von Matthias Heine
Drei Tage lang berieten 150 Dramaturgen
in der Volksbühne über Einflüsse neuer Medien
auf das Theater. Das Symposium hieß "Schnittstelle
Theater". Man war sich einig: Die Bühnenkunst
kann der Medienwelt gar nicht entkommen, es
kommt nur darauf an, wie sie damit umgeht
Am Anfang tut es immer gut, erst mal Verwirrung
zu stiften. Vor allem, wenn im Zentrum des
Nachdenkens der Begriff "Medien" steht, von
dem jeder glaubt, zu wissen, was er bedeutet.
Die Aufgabe übernahm die Allzweckwaffe Diedrich
Diederichsen. Dem Vortrag des Medien-, Pop-
und Kunsttheoretikers war eine gewisse Amüsiertheit
darüber anzumerken, dass im öffentlichen Gespräch
übers Theater immer noch Grenzen verteidigt
werden, die in der Bildenden Kunst und der
Popkultur längst geschleift sind.
Wenn Deutschlands gerontokratische Theaterkritik
ständig die "Selbstaufgabe" eines Theaters
beklagt, welches neue Medien verwendet, dann
hat das für Diederichsen viel damit zu tun,
dass Video "ein gesellschaftlich verworfenes
Medium" sei, das man von Seiten eines kulturpessimistischen
Traditionsbürgertums für vieles Schlechte
verantwortlich mache. Im Theater werde eben,
anders als in der bildenden Kunst, immer noch
zwischen "angemessenen" und "fremden" Praktiken
unterschieden.
Konservative Vorbehalte gegen die Nutzung
von Medien als theatrale Darstellungsmittel
entdeckt Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann
allerdings auch bei den Künstlern - und er
verteidigte sie. So müsste doch eigentlich
die computergestützte Herstellung virtueller
Realitäten für die Theaterleute hochinteressant
sein, weil sie es prinzipiell ermögliche,
unendliche Cyberbühnenbilder zu bauen. Doch
stelle er nach hoffnungsvoll begonnenen Experimenten
fest, dass das Interesse daran rasch erlahmt
sei. Man brauche offenbar die Beschränkungen
durch das Material. Oder, mit Bezug auf Kant
gesagt: "Wenn der Mensch durch Knopfdruck
seine Fantasie abarbeiten könnte, dann wäre
er Gott, und das will er gar nicht sein."
So werden, laut Hegemann, die alten Grundverabredungen
des Theaters durch die Avantgarden meist nicht
in Frage gestellt, sondern eher bestätigt.
Dazu gehöre etwa, dass man Schauspieler, die
live spielen, auch sehen können muss. Die
intensive Arbeit Frank Castorfs mit Video
habe begonnen, als sein Bühnenbildner Bert
Neumann einmal jene Grundverabredung in Frage
stellte: Er wollte das Badezimmer in "Endstation
Amerika" als völlig geschlossenen Raum und
beharrte darauf, es genüge, wenn das Publikum
die Schauspieler höre. Daraufhin habe ihn
Castorf erstens gezwungen, ein Fenster in
das Badezimmer einzubauen, und zweitens beschloss
er, eine Videokamera in das Zimmer zu stellen,
mit deren Hilfe das Spiel nach draußen übertragen
wird. So sei es möglich, die Vereinbarung
gleichzeitig zu verletzen und zu erfüllen.
Mittlerweile gehe es Castorf, so Hegemann,
um zweierlei: Erstens wolle er das, was ihn
prägt (die Medien) gewissermaßen in einem
Akt der Gegenwehr bearbeiten. Zweitens ermögliche
die Kamera es ihm, Schauspieler so zu zeigen,
wie sie sich selbst nicht sehen wollen. Als
Beispiel nannte Hegemann eine Szene aus "Forever
Young", in der Kathrin Angerer von ihren "hässlichen
Füßen" spricht und im nächsten Augenblick
diese Füße überlebensgroß auf der Videowand
zu sehen sind.
Im Gegensatz zu Hegemann war bei den drei
Videokünstlern Chris Kondek, Philip Bußmann
und Jan Speckenbach (der die Kamera bei Castorf
führt) eine gewisse Faszination fürs bloße
Erproben technischer Möglichkeiten zu spüren.
Kondek und Bußmann haben beide für die Wooster
Group gearbeitet und ließen keinen Zweifel,
dass der erste preiswerte Videomixer, den
Panasonic Mitte der neunziger Jahre auf den
Markt brachte, die Ästhetik der New Yorker
Truppe beeinflusst habe. Mittlerweile arbeite
man vor allem am Apple Computer und, so Bußmann,
eine Video, dessen Herstellung früher Wochen
dauerte, "ließe sich heute ganz einfach in
Hamburg machen und dann im ICE nach Berlin
fertig schneiden".
Ähnlich unbefangen wurde an den gesamten
drei Tagen des von der Dramaturgischen Gesellschaft
veranstalteten Symposium vor allem über das
"Wie?" der theatralen Mediennutzung diskutiert
- das "Warum?" stand bei Vertretern so unterschiedlicher
Ästhetiken, wie es Thomas Oberender (Schauspielhaus
Bochum), Anne Quinones (René Polleschs Prater),
Beate Heine (Schaubühne) und Ulrich Khuon
(Thalia-Theater) sind, außer Frage. Grundkonsens
war: Wenn Medien unsere Wirklichkeit und deren
Wahrnehmung bestimmen, kann und soll das Theater
kein medienfreies Reservat sein.
Der Autor und Theaterwissenschaftler Jens
Roselt berichtete denn auch höchst süffisant
vom Besuch des Lars-von-Trier-Films "Dogville",
der eine "äußerst altbackene Theaterästhetik"
für das Kino kultiviere. Komischerweise habe
kein einziger deutscher Kinokritiker angesichts
dessen über den "Ausverkauf" und die "Selbstpreisgabe"
des Kinos geklagt. Etwas von diesem selbstverständlichen
Selbstvertrauen täte auch dem Theater gut.
Mit freundlicher Genehmigung von der
Berliner Morgenpost, vom: 12.01.2004
http://morgenpost.berlin1.de