PERFORMATIVE KUNSTVERMITTLUNG
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Die WINTERAKADEMIE 1 am THEATER AN DER PARKAUE
Bericht von Sascha Willenbacher
Unter dem Titel SAGEN WIR WIR SIND DIE ZUKUNFT fand
am THEATER AN DER PARKAUE in der ersten Februarwoche
2006 eine Kunstprojektwoche statt. Wir nennen diese
Woche Akademie, weil die teilnehmenden Kinder und
Jugendlichen mit den Mitteln der ästhetischen
Forschung zu einem vorgegebenen spezifischen Thema
arbeiten. Unterstützt werden sie dabei von Künstlerinnen
und Künstlern sowie von Experten aus Wissenschaft
und Praxis. Die Winterakademie ist daher eine Kunstprojektwoche
und zugleich Ort des Austauschs von Wissen und Erfahrung.
Bei diesem Austausch gibt es keine Hierarchien. Wir
wollen die Perspektive und Wahrnehmung der Kinder
und Jugendlichen sowie ihre Erfahrungen sicht- und
hörbar machen.
Diese besondere Form der Auseinandersetzung geschieht
in so genannten Laboren. Die Labore unserer Akademie
verstehen wir als Versuchsanordnungen, denen die Teilnehmer
durch ihre Recherchen, Interviews, Beobachtungen,
Texte, Fotos und anderem Material konkrete Gestalt
geben – und dadurch natürlich verändern.
Das gesammelte Material wird zu einer Präsentation
verdichtet, wobei jeder Künstler Medium und Arbeitsweise
vorgibt.
In diesem Jahr waren die Kinder und Jugendlichen gefordert,
das Phänomen Stadt aus verschiedenen Perspektiven
zu untersuchen. In den folgenden neun Laboren haben
74 Kinder und Jugendliche im Alter von 8-18 Jahren
aus sehr unterschiedlichen Stadtteilen und sozialen
Kontexten künstlerisch gearbeitet:
Labor 1: SCHLIESSE DIE AUGEN BERLIN
/ Kerstin Fritzsche, freie Journalistin
Ausgestattet mit Aufnahmegerät und Mikrofon wurden
Geräusche aus der Stadt aufgenommen. In mehreren
Geräusch-Collagen entstand eine Soundscape Berlins,
eine akustische Visitenkarte. (Alter der TeilnehmerInnen:
8-13)
Labor 2: OBEN UND UNTEN / Steffi
Wurster, Bühnenbildnerin
In der höchsten Platte Lichtenbergs suchte das
Labor nach der Mitte. Was findet man genau in der
Mitte? Wer lebt dort und wie? Die Suche und die Interviews
wurden dokumentiert und mit den Fundstücken in
einer Installation zusammengeführt. (Alter der
TeilnehmerInnen: 9-13)
Labor 3: MEIN CENTER / Folke Köbberling,
Bildende Künstlerin
Center sind Flaniermeilen und Aufenthaltsräume.
Aber wie funktionieren sie? Wem gehören sie und
worin unterscheiden sie sich von ‚echten’
Marktplätzen? Mit diesen Fragen ging es zur Recherche
in einige Berliner Center. Heraus kam eine Performance-Lecture
sowie ein Center-Rap. (Alter der TeilnehmerInnen:
14-17)
Labor 4: STADT UTOPIA / Judith Kästner
und Christina Nägele, Bühnen- und Kostümbildnerinnen
In Lichtenberg wurden Wohnviertel einst so gebaut,
dass kleine Städte daraus wurden: nur fünf
Minuten bis zum Bäcker, zur Schule, zur S-Bahn.
Was ist aus den Wohnutopien geworden und wie sollen
wir in Berlins Zukunft leben? In lebensgroßen
Installationen und einer Führung stellte das
Labor seine Zukunftsideen vor. (Alter der TeilnehmerInnen:
13-15)
Labor 5: SPURENSICHERUNG / Maria
Wolgast, Szenografin
Am Beginn stand ein leeres Gebäude. Das Labor
sammelte Dokumente und interviewte Zeugen. Was hat
sich hier abgespielt? Welche Treffen fanden statt?
Am Ende der Woche führten die Kinder als Tatort-Guide
das Publikum mit Taschenlampen durch die gestalteten
Räume. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-12)
Labor 6: LICHTENBERG TANZT / Lara
Kugelmann, Tänzerin und Choreografin
Das Labor erkundete Alltagsbewegungen in Lichtenberg
und machte diese zur Grundlage von Choreographien.
(Alter der TeilnehmerInnen: 8-17)
Labor 7: WATCH BERLIN / Annett Gröschner,
Autorin
Die TeilnehmerInnen dieses Labors gingen durch die
Stadt. Wie eine Kamera machten sie Momentaufnahmen.
