"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 06

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2006

PERFORMATIVE KUNSTVERMITTLUNG 1
Die WINTERAKADEMIE 1 am THEATER AN DER PARKAUE
Bericht von Sascha Willenbacher

Unter dem Titel SAGEN WIR WIR SIND DIE ZUKUNFT fand am THEATER AN DER PARKAUE in der ersten Februarwoche 2006 eine Kunstprojektwoche statt. Wir nennen diese Woche Akademie, weil die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen mit den Mitteln der ästhetischen Forschung zu einem vorgegebenen spezifischen Thema arbeiten. Unterstützt werden sie dabei von Künstlerinnen und Künstlern sowie von Experten aus Wissenschaft und Praxis. Die Winterakademie ist daher eine Kunstprojektwoche und zugleich Ort des Austauschs von Wissen und Erfahrung. Bei diesem Austausch gibt es keine Hierarchien. Wir wollen die Perspektive und Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen sowie ihre Erfahrungen sicht- und hörbar machen.
Diese besondere Form der Auseinandersetzung geschieht in so genannten Laboren. Die Labore unserer Akademie verstehen wir als Versuchsanordnungen, denen die Teilnehmer durch ihre Recherchen, Interviews, Beobachtungen, Texte, Fotos und anderem Material konkrete Gestalt geben – und dadurch natürlich verändern. Das gesammelte Material wird zu einer Präsentation verdichtet, wobei jeder Künstler Medium und Arbeitsweise vorgibt.
In diesem Jahr waren die Kinder und Jugendlichen gefordert, das Phänomen Stadt aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. In den folgenden neun Laboren haben 74 Kinder und Jugendliche im Alter von 8-18 Jahren aus sehr unterschiedlichen Stadtteilen und sozialen Kontexten künstlerisch gearbeitet:

Labor 1: SCHLIESSE DIE AUGEN BERLIN / Kerstin Fritzsche, freie Journalistin
Ausgestattet mit Aufnahmegerät und Mikrofon wurden Geräusche aus der Stadt aufgenommen. In mehreren Geräusch-Collagen entstand eine Soundscape Berlins, eine akustische Visitenkarte. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-13)

Labor 2: OBEN UND UNTEN / Steffi Wurster, Bühnenbildnerin
In der höchsten Platte Lichtenbergs suchte das Labor nach der Mitte. Was findet man genau in der Mitte? Wer lebt dort und wie? Die Suche und die Interviews wurden dokumentiert und mit den Fundstücken in einer Installation zusammengeführt. (Alter der TeilnehmerInnen: 9-13)

Labor 3: MEIN CENTER / Folke Köbberling, Bildende Künstlerin
Center sind Flaniermeilen und Aufenthaltsräume. Aber wie funktionieren sie? Wem gehören sie und worin unterscheiden sie sich von ‚echten’ Marktplätzen? Mit diesen Fragen ging es zur Recherche in einige Berliner Center. Heraus kam eine Performance-Lecture sowie ein Center-Rap. (Alter der TeilnehmerInnen: 14-17)

Labor 4: STADT UTOPIA / Judith Kästner und Christina Nägele, Bühnen- und Kostümbildnerinnen
In Lichtenberg wurden Wohnviertel einst so gebaut, dass kleine Städte daraus wurden: nur fünf Minuten bis zum Bäcker, zur Schule, zur S-Bahn. Was ist aus den Wohnutopien geworden und wie sollen wir in Berlins Zukunft leben? In lebensgroßen Installationen und einer Führung stellte das Labor seine Zukunftsideen vor. (Alter der TeilnehmerInnen: 13-15)

Labor 5: SPURENSICHERUNG / Maria Wolgast, Szenografin
Am Beginn stand ein leeres Gebäude. Das Labor sammelte Dokumente und interviewte Zeugen. Was hat sich hier abgespielt? Welche Treffen fanden statt? Am Ende der Woche führten die Kinder als Tatort-Guide das Publikum mit Taschenlampen durch die gestalteten Räume. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-12)

Labor 6: LICHTENBERG TANZT / Lara Kugelmann, Tänzerin und Choreografin
Das Labor erkundete Alltagsbewegungen in Lichtenberg und machte diese zur Grundlage von Choreographien. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-17)

Labor 7: WATCH BERLIN / Annett Gröschner, Autorin
Die TeilnehmerInnen dieses Labors gingen durch die Stadt. Wie eine Kamera machten sie Momentaufnahmen. Nur dass sie selbst die Kamera waren und alle Beobachtungen notierten- ohne Meinung und Vorwissen. Aus den Notizen wurden Texte, die in Kombination mit Bildprojektionen präsentiert wurden. (Alter der TeilnehmerInnen: 14-18)

