"DRAMATURGIE"
 
 
 
 

"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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"dramaturgie" | Heft 1 / 06

A R T I K E L  

"dramaturgie"
Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft

 

Heft 1 / 2006

Interview mit Sabrina Zwach über die „Interventionen“ beim 6. Festival Politik im Freien Theater 2005 in Berlin

Sabrina Zwach, Kuratorin des 6. Festivals „Politik im Freien Theater“, im Gespräch mit Birgit Lengers über ihr Interesse, „Interventionen“ in das Festivalprogramm zu integrieren und rückblickend über die Chancen und Schwierigkeit mit der neuen Sparte.

Lengers: Als Kuratorin des 6. Festivals "Politik im Freien Theater" haben Sie sich entschieden, erstmalig die Sparte "Interventionen" auszuloben.
Vielleicht fangen wir mit einem Definitionsversuch an: Der Begriff leitet sich ja ab vom lateinischen »inter-venire« für dazwischentreten, hinzukommen, unterbrechen, durchkreuzen, vermitteln. Im militärischen oder politischen Kontext meint Intervention das Eingreifen einer bis dahin unbeteiligten Partei in eine Situation. In der bildenden Kunst gebraucht man den Begriff im Unterschied zur Installation, wenn ein Eingriff in bestehende Zusammenhänge stattfindet, zumeist bei gleichzeitiger Thematisierung der dort vorhandenen gesellschaftlich-sozialen, kulturellen, funktionalen, räumlichen und materiellen Bezüge. Ist es das, was Sie mit Intervention meinen? Was waren Ihre Kriterien bei der Auswahl?
Und was war Ihr Motiv, die Intervention in das Festivalprogramm zu integrieren? Welchen Stellenwert und welche Funktion hatten diese dort?

Zwach: Ich erlaube mir, die beiden Fragen etwas zusammen zu fassen bzw. eine Antwort auf beide zu formulieren!
Da mein Auftraggeber die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) war, schien es mir logisch und folgerichtig, Formate in den Kontext des Festivals zu integrieren, die einen interventionistischen Ansatz verfolgen. Das Eingreifen in Prozesse lag meines Erachtens auf der Hand.
Die Zugriffe auf das Thema Intervention erfolgten aus drei Bezugspunkten: aus der Gesellschafts- und Kulturpolitik, der Kunstpraxis und der Stadtentwicklung.

Darüber hinaus drängten sich mir im Vorfeld des Festivals bestimmte Fragen auf:
Die Frage, ob in den „Interventionen“ möglicherweise mehr gesellschaftspolitisches Potential bzw. mehr Möglichkeiten liegen, eine gesellschaftspolitische Position zu beziehen, interessierte mich persönlich. Zudem beschäftigte mich die Frage, ob eine neue Ästhetik der Kritik möglicherweise über diese Kunstpraxis sichtbar wird.

Außerdem interessieren mich Begriffe wie Gruppe, Individuum, Diskurs, Aktion, Performance, Information, Serviceleistung, Verunsicherung, Provokation, Entertainment, Störung, Entstörung, Schock oder Spiel, die zum Koordinatensystem der Auseinandersetzung mit Fragen nach der Beschaffenheit des öffentlichen Raums werden.

Die Sehnsucht, mehr zu leisten als die ‚Konfirmierten zu taufen’, ist ohnehin vorhanden. „Sehnsucht nach Eingriff“ hieß somit die Sparte innerhalb des Festivals, und wenn man das wörtlich nimmt, wie Sie es in der Fragestellung ja angeführt haben, dann geht es um die Unterbrechung und das Dazwischentreten in Abläufe und greift somit in Realität ein und trifft damit wiederum auf meine Sehnsucht, in Kommunikation zu treten mit einem anderen, ‚erweiterten’ Publikum. Das bedeutet, anders nachzudenken über das, was man tut oder was man sieht.