Nur dass sie selbst die Kamera waren und alle Beobachtungen
notierten- ohne Meinung und Vorwissen. Aus den Notizen
wurden Texte, die in Kombination mit Bildprojektionen
präsentiert wurden. (Alter der TeilnehmerInnen:
14-18)
Labor 8: LEBENSSTILE DER ZUKUNFT
/ Wolf Bunge, Regisseur
Das Labor untersuchte Parallelen zwischen dem Vorgang
des Stehlens und dem Spielen auf der Bühne. Hintergrund
war die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem,
was uns Werbung vorführt und dem, was wir uns
leisten können. Es entstanden kleine Szenen in
Kombination mit der Einspielung von Dokumentationsmaterial
aus der Woche. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-12)
Labor 9: VERSTECKTE STADT / Susanne
Sachsse und Tim Blue, CHEAP-Performer
Versteckte und ganz offensichtliche Orte wurden mit
der Kamera aufgesucht. Wichtig war, die Perspektive
der TeilnehmerInnen auf die Stadt einzufangen. Gebäude,
Leerstellen, Plätze gerieten vor das Objektiv
und wurden mit einer Musik kombiniert. Es entstanden
mehrere Musikclips, in denen die Stadt zur Projektionsfläche
eigener Vorstellungen wurde. (Alter der TeilnehmerInnen:
12-15)
Die bewusst angestrebte, heterogene Teilnehmerstruktur
hat außergewöhnliche Begegnungen ermöglicht:
zwischen den Teilnehmern, aber auch zwischen Teilnehmern
und Künstlern sowie den Laborteams und der Bevölkerung
von Berlin-Lichtenberg. Beeindruckend war die Ernsthaftigkeit,
mit der in allen Laboren gearbeitet wurde. Diese fand
sich in allen Laborpräsentationen wieder, so
dass auch hier eine gleiche Augenhöhe zum Publikum
hergestellt wurde: Weil sich die Kinder und Jugendlichen
mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Blick in den
Arbeiten artikulierten, wurden die Arbeiten ernst
genommen. Der Ansatz partizipatorischer Kunst eignet
sich aus genau diesem Grund für die theaterpädagogische
Arbeit: Es geht nicht darum, vorhandene Kunst und
Genres bzw. die Vorstellungen davon zu imitieren,
sondern mit dem, was vorhanden ist, zu arbeiten. Entscheidend
ist die Idee oder die Frage, die in einer Choreographie,
einem Modell, einer Szene sichtbar wird. Genau dies
ist in allen Laboren gelungen, und wir durften uns
darüber freuen, wie sehr sich anfänglich
verschlossene Kinder geöffnet haben, wie sich
Freundschaften bildeten und sich ein Interesse am
Tun des Anderen entwickelte. Unserer Einschätzung
nach war die WINTERAKADEMIE 1 ein großer Erfolg
und es wird im nächsten Jahr eine Fortführung
geben. Hierfür nehmen wir die gemachten Erfahrungen
mit und werden das Format weiterentwickeln.
Den Weg zur abschließenden Präsentation
und ihre Erfahrungen während der fünftägigen
Arbeit beschreiben die beteiligten Künstlerinnen
sehr unterschiedlich. Unter den Beschreibungen haben
wir aus unserer Dokumentation exemplarisch zwei ausgewählt:
Steffi Wurster, Bühnenbildnerin
Steffi Wurster hat Bildende Kunst an der Akademie
der Künste in Mainz bei Ansgar Nierhoff und Bühnenbild
an der UdK Berlin bei Achim Freyer, Einar Schleef
und Hartmut Meyer studiert. Unter anderem arbeitete
sie mit dem Künstlerkollektiv Rimini Protokoll
zusammen an „Zeugen – Kunst und Verbrechen“
im THEATER AM HALLESCHEN UFER 2004 und war als Bühnen
und Kostümbildnerin an der Produktion „People
next door“ am Staatsschauspiel Dresden 2005
beteiligt.
Ziel des Labors „Oben und Unten“ war es,
mit den teilnehmenden Kindern den Plattenbau Anton-Saefkow-Platz
3 im Hinblick auf die Extreme OBEN und UNTEN zu erkunden.
Man muss wissen, dass es sich um das höchste
Wohnhaus in Berlin-Lichtenberg handelt. Es ging darum,
die MITTE des Hauses festzulegen und zu erforschen,
was sich dort findet. Wissenschaftliche Forschungsmethoden
– wir wurden von Profi-Vermessern begleitet
– sollten mit einer präzisen künstlerischen
Umsetzung in Richtung Fotografie / Installation zusammenfließen.
Die Lust an einer solchen abstrusen Expedition sowie
eine – wenn auch nur niedrigschwellige –
Reflexion des Unterfangens waren die Hoffnung!