Labor 8: LEBENSSTILE DER ZUKUNFT / Wolf Bunge, Regisseur
Das Labor untersuchte Parallelen zwischen dem Vorgang des Stehlens und dem Spielen auf der Bühne. Hintergrund war die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem, was uns Werbung vorführt und dem, was wir uns leisten können. Es entstanden kleine Szenen in Kombination mit der Einspielung von Dokumentationsmaterial aus der Woche. (Alter der TeilnehmerInnen: 8-12)

Labor 9: VERSTECKTE STADT / Susanne Sachsse und Tim Blue, CHEAP-Performer
Versteckte und ganz offensichtliche Orte wurden mit der Kamera aufgesucht. Wichtig war, die Perspektive der TeilnehmerInnen auf die Stadt einzufangen. Gebäude, Leerstellen, Plätze gerieten vor das Objektiv und wurden mit einer Musik kombiniert. Es entstanden mehrere Musikclips, in denen die Stadt zur Projektionsfläche eigener Vorstellungen wurde. (Alter der TeilnehmerInnen: 12-15)

Die bewusst angestrebte, heterogene Teilnehmerstruktur hat außergewöhnliche Begegnungen ermöglicht: zwischen den Teilnehmern, aber auch zwischen Teilnehmern und Künstlern sowie den Laborteams und der Bevölkerung von Berlin-Lichtenberg. Beeindruckend war die Ernsthaftigkeit, mit der in allen Laboren gearbeitet wurde. Diese fand sich in allen Laborpräsentationen wieder, so dass auch hier eine gleiche Augenhöhe zum Publikum hergestellt wurde: Weil sich die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Blick in den Arbeiten artikulierten, wurden die Arbeiten ernst genommen. Der Ansatz partizipatorischer Kunst eignet sich aus genau diesem Grund für die theaterpädagogische Arbeit: Es geht nicht darum, vorhandene Kunst und Genres bzw. die Vorstellungen davon zu imitieren, sondern mit dem, was vorhanden ist, zu arbeiten. Entscheidend ist die Idee oder die Frage, die in einer Choreographie, einem Modell, einer Szene sichtbar wird. Genau dies ist in allen Laboren gelungen, und wir durften uns darüber freuen, wie sehr sich anfänglich verschlossene Kinder geöffnet haben, wie sich Freundschaften bildeten und sich ein Interesse am Tun des Anderen entwickelte. Unserer Einschätzung nach war die WINTERAKADEMIE 1 ein großer Erfolg und es wird im nächsten Jahr eine Fortführung geben. Hierfür nehmen wir die gemachten Erfahrungen mit und werden das Format weiterentwickeln.
Den Weg zur abschließenden Präsentation und ihre Erfahrungen während der fünftägigen Arbeit beschreiben die beteiligten Künstlerinnen sehr unterschiedlich. Unter den Beschreibungen haben wir aus unserer Dokumentation exemplarisch zwei ausgewählt:

Steffi Wurster, Bühnenbildnerin
Steffi Wurster hat Bildende Kunst an der Akademie der Künste in Mainz bei Ansgar Nierhoff und Bühnenbild an der UdK Berlin bei Achim Freyer, Einar Schleef und Hartmut Meyer studiert. Unter anderem arbeitete sie mit dem Künstlerkollektiv Rimini Protokoll zusammen an „Zeugen – Kunst und Verbrechen“ im THEATER AM HALLESCHEN UFER 2004 und war als Bühnen und Kostümbildnerin an der Produktion „People next door“ am Staatsschauspiel Dresden 2005 beteiligt.


Ziel des Labors „Oben und Unten“ war es, mit den teilnehmenden Kindern den Plattenbau Anton-Saefkow-Platz 3 im Hinblick auf die Extreme OBEN und UNTEN zu erkunden. Man muss wissen, dass es sich um das höchste Wohnhaus in Berlin-Lichtenberg handelt. Es ging darum, die MITTE des Hauses festzulegen und zu erforschen, was sich dort findet. Wissenschaftliche Forschungsmethoden – wir wurden von Profi-Vermessern begleitet – sollten mit einer präzisen künstlerischen Umsetzung in Richtung Fotografie / Installation zusammenfließen. Die Lust an einer solchen abstrusen Expedition sowie eine – wenn auch nur niedrigschwellige – Reflexion des Unterfangens waren die Hoffnung!
Am ersten Tag wurde die Expedition vorbereitet. Wir sammelten Begriffe und Ideen zu „Oben“ – „Unten“ – „Mitte“. Es gab einen ersten Schock in Bezug auf Rechtschreibkompetenz und Fantasie der Kinder beim Aufstellen von Forschungslisten und Bau eines „Mittesuchers“, eines seltsamen Vermessungsinstruments aus je einem Zollstock und einem speziell dafür zusammengestellten Materialkasten. Den „Sinn“ bzw. den Witz dieses Objekts verstanden die Kinder wohl nicht, hätten aber noch stundenlang weiterbasteln können.

