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"dramaturgie"

Die Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift "dramaturgie" ist Anfang Mai erschienen – unter dem Titel "ZEITWORTE" zugleich Dokumentation und Fortschreibung des Hamburger Symposions "GETEILTE ZEIT".


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Jahrestagung | Pressespiegel

J A H R E S T A G U N G   0 3 / 0 4

Schnittstelle Theater oder: wie auf der Bühne Film, Video und visuelle Medien verwendet werden und warum

 

Pressespiegel

 

B E R L I N E R   M O R G E N P O S T

Zeigt her eure Füße!
Deutschlands Dramaturgen sind sich einig: Ohne Medien gelingt kein Theater

von Matthias Heine

Drei Tage lang berieten 150 Dramaturgen in der Volksbühne über Einflüsse neuer Medien auf das Theater. Das Symposium hieß "Schnittstelle Theater". Man war sich einig: Die Bühnenkunst kann der Medienwelt gar nicht entkommen, es kommt nur darauf an, wie sie damit umgeht

Am Anfang tut es immer gut, erst mal Verwirrung zu stiften. Vor allem, wenn im Zentrum des Nachdenkens der Begriff "Medien" steht, von dem jeder glaubt, zu wissen, was er bedeutet. Die Aufgabe übernahm die Allzweckwaffe Diedrich Diederichsen. Dem Vortrag des Medien-, Pop- und Kunsttheoretikers war eine gewisse Amüsiertheit darüber anzumerken, dass im öffentlichen Gespräch übers Theater immer noch Grenzen verteidigt werden, die in der Bildenden Kunst und der Popkultur längst geschleift sind.

Wenn Deutschlands gerontokratische Theaterkritik ständig die "Selbstaufgabe" eines Theaters beklagt, welches neue Medien verwendet, dann hat das für Diederichsen viel damit zu tun, dass Video "ein gesellschaftlich verworfenes Medium" sei, das man von Seiten eines kulturpessimistischen Traditionsbürgertums für vieles Schlechte verantwortlich mache. Im Theater werde eben, anders als in der bildenden Kunst, immer noch zwischen "angemessenen" und "fremden" Praktiken unterschieden.

Konservative Vorbehalte gegen die Nutzung von Medien als theatrale Darstellungsmittel entdeckt Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann allerdings auch bei den Künstlern - und er verteidigte sie. So müsste doch eigentlich die computergestützte Herstellung virtueller Realitäten für die Theaterleute hochinteressant sein, weil sie es prinzipiell ermögliche, unendliche Cyberbühnenbilder zu bauen. Doch stelle er nach hoffnungsvoll begonnenen Experimenten fest, dass das Interesse daran rasch erlahmt sei. Man brauche offenbar die Beschränkungen durch das Material. Oder, mit Bezug auf Kant gesagt: "Wenn der Mensch durch Knopfdruck seine Fantasie abarbeiten könnte, dann wäre er Gott, und das will er gar nicht sein."

So werden, laut Hegemann, die alten Grundverabredungen des Theaters durch die Avantgarden meist nicht in Frage gestellt, sondern eher bestätigt. Dazu gehöre etwa, dass man Schauspieler, die live spielen, auch sehen können muss. Die intensive Arbeit Frank Castorfs mit Video habe begonnen, als sein Bühnenbildner Bert Neumann einmal jene Grundverabredung in Frage stellte: Er wollte das Badezimmer in "Endstation Amerika" als völlig geschlossenen Raum und beharrte darauf, es genüge, wenn das Publikum die Schauspieler höre. Daraufhin habe ihn Castorf erstens gezwungen, ein Fenster in das Badezimmer einzubauen, und zweitens beschloss er, eine Videokamera in das Zimmer zu stellen, mit deren Hilfe das Spiel nach draußen übertragen wird. So sei es möglich, die Vereinbarung gleichzeitig zu verletzen und zu erfüllen.

Mittlerweile gehe es Castorf, so Hegemann, um zweierlei: Erstens wolle er das, was ihn prägt (die Medien) gewissermaßen in einem Akt der Gegenwehr bearbeiten. Zweitens ermögliche die Kamera es ihm, Schauspieler so zu zeigen, wie sie sich selbst nicht sehen wollen. Als Beispiel nannte Hegemann eine Szene aus "Forever Young", in der Kathrin Angerer von ihren "hässlichen Füßen" spricht und im nächsten Augenblick diese Füße überlebensgroß auf der Videowand zu sehen sind.

Im Gegensatz zu Hegemann war bei den drei Videokünstlern Chris Kondek, Philip Bußmann und Jan Speckenbach (der die Kamera bei Castorf führt) eine gewisse Faszination fürs bloße Erproben technischer Möglichkeiten zu spüren. Kondek und Bußmann haben beide für die Wooster Group gearbeitet und ließen keinen Zweifel, dass der erste preiswerte Videomixer, den Panasonic Mitte der neunziger Jahre auf den Markt brachte, die Ästhetik der New Yorker Truppe beeinflusst habe. Mittlerweile arbeite man vor allem am Apple Computer und, so Bußmann, eine Video, dessen Herstellung früher Wochen dauerte, "ließe sich heute ganz einfach in Hamburg machen und dann im ICE nach Berlin fertig schneiden".

Ähnlich unbefangen wurde an den gesamten drei Tagen des von der Dramaturgischen Gesellschaft veranstalteten Symposium vor allem über das "Wie?" der theatralen Mediennutzung diskutiert - das "Warum?" stand bei Vertretern so unterschiedlicher Ästhetiken, wie es Thomas Oberender (Schauspielhaus Bochum), Anne Quinones (René Polleschs Prater), Beate Heine (Schaubühne) und Ulrich Khuon (Thalia-Theater) sind, außer Frage. Grundkonsens war: Wenn Medien unsere Wirklichkeit und deren Wahrnehmung bestimmen, kann und soll das Theater kein medienfreies Reservat sein.

Der Autor und Theaterwissenschaftler Jens Roselt berichtete denn auch höchst süffisant vom Besuch des Lars-von-Trier-Films "Dogville", der eine "äußerst altbackene Theaterästhetik" für das Kino kultiviere. Komischerweise habe kein einziger deutscher Kinokritiker angesichts dessen über den "Ausverkauf" und die "Selbstpreisgabe" des Kinos geklagt. Etwas von diesem selbstverständlichen Selbstvertrauen täte auch dem Theater gut.

Mit freundlicher Genehmigung von der
Berliner Morgenpost, vom: 12.01.2004
http://morgenpost.berlin1.de

 

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