Am ersten Tag wurde die Expedition vorbereitet. Wir
sammelten Begriffe und Ideen zu „Oben“
– „Unten“ – „Mitte“.
Es gab einen ersten Schock in Bezug auf Rechtschreibkompetenz
und Fantasie der Kinder beim Aufstellen von Forschungslisten
und Bau eines „Mittesuchers“, eines seltsamen
Vermessungsinstruments aus je einem Zollstock und
einem speziell dafür zusammengestellten Materialkasten.
Den „Sinn“ bzw. den Witz dieses Objekts
verstanden die Kinder wohl nicht, hätten aber
noch stundenlang weiterbasteln können.
Dienstag war der Ingenieurstag. Mit dem Vermessungsbüro
und dem Hausmeister wurden die höchsten und tiefsten
Punkte der Platte, das Dach sowie die Tiefgarage mit
dem Heizungskeller erkundet, die Forschungslisten
ausgefüllt, Interviews geführt (Hausmeister
/ Vermesser). Zum Schluss konnten wir die von den
Vermessern errechnete und mit einem Lasergerät
an der Außenhauswand markierte Mitte des Plattenbaus
festlegen – sie befand sich im 9. bewohnten
Stock 211 cm über dem Boden.
Diese Mitte wurde von den Kindern am nächsten
Tag fotografisch auf der gesamten Etage – Flur,
Fahrstühle, zwei bewohnte und eine leere Wohnung
standen zur Verfügung – dokumentiert. Wir
haben jeweils exakt in der errechneten Höhe einen
roten Faden gespannt.
Tags drauf führten wir noch mit einer Mitte-Bewohnerin,
einer alten Dame, ein Interview in Bezug auf ihr Wohnen
in der Mitte, Nachbarn, ihre Wünsche bezüglich
des Wohnens und die Zukunft des Wohnens allgemein.
Am Nachmittag wählten wir die Ausstellungsphotos
für die Präsentation aus. Am Freitag begannen
wir mit der Installation unserer Fundstücke und
Forschungsergebnisse in einem weißen Flur des
THEATER AN DER PARKAUE. Am Samstag bereiteten die
Jugendlichen ihre Präsentationsperformance vor,
die akustischen Ergebnisse und das Interview-Video
wurden installiert.
Es tauchte seltsamerweise nie die Frage auf, wieso
wir diese Forschungsaktion – das Festlegen und
Dokumentieren der Mitte – denn eigentlich unternehmen.
Der abstruse Charakter sowie die gesellschaftliche
Komponente der Oben-Unten-Mitte-Forschungen waren
für die Kinder nicht relevant und letztlich eher
in Begriffen wie Könige, Diener, Sklaven einprägsam.
Für eine Reflexion des Ganzen hätte die
Altersgruppe höher angesiedelt sein müssen.
Die teilnehmenden Kinder waren zwischen 9 und 12 Jahre
alt.
Dennoch hat den Kindern die Woche zunehmend Spaß
gemacht. Das Brainstorming des ersten Tages erinnerte
wohl noch zu sehr an Schule. Spannend waren Begegnungen
und Interviews (Hausmeister / Vermesser / Bewohnerin),
Action und Abenteuer (Dach, Heizungskeller, Faden
spannen, bei fremden Menschen klingeln) sowie das
Fotografieren. Die sehr zeitaufwendige, da präzise
Installation der Fotos in der Form, dass sich der
rote Faden auf der Höhe der Zimmermitte in einer
Linie durch den Ausstellungsraum im Theater zog, wurde
von allen tapfer durchgezogen, was bestätigt
hat, dass es sich lohnt, auf Präzision und Genauigkeit
im Tun Wert zu legen. Ähnlich war die Erfahrung
beim Spannen des Fadens in der Platte gewesen. Die
Genauigkeit, mit der wir auf die Einhaltung der Mitte
achteten, schien den Kindern zu imponieren und spornte
an. Meine Hoffnung ist, dass die Kinder etwas von
der Wichtigkeit dieser Präzision, die sie hier
in Bezug auf ein künstlerisches Forschungsunternehmen
erfahren haben, mit in ihren Alltag nehmen und vielleicht
bei gänzlich anderen Tätigkeiten dunkel
erinnern.
Folke Köbberling, Bildende Künstlerin
Folke Köbberling hat Architektur und Bildende
Kunst studiert und arbeitet als freischaffende Künstlerin.
Unter anderem waren ihre Projekte am Forum Freies
Theater in Düsseldorf, am Schauspielhaus Hamburg
(in der Reihe ‚go create resistance’)
und am THEATER AM HALLESCHEN UFER zu sehen. Zuletzt
war sie mit einer Arbeit in der Ausstellung „Fokus
Istanbul“ im Martin-Gropius-Bau Berlin vertreten.