Die Auswahlkriterien waren schwer festzulegen oder zu standardisieren, aber wichtig war für mich, dass spezifische Konzepte und Ideen für einen Ort entwickelt und die Gegebenheiten des Festivals berücksichtigt wurden. Die Konzepte mussten also eine „Intervention“ beschreiben, die im November im öffentlichen Raum in Berlin funktionieren sollte und einen Inhalt, ein Thema fokussieren, das in den Festivalkontext passte. Die Auswahl repräsentierte dann eher ein Spektrum, das die unterschiedlichen Ansätze markierte. Der „Cocobello“ beispielsweise ist ein hypermobiles fliegendes Atelier, welches für zehn Tage auf dem Potsdamer Platz stand und eine stadtarchitektonische Intervention darstellte und somit den Hebel an einer anderen Stelle ansetzte als beispielsweise „Mamouchi“, die auf dem Alexanderplatz mit ihrer „komm heim!“ -Intervention genau in die Verunsicherung und das Spiel mit der Serviceleistung traten.

Lengers: Sie kommen von den theoretisch-konzeptionellen Vorüberlegungen zur konkreten Auswahl, an der in der selbstkritischen Rückschau ja die guten Absichten zu überprüfen sind. Hat sich der Wunsch nach gesellschaftspolitischer Positionierung und nach neuer Ästhetik der Kritik für Sie eingelöst? Vielleicht könnten Sie vor einem Resümee beschreiben, welche Position die jeweiligen „Interventionen“ in dem von Ihnen umrissenen Koordinatensystem bezogen haben?

Zwach: Neben den bereits erwähnten ‚groß angekündigten’ Interventionen wurden zwei weitere im Rahmen des Festivals realisiert, die vielleicht die wörtliche Bedeutung von „Intervention“ am eindrücklichsten veranschaulicht und die unmittelbarsten Reaktionen ausgelöst haben. Dabei handelt es sich um „Free Spirit“ von „International Festival“ und „1000 Fragen“ von Marold Langer-Philippsen und Effi Rabsilber. Diese beiden Arbeiten unterbrachen den Festivalbetrieb, sie traten in eine nicht vorhandene Lücke und warfen nachdrücklich Fragen auf, wie zum Beispiel, ob es sich um Kunst, um Theater handele, ob diese Produktionen von der Festivalleitung gewollt und beabsichtigt waren und, nicht zuletzt, wie sie zu beurteilen seien, nach welchen Kriterien diese Beurteilung vorgenommen werden kann und soll.

„Free Spirit“ spielte sich am Eröffnungsabend des Festivals ab und spielte mit der Frage nach der Ökonomie von Kunst. „International Festival“ erarbeitete ein Konzept, das wie folgt aussah:
Zu der vom Festival angebotenen Gage für ein Interventionskonzept legten die Macher exakt dieselbe Summe aus ihren Mitteln drauf. Diese Geldsumme wurde in Form von Getränkegutscheinen materialisiert, die wiederum als Visitenkarten von „International Festival“ getarnt ausgegeben wurden. Diese Gutscheine konnten im Festivalzentrum eingelöst werden, allerdings nur am Eröffnungsabend. Einzige Einschränkung war, dass ausschließlich die Festivalmitarbeiter (alle, auch Praktikanten, Presseabteilung, technische Mitarbeiter etc.) zur Ausgabe berechtigt waren, die um das Konzept wussten. Es ging darum, dass, je mehr Gutscheine eingelöst wurden, je weniger Geld blieb für „International Festival“ übrig und jeder der Festivalmitarbeiter wusste, dass er so gesehen für eine rauschende Party und gegen die Geldbeutel der Künstler arbeitete. Am Ende war es so, dass alle Gutscheine an der Bar eingelöst wurden und „International Festival“ am nächsten Morgen ihre Gage und die selbst beigesteuerten Mittel dem Bar-Team übergaben. „International Festival“ hatte sich ins Gespräch gebracht, die Besucher im Festivalzentrum waren glücklich und fragten sich - sofern sie nicht allzu verkatert waren - was Marketing mit Kunst zu tun haben könnte und ob Kunstkonzepte auf Spaß aufbauen dürfen.
An diesem Beispiel möchte ich lediglich festmachen, dass „Interventionen“, die wie diese auf einen Ort und eine spezifische Situation und Themenstellung zugeschnitten sind, selbstverständlich gänzlich andere Bezugspunkte für das Publikum und die Macher bieten. Zum Beispiel wurden hier die Festivalmitarbeiter, die Visitenkarten verteilten und erläuterten, worum es ging, zu Performern. Als Intervention wurde „Free Spirit“ somit von den Besuchern des Festivals weniger wahrgenommen als von den unmittelbar am Festival Beteiligten.