Dienstag war der Ingenieurstag. Mit dem Vermessungsbüro und dem Hausmeister wurden die höchsten und tiefsten Punkte der Platte, das Dach sowie die Tiefgarage mit dem Heizungskeller erkundet, die Forschungslisten ausgefüllt, Interviews geführt (Hausmeister / Vermesser). Zum Schluss konnten wir die von den Vermessern errechnete und mit einem Lasergerät an der Außenhauswand markierte Mitte des Plattenbaus festlegen – sie befand sich im 9. bewohnten Stock 211 cm über dem Boden.
Diese Mitte wurde von den Kindern am nächsten Tag fotografisch auf der gesamten Etage – Flur, Fahrstühle, zwei bewohnte und eine leere Wohnung standen zur Verfügung – dokumentiert. Wir haben jeweils exakt in der errechneten Höhe einen roten Faden gespannt.

Tags drauf führten wir noch mit einer Mitte-Bewohnerin, einer alten Dame, ein Interview in Bezug auf ihr Wohnen in der Mitte, Nachbarn, ihre Wünsche bezüglich des Wohnens und die Zukunft des Wohnens allgemein. Am Nachmittag wählten wir die Ausstellungsphotos für die Präsentation aus. Am Freitag begannen wir mit der Installation unserer Fundstücke und Forschungsergebnisse in einem weißen Flur des THEATER AN DER PARKAUE. Am Samstag bereiteten die Jugendlichen ihre Präsentationsperformance vor, die akustischen Ergebnisse und das Interview-Video wurden installiert.

Es tauchte seltsamerweise nie die Frage auf, wieso wir diese Forschungsaktion – das Festlegen und Dokumentieren der Mitte – denn eigentlich unternehmen. Der abstruse Charakter sowie die gesellschaftliche Komponente der Oben-Unten-Mitte-Forschungen waren für die Kinder nicht relevant und letztlich eher in Begriffen wie Könige, Diener, Sklaven einprägsam. Für eine Reflexion des Ganzen hätte die Altersgruppe höher angesiedelt sein müssen. Die teilnehmenden Kinder waren zwischen 9 und 12 Jahre alt.

Dennoch hat den Kindern die Woche zunehmend Spaß gemacht. Das Brainstorming des ersten Tages erinnerte wohl noch zu sehr an Schule. Spannend waren Begegnungen und Interviews (Hausmeister / Vermesser / Bewohnerin), Action und Abenteuer (Dach, Heizungskeller, Faden spannen, bei fremden Menschen klingeln) sowie das Fotografieren. Die sehr zeitaufwendige, da präzise Installation der Fotos in der Form, dass sich der rote Faden auf der Höhe der Zimmermitte in einer Linie durch den Ausstellungsraum im Theater zog, wurde von allen tapfer durchgezogen, was bestätigt hat, dass es sich lohnt, auf Präzision und Genauigkeit im Tun Wert zu legen. Ähnlich war die Erfahrung beim Spannen des Fadens in der Platte gewesen. Die Genauigkeit, mit der wir auf die Einhaltung der Mitte achteten, schien den Kindern zu imponieren und spornte an. Meine Hoffnung ist, dass die Kinder etwas von der Wichtigkeit dieser Präzision, die sie hier in Bezug auf ein künstlerisches Forschungsunternehmen erfahren haben, mit in ihren Alltag nehmen und vielleicht bei gänzlich anderen Tätigkeiten dunkel erinnern.

Folke Köbberling, Bildende Künstlerin
Folke Köbberling hat Architektur und Bildende Kunst studiert und arbeitet als freischaffende Künstlerin. Unter anderem waren ihre Projekte am Forum Freies Theater in Düsseldorf, am Schauspielhaus Hamburg (in der Reihe ‚go create resistance’) und am THEATER AM HALLESCHEN UFER zu sehen. Zuletzt war sie mit einer Arbeit in der Ausstellung „Fokus Istanbul“ im Martin-Gropius-Bau Berlin vertreten.

