Interview mit Sabrina Zwach
über die „Interventionen“ beim 6.
Festival Politik im Freien Theater 2005 in Berlin
Sabrina Zwach, Kuratorin des 6. Festivals „Politik
im Freien Theater“, im Gespräch mit Birgit
Lengers über ihr Interesse, „Interventionen“
in das Festivalprogramm zu integrieren und rückblickend
über die Chancen und Schwierigkeit mit der neuen
Sparte.
Lengers: Als Kuratorin des 6. Festivals
"Politik im Freien Theater" haben Sie sich
entschieden, erstmalig die Sparte "Interventionen"
auszuloben.
Vielleicht fangen wir mit einem Definitionsversuch
an: Der Begriff leitet sich ja ab vom lateinischen
»inter-venire« für dazwischentreten,
hinzukommen, unterbrechen, durchkreuzen, vermitteln.
Im militärischen oder politischen Kontext meint
Intervention das Eingreifen einer bis dahin unbeteiligten
Partei in eine Situation. In der bildenden Kunst gebraucht
man den Begriff im Unterschied zur Installation, wenn
ein Eingriff in bestehende Zusammenhänge stattfindet,
zumeist bei gleichzeitiger Thematisierung der dort
vorhandenen gesellschaftlich-sozialen, kulturellen,
funktionalen, räumlichen und materiellen Bezüge.
Ist es das, was Sie mit Intervention meinen? Was waren
Ihre Kriterien bei der Auswahl?
Und was war Ihr Motiv, die Intervention in das Festivalprogramm
zu integrieren? Welchen Stellenwert und welche Funktion
hatten diese dort?
Zwach: Ich erlaube mir, die beiden
Fragen etwas zusammen zu fassen bzw. eine Antwort
auf beide zu formulieren!
Da mein Auftraggeber die Bundeszentrale für politische
Bildung (bpb) war, schien es mir logisch und folgerichtig,
Formate in den Kontext des Festivals zu integrieren,
die einen interventionistischen Ansatz verfolgen.
Das Eingreifen in Prozesse lag meines Erachtens auf
der Hand.
Die Zugriffe auf das Thema Intervention erfolgten
aus drei Bezugspunkten: aus der Gesellschafts- und
Kulturpolitik, der Kunstpraxis und der Stadtentwicklung.
Darüber hinaus drängten sich mir im Vorfeld
des Festivals bestimmte Fragen auf:
Die Frage, ob in den „Interventionen“
möglicherweise mehr gesellschaftspolitisches
Potential bzw. mehr Möglichkeiten liegen, eine
gesellschaftspolitische Position zu beziehen, interessierte
mich persönlich. Zudem beschäftigte mich
die Frage, ob eine neue Ästhetik der Kritik möglicherweise
über diese Kunstpraxis sichtbar wird.
Außerdem interessieren mich Begriffe wie Gruppe,
Individuum, Diskurs, Aktion, Performance, Information,
Serviceleistung, Verunsicherung, Provokation, Entertainment,
Störung, Entstörung, Schock oder Spiel,
die zum Koordinatensystem der Auseinandersetzung mit
Fragen nach der Beschaffenheit des öffentlichen
Raums werden.
Die Sehnsucht, mehr zu leisten als die ‚Konfirmierten
zu taufen’, ist ohnehin vorhanden. „Sehnsucht
nach Eingriff“ hieß somit die Sparte innerhalb
des Festivals, und wenn man das wörtlich nimmt,
wie Sie es in der Fragestellung ja angeführt
haben, dann geht es um die Unterbrechung und das Dazwischentreten
in Abläufe und greift somit in Realität
ein und trifft damit wiederum auf meine Sehnsucht,
in Kommunikation zu treten mit einem anderen, ‚erweiterten’
Publikum. Das bedeutet, anders nachzudenken über
das, was man tut oder was man sieht.