Der Ausgangspunkt des Labors „Mein Center“
war die These, dass Kinder und Jugendliche die Konsumenten
von morgen sind. Inwieweit werden sie als solche von
den Planern der Einkaufscenter, Shoppingmalls und
Carrees wahrgenommen? Und wie empfinden die Jugendlichen
selbst die ‚neuen’ Konsumhallen? Wenn
es Einkaufscenter gibt und Jugendliche sich dort gerne
aufhalten, dann sollen sie als Kunden von morgen diese
auch gestalten. Während der Winterakademie entwickelten
die drei Labor-Teilnehmerinnen, die zwischen 14 und
16 Jahre alt waren, das für sie ideale Center.
Der Laborverlauf: Die ersten zwei Tage haben wir mit
Recherchen in verschiedenen Einkaufszentren verbracht,
die den Laborteilnehmerinnen vertraut waren. Jedes
Mädchen hat den anderen ihr Lieblingscenter vorgestellt.
Es wurden Interviews mit Centermanagern und PassantInnen
geführt, was wir vorher geübt hatten und
die durch die Praxis auch immer besser wurden. Wir
haben Beobachtungen gemacht und diese protokolliert.
Am dritten Tag, den ich selber am spannendsten und
schönsten fand, haben wir die Beobachtungen der
vorherigen Tage zusammengetragen, Wünsche an
ein optimales Center formuliert und diese dann mit
dem Musiker Pebert in Form eines Centerraps einstudiert.
Die Mädchen wollten gerne, dass der Rap auch
visualisiert wird in Form eines Videoclips, den wir
am nächsten Tag drehten. Wir holten die erforderlichen
Genehmigungen ein und drehten nach Diskussionen über
das Was und Wie der einzelnen Sequenzen das Material.
Schließlich haben wir in Ansätzen eine
Performance-Lecture erarbeitet, in der die Teilnehmerinnen
dem Publikum ihre Verbesserungen vorstellten und begründeten.
Zum Abschluss der Lecture-Performance sah man den
Videoclip zum Song „Mein Center“.
Fazit: Die Laborteilnehmerinnen
waren sehr motiviert. Sie verbrachten im Labor mehr
Zeit als vorgesehen, was wahrscheinlich auch damit
zusammenhing, dass sie die Hauptdarstellerinnen in
einem Videoclip wurden. Die Arbeit war sehr intensiv,
was an der geringen Teilnehmerzahl lag, die ich am
Anfang als Makel empfand. Die Ergebnisse sind Ergebnisse
der Mädchen, die ein neues Center entwickelten,
und mich selber damit überraschten. Auf Aktionen
in den Centern, die ich eigentlich unangemeldet geplant
hatte, haben wir verzichtet, und die Aktionen, die
wir für den Videoclip brauchten, haben wir angemeldet.
Im Grunde genommen lief dies auf das Gleiche hinaus:
Die Mädchen erfuhren, dass man in einem Center
im Grunde alles anmelden muss, was nichts mit Einkaufen
zu tun hat. Dass es keine öffentlichen Räume
sind, die allen in der Stadt lebenden Menschen zur
Verfügung stehen. Eigentlich wollte ich viel
direkter mit meinem ‚kritischen Ansatz’
arbeiten, der darin besteht, die Privatisierung des
öffentlichen Raums bewusst zu machen. Das habe
ich fallen gelassen, da ich merkte, dass die Jugendlichen
einen eigenen Blick auf und eine eigene Erfahrung
mit den ihnen bereits gewohnten Centern haben. Es
sind ausgewiesene Liebhaberinnen von Einkaufscentern!
Durch die Erfahrung aber, dass ihnen selbst nach direkter
Vorsprache bei einem Manager banale Befragungen nicht
gestattet wurden, glaube ich allerdings, dass alle
drei ein vielschichtigeres Verhältnis zu Einkaufszentren
bekommen haben und hoffentlich auch ab und an ihren
Ideen nachhängen werden.
Ihr ideales Center besaß ein hochfahrbares
Dach, damit frische Luft hereinkommt. Außerdem
komfortable Sitzzonen zum Ausruhen und für Gespräche.
Weil ein Obdachloser sich beklagte, er müsse
die ganze Nacht aufrecht sitzen, um unbehelligt zu
bleiben, kam die Idee eines Ruheraums auf, in dem
es jederzeit möglich sein sollte, sich auszuruhen.
Schließlich durfte auch ein Partyraum nicht
fehlen, der für wenig Geld jedem zur Anmietung
offen steht. Es sollte ein Center sein, das für
alle und jederzeit ein Erlebnisraum ist – jetzt
müsste nur noch so ein Center gebaut werden.