Der Ausgangspunkt des Labors „Mein Center“ war die These, dass Kinder und Jugendliche die Konsumenten von morgen sind. Inwieweit werden sie als solche von den Planern der Einkaufscenter, Shoppingmalls und Carrees wahrgenommen? Und wie empfinden die Jugendlichen selbst die ‚neuen’ Konsumhallen? Wenn es Einkaufscenter gibt und Jugendliche sich dort gerne aufhalten, dann sollen sie als Kunden von morgen diese auch gestalten. Während der Winterakademie entwickelten die drei Labor-Teilnehmerinnen, die zwischen 14 und 16 Jahre alt waren, das für sie ideale Center.
Der Laborverlauf: Die ersten zwei Tage haben wir mit Recherchen in verschiedenen Einkaufszentren verbracht, die den Laborteilnehmerinnen vertraut waren. Jedes Mädchen hat den anderen ihr Lieblingscenter vorgestellt. Es wurden Interviews mit Centermanagern und PassantInnen geführt, was wir vorher geübt hatten und die durch die Praxis auch immer besser wurden. Wir haben Beobachtungen gemacht und diese protokolliert.

Am dritten Tag, den ich selber am spannendsten und schönsten fand, haben wir die Beobachtungen der vorherigen Tage zusammengetragen, Wünsche an ein optimales Center formuliert und diese dann mit dem Musiker Pebert in Form eines Centerraps einstudiert. Die Mädchen wollten gerne, dass der Rap auch visualisiert wird in Form eines Videoclips, den wir am nächsten Tag drehten. Wir holten die erforderlichen Genehmigungen ein und drehten nach Diskussionen über das Was und Wie der einzelnen Sequenzen das Material. Schließlich haben wir in Ansätzen eine Performance-Lecture erarbeitet, in der die Teilnehmerinnen dem Publikum ihre Verbesserungen vorstellten und begründeten. Zum Abschluss der Lecture-Performance sah man den Videoclip zum Song „Mein Center“.

Fazit: Die Laborteilnehmerinnen waren sehr motiviert. Sie verbrachten im Labor mehr Zeit als vorgesehen, was wahrscheinlich auch damit zusammenhing, dass sie die Hauptdarstellerinnen in einem Videoclip wurden. Die Arbeit war sehr intensiv, was an der geringen Teilnehmerzahl lag, die ich am Anfang als Makel empfand. Die Ergebnisse sind Ergebnisse der Mädchen, die ein neues Center entwickelten, und mich selber damit überraschten. Auf Aktionen in den Centern, die ich eigentlich unangemeldet geplant hatte, haben wir verzichtet, und die Aktionen, die wir für den Videoclip brauchten, haben wir angemeldet. Im Grunde genommen lief dies auf das Gleiche hinaus: Die Mädchen erfuhren, dass man in einem Center im Grunde alles anmelden muss, was nichts mit Einkaufen zu tun hat. Dass es keine öffentlichen Räume sind, die allen in der Stadt lebenden Menschen zur Verfügung stehen. Eigentlich wollte ich viel direkter mit meinem ‚kritischen Ansatz’ arbeiten, der darin besteht, die Privatisierung des öffentlichen Raums bewusst zu machen. Das habe ich fallen gelassen, da ich merkte, dass die Jugendlichen einen eigenen Blick auf und eine eigene Erfahrung mit den ihnen bereits gewohnten Centern haben. Es sind ausgewiesene Liebhaberinnen von Einkaufscentern! Durch die Erfahrung aber, dass ihnen selbst nach direkter Vorsprache bei einem Manager banale Befragungen nicht gestattet wurden, glaube ich allerdings, dass alle drei ein vielschichtigeres Verhältnis zu Einkaufszentren bekommen haben und hoffentlich auch ab und an ihren Ideen nachhängen werden.

Ihr ideales Center besaß ein hochfahrbares Dach, damit frische Luft hereinkommt. Außerdem komfortable Sitzzonen zum Ausruhen und für Gespräche. Weil ein Obdachloser sich beklagte, er müsse die ganze Nacht aufrecht sitzen, um unbehelligt zu bleiben, kam die Idee eines Ruheraums auf, in dem es jederzeit möglich sein sollte, sich auszuruhen. Schließlich durfte auch ein Partyraum nicht fehlen, der für wenig Geld jedem zur Anmietung offen steht. Es sollte ein Center sein, das für alle und jederzeit ein Erlebnisraum ist – jetzt müsste nur noch so ein Center gebaut werden.

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