Die Auswahlkriterien waren schwer festzulegen oder
zu standardisieren, aber wichtig war für mich,
dass spezifische Konzepte und Ideen für einen
Ort entwickelt und die Gegebenheiten des Festivals
berücksichtigt wurden. Die Konzepte mussten also
eine „Intervention“ beschreiben, die im
November im öffentlichen Raum in Berlin funktionieren
sollte und einen Inhalt, ein Thema fokussieren, das
in den Festivalkontext passte. Die Auswahl repräsentierte
dann eher ein Spektrum, das die unterschiedlichen
Ansätze markierte. Der „Cocobello“
beispielsweise ist ein hypermobiles fliegendes Atelier,
welches für zehn Tage auf dem Potsdamer Platz
stand und eine stadtarchitektonische Intervention
darstellte und somit den Hebel an einer anderen Stelle
ansetzte als beispielsweise „Mamouchi“,
die auf dem Alexanderplatz mit ihrer „komm heim!“
-Intervention genau in die Verunsicherung und das
Spiel mit der Serviceleistung traten.
Lengers: Sie kommen von den theoretisch-konzeptionellen
Vorüberlegungen zur konkreten Auswahl, an der
in der selbstkritischen Rückschau ja die guten
Absichten zu überprüfen sind. Hat sich der
Wunsch nach gesellschaftspolitischer Positionierung
und nach neuer Ästhetik der Kritik für Sie
eingelöst? Vielleicht könnten Sie vor einem
Resümee beschreiben, welche Position die jeweiligen
„Interventionen“ in dem von Ihnen umrissenen
Koordinatensystem bezogen haben?
Zwach: Neben den bereits erwähnten
‚groß angekündigten’ Interventionen
wurden zwei weitere im Rahmen des Festivals realisiert,
die vielleicht die wörtliche Bedeutung von „Intervention“
am eindrücklichsten veranschaulicht und die unmittelbarsten
Reaktionen ausgelöst haben. Dabei handelt es
sich um „Free Spirit“ von „International
Festival“ und „1000 Fragen“ von
Marold Langer-Philippsen und Effi Rabsilber. Diese
beiden Arbeiten unterbrachen den Festivalbetrieb,
sie traten in eine nicht vorhandene Lücke und
warfen nachdrücklich Fragen auf, wie zum Beispiel,
ob es sich um Kunst, um Theater handele, ob diese
Produktionen von der Festivalleitung gewollt und beabsichtigt
waren und, nicht zuletzt, wie sie zu beurteilen seien,
nach welchen Kriterien diese Beurteilung vorgenommen
werden kann und soll.
„Free Spirit“ spielte sich am Eröffnungsabend
des Festivals ab und spielte mit der Frage nach der
Ökonomie von Kunst. „International Festival“
erarbeitete ein Konzept, das wie folgt aussah:
Zu der vom Festival angebotenen Gage für ein
Interventionskonzept legten die Macher exakt dieselbe
Summe aus ihren Mitteln drauf. Diese Geldsumme wurde
in Form von Getränkegutscheinen materialisiert,
die wiederum als Visitenkarten von „International
Festival“ getarnt ausgegeben wurden. Diese Gutscheine
konnten im Festivalzentrum eingelöst werden,
allerdings nur am Eröffnungsabend. Einzige Einschränkung
war, dass ausschließlich die Festivalmitarbeiter
(alle, auch Praktikanten, Presseabteilung, technische
Mitarbeiter etc.) zur Ausgabe berechtigt waren, die
um das Konzept wussten. Es ging darum, dass, je mehr
Gutscheine eingelöst wurden, je weniger Geld
blieb für „International Festival“
übrig und jeder der Festivalmitarbeiter wusste,
dass er so gesehen für eine rauschende Party
und gegen die Geldbeutel der Künstler arbeitete.
Am Ende war es so, dass alle Gutscheine an der Bar
eingelöst wurden und „International Festival“
am nächsten Morgen ihre Gage und die selbst beigesteuerten
Mittel dem Bar-Team übergaben. „International
Festival“ hatte sich ins Gespräch gebracht,
die Besucher im Festivalzentrum waren glücklich
und fragten sich - sofern sie nicht allzu verkatert
waren - was Marketing mit Kunst zu tun haben könnte
und ob Kunstkonzepte auf Spaß aufbauen dürfen.
