu sichern. Alle sind sich einig, dass dies eine gute Idee sei.
Gleichzeitig kann man aber beobachten, wie sehr sich die (nicht-professionellen) Darsteller daran abarbeiten, die Formvorgaben der Inszenierung zu erfüllen. Langsames, lautes und deutliches Sprechen, die Bewegungen auf der Bühne innerhalb abgezirkelter Wegstrecken, der Blick ins Publikum, ohne einzelne Zuschauer zu fixieren, der Umgang mit der eigenen Unsicherheit – all dies macht auch Mühe. Bühnenpräsenz ist nicht jedem der Akteure selbstverständlich.

Die Inszenierung macht auf dieser formal-darstellerischen Ebene körperlich erfahrbar, was sie inhaltlich in den Handlungsberichten beschreibt: Wie passt man sich in ein soziales System ein, ohne sich ihm gänzlich anzupassen? Eine Frage, vor der wahrscheinlich auch viele Schauspieler (und Dramaturgen) in ihrem sozialen System, nämlich dem Stadttheater, tagtäglich stehen. Während der Performance bleibt stets fraglich, ob die Performer die referierten Handlungen tatsächlich vollzogen haben. Obwohl die Darsteller Ort und Zeit ihrer Aktionen genau zu Protokoll geben, spielt diese Frage in anschließenden Publikumsdiskussionen eine große Rolle.
Schaulust und Zeigelust
Die Exaktheit und Konzentriertheit, mit der die Aspiranten-Performer auf der Bühne agieren, verweist auf einen Widerspruch, der der Arbeit am Nicht-Perfekten generell eigen ist: Wie kann man am Nicht-Perfekten arbeiten, wenn es nicht darum geht, es perfekt zu machen? Wenn Laiendarsteller auftreten, ist das Ziel der Arbeit nicht, ihren Dilettantismus zu kaschieren. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes jene Fremdkörper sein, die durch ihre Anwesenheit die gesamte Szene und deren Rezeption durch das Publikum verfremden.

Kategorien wie Charakter oder Verwandlung helfen kaum weiter, wenn sich Darsteller und Zuschauer solchen Situationen stellen. Das Nicht-Perfekte spielt mit dem Risiko des Scheiterns, der Gefahr der Peinlichkeit und des Bloßstellens. Mit einer Unterscheidung des amerikanischen Psychoanalytikers Léon Wurmser (1997, 258) kann man von zwei Grundimpulsen kulturellen Handelns sprechen: Theatophilie und Delophilie. Theatophilie ist das Verlangen zu beobachten, zu schauen und zu bewundern oder durch intensives Schauen das Beobachtete zu beherrschen oder sich mit ihm zu vereinigen. Während Delophilie dagegen die Zeigelust benennt, den Wunsch, sich auszudrücken, sich vor anderen zu inszenieren und so zu beeindrucken. Im Spannungsfeld dieser Impulse können Scham-Situationen entstehen, die das Verhältnis von Zuschauern und Darstellern bestimmen. Sich diese Scham nicht abtrainiert zu haben und sogar erfahrbar zu machen, mag eine weitere Leistung nicht-professioneller Darsteller sein. Wenn das Nicht-Perfekte seine Flanken zeigt, kann sich eine Art von Betroffenheit einstellen, die durch ironische Gesten der Überlegenheit schwer eingeholt werden kann. Zuschauer können dabei erfahren, dass es auf das Nicht-Perfekte keine ideale Perspektive geben kann. Das bedeutet auch: Im Theater des Nicht-Perfekten gibt es keine perfekten Zuschauer. Es bleibt fraglich, ob man das eigene Verhalten adäquat findet, ob man nicht lieber weggucken oder gehen sollte, ob man den eigenen Wunsch zu beobachten nicht zu zügeln hätte. Die Arbeit am Nicht-Perfekten ist immer eine Gratwanderung für Darsteller und Zuschauer, welche Voyeurismus und Exhibitionismus nicht meidet. Theater stiftet einen sozialen Ort, an dem Schamkonflikte und Krisen öffentlich ausgetragen werden, die sonst als Privatangelegenheit des Einzelnen reklamiert wenn nicht gar tabuisiert werden. Zuschauer sind so im Theater der Pein ausgesetzt, die sie auf den Bühnen des Alltags peinlichst zu vermeiden haben.

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