Was das Resümee betrifft, möchte ich zunächst die Frage aufwerfen, ob eine „Intervention“ nicht möglichst jenseits von großen Institutionen geplant und entwickelt werden sollte. Was ich meine ist, dass es z.B. kaum ihrem Wesen entspricht, diverse Genehmigungen von diversen Behörden einholen zu müssen. Subversiv zu arbeiten ist möglicherweise im Kontext von Organisationen, wie in diesem Fall der Bundeszentrale für politische Bildung, aus absolut verständlichen Gründen nicht immer möglich.
Bei der Frage nach dem Resümee möchte ich zudem erwähnen, dass die öffentliche Wahrnehmung der „Interventionen“ im Kontext des 6. Festivals „Politik im Freien Theater“ deutlich gemacht hat, dass diese Sparte teilweise auf taube Ohren und blinde Augen zu stoßen scheint, denn in den feuilletonistischen und theaterspezifischen Betrachtungen des Programms spielten die Arbeiten kaum eine Rolle, wurden unter ‚ferner liefen’ wahrgenommen, was ihrer Qualität nicht entsprach und den Künstlern keinesfalls gerecht wurde.

Lengers: Sie sprechen da zwei zentrale Paradoxien an: Einerseits in einem institutionellen Rahmen eine subversive und damit unberechenbare künstlerische Aktion in Auftrag zu geben (und zu finanzieren), die die Institution selbst eventuell in Frage stellt. Andererseits beklagen Sie eine fehlende öffentliche und mediale Wahrnehmung, die ja, wie Sie am Beispiel von „Free Spirit“ deutlich gemacht haben, nicht möglich sein kann, wenn die Aktion für das gemeine Publikum gar nicht als solche kenntlich wird. Heißt das nicht in letzter Konsequenz, dass ein solches Festival als Rahmen dem Grundcharakter der „Intervention“ widerspricht?

Zwach: Ich denke, dass man mit universellen Aussagen zu diesem Thema nicht weit kommt, sondern nur mit differenzierten. Es muss von einer Institution oder einem Festival deutlich gemacht werden, was man mit der Sparte „Interventionen“ verbindet und was man sich davon erhofft. Verfolgt man also mehr eine künstlerisch-ästhetische Spur oder eine gesellschaftspolitische? Liegt das Thema öffentlicher Raum und Stadtentwicklung im Zentrum des Interesses oder lediglich die Erweiterung und Entgrenzung des zu bespielenden Kunstraumes? Bestimmte „Interventionen“, die beispielsweise deutlich einer aktionistischen und politischen Tradition folgen, sind sicherlich schwieriger im Kontext einer Institution umsetzbar und werden vielleicht auch fragwürdig, wenn sie in einem Kontext auftauchen, der nicht wirklich passend und zwingend logisch ist. Hier müssen aber sowohl die Institutionen als auch die Macher abwägen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist.
Und natürlich ist es so, dass manche Interventionen so angelegt sind, dass sie nicht mit üblichen Instrumenten des Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit ‚bearbeitet’ werden können (z.B. „Free Spirit“), andere aber sehr wohl von Kritik und Publikum wie übliche Kunstproduktionen wahrgenommen werden.
Ich denke also, dass man nicht Schwarz-Weiss-Denken propagieren sollte, sondern dass eine Auseinandersetzung mit der Sparte unerlässlich ist! Tiefenbohrung ist hier also mein Motto und nicht Hippnessfaktor!

Lengers: Liebe Sabrina Zwach, danke für das Gespräch und die klaren abschließenden Worte. Wir sind gespannt, ob 2008 bei der 7. Ausgabe des Festivals weiter „dazwischen getreten“ wird.

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