An diesem Beispiel möchte ich lediglich festmachen,
dass „Interventionen“, die wie diese auf
einen Ort und eine spezifische Situation und Themenstellung
zugeschnitten sind, selbstverständlich gänzlich
andere Bezugspunkte für das Publikum und die
Macher bieten. Zum Beispiel wurden hier die Festivalmitarbeiter,
die Visitenkarten verteilten und erläuterten,
worum es ging, zu Performern. Als Intervention wurde
„Free Spirit“ somit von den Besuchern
des Festivals weniger wahrgenommen als von den unmittelbar
am Festival Beteiligten.
Was das Resümee betrifft, möchte ich zunächst
die Frage aufwerfen, ob eine „Intervention“
nicht möglichst jenseits von großen Institutionen
geplant und entwickelt werden sollte. Was ich meine
ist, dass es z.B. kaum ihrem Wesen entspricht, diverse
Genehmigungen von diversen Behörden einholen
zu müssen. Subversiv zu arbeiten ist möglicherweise
im Kontext von Organisationen, wie in diesem Fall
der Bundeszentrale für politische Bildung, aus
absolut verständlichen Gründen nicht immer
möglich.
Bei der Frage nach dem Resümee möchte ich
zudem erwähnen, dass die öffentliche Wahrnehmung
der „Interventionen“ im Kontext des 6.
Festivals „Politik im Freien Theater“
deutlich gemacht hat, dass diese Sparte teilweise
auf taube Ohren und blinde Augen zu stoßen scheint,
denn in den feuilletonistischen und theaterspezifischen
Betrachtungen des Programms spielten die Arbeiten
kaum eine Rolle, wurden unter ‚ferner liefen’
wahrgenommen, was ihrer Qualität nicht entsprach
und den Künstlern keinesfalls gerecht wurde.
Lengers: Sie sprechen da zwei zentrale
Paradoxien an: Einerseits in einem institutionellen
Rahmen eine subversive und damit unberechenbare künstlerische
Aktion in Auftrag zu geben (und zu finanzieren), die
die Institution selbst eventuell in Frage stellt.
Andererseits beklagen Sie eine fehlende öffentliche
und mediale Wahrnehmung, die ja, wie Sie am Beispiel
von „Free Spirit“ deutlich gemacht haben,
nicht möglich sein kann, wenn die Aktion für
das gemeine Publikum gar nicht als solche kenntlich
wird. Heißt das nicht in letzter Konsequenz,
dass ein solches Festival als Rahmen dem Grundcharakter
der „Intervention“ widerspricht?
Zwach: Ich denke, dass man mit universellen
Aussagen zu diesem Thema nicht weit kommt, sondern
nur mit differenzierten. Es muss von einer Institution
oder einem Festival deutlich gemacht werden, was man
mit der Sparte „Interventionen“ verbindet
und was man sich davon erhofft. Verfolgt man also
mehr eine künstlerisch-ästhetische Spur
oder eine gesellschaftspolitische? Liegt das Thema
öffentlicher Raum und Stadtentwicklung im Zentrum
des Interesses oder lediglich die Erweiterung und
Entgrenzung des zu bespielenden Kunstraumes? Bestimmte
„Interventionen“, die beispielsweise deutlich
einer aktionistischen und politischen Tradition folgen,
sind sicherlich schwieriger im Kontext einer Institution
umsetzbar und werden vielleicht auch fragwürdig,
wenn sie in einem Kontext auftauchen, der nicht wirklich
passend und zwingend logisch ist. Hier müssen
aber sowohl die Institutionen als auch die Macher
abwägen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist.
Und natürlich ist es so, dass manche Interventionen
so angelegt sind, dass sie nicht mit üblichen
Instrumenten des Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit
‚bearbeitet’ werden können (z.B.
„Free Spirit“), andere aber sehr wohl
von Kritik und Publikum wie übliche Kunstproduktionen
wahrgenommen werden.
Ich denke also, dass man nicht Schwarz-Weiss-Denken
propagieren sollte, sondern dass eine Auseinandersetzung
mit der Sparte unerlässlich ist! Tiefenbohrung
ist hier also mein Motto und nicht Hippnessfaktor!
Lengers: Liebe Sabrina Zwach, danke
für das Gespräch und die klaren abschließenden
Worte. Wir sind gespannt, ob 2008 bei der 7. Ausgabe
des Festivals weiter „dazwischen getreten